Montag, 23. Dezember 2013

Vom Niedergang der Aphrodite

Inspiriert vom fabelhaften Zweizeiler meiner Schwester @schurrimurri (so heisst sie auf Twitter)

"Kläglich ist des Weibes Titte
hängt sie in des Leibes Mitte"

fasste ich das Gefühl in Worte, welches früher oder später wohl jede Singlefrau um die 40 übermannt: 
Der Schock, wenn man einen vollbesetzten Reisebus mit kostbaren Erbanlagen auf eine Klippe zubrettern sieht und ihn nicht aufhalten kann. 

Viel Vergnügen!


Kläglich ist des Weibes Titte, 
hängt sie in des Leibes Mitte.

Unschön auch die Hautanlagen,
wenn sie eifrig Wellen schlagen.
Und das Collier, wo hängt sie's hin?
Einst Schwanenhals- jetzt Doppelkinn!

Wo früher die Vagina war,
hängt nun ein Swiffer-Set mit Haar.
Die Lockenpracht wird langsam lichter, 
und sie hat Knie wie Gesichter.

Die einst so pralle Weiblichkeit,
bös angenagt, vom Zahn der Zeit!
Die junge Schönheit ist vergangen,
und ihr Gesicht: gut abgehangen.

So geh'n die Jahre ein und aus.
Am Horizont: die Menopaus!
Es fehlen Kegel, Kerl und Kind, 
der Lebensplan: verweht vom Wind! 

Besorgt fragt sich das das Weibelein,
wer jemals könnt ihr Partner sein?

[rhetorische Pause]

Am besten ein Blinder,
der macht ihr 2 Kinder.



Herzlichst,
Ihre E. Rakete

Sonntag, 22. Dezember 2013

Aufsatz: Mein schönstes Weihnachtsfest

Vor einigen Jahren, ich war gerade frisch verliebt in den Mann, der jetzt mein Mann ist, überkam mich die Anwandlung, Weihnachten mal nicht in Familie, sondern nur in trauter Zweisamkeit zu verbringen.

Man muss dazu wissen, dass Heiligabend bei uns schon immer etwas anders gefeiert wurde, da meine Oma seinerzeit nichts besseres zu tun hatte, als an eben jenem Tage mit ihrem Sohn, also meinem Vater, niederzukommen. Nun war das gewiss für den kleinen W. schon nicht immer einfach, doch der Leidensweg setzte sich später bei seinen Kindern fort. Denn kam - wie jedes Jahr völlig überraschend - der 24.12., wurde vormittags immer der Geburtstag des Vaters gefeiert und nachmittags der "des Sohnes".

Erschwerend hinzu kam, dass wir (d.h. mein Bruder und ich) durch die Scheidung unserer Eltern immer durch ganz Berlin gondeln mussten, um die diversen Feierlichkeiten pünktlich zu erreichen. Und da es - jaaa, liebe Meteorologen - doch die eine oder andere weiße Weihnacht gab, war das für uns auf die BVG angewiesen Seienden nicht immer ein großes,  jedoch oft sehr langwieriges Vergnügen.  Wer also seit Jahren immer den Spagat zwischen Sektempfang und Kling Glöckchen bewerkstelligen musste, sehnt sich irgendwann mal nach einer wirklich besinnlichen Heiligen Nacht, ohne viel Reisetätigkeit.

Nun waren wir Kinder also erwachsen, die Eltern ja auch irgendwie, Enkel waren noch lange nicht in Sicht und ich stellte mir einen romantischen Abend mit Kaminfeuer-DVD, Champagner und - ähm - Glockenläuten vor. Dies unseren Eltern beizubringen war problemloser als wir dachten, schließlich waren diese auch mal jung und frisch verliebt gewesen und konnten sich an diesen Zustand offensichtlich noch erinnern. Außerdem wurde mein doch leicht anklingendes schlechtes Gewissen durch die Tatsache beruhigt, dass ja mein Bruder zu meiner Mutter fahren würde. 

Am 24. absolvierten wir natürlich trotzdem pflichtbewusst den vormittäglichen Geburtstagsbesuchstermin bei unserem lieben Herrn Papa doch danach - endlich frei. Wir hatten Champagner, geräucherte Forelle, Kaviar und einen Tannenbaum. Ich war gerade im Bad, um letzten Schliff an mein Christkindloutfit zu legen, da klingelte das Telefon und meine Mutter wünschte uns ein frohes Fest. Leider würde mein Bruder nun doch nicht kommen, weil es ihm nicht so gut ginge, aber wir würden uns ja alle am nächsten Tag bei meinen Schwiegereltern zum Gansessen sehen. Küsschen, auflegen.

Ich saß auf dem Wannenrand und malte mir aus, wie meine Mutter das erste mal seit 30 Jahren nur mit meinem Stiefvater den Weihnachtsbaum anzünden und die Weihnachtsplatte auflegen würde. Und dass ich nicht dabei wäre. Und da brach es aus mir raus. Als der Mann ein paar Minuten später guckte, wo ich denn bliebe, fand er mich als kleines Häufchen Elend vor, dass zu seiner Mama wollte. Herrje!

Die folgende Planung war so spontan wie schon lange nichts mehr. Mein Mann rief bei meinen und seinen Eltern an und alarmierte sie über meinen Zustand. Meine Eltern kamen, uns mit dem Auto abzuholen und wir fuhren allesamt zu meinen Schwiegereltern. Dort fielen mein Schwiegervater und ich uns erstmal heulend in die Arme und versprachen uns, nie wieder solche Experimente durchzuführen. Wir bauten ein spontanes Buffet aus all unseren mitgebrachten Köstlichkeiten auf, tranken den Weinkeller leer und alle amüsierten sich über meine verheulten Augen.

Dieses Weihnachtsfest hat mir vor Augen geführt, was wirklich wichtig für mich ist an solchen Tagen. Klar nervt die Familie ab und zu und man hat keine Lust auf die immergleichen Geschichten. Aber ohne sie wäre ich heute nicht, was ich bin und auch mit meinen Schwiegereltern habe ich wirklich großes Glück gehabt. Ich hoffe, dass auch meine Kinder irgendwann mal gerne an die gemeinsamen Feste zurückdenken und mit mir auch in 40 Jahren noch gerne unterm Bäumchen sitzen werden.

Ich wünsche Ihnen ein wundervolles Weihnachtsfest, ob mit allen Verwandten, im kleinen Kreis oder mit Freunden. Haben Sie eine tolle Zeit!

Freitag, 20. Dezember 2013

Schorle sauer in Hurghada

Manchmal wachst du morgens auf und merkst, der Schmerz ist weg. Etwas, dass dich eine lange oder gar sehr lange Zeit belastete, tut plötzlich nicht mehr weh. Vielleicht weil genau die richtige Zeit vergangen ist, die du brauchst, um über etwas hinweg zu kommen. Vielleicht aber auch, weil du bewusst schöne Dinge erlebt hast, die völlig unbemerkt schlimme Dinge wett gemacht haben.

Ich hatte viel Glück bisher. Eine großartige Familie, ein guter Job, ein stabiles, schönes Leben. Ich hatte eine schöne Kindheit, bin viel gereist, hatte immer genug von allem. Mein schlimmster Endgegner bisher war tatsächlich der Liebeskummer.
Und er erwischte mich vor drei Jahren.

So kam es, dass ich im Januar 2011, alleine an einer Strandbar des Holiday Inn-Hotels in Hurghada saß und "Schorle Sauer" trank, das einzige tagsüber im All-In enthaltene alkoholische Getränk. Den ersten Becher um 11:00, den letzten um 18:00 Uhr, wenn die Strandbar schloss. Sechs Tage lang.
...
In vorangegangenen Herbst hatte ich mich Hals über Kopf verliebt. Das erste Mal Herzrasen, nach acht Jahren Beziehung, nach Trennung, Auszug und Neustart.
Wir kannten uns schon immer. Er, älter als ich, ein Bekannter meines Bruders, schrieb mich Anfang Oktober ganz unerwartet an. Es brauchte nur wenige Nachrichten bis klar war, seine Beziehung war am Ende - wir wollten uns treffen. Er, den ich immer auf ein Podest gestellt hatte. Er, der optisch so sehr mein Typ war, dass es mich bisher nie interessiert hatte, wer eigentlich der Mensch hinter dieser Fassade war.

Anfang Dezember waren wir so etwas wie ein Paar. Mit Auflagen, natürlich. Wissen sollte es vorerst niemand. Wie stünde er dann da? Grade erst frisch getrennt... Und sein Ruf! Er wollte auch seine Ex-Freundin nicht verletzen. Ich machte mit.

Wenn jemand nicht zu Dir steht, dann tut das mehr weh, als alles andere. 

Trotzdem dachte ich die ganze Zeit: er ist es! Der Mann fürs Leben! Der, der mich um zwei Köpfe überragt. Das etwas viel entscheidenderes von Beginn an nicht passte, das blendete ich aus.

Er ließ mich vom ersten, bis zum letzten Moment in einer Unsicherheit zurück, die sehr viel in mir kaputt gemacht hat und die mir ein großes Stück meiner Selbstsicherheit genommen hat. Ich melde mich morgen Abend... vier Tage nichts zu hören war dann normal. Warten wurde alltäglich für mich, Erreichbarkeit war ein Fremdwort für Ihn. Selbstverständlichkeiten wie Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit gab es nicht.
Es gab auch keine rosarote Anfangszeit, in welcher der Mann die Frau dated, die Frau wiederum vor begeisterter Verlegenheit einwilligt, die Rechnung natürlich nicht zu teilen. Keine offengehaltene Restauranttüre, kein charmant sein und keine Schmetterlinge. Es war Arbeit. Vom ersten Moment an. Seine depressive Grundstimmung machte mir Angst. Verlassen konnte ich mich nur auf seine schlechte Laune.
Vor jeder Verabredung starb ich vor Angst, er würde wieder absagen. War er dann mal da, nahm er alles mit, auch mich, im Ganzen.

Als ich ihn am Morgen des 23.12. vor seiner Arbeit absetze und wir uns in meinem Auto verabschiedeten, ahnte ich nicht, dass ich die nächsten zwei Wochen nichts von Ihm hören würde. Vereinbart war ein Telefonat am heiligen Abend. Meine Anrufe wurden weggedrückt, SMS nicht beantwortet. Er stellte sich tot. So saß ich mit Freunden im Weihnachtsurlaub in einem Winterberger Ferienhaus, weinte vom heiligen Abend bis zum zweiten Weihnachtstag und versaute allen das Fest.

Nachdem ich, wie auch immer, Weihachten und Silvester überlebt hatte, kam ich am 03. Januar auf dem Weg zur Arbeit an einem Reisebüro vorbei. Ägypten, 6 Tage, all In, 199€. Ich ging hinein und buchte. Für mich ganz allein.

Als große blonde Frau, zur Krisenzeit, alleine in Ägypten ist es alles andere als schön und Sie sollten wissen, es ist keinesfalls eine Übertreibung zu sagen, das waren die schrecklichsten sechs Tage meines Lebens. Da saß ich nun, an besagter Strandbar in Hurghada, schüttete mir literweise sauren Wein aus Pappbechern in den Kopf, schaute aufs Meer, hörte Muse und heulte. Alleine. Wer sitzt schon gern am Meer neben einer Betrunkenen, die mit Stöpseln im Ohr aus vollem Hals Muse singt? Eigentlich wollte ich ja tauchen, was betrunken aber eine schlechte Idee war. 

Nach meiner Rückkehr war es, natürlich, nicht vorbei, das sollte es auch noch lange nicht sein. Immer dann, wenn ich fast weg war, war er wieder da. "Siehst du, er liebt dich", wie oft ich mir diesen Satz gesagt habe, weiß ich heut nicht mehr.

Ein paar Tage vor meinem Geburtstag im April beendete er alles per E-Mail, mit den Worten "Egal was ich versuche, es kommen einfach keine Gefühle auf. Man kann sich einfach nicht in dich verlieben."
Ich las die Mail, nahm mein Handy, rief meinen Vater an. Soviel weiß ich noch. Wie ich dann zu meinen Eltern kam, ist weg. Die Autofahrt dort hin, der Nachmittag, der Abend, die nächsten zwei Tage. Einfach weg. Ich glaube, die Erinnerungen, die zu schlimm sind, die löscht das Gehirn.
Ich glaubte ihm. Und wenn er sich nicht verlieben konnte in mich, warum dann jemals jemand anderes? Das Gefühl zu erhalten, so wie du bist, reichst du nicht aus, um geliebt zu werden, so wie du bist, wirst du niemandem genügen. Von sich selber zu glauben, jemand zu sein, in den man sich nicht verlieben kann, das ist grausam!
Liebe lässt sich nicht erzwingen, niemals. Mal passiert es, dann ist Sie da und wunderschön und mal leider nicht. Dafür kann man niemandem die Schuld geben, so gebe auch ich Ihm keine Schuld dafür. Einzig seine Worte, nur die waren das schlimme. Heute, wo ich weiß, sie sind nicht wahr, diese Worte, bin ich nur noch traurig um die Zeit, die ich verloren habe.
Geht es um Liebe, wurde ein Teil von mir dadurch beschädigt. Mag ich jemanden, macht sich Panik breit. Und was, wenn er nun doch recht hatte? Wenn mir ein Gen fehlt und man sich nicht verlieben kann in mich? Und wie sexy Selbstzweifel sind, das weiß ja jeder.

Ich weiß, so viele haben schlimmeres erlebt. Eine Scheidung oder Trennung nach langen Jahren, Schicksalsschläge und Leid. Ich aber nicht. Und für mich war eben das schlimm. Es war das schrecklichste, was ich bisher erlebte. Das gute daran, ich habe es überlebt, so, wie man alles, wirklich alles überlebt. Und manchmal geht es, so wie bei mir grade, sogar mit einem guten Gefühl weiter. Und in dem Wissen, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Jahre, die scheißer sind als andere

Ich war 19 als die erste Person starb, die mir nahe stand. Jana war 20. Eine Studienfreundin von mir. Ich habe sie im Schwedisch-Kurs kennengelernt und gleich gemocht. Jana war eine ruhige Person, ausgeglichen, sehr freundlich und bodenständig. Irgendwann erzählte sie mir mal, dass sie einen Herzfehler hatte, aber schon seit fünf Jahren beschwerdefrei sein. Man hört sich das so an und denkt sich eigentlich nichts dabei. Jana saß ja jeden Tag putzmunter neben mir, oder ging auf Studentenparties mit mir. Und irgendwann sagte sie, dass sie gern mal wieder joggen gehen würde. Weil ich nämlich damals mehrmals die Woche früh morgens joggen ging. Also trafen wir uns und liefen zusammen durch den Park. Und hinterher aßen wir ein Müsli bei mir. Mit Ziegenquark. Das weiß ich noch.

Am Wochenende danach fuhr ich nach Hause. Montags ging ich in den Schwedisch-Kurs und wunderte mich ein wenig, weil Jana nicht da war. Sie wird wohl nach Hause gefahren sein, dachte ich mir. Und rief sie an als ich nach Hause kam. Immer und immer wieder. Bis jemand den Telefonhörer abhob. Ein Mann, der mir auf mein Nachfragen erklärte, dass Jana am Wochenende in ihrer Wohnung verstorben sei. "Ach so, wegen ihres Herzfehler?" fragte ich. Völlig außerstande, die Worte dieses Mannes auch nur annähernd zu begreifen. Ich legte auf und hatte noch immer überhaupt nicht verstanden, was diese Stimme am Telefon mir erzählt hatte. Also ging ich los und lief direkt in seine Arme. Sie sei ganz friedlich eingeschlafen, angezogen auf ihrem Bett, erzählte er mir. Und dann gab er mir zur Erinnerung ein Foto von Jana mit ihrem Hund mit. Das liegt bis heute umgedreht in meiner Schublade.

Damals fragte ich meinen Opa, der Pfarrer war, warum ein so junger Mensch denn sterben müsste. Das wollte mir nicht in den Kopf, was der liebe Gott sich dabei wohl gedacht haben könnte. Wer weiß, was sie in ihrem Leben sonst noch erwartet hätte, antwortete mir mein Großvater. Und irgendwie machte das ein kleines bisschen Sinn. Und irgendwie plagten mich aber immer Zweifel, ob ich und diese Joggingrunde vielleicht auch Schuld gewesen sein könnten.

Ein paar Monate später wurde mein Opa sehr krank und musste ins Krankenhaus. Wir haben ihn jeden Tag besucht und immer hat er für uns ein Späßchen auf den Lippen gehabt, ein nettes Lächeln, ein paar warme Worte. Wir standen uns sehr nahe. Mein Opa und ich. Er war einer dieser Menschen, die wirklich zuhören können. Und die verstehen. Die einem nie ihre Meinung aufdrücken, aber immer die richtigen Fragen stellen. So, dass man selbst zur richtigen Entscheidung kommt. An diesem Abend gab er uns Geld, damit wir mit der Oma ins Kino gehen. "Bis morgen", sagte ich und glaubte fest daran. Wir sahen "Save the last dance" und die Oma fand das alles viel zu laut. Danach ist meine kleine Schwester zu mir ins Bett gekrochen, eigentlich gab es keinen Grund, aber als die Mama am nächsten Morgen kam um uns zu sagen, dass Opa in der Nacht gestorben ist, verstand ich, dass das so hatte sein müssen.
Damals wie heute war ich unglaublich wütend, dass er sich nicht verabschiedet hat. Er wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns sehen. Er wusste es und wollte nicht, dass wir das wissen. Ich werde das wohl nie verstehen können, denn ich wurde um meinen Abschied gebracht.

Die Beerdigung und alles, was damit zusammenhängt, liegt in einem großen Nebel für mich. Ich weiß, dass meine Cousine mit ihrer damals einjährigen Tochter kam. Das war etwas Besonderes, denn meine Cousine war als Jugendliche "auf die schiefe Bahn" geraten, lebte viele Jahre in Berlin auf der Straße, manchmal wussten wir monate- oder jahrelang nicht, wo sie war, oder ob sie lebte. Und dann tauchte sie auf einmal wieder auf. War schwanger, hatte eine Wohnung und war fest gewillt, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie saß neben mir mit ihren 22 Jahren und erzählte mir, wie traurig sie war, dass Opa nicht mehr sehen konnte, wie gut es ihr mittlerweile ging. Ich glaubte das. Sie sah glücklich aus.

Vier Wochen später besuchten wir meine Cousine. Spontan. Es dauerte ein bisschen, bis sie die Wohnungstür öffnete, in der Küche stapelte sich das dreckige Geschirr und sie sah krank aus. Erkältung erklärte sie uns damals. Wir glaubten das.

Eine Woche später, bekam ich einen Anruf von meiner Tante. Meine Cousine läge im Krankenhaus, im Koma. Ich nahm meinen kleinen Cousin und fuhr mit dem Zug nach Berlin. Ins Krankenhaus. Im Bett lag eine wächserne Person, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit meiner Cousine hatte. Ob das Heroin nun zu rein und zu verpanscht war, es war auf jeden Fall eine dumme Idee, sich das Dreckszeugs in die Halsschlagader zu spritzen. Zum Verhängnis wurde ihr letztendlich der auf die Ohnmacht folgende Fall auf die Badewanne. Nach drei Tagen wurden die Geräte abgestellt. Und manchmal frage ich mich, ob das vielleicht tatsächlich besser so war. Ob sie ihr Leben jemals wieder in den Griff bekommen hätte, und dass so zumindest ihre Tochter eine Chance hat.

Das war also mein scheißestes Jahr. Vor fünf Jahren ließ ich mir ein Tattoo stechen. Eine keltische Triskele. Und jedes Ende steht für eine dieser wichtigen Personen in meinem Leben, die es nicht mehr gibt.

Freitag, 13. Dezember 2013

Alle Jahre wieder - Gedanken zur Weihnachtszeit

Ich kann Ihnen gar nicht genau sagen, welches das erste Weihnachtsfest ist, an das ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich ist es das, bei dem ich mit roten Backen und einem in warmer Butter getränkten, kratzigen Wollschal unterm Tannenbaum saß, weil ich Mumps hatte. Da war ich wohl vier. Vielleicht aber auch fünf oder drei, wie gesagt, ich kann mich nicht genau erinnern.
Bei uns zu Hause kam das Christkind. Bei all meinen Freunden kam der Weihnachtsmann, aber die gingen auch nicht jeden Sonntag in die Kirche (die noch dazu unten im Haus war), die hatten aber auch nicht den tollsten Opa der Welt. Der war Pfarrer. Deswegen also auch Kirche und Christkind.

Gesehen habe ich das Christkind allerdings nie. Ich habe es versucht. Jedes Jahr. Hinter den Gardinen gelauert, wann es denn um die Ecke kommt. Aber es war immer schneller als ich. Und während ich zur Tür hechtete, weil es geklingelt hatte, schlich es wahrscheinlich schon wieder um die Häuserecke. In meiner Vorstellung war das Christkind ein Kind. Also eine kleine Person, mit blonden Locken und in einem weißen Flatterhemd. Ich weiß, ich machte mir immer etwas Sorgen, dass es krank wird. Wo es doch barfuß durch den Schnee stapfen musste. Und dabei diese hässlichen Plastikwäschewannen mit all den Geschenken drin rumschleppte. Natürlich zweifelte ich manchmal an der Existenz des Christkindes, ein paar Jahre hatte ich unsere alte Nachbaroma Frau Heidel im Verdacht. Aber das konnte eigentlich auch nicht sein, denn die saß meistens auch mit bei uns unterm Weihnachtsbaum. Ich habe bis heute ehrlich gesagt nicht lösen können, wer das Christkind war, aber ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie diese Geschichte mit so viel Liebe und Diskretion so lange aufrechterhalten konnten.

Nun habe ich es dieses Jahr mit der Weihnachtsdeko recht spartanisch gehalten. Der Weihnachtsstern hängt, und der Lichterbogen steht auch im Fenster. Und dass wir den Ficus als Tannenbaum verkleidet haben, wissen Sie ja bereits. Aber die Armee an Engeln, Räuchermännlein, Lichterketten sowie geschnitzten und geklöppelten Krippen sind dieses Jahr in den Pappschachteln geblieben. Mir war einfach nicht so. Dazu war das Jahr zu anstrengend, zu traurig, zu nervenaufreibend und zu enttäuschend, um jetzt in weihnachtliche Vorfreude zu verfallen, nur weil der Kalender es vorschreibt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freu mich sehr auf Weihnachten. Darauf bei meinen Eltern einen echten, nach Wald duftenden Tannenbaum zu schmücken, darauf in die Kirche zu gehen und bei "Stiller Nacht, heiliger Nacht" ein bisschen zu weinen, darauf, die leuchtenden Augen des Kindes zu sehen, wenn es den Werkzeugkoffer und die Babypuppe auspackt. Darauf, am ersten Weihnachtsfeiertag vor allen anderen aufzustehen, im Pyjama einen Kaffee zu kochen und sich mit einem guten Buch unter den erleuchteten Weihnachtsbaum zu setzen. Vielleicht gibt es sogar Schnee. Vielleicht können wir rodeln gehen und Schneeengel zaubern.

Aber die Adventszeit ist dieses Jahr deutlich weniger festlich als sonst. Vielleicht hätte es mich zu viel Anstrengung gekostet, den Weihnachtszauber heraufzubeschwören. Vielleicht habe ich mir auch gedacht, dieses Jahr ist das Kind fast noch ein bisschen zu klein, um sich irgendwann mal daran zu erinnern. Vielleicht wollte ich auch dieses Weihnachten einfach ganz deutlich vom letzten abgrenzen.

Nächstes Jahr wird das sicher wieder anders. Nächstes Jahr erfinden wir unsere eigene Familienzaubergeschichte. Nächstes Jahr glaube ich vielleicht auch wieder an das Christkind.


Mittwoch, 11. Dezember 2013

Freund sein

Freund, der. Wortart: Substantiv, maskulin, jemandes Freund bleiben, sein, werden; gut Freund [mit jemandem] sein.

Meine Definition: Freund ist das, was nach Bruder kommt!

Ich habe Freunde, die ich ein Leben lang kenne und welche, die mich nach ein paar Monaten fast besser kannten, als so mancher lebenslanger. Ich definiere einen Freund nicht über Dinge wie Alter oder Ähnlichkeit zu mir. Meine Nachbarin ist mit 58 Jahren genauso mein Freund, wie der kleinste meiner Cousins mit 18 Jahren. Ich messe die Freundschaft auch nicht an der Dauer, die ich einen Menschen kenne oder daran, wie viel wir miteinander erlebt haben, sondern an einem freundschaftlichen Gefühl, dass sich bei mir entweder sofort - oder meist gar nicht einstellt.

Scheinbar sind manche Menschen nur Wegbegleiter für einzelne Lebensabschnitte und keine Freunde fürs Leben. Manchmal schleicht sich mit der Zeit ein Gefühl der Entfernung ein, ohne dass irgend etwas Konkretes passiert ist und es ist traurig, wenn man merkt, man kann eine Freundschaft nicht aufrecht erhalten, obwohl man den Menschen mag.

Wenn es einfach nicht mehr passt.

So ging es mir vor kurzem mit einer Freundin, die ich schon einige Jahre kenne. Wir waren immer sehr verschieden, was uns beide nie gestört hat. Sie fuhr zum Michael Wendler-, ich zum Paul Kalkbrenner-Konzert. Ich lachte sie aus, sie schüttelte verächtlich mit dem Kopf. Wenn ich an Karneval drei Tage durchfeierte, schaute Sie lieber Sitzungen im TV, ich mittendrin, sie lieber auf der Couch. Ausgehen war schwer, ich wollte Sushi, zum Mongolen oder mal die Unsichtbar ausprobieren, sie bestand auf Wiener Schnitzel, alles andere war zu experimentell. Sie ist immer organisiert, strukturiert, ich hingegen bin der Chaot, der improvisiert. Das wussten wir und das war okay, denn wir mochten uns und das ist das, was zählt, dachte ich immer.

Letztes Jahr um diese Zeit, kam die alljährliche Silvesterdiskussion auf. Ich wollte feiern, sie nicht. Alleinlassen wollte ich sie auch nicht. So verbrachte ich den Jahreswechsel auf ihrer Couch. Meine Schuld, keine Frage, denn ich stimmte ihr aus schlechtem Gewissen zu, dass Silvester unter Menschen die absolute Hölle sei. Soviel zu Entscheidungen, die aus schlechtem Gewissen heraus getroffen werden ...
In ihrem Wohnzimmer lief erst Dinner for One, dann die die Schlagerparade. Ich konnte hören, wie mich die kleinen giftgrünen Cornichons im Glas auslachten. Wie ich da saß, in meinen Stricksocken, mit meinem bleigegossenen Ei im Nest, dass mir laut China-Pappschachtel-Rückseite große Fruchtbarkeit voraussagte. WOHER DENN? Die feiernde Großstadt vor dem Fenster und ich wie Oma Sophie auf der Couch. Hier würde ich sicher nicht befruchtet. Um 00 Uhr konnte ich nicht mehr und heulte mir in dem schrecklichen Gefühl etwas zu verpassen heimlich auf ihrem Klo die Augen aus.
  
Irgendwann im April fand ich mich dann auf meinem Geburtstag wieder. In meinem Wohnzimmer stehend, um mich herum fünfundsechzig Menschen, mich vor ihr dafür rechtfertigend, dass der Sunshine Live Radio Stream lief, und keine "richtige" und in ihren Augen normale Partymusik. Ob das Gewemmse tatsächlich mein Ernst sei fragte sie mich, schließlich wär ich nicht alleine.
Ich gab nach, sie bekam ihren Willen und Andrea Berg betrauerte in meinem Wohnzimmer die große, grausame 30 mit schrecklichen Gesängen über Männer, die nicht mal richtig lügen können.

Beim PUR Hitmix platze mir eine Ader im Auge. Und es reichte!

Mein Bruder schnappte sich den Laptop, warf einen Elektro-Stream an, ich tanzte zu Erobique, sie ging nach Hause.

Das Schlimme für mich war: wäre es ihr Geburtstag gewesen, ich hätte mich mit Kölsch und Lakritz-Schnaps zum Schlagerfan hochgetrunken und ihr zuliebe so gefeiert, wie sie es gewollt hätte! Warum wird das bei mir nicht akzeptiert, fragte ich mich? Vielleicht sind wir zu verschieden, schrieb sie mir später.

Und dann änderte sich diese mal dagewesene Toleranz zwischen uns plötzlich zu einem immer häufiger werdenden beidseitigen Augenrollen. Sie wurde immer introvertierter, war irgendwann kaum noch zum Ausgehen zu bewegen. Treffen am liebsten bei ihr, da wo sie alles unter Kontrolle hatte. Ich hingegen reiste zeitgleich quer durch die Republik, um mich mit Menschen zu treffen, die ich noch gar nicht kannte, erzählte ihr voll flammender Begeisterung, wie toll das alles sei. Twitter machte ihr Angst, "Das hättest du früher nie gemacht". Das genau das aber so positiv für mich war, das sah sie nicht.
Ich mag es nicht, wenn man mich klein halten will. Mich in der kleinen Schublade behalten will, in die ich für jemanden reingehöre. Unterschiede machen den Menschen aus und es ist an uns, jeden in allen Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren. Wie soll eine Freundschaft funktionieren, in der man es dem anderen nicht zugesteht, dass er anders ist? Und dass er sich verändert? Gar nicht!
 
Die Basis muss stimmen, um festzuhalten. Das müssen aber nicht lauter gleiche Interessen oder Ansichten sein. Den anderen so lassen wie er ist, dass reicht doch oft schon aus. Finde ich, Frau Schnörri.

Montag, 9. Dezember 2013

Wunschkind

Solange ich denken konnte, wollte ich Kinder. Zwei – einen Jungen und ein Mädchen, so wie mein Bruder und ich. Aber vor allem ein Mädchen, denn so eine kleine Prinzessin – das wünschte ich mir von Herzen. Einen Namen hatte ich auch schon; sie sollte so heißen wie meine Oma.

Nun ist der Weg zum Kinde oft schwieriger als man sich das mit 8 so vorstellt und spätestens mit 23 hatte ich begriffen, dass ich meine Wunschvorstellungen wohl geringfügig modifizieren muss, da der edle Ritter auf dem weißen Ross auf sich warten ließ und stattdessen seine Stellvertreter schickte. Die kamen zumeist auf 'nem rostigen Drahtesel, einem uralten Polo oder dem Bus daher, statt Duelle auszufechten, kippten sie lieber ein paar Bierchen, aber alles in allem waren sie doch alle ganz nett. Nur eben kein Material zum Heiraten, geschweige denn zum Kinderzeugen.
Doch wie der aufmerksame Leser festgestellt haben wird – irgendwann kam derjenige Welche. Eigentlich relativ unspektakulär in Form eines langjährigen Kumpels, doch ein gemeinsamer Urlaub mit dem zwangsweisen Schlafen in einem Bett taten ihr Übriges und so trat "Der Mann" in mein Leben. Zusammenziehen ging dann recht fix und nach ein paar Jahren wurde ordnungsgemäß geheiratet. Ganz in weiß und sehr romantisch (Sie erinnern sich – die Schuhe!). Nur das mit dem Schwangerwerden wollte nicht so recht klappen. Zwar beruhigte mich meine Gynäkologin, dass das alles noch im Rahmen wäre und ich mir nicht so viele Gedanken machen sollte, aber ich verstand das einfach nicht – ich führte genau Buch, machte den Mann an den vorgegebenen Tagen willig (was nicht sehr schwer war) und befolgte alle guten Ratschläge. Doch – nichts! Zwischenzeitlich wurde meine beste Freundin schwanger und ich musste mich schon arg zusammenreißen, um ihr entsprechend freudig zu gratulieren.

Sie merken es vielleicht – ich bin ein recht strukturierter Mensch. Nicht pedantisch oder so, aber ich plane gerne, habe gerne die Fäden in der Hand und koordiniere auch gerne alles selbst. Delegieren ist für mich recht schwierig, da ich am Ende doch nochmal alles anfassen und verbessern muss. Leser mit Kindern werden vielleicht ahnen, dass sich eine solche Lebenseinstellung nur sehr schlecht mit dem Zusammenleben mit einem Kind verbinden lässt.

Zu guter Letzt – nach einer gefühlten Ewigkeit und objektiv betrachtet vielleicht nach 10 Monaten Ehe - versuchte ich es sogar mit Akkupunktur. Und sei es nun Zufall oder tatsächlich mit den Nadeln (und dem Nageln) verbunden – ein paar Wochen später machte ich im Urlaub einen Schwangerschaftstest! Auf Schwedisch! Irgendwann fand ich auch heraus, was "schwanger" und "nicht schwanger" auf Schwedisch heißt. War das eine Aufregung.
Zurück in Berlin machte ich sogleich einen Termin bei meiner Gynäkologin und diese attestierte mir eine frühe, aber eindeutige Schwangerschaft.

Das Schwangersein bekam mir sehr gut, ich arbeitete bis zum letzten Tag und malte mir detailliert aus, wie das mit dem Kind denn sein würde. Die Einrichtung wurde gekauft, ich bemalte die Wände im Babyzimmer eigenhändig und wartete. Die letzten Wochen waren zwar schon recht beschwerlich, aber hey – bald würde alles vorbei und das Leben wieder so wie vorher sein. Nur halt zu dritt, in einer perfekten kleinen Familienidylle. (Haha!)

Natürlich las ich auch viel, unter anderem auch darüber, dass ca. 25% der Mütter unter postpartalen Depressionen leiden. Dies nahm ich etwas besorgt zur Kenntnis und sei es aus Vorahnung oder einfach um ihn ein wenig einzubinden, instruierte ich den Mann, darauf nach der Entbindung ein besonderes Augenmerk zu haben.

Ein paar Wochen vor dem errechneten Termin stellte meine Ärztin dann fest, dass sich das Kind leider in Steißlage befände und schickte mich ins Krankenhaus, um einen Kaiserschnitttermin machen. Dies kam mir eigentlich ganz zupass, denn so ließ sich alles ja noch besser planen. Zum Termin fand ich mich also mit gepacktem Köfferchen im Krankenhaus ein, ließ mich an die diversen Geräte anschließen und die Hebamme machte einen finalen Ultraschall. Bei diesem stellte sie dann freudig erregt fest, dass das Kind sich ja nun doch spontan gedreht hätte und korrekt mit dem Kopf nach unten läge und ich wurde nach einigem Hin und Her wieder nach Hause geschickt. Das passte mir zwar gar nicht, doch als werdende Erstmutter lässt man sich ja so ziemlich alles gefallen, was "dem Wohle des Kindes" zugute kommt.

Doch dann – ganze 3 Wochen später – war es endlich soweit. Die Fruchtblase platzte. Nun aber wirklich ... ab ins Krankenhaus, im Vorwehenzimmer einquartiern und warten. Und warten. Und warten.
Nachdem nach 12 Stunden aber immer noch keine Wehen einsetzten, entschloss man sich, die Geburt einzuleiten. Die Details erspare ich euch, es gibt ja kaum etwas Ermüdenderes als Geburtshorrorgeschichten, nur soviel: es war nicht schön. Letztendlich wurde das Kind nach 2-3 Stunden Presswehen mit der Saugglocke geholt, was ich nur noch am Rande mitbekam. Und nun hielt ich es endlich in den Armen – mein Baby! Es war groß und kräftig und rund und rosig und hatte 10 Zehen und 10 Fingerchen und alles war perfekt. Und ich war – erleichtert. Endlich war die Schwangerschaft vorbei, diese elende Geburt auch und nun konnte alles perfekt werden.

Leider musste das Kind durch die Saugglockengeburt für eine Nacht auf die Neonatolgie zur Beobachtung, das heißt, ich kam in ein separates Zimmer und wurde nur alle paar Stunden geweckt und zum Stillen angekarrt. Doch eigentlich war mir das ganz recht, konnte ich mich so doch ein wenig von den Strapazen erholen. Am nächsten Tag wurden wir jedoch auf die normale Mutter-Kind-Station verlegt und nun ging es los: ich sollte das Kind wickeln, stillen und dabei auch noch die ersten Rückbildungsübungen machen. Das mit dem Stillen klappte überhaupt nicht, zum Wickeln rief ich jedes Mal eine Schwester und Rückbildung konnte mich mal kreuzweise.

Aber (das weiß doch jeder!) Stillen ist ja sooo wichtig für die Entwicklung des Kindes, also machte ich weiter. Ich zitterte jedes Mal, wenn das Kind nur anfing zu piepsen, denn dann ging die Qual für uns beide von vorne los. Ich litt unter allen möglichen Geburtsnachwehen, mir war heiß, ich schwitzte wie ein Affe, doch da meine Zimmernachbarin ein untergewichtiges Kind mit chronischer Niedrigtemperatur hatte, konnten wir das Fenster nicht öffnen. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken, da ich permanent auf jedes Geräusch des Kindes lauschte und wenn dieses mal ruhig war, fing das Nebenkind an zu lamentieren oder die Schwester kam herein und wollte irgendeine Untersuchung machen oder der Arzt kam zur Visite oder oder oder. Nach 2 Tagen war ich fix und fertig und heulte nur noch – ein wenig zu früh für den klassischen "Baby-Blues". Dies merkte allerdings auch mein Mann und – eingedenk meiner Worte – informierte das Krankenhauspersonal darüber. So lernte ich also die sehr nette psychologische Beraterin kennen, welche mir nicht wirklich weiterhelfen konnte, mir jedoch die Adresse einer Eltern-Kind-Therapeutin gab, an die ich mich bei Bedarf wenden könne.

Ich erspare euch nun weitere Krankenhausdetails, nur soviel – wenn ich meinen Mann nicht gehabt hätte, ich hätte nicht gewusst, was ich machen sollte. Er kümmerte sich Tag und Nacht um uns (wir hatten mittlerweile ein Familienzimmer "verordnet" bekommen), wickelte das Kind und – gab ihm die Flasche! Denn nach tagelangem Schreien und anschließendem Abpumpen sah auch die Stillberaterin endlich ein, dass bei mir nicht viel zu holen war. Das Baby hatte Hunger und den konnte – und wollte – ich nicht stillen. Ich war nicht bereit, das Kind 20 Stunden am Tag anzulegen, nur um es halbwegs satt zu kriegen. Und Flaschennahrung war in diesem Moment mein allerbester Freund, denn dem Baby war es egal, wer ihm die Flasche gab. Mein Mann, meine Mutter, meine Schwiegereltern – alle kümmerten sich wirklich rührend um uns.

Und ich – weinte. Ich hatte keinen Appetit mehr (wer mich kennt, weiß, dass das wirklich SEHR ungewöhnlich ist). Draußen war der Frühling in aller Pracht ausgebrochen und ich wollte nur im Bett liegen. Natürlich ging ich raus, denn im Kinderwagen schlief das Baby schließlich. Die Tage waren soweit ganz okay, doch die Nächte nach wie vor mein Horror. Mein Mann hatte sich 2 Monate frei genommen und ich war so sooo dankbar dafür. Ich hörte nach wie vor jedes Geräusch des Kindes, so dass der Mann sich irgendwann mit ihm im Wohnzimmer einquartierte. Unsere Wohnung glich einem Zeltlager und das Baby war der Feldherr – zumindest empfand ich es so.

Doch ich wusste – irgendwann würde ich hauptverantwortlich für das Baby da sein müssen. Nur – wie sollte das gehen? Zum Glück erinnerte ich mich an die Eltern-Kind-Therapeutin und machte dort einen Termin. Mein Mann kam mit. Es war seltsam – das Baby schlief friedlich in seinem Maxi Cosi, ich saß heulend auf meinem Stuhl und mein Mann war sichtlich irritiert. Er konnte ja nichts machen. Also – nicht für mich. Zum Glück wurde das Baby bald wach und er konnte es füttern und bespaßen.

Tja – dies wurde nun zu einem festen Termin für mich, das Baby und – wenn er Zeit hatte – meinen Mann. Einmal wöchentlich zu "Frau Doktor". Doch schon bald stellten wir fest – es tat mir zwar gut zu reden, aber meine Depressionen (ja nun nennen wir es doch endlich mal beim Namen!) wurden dadurch nicht besser. Zum Glück stillte ich ja nicht und so bekam ich letztendlich Antidepressiva verschrieben. Niedrig dosiert und erstmal auf ein Jahr begrenzt. Und was soll ich sagen – die Welt wurde endlich wieder bunt.
Ich war nie ein Kind von Traurigkeit und war auch deshalb mit diesen Erfahrungen völlig überfordert. Klar hatte ich auch mal schlechte Phasen durchlebt, doch diese ließen sich entweder durch eine Tafel Schokolade, eine Flasche Wein oder ein Gespräch mit Freunden wieder hinbiegen. Wenn ich jetzt versuchte, mich mit Freunden zu unterhalten, war es anders als früher. Die, die schon Kinder hatten, konnten meine Situation zwar irgendwie ein bisschen verstehen, aber bei ihnen war das alles natürlich nicht so dramatisch gewesen und letztendlich liebt man sein Kind ja und deshalb macht einem das alles ja nicht soviel aus, nicht wahr?! Ist das so? Ich konnte es nicht bestätigen. Zwar liebte ich mein Kind, doch ich liebte auch mein eigenes Leben und konnte nicht akzeptieren, dass dies nun völlig vorbei sein sollte. Dann gab es noch diejenigen Freunde, die einem immer vorschwärmten, wie toll das alles wäre und dass es nichts schöneres gäbe, als das Kind zu stillen und mit ihm zu kuscheln usw. – ich wusste nicht, wovon sie redeten. Doch – auch ich kuschelte gerne mit dem Kind. Ich hatte mittlerweile auch nicht mehr solche Angst vor seinen Schreianfällen. Aber diese innige Mutterliebe, die fehlte mir.
Die Freunde ohne Kinder nickten verständnisvoll, drückten mir ihr Geschenk in die Hand und hofften vermutlich, mich das nächste Mal erst wieder in alter Form wiederzusehen. Und ich konnte es ihnen nicht mal verübeln, war dies doch selbst mein größter Wunsch.

Doch es wurde besser. Ich konnte endlich etwas besser schlafen und nach ca. 7 Monaten tat dies auch das Kind – also nachts. Die ganze Nacht. Wir gingen weiter zur Therapie, das Kind freute sich jedes Mal, wenn es Frau Doktor sah und wunderte sich vermutlich, warum die Mama da immer weinte. Denn das tat ich nach wie vor. Aber es befreite.

Nach einem Jahr schlich ich die Medikamente aus und es ging mir wieder gut. Ich möchte nicht wissen, was diese Episode langfristig für die Beziehung zu meinem Kind bedeutet. Ich befürchte, dass die Beziehung immer belastet sein wird. Es tut mir unendlich leid, dass es so ist. Doch was soll ich machen? Wie sagte meine Therapeutin: "Das ist wie mit einer Grippe – es kann jeden erwischen!" Damit tröste ich mich, wenn ich mir mal wieder Vorwürfe mache.

Mittlerweile ist die Beziehung zu meinem Kind gut. Es ist immer noch ein sehr großes Papakind, aber ich habe meinen Platz in seinem Leben gefunden. Doch wenn ich unseren Beziehungsstatus benennen müsste, würde ich wohl sagen: es ist kompliziert.

PS: Bei meinem zweiten Kind hatte ich übrigens von Anfang an diese Muttergefühle. Insgeheim nenne ich es Affenliebe. Doch das ist eine andere Geschichte.  

Sonntag, 8. Dezember 2013

Blueberry nights

Kennen Sie das, wenn Sie mitten in der Nacht an Ihrem Rechner sitzen und einfach nicht zur Ruhe kommen können?
Nein? Ich kannte das bis vor einiger Zeit auch nicht. Aber nun sitze ich hier, habe soeben meine Arbeit abgeschlossen und sollte eigentlich ins Bett gehen, aber der Kopf fährt Karussel, die Gedanken wirbeln durcheinander und an Schlaf ist sowieso nicht zu denken.

Ich kann mich erinnern, dass mein Leben mal wesentlich entspannter war. Damals habe ich als Deutschlehrerin gearbeitet. Das war zwar schlecht bezahlt, aber ich hatte um 15 Uhr Feierabend. Jeden Tag. Und nach ein paar Wochen Einarbeitungszeit  hat sich auch die Stundenvorbereitung auf ein Minimum reduziert, ich bin nach Hause gekommen, habe mir den Hund geschnappt und bin in den Park gegangen. Dann habe ich Boule gespielt, oder mit Freunden gegrillt, oder sogar ein Buch gelesen. Und der Job hat Spaß gemacht. Ich kann das gut! Den Clown spielen, Leuten den Dativ erklären oder die deutsche Verbkonjugation in ihre Köpfe hämmern. Und man bekommt ja auch sofort was zurück. Leute, die kein Wort Deutsch sprechen, können nach einem Monat schon so eine Art Smalltalk mit dir halten (mal abgesehen von einem amerikanischen Geschäftsmann, dem ich über zwei Jahre verzweifelt versuchte, Deutsch beizubringen. Nach sechs Monate bin ich in sein Büro spaziert und habe ihn gefragt, wie es ihm geht. Daraufhin kuckte er mich an, wie eines dieser tollen Autos, die er baut und hatte keine Ahnung, wovon ich rede. Ich klebte ihm dann ein gelbes Post-It an den Computerbildschirm auf dem stand:
:) sehr gut
:/ es geht so
:( schlecht
Danach wusste er wenigstens, wo er hinschauen musste, um mir zu antworten.)

Aber mit allen Vorteilen hatte der Job einen riesengroßen Nachteil! Er war schlecht bezahlt, man wusste immer erst drei Tage vor Monatsende, ob man im nächsten Monat auch ein Einkommen hat, Kranksein war keine Option und im Sommer Urlaub machen noch viel weniger.

Also bewarb ich mich neu und bekam tatsächlich eine feste und bald auch unbefristete Stelle. Jackpot, dachte ich damals! Und ehrlich gesagt war es das die ersten Jahre auch wirklich. Ich hatte ein nettes Team, einen tollen Vorgesetzten, flexible Arbeitszeiten und ein vernünftiges Einkommen.
Dann wurde ich schwanger, bekam ein Kind und blieb 14 Monate zu Hause.

Danach kehrte ich in den Job zurück, das Kind ging in den Kindergarten und ich begann relativ entspannt mit einer 30h-Woche. Also nochmal vier Monate Schonfrist.
Zeitgleich mit dem Beginn der Vollzeitarbeit war ich auf einmal auch allein erziehend, das ist jetzt fast ein Jahr her und anfangs funktionierte das nur, weil es eben musste. Mittlerweile haben wir uns ganz gut eingespielt, aber trotz allem gibt es Tage, an denen ich ein schlechtes Gewissen habe, weil mein Kind jeden Tag 9h in der Kita ist. Und genauso habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich nach 8,5h das Büro verlassen muss, egal, was da noch an Arbeit rumliegt.
Andersrum bin ich aber auch sehr froh, dass ich nicht jeden Tag  bis in die Puppen im Büro sitzen kann, um noch irgendwas zu wuppen. Und in dem Moment, wo ich das Gebäude verlasse, mir die Kopfhörer überstülpe, ist die Arbeit aber auch abgehakt (meistens zumindest). Dann habe ich 20 Minuten um runterzukommen und mich gedanklich auf's Mamasein einzustellen. Die nächsten Stunden gehören dann wirklich ausschließlich dem Kind und mir. Und so haben wir alle Zeit der Welt und manchmal sitzen wir auch erst noch eine halbe Stunde in der Kita auf dem Fußboden vor der Garderobe um zu kuscheln, weil das Kind eben auch erst mal runterkommen muss. Zu Hause bauen wir dann Züge aus Stühlen und essen im Speisewagen Abendbrot, oder wir bauen eine Höhle unter dem Schreibtisch und verstecken uns vor dem Alltag.

In einer perfekten Welt würde ich wahrscheinlich gern ein kleines bisschen weniger arbeiten und ein kleines bisschen mehr Zeit für das Kind haben. Aber es lebt ja sowieso keiner in einer perfekten Welt.
Für mich habe ich einfach nur gelernt, Job ist Job, aber was wirklich zählt, ist die Familie. Auch wenn sie so klein ist wie meine. Und im Endeffekt kommt es nur darauf an, was man aus der wenigen Zeit, die man hat, macht. Und zwar immer das Beste!


Freitag, 15. November 2013

Mein Leben mit einem Rentner

Wir alle wissen, die Familie sucht man sich nicht aus. In meinem Fall ist Blut tatsächlich dicker als Wasser. Soll heißen: ich habe verdammtes Glück gehabt mit meinen Erzeugern! Was ich brauchte, das gaben Sie mir mit. Liebe, Werte, Geld, gute Ratschläge. Allerdings hat sich im letzten Jahr von heute auf morgen fast alles verändert.

Ziemlich zeitgleich mit meinem dreißigsten Geburtstag ging mein Vater in Rente. Gibt es eigentlich etwas beängstigenderes, als Eltern, die älter werden? Und mal ehrlich, liegt das nicht auch vor allem daran, dass uns das Leben damit gnadenlos aufzeigt, dass auch wir älter werden? Und dass jeden Tag ein bisschen mehr von unserer gemeinsamen Zeit abläuft?

Mein Papa ist eine Mischung aus Fred Fussbroich, Günter Jauch, Bob der Baumeister und Büttenredner. Er weiß alles, er kann alles. Strom, Wasser, Garten. Häuser bauen, Aufzüge reparieren, mit dem Auto ohne Karte durch fremde Länder fahren, sich dort mit Menschen jeder Sprache unterhalten ohne auch nur eine Vokabel zu kennen. Von ihm habe ich sehr viel. Mein Temperament, meinen Humor, meine Loyalität.

Die Metamorphose zum Rentner kam bei ihm über Nacht.
Von April auf Mai wurde er zu jemandem, der ohne Altherren-Kappe das Haus nicht verlässt und dessen Tagesablauf streng nach der Sendezeit von 'Sturm der Liebe' geplant ist. Wo ist Papa? Im Baumarkt!

Kellner in Kölner Szenecafés fragt er gerne, ob der Kaffee auch „warm“ sei, wenn chillige Café del Mar Musik im Hintergrund läuft, wird energisch mitgesummt. Einkaufszentren sind der größte Horror. So läuft er ausschließlich pfeifend durch die Gänge, so laut, dass man sich nach einer Runde im Center mit ihm bereits einen Namen gemacht hat. Reagieren die Menschen nicht ausreichend, hustet er gerne auch so lange, bis sich die Leute vor uns umdrehen, nur um sie mit den Worten „Nur Husten, kein Krebs!“ beruhigen zu können.
Im Geschäft kommen wir dann zum Höhepunkt. Er probiert an. Alles. Damenmützen, Ohrenschützer, Hundehalsbänder. An der Kasse zähle ich dann rückwärts. 3, 2, 1, Papa fragt: „Nehmen Sie auch Payback?“ Überall. Bei Starbucks, bei Bodyshop, bei Apple. 

Er, der mir im Meer schwimmen beibrachte, mich zeitgleich vor lebensgefährlichen Määääärestieren beschützte (ich hatte Angst vor Fischen), unsere gesamte Kindheit natürlich mit der neuesten Technologie filmte, meine Hand nahm und mich einer Gruppe fremder Kinder mit den Worten „Das ist Anne, sie möchte gerne mit euch spielen“ vorstellte, weil ich zu große Angst hatte. Er, der die ganze Familie spontan ins Auto packte, übers Wochenende nach Paris karrte, ohne Navi, ohne Hotelbuchung, einfach drauf los, ein Abenteurer. Er, der mir fast alles beigebracht hat, er ist nun alt? Verläuft sich ohne Navi in einer fremden Stadt? Macht Urlaub auf einer Nordseeinsel? Kann unmöglich sein!

Warum es mich so ärgert, dass mein Papa den perfekten Rentner mimt, weiß ich ziemlich genau. Es ist die blanke Angst vor der Gewissheit, dass irgendwann ein Teil der Familie geht. DER Teil eigentlich. Der, der alles mal erschaffen hat und der, der alles zusammenhält. Der die FC-Hymne beim Frühstück laufen lässt und mich mein Leben leben lässt. So, wie ich es für richtig halte. Mit aller Unterstützung, die ich brauche. Mein Papa halt, der rüstige Rentner.



Donnerstag, 14. November 2013

40 Jahre - eine Zwischenbilanz

40 zu werden ist eine gute Gelegenheit, mal eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Denn: Mit 40 ist statistisch gesehen fast die Hälfte eines deutschen Frauenlebens rum.
Eine Art Bergfest also. Aber: ging es die letzten 40 Jahre wirklich bergauf? Und wenn ja, geht das Leben nun den Gebirgsbach wieder runter? Falls ja: muss man sich anschnallen, oder wird es eine gemütliche Fahrt?

Von meinem Leben - wenn ich da so von oben draufblicke - hatte ich immer die Vorstellung, es wäre wie ein Lineal. Und dieses Lineal wäre ungefähr 86 cm lang. Und ich stehe nun auf der 40.
Wie ich auf die 86 komme? Eine ehemalige Arbeitskollegin hatte mir das mal gesagt. Als sie erzählte, dass sie die Gabe hätte, zu sehen, wie alt ein Mensch wird, wenn sie sich nur darauf konzentrieren würde, konnte ich mich einfach nicht zusammenreißen. Ich wollte zwar nicht, aber ich musste es wissen!
Sie sagte allerdings nicht: "Herzlichen Glückwunsch, Du wirst 86",- sie sagte: "Wenn Du das mit Mitte 40 überlebst, dann könntest Du weit über 80 werden".
"Wie jetzt??", fragte ich, "heißt das, dass ich vielleicht mit Mitte 40 übern Deister gehe?!?"

Weil sie dann Kopfschmerzen bekam, wurde das Gespräch vertagt. Also quasi bis heute. Und ihre Nummer hab ich auch nicht mehr. Mein Lebenslineal ist also vielleicht nur noch 5 cm lang. Also 5 oder, wenn ich Glück habe, 46 cm (falls es mal durchbricht, aber wieder zusammengeschustert werden kann). Aber: Frei nach dem Motto "Que será, será" will ich eh nicht wissen, wann ich den Löffel abgebe. Lassen wir uns überraschen.

Um jetzt nicht in einen elendig langen Monolog darüber zu verfallen, ob es gut oder schlecht ist, mit 40 noch Single zu sein, keine Altersvorsorge zu haben (nicht mal Kinder) kein Auto zu haben und immer noch in einer Einzimmerwohnung zu leben, werde ich mich nun selbst interviewen und mir eventuell selbst mal ins Wort fallen, damit ich nicht den Faden verliere. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Erna, erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit. Gab es Highlights?

Oh, das weiß ich genau. Lakritz war mein Highlight! Ich liebte Lakritz. Das stellte sich schon früh heraus. Als ich drei Jahre alt war, schenkte mein Vater mir deshalb einen Werkzeugkasten mit 12 Schubladen. In jeder dieser Schubladen war eine andere Sorte Lakritz. Die Legende sagt, ich hätte alle Schubladen innerhalb eines Tages geleert. Können aber auch drei Tage gewesen sein - ich müsste da nochmal meine Eltern fragen!
Außerdem habe ich mich immer gern verkleidet. Ich habe alles an meinen Körper gehangen, was nicht niet- und nagelfest war. Ich trug meine Unterwäsche oben drüber, damit man sie auch sieht. Das mache ich auch heute noch - aber nur, wenn sie frisch gewaschen ist (also einmal im Quartal).

Wie war Ihre Schulzeit?
Die war lustig. Ich habe ja einen großen Bruder, da lernt man irgendwie mit. Deshalb habe ich mich in der Grundschule schnell gelangweilt und angefangen, den Unterricht nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Die Lehrer fanden das so medium, aber meine Mutter sagte dazu nur: "Wenn Sie mit meiner Tochter nicht zurechtkommen, dann sollten sie sich vielleicht einen anderen Beruf aussuchen".
Weil das aber nicht zum gewünschten Ergebnis führte, nahm man mich mitten im Schuljahr aus der dritten Klasse und steckte mich in die Vierte. Da war dann erstmal Ruhe. Ich fuhr meine erste 3 nach Hause, aber gewöhnte mich schnell an die Mittelmäßigkeit. Mathematisch ging meine Karriere bis zum Abitur stetig den Bach runter, und im Abi bekam ich noch ganze 2(!) Punkte. Einen davon aus Gnade: "Weil Du immer so gut angezogen bist". Das war sehr lieb von meinem Mathelehrer, und er hatte ja auch Recht!

Und mit den Jungs...?
Oh, Jungs... Ich war ja mehr so der Klassenclown. Der gefürchtetste Schüler der Klasse, Kai-Peter Kolbatzki, war mein bester Freund. Das machte mich nicht gerade attraktiv für die Mitschüler. Ich glaube, die betrachteten mich eher wie einen ulkigen Schimpansen. Was nicht heißt, daß ich nie in jemanden verliebt war!! Ich war sogar sehr doll verliebt:
In der 3. Klasse in Charlie, der mal mit mir (aber gleichzeitig auch mit meiner besten Freundin Nina) ging, und dann, von der vierten bis zur sechsten, in Deepak Malhotra (geiler Name, nech, ich hab den gerade mal gegoggelt - von denen ist es keiner - der Name ist wahrscheinlich so einzigartig wie Erwin Meier).
Aber Deepak, der war in meine beste Freundin Annette verliebt. Wahrscheinlich, weil die ein Mädchen war und kein Schimpanse. Ab der 7. fand ich dann André toll, der war aber lieber mit Steffi zusammen. Also war das auch nicht so erfolgreich. Eigentlich hatte ich meinen ersten Freund auch erst mit 17, kurz nachdem ich in einer Besenkammer entjungfert wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Und ich habe auch kein Kind von Boris Becker, auch nicht in irgendeinem Keller.

Hatten Sie jemals einen Berufswunsch? 
Um Gottes Willen, ein furchtbares Thema..! Eigentlich war es mir ja in erster Linie wichtig, dass ich mich nicht so anstrengen musste. Das fing ja schon in der Schulzeit an. Als meine Mutter mich fragte, ob ich die Haupt-, Realschule oder das Gymnasium besuchen möchte, fragte ich sie, was denn am einfachsten sei.
"Am einfachsten ist die Hauptschule".
"Prima, dann geh ich dahin!"
Das fand sie irgendwie nicht so steil, und als sie mich darüber aufklärte, dass das keine Option sei, war mir nicht ganz klar, warum sie mich überhaupt gefragt hatte.
Die Schule auf einer Arschbacke abzureißen und trotz durchgetanzter Partynächte ein Abi von 2,3 hinzulegen war nicht etwa ein Jackpot für mich. Auch nicht, dass meine Eltern mir überhaupt gar keine Auflagen machten, was ich zu werden habe. Für mich war das ein Horror. Meine beste Freundin Sandra hatte schon zwei Ausbildungen hingezaubert, als ich noch überlegte, ob ich lieber Tischlerin, Maskenbildnerin, Schauspielerin, Sängerin oder Gerichtsmedizinerin werden will. Die Freiheit, die ich hatte, brachte mich völlig aus der Spur. Aber weil ich mich zu nichts richtig aufraffen konnte, studierte ich dann einfach 27 Semester auf Lehramt und habe jetzt immerhin das erste Staatsexamen in der Tasche. Die Tasche habe ich aber auf dem Flohmarkt verkauft.

Wie haben Sie sich Ihr Studium finanziert? 
Mit vielen Nebenjobs. Ich habe schon immer nebenher gearbeitet. Mit 10 oder 11 Jahren fing ich an, Babys in der Kinderkarre auszufahren. Für 3 DM die Stunde. Ich war damals sehr erstaunt, dass den Eltern das Leben ihres Kindes nur drei Mark wert war! Ich hätte es ja einfach im Park vergessen können, und dann hätte es vielleicht ein Mäusebussard mitgenommen, so klein wie es damals war.
Mit 13 hatte ich den wohl fiesesten Job der Welt. Ich arbeitete für die AVG (Abonnement-Vetriebs-Gesellschaft), musste Zeitschriften aller Art in der Nachbarschaft austragen, und das Geld kassieren. Und wenn ich aller Art sage, dann meine ich auch aller Art:
Die Coupé, die Praline und die Wochenend waren nur 3 von diversen Schmuddelblättern, die ich erst interessiert durch-ackerte und dann zu ekelhaften Schmierlappen in die Wohnung tragen musste. Jaja, die 80er...heute wäre sowas nicht mehr möglich, ein minderjähriges Mädchen in eine Messiewohnung zu schicken, um für pornöse Schundliteratur Geld zu kassieren! Aber in den 80ern musste man sich ja auch im Auto nicht anschnallen und aß Regenwürmer, um in eine Bande aufgenommen zu werden.
Zwischen 16 und 30 kellnerte ich, machte Zigaretten-Promotion, fuhr mit einem Herta-Knacki-Laster durch den Ostharz und wurde von einem unabhängigen Umweltinstitut als Gülleschnüfflerin eingesetzt. Da musste ich dann zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten auf einem Acker sitzen und alle 10 min ankreuzen, ob es nach Rinder-, Hühner- oder Schweinescheiße riecht. Ich kann das heute noch im Schlaf.
Außerdem arbeitete ich als Mädchen für alles bei einem Architekten, der hauptsächlich in der milchverarbeitenden Industrie tätig war. Seitdem weiß ich alles über Abtankwagen und hoffe, dass ich dieses Fachwissen eines Tages mal an den Mann bringen kann.


Sie sind ja nun 40...Haben Sie mittlerweile Ihren Traumberuf gefunden? 
Also... von allen Übeln - würde ich sagen - ist mein jetziger Job das tollste Übel. Nein, wirklich. Ich beschäftige mich hauptsächlich damit, Menschen zu interviewen. Dafür darf ich viel durch die Republik fahren und die Leute auch zu Hause besuchen (nein, ich bin nicht bei den Zeugen Jehovas und auch kein Versicherungsvertreter).
Was ich an meiner Arbeit liebe: Dass ich in den Lebensentwürfen der Menschen wie in einem Buch blättern kann. Jede Person ein Universum, jede Haustür die Pforte in eine ganz eigene Welt. Ich liebe das sehr. Meinetwegen kann das so weitergehen - bis etwas besseres daherkommt! Denn das Bessere ist der Feind des Guten. Hat mir mal ein Exfreund gesagt, kurz bevor wir uns getrennt haben.

Apropos Exfreund...
Ja, da hat sich in den 40 Jahren ganz schön was angesammelt. Ich hatte (moment, ich zähle kurz...) sechs Beziehungen, die jeweils zwei Jahre hielten. Mit allen habe ich zusammengewohnt. Durch die Bank haben die ALLE mittlerweile ein bis mehrere Kinder und sind verheiratet. Ist das nicht toll? Ich bin immer ganz stolz. Ich habe ihnen nämlich beigebracht, wie man eine Frau gut behandelt, und danach konnten sie das erfolgreich umsetzen.
Vielleicht wäre das ein Geschäftsmodell.


Leiden Sie darunter?
Oh nein, ich möchte keinen dieser Männer mehr geschenkt haben. Ich habe die alle durchgeliebt, bis nichts mehr drin war. Manchmal leide ich ein bisschen unter den Beziehungen, die nie welche wurden. Wenn man etwas möchte, was man nicht haben kann. Das ist, wie als Kind vor einem tollen Freizeitpark zu stehen, in den man nicht rein darf. Es ist furchtbar. Da wird die Sehnsucht riesengroß, und man rennt gefühlte 180 mal gegen den Zaun, der aber leider nicht nachgibt.
Einer dieser Freizeitparks sagte mal zu mir: "Du willst mich doch nur, weil Du mich nicht haben kannst". Ich sagte: "Du willst mich doch nur nicht reinlassen, damit ich nicht entdecke, dass Du gar nicht so toll bist, wie ich immer dachte". Da stand dann Aussage gegen Aussage, und klären konnten wir das nie so richtig.
Ich finde es immer bedenklich, wenn Liebe einseitig ist. Wenn Amor einen Pfeil abschießt, einer in Flammen aufgeht, aber der andere wie ein angestochenes Schwein die Flucht ergreift. Das ist grausam.
Es gibt ein Lied, welches mich seit der letzten Erfahrung dieser Art begleitet. Es ist von Alin Coen, die mal auf einem Konzert von Amos Lee als Warmup spielte. Sie ist eine fantastische Sängerin. Sie sagte es an mit den Worten: "Das nächste Lied handelt von der einseitigen Liebe. Es heisst 'Festhalten". Ich habe über einen Mann geschrieben, den ich mehr liebte als er mich."
Es war totenstill im Saal, dann schrie ich: "Den kenn ich". Und ich glaub, ich schrie, was viele dachten.
Hier das Lied. http://youtu.be/ZnqKICVvvD8

Sie wollten doch nicht abschweifen!
Wieso, das passte doch zum Thema! Allerdings, bei mir ist das Abschweifen ja irgendwie pathologisch. Mein Vater ist genauso. Wenn der zu einem Vortrag ausholt, dann fängt er beim Urknall an und ist fertig, wenn die Sonne untergeht.

Wo sie gerade Vater sagen...
Mein Vater ist ein kauziger Mann. Er nummeriert seine Socken durch, weil sie verschiedenen Zwecken dienen (Bettsocken, Haussocken, Stiefelsocken) und deshalb (findet er) nicht immer alle gleichzeitig gewaschen werden müssen. Weil zu viel Waschen ja schlecht für die Umwelt ist (Verschwendung von Ressourcen). Er liebt unseren Planeten und hat mich einmal fürchterlich zusammengeschissen, weil ich Alufolie benutzte. Die Herstellung ist ja wahnsinnig aufwendig, hat eine schlechte Ökobilanz, und eigentlich kann man getrost darauf verzichten.

Sie schweifen schon wieder ab.
Tschuldigung.

Was lieben Sie an Ihrem Vater?
Dass er mir die Natur gezeigt hat, als ich noch ein ganz kleiner Hosenscheißer war. Ich kenne jedes Insekt, jeden Vogel, jedes Blatt. Er lehrte mich, die Natur zu beobachten, zu lauschen und die Elemente in ihrer ganzen Kraft wahrzunehmen. Wir beide lieben kristallklares Wasser. Wir konnten stundenlang zusammen Einsiedlerkrebse beobachten. Wenn ich mal heulte, weil ich beim Radfahren Gegenwind hatte, sagte er: "Stell Dich nicht so an!! Wenn Dich der Gegenwind nervt, dann merkst Du erstmal, dass Du lebst!!!"
Und da, finde ich, hat er Recht. Ohne meinen Vater wäre mein Leben nur halb so reich. Die Naturlandschaften unserer Erde sind so wahnsinnig schön und beeindruckend. Wenn ich Reportagen sehe, aus fremden Ländern, dann kommen mir manchmal die Tränen, weil die Welt so wundervolle Dinge zu bieten hat.
Jeder hat ja mal Zeiten, in denen es einem schlecht geht. Wenn ich manchmal kurz davor war, von der Teppichkante zu springen, rettete mich immer genau ein Gedanke: Du kannst noch nicht gehen, bevor Du nicht die ganze Welt gesehen hast. Du bist nur einmal hier, sieh, wie schön es ist! Dann ging es wieder.
Das hat mein Vater mir beigebracht, und das hat mich zu einem sehr reichen Menschen gemacht. Dafür nehme ich alle seine Schrullen in Kauf. Drauf geschissen. Danke, Papa.

Und Ihre Mutter? Was lieben Sie an ihr? 
Meine Mutter ist ein Energiepaket mit einem sehr scharfen Verstand. Wenn sie Dinge anpackt, dann immer ganz oder gar nicht. Wenn sie zu einem verbalen Rundumschlag ausholt, dann wächst kein Gras mehr (ich spreche da aus Erfahrung). Außerdem ist sie einer der lustigsten Menschen, die ich kenne. Ich kann stundenlang mit meiner Mutter dummes Zeug reden.
Wir spielen gerne Kniffel, Uno oder Phase 10. Meine Mutter hat einen spontanen Witz, von dem sich manche Comedians mal eine schöne Scheibe abschneiden könnten.
Als ich einmal beim Kniffel eine Glückssträhne hatte, sagte Sie: "Orrr!!! Man sollte Dir alle Zähne ziehen und nur noch Haselnüsse zu essen geben!". Da lag ich vor Lachen unterm Tisch.
Ich glaube, meine Mutter würde noch auf dem Sterbebett ein kleines Witzchen reißen. Und ich würde mich mit einem Lachweinen verabschieden. Das liebe ich an ihr, dieses Unbeschwerte. Und das hat sie mir mitgegeben. Davon zehre ich jeden Tag. Denn ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Das ist kein Schmalz, das ist meine Wahrheit.
Außerdem bin ich dankbar, dass sie mich geboren hat. Dass sie alles für mich getan hat, obwohl ich die ersten Monate nichts weiter tat, als in die Hose zu kacken. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass sie es nicht fertig bringt, mich zum Geburtstag anzurufen, und stattdessen eine Nachricht schickt. Druff geschissen. Danke, Mama.

Haben Sie Geschwister? 
3 Sogar. Auch bei denen möchte ich mich bedanken, für all die lustigen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Und sorry sagen, für die Zeiten, wo wir uns mal richtig in den Haaren hatten.

Möchten Sie sonst noch wem danken? 
Ja, natürlich! Manchen Menschen konnte man nie richtig Danke sagen. Das ist besonders traurig, wenn sie bereits gestorben sind. Meine Großmutter zum Beispiel, und meine Tante. Als meine Großmutter 1999 einen Schlaganfall hatte, war ich gerade in Amerika. Kurz vor Abflug überkam mich eine große Trauer, und ich musste weinen. Irgendwas war anders, und als ich zu Hause ankam, war da ein Anruf vom Krankenhaus auf dem AB. Großmutter lag auf der Intensivstation, aber alle Geräte waren schon abgeschaltet, denn man wusste, dass sie nicht wieder aufwachen würde. Ich sah sie noch atmend. Sie lag da, ganz klein und still. Ich durfte sie mit waschen und ihre Haare kämmen. Sie hatte immer über ihre Haare gemeckert und mich oft gebeten, sie abzuschneiden. Nun war es zu spät. Von dem Sturz, und weil sie viele Stunden in ihren eigenen Ausscheidungen gelegen hatte, hatte sie zunächst einige größere Wunden. Je näher sie dem Tod kam, desto heiler wurde sie. Ich weiß nicht, ob das immer so ist, aber als sie nach drei Tagen starb, da war sie wieder ganz heile. Und wunderschön und still. Ich erinnere mich immer an das letzte lebendige Bild, was ich von ihr hatte. Ich fuhr damals in meiner Ente weg, und sie stand vor der Tür und winkte. Das Bild sehe ich heute noch. Es ist ein schönes Bild. Danke Großmutter, dass Du da warst, auch wenn Du mich in Deiner letzten Nacht im Traum besuchtest und mir die Leviten gelesen hast. Du warst keine einfache Person, aber ich war es auch nicht. Ich vermisse Dich.

Außerdem möchte ich meiner Tante danken, bei der ich zusammen mit meinem großen Bruder viele Jahre meiner Kindheit am Wochenende verbracht habe. Sie konnte nie Kinder kriegen und behandelte uns wie ihre eigenen. Das Leben auf dem Land war immer ein Ausflug aus dem Alltag. Es war zwar unheimlich spießig bei ihr, aber diese Spießigkeit hatte etwas Verlässliches. Wenn sie mich mal knuddeln wollte, reagierte ich oft borstig. Ich konnte das nicht so annehmen. Wie wichtig sie für mich war, erfuhr ich erst, als sie nicht mehr lebte. Als ich 17 war, fuhr sie mit ihrem Auto in einen Lastwagen und starb. Weil ich mir sie auf Anraten meines Onkel danach nicht mehr angeschaut habe, habe ich ihren Tod nie wirklich akzeptiert. Jahrelang begegnete ich ihr im Traum und war voll des Glücks. Jahrelang wachte ich auf und wusste, sie ist tot. Sie starb mit 47. Ich stelle mir oft vor, wie sie heute wäre, und frage mich, ob sie gerne wissen würde, was aus meinem Bruder und mir geworden ist. Danke, Karin, dass Du da warst und uns eine Ahnung von einem verlässlichen, spießigen Leben gegeben hast. Früher habe ich das nicht zu schätzen gewusst - heute weiß ich, wie gut es für die Seele ist, wenn man ein Zuhause gefunden hat. Ich wünschte, Du würdest das wissen. Aber das tust Du ja vielleicht.

Taschentuch? 
Ja. Geben Sie mir die ganze Packung.

Sie sind ja ziemlich durch den Wind...
Es geht gleich wieder. In solchen Situationen höre ich gerne "Immer wenn ich traurig bin" von Heinz Erhardt. Dann bin ich ruckzuck wieder auf dem Damm.

Ich wollte nicht, dass Sie an Ihrem 40. Geburtstag traurig sind! 
Oh nein, ich bin nicht traurig. Ich weine, aber das ist ok! Ich bin froh, dass ich noch hier bin. Dass ich noch so viel besser machen kann. Dass ich alle Fehler gemacht habe, die ich machen musste, um zu wissen, was ich heute weiß.
Es ist schön hier, auf dieser Erde. Ich habe es mir bequem eingerichtet, einen tollen Job, tolle Freunde, eine schöne Wohnung. Ich komme mit mir selbst zurecht. Ich habe den Tag heute in aller Ruhe verbracht. Ich habe nichts erwartet und mich wahnsinnig gefreut, über alles, was passiert ist. Ich messe solche Tage nicht mehr an materiellen Dingen, wie ich es früher tat. Blumen schenke ich mir selber, und finde das absolut in Ordnung.
Heute riefen Freunde an, die ich Jahre nicht gesprochen hatte. Das war einfach toll, weil ich nicht damit gerechnet hatte. Ich habe außerdem sehr viele zauberhafte Nachrichten bekommen. Menschen haben mir Gedichte geschrieben! Wie toll ist es bitte, wenn sich jemand hinsetzt, Dir ein paar Minuten seiner Zeit schenkt, um Dir ein Gedicht zu schreiben?

Wirklich, mich hat das alles sehr, sehr glücklich gemacht. Gleich kommt meine Beste, dann kochen wir was zusammen und glotzen "The Voice of Germany". Dann ist der Abend perfekt. Mehr brauche ich nicht. Ich bin zufrieden, und das ist das größte Geschenk, das ich mir selber machen konnte.

Das ist schön. Möchten Sie noch ein paar letzte Worte loswerden? 
Ja, gerne. Ich habe noch ein Gedicht für alle, die sich ständig über den Sinn des Lebens Gedanken machen. Worum es im Kern wirklich geht, das habe ich hier zusammengefasst:

Die Existenz im Zirkuszelt
war nicht grad die, die ich bestellt:
Da suche ich wie Sisyphus
das End, und komme nicht zum Schluss;
und wenn ich denk, ich hab den Sinn
da scheißt ein Vogel vor mich hin.
Doch kaum weich ich dem Kackfleck raus,
da rutsch ich auf ner Schale aus
und falle frei und falle munter
des Lebens langen Abhang runter.

Besorgt frag ich mich noch im Fliegen,
ob wenigstens die Haare liegen.


Vielen Dank, Erna. 
Ich hab zu danken, für die Aufmerksamkeit. Von Herzen.

Ihre Erna Rakete


P.S. Sollten Sie noch weitere Fragen haben: Sie wissen ja, wo Sie mich finden.

Das erste Mal

Es gibt im Leben eines Menschen, aber speziell einer Frau viele erste Male. Der erste Schritt, das erste Wort, der erste Schultag. Der erste Freund, der erste Liebeskummer, die erste Periode.
Das erste Mal. Das erste Mal mit Spaß dabei. Das erste Mal mit Orgasmus.
Der erste Arbeitstag. Das erste eigene Auto. Das erste Kind. Das erste eigene Tier. Der erste (und vielleicht sogar letzte?) Ehemann. Oder auch nicht.
Was auch immer das Leben bereit hält, eine Sache gibt es, die ist immer konstant und doch immer einmalig. Der Geburtstag. Und speziell der runde Geburtstag.
Der 10. ist noch so "Ha, jetzt bin ich kein Kind mehr!".
Der 20. - da weiß man sowieso, dass die Welt einem gehört und nichts unmöglich ist.
Der 30. - man ist schon etwas klüger, aber hey ... immer noch ein heißes Teil und die ganze Welt steht einem offen.
Und dann naht irgendwann, unausweichlich - der 40. Geburtstag. Alle Weichen sind gestellt. Sich jetzt noch verändern - privat oder beruflich - ist schon sehr viel schwieriger als noch vor fünf Jahren. Doch man sieht es auch gelassener, denn man weiß: et kütt wie et kütt und et hätt noch immer jot jejange (für Nicht-Rheinländer: googeln Sie!).
Hat man einen Mann fragt man sich vielleicht, ob es der richtige ist. Hat man keinen Mann, fragt man sich, ob der richtige noch kommt.
Hat man Kinder oder nicht, einen Traumjob oder nur was zum Geldverdienen?
Eines weiß man jetzt aber auf jeden Fall: das wichtigste im Leben sind Freunde. Gute Freunde. Die keine Bedingungen stellen. Bei denen man sich auch mal drei Monate nicht melden kann und die trotzdem für einen da sind. Oder mit denen man jeden Tag kommuniziert,  mit ihnen einfach die täglichen Ängste und Nöte teilt. Männer kommen und gehen, Tiere sterben früher oder später, Kinder gehen irgendwann ihrer Wege - Freunde bleiben.
Oder wie es im alten Karnevalsklassiker der Höhner heißt: "Eschte Fründe stonn zosamme"!
Diesen Eintrag widme ich allen Freunden oder Geburtstagskindern. Oder beidem! <3
https://www.youtube.com/watch?v=WcNwkmAq0wc&feature=youtube_gdata_player

Montag, 11. November 2013

Emma

Wer mir schon länger folgt, oder hier schon mal reingelesen hat, weiß, dass es bis Februar dieses Jahres noch einen Hauptstadthund gab. Und ohne angeben zu wollen (oder na gut, vielleicht ein bisschen), dieser Hund war mit Abstand der coolste Hund, den ich jemals kennenlernen durfte.

Solange ich denken kann, wollte ich einen Hund haben. Als ich 16 war, sind meine Eltern mit uns aufs Dorf gezogen und ich sah meine Chance gekommen. Ich entwarf ein mehrseitiges Bittschreiben an meine Eltern, in dem ich nicht nur auf jegliches Taschengeld verzichtete, sondern sogar meine Freundin unterschreiben ließ, dass sie im Urlaub auf meinen Hund aufpassen würde. Außerdem entwarf ich detaillierte Erziehungsmaßnahmen und legte dieses Pamphlet meinen Eltern unter mein Kopfkissen, in der Hoffnung, sie würden es finden und zustimmen. Nun, sie fanden es und sie überlegten sogar ernsthaft, mir diesen Herzenswunsch zu erfüllen, aber letztendlich entschieden sie sich mit dem Verweis auf meinen nahenden Auszug zwecks Studienplänen dagegen. Allerdings gab es bei uns zu Hause (und meine Eltern waren ziemlich streng) immer den Leitsatz: "Wenn du 18 bist, kannst du machen, was du willst!" In diesem Fall nahm ich das sehr wörtlich und fieberte meinem Geburtstag und dem Eintritt der alleinigen Entscheidungsmacht mehr als entgegen. Nun hatten mir meine Eltern aber glücklicherweise auch eine Portion gesunden Menschenverstand mit anerzogen und mit dem Wissen, dass ich während meines Studiums der Kulturwissenschaft (jaja, lachen Sie nur) ein Semester im Ausland würde verbringen müssen (und ich hatte mich für Schweden entschieden. Recherchieren Sie mal, es ist nahezu unmöglich einen Hund nach Schweden einzuführen), entschied ich mich, zwei weitere Jahre zu warten.
In dieser Zeit wälzte ich Rassebücher, Ernährungsratgeber und Erziehungstipps und erkor dann "Labrador" zum Gewinner. Ich suchte einen Züchter, besuchte ihn und machte alles klar. Direkt nach meinem Schwedenaufenthalt (darüber schreibe ich auch irgendwann mal noch) sollte eine schokofarbene Labradorhündin in mein Leben treten. Ein paar Wochen vor dem Geburtstermin bekam ich eine niederschmetternde Mail der Züchterin, dass ihre Hündin leider nur scheinschwanger war und es keine kleinen Schokolabbies geben würde. Wahrscheinlich können Sie sich nur sehr schwer vorstellen, wie elend mir in diesem Moment zumute war.
Allerdings hatte die Züchterin auch eine blonde Hündin, die ebenfalls trächtig war und sie bot mir an, stattdessen einen blonden Labrador zu nehmen. Und wie man so schön sagt, Hauptsache gesund, mir war die Farbe sowas von egal in dem Moment und so war es beschlossene Sache, aus Schoko wurde Vanille und ich genoss voller Vorfreude die letzten zwei Monate in Schweden.

Am 01.01.2002 fuhr ich dann ins weit entfernte Würzburg, um meine kleine Emma (es war der E-Wurf und ich durfte den Namen selbst bestimmen) abzuholen. Gott, was war ich froh, mich nicht für einen der knuffigen Wollknäuel entscheiden zu müssen. Die kommen alle an, ziehen an deinen Schnürsenkeln und sind zum Auf-der-Stelle-unsterblich-Verlieben. Und dann dieser Moment, in dem ich dieses acht Kilo schwere Glückspaket das erste Mal in den Arm nahm und sie mir sofort leidenschaftlich übers Gesicht schlabberte. Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick.
Die nächsten Wochen und Monate verbrachte Emma Tag und Nacht an meiner Seite, in meinem Bett (eingerollt zwischen meiner Schulter und meinem Kopf), in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Welpenspielstunde, schlafend unter dem Tisch im Restaurant und und und. Immer lieb, immer geduldig.

Nun ist es so, dass dieser Hund 11 Jahre alt geworden ist (was der gewitzte Mathematiker unter Ihnen natürlich schon längst nachgerechnet hat) und in dieser Zeit habe ich hunderte tolle Sachen mit ihr erlebt, da Sie aber sicher nicht bis übermorgen lesen wollen, schränke ich es auf eine handvoll Lieblingserinnerungen ein!

Emma und ich zogen im April 2002 in eine Studenten-WG zusammen mit einer Freundin und einem Freund. Besagter Freund versuchte damals noch recht erfolglos Frauen abzuschleppen (mittlerweile ist er glücklich verheiratet und hat zwei Kinder). Dazu nutzte er den von ihm erfundenen "Deckentrick". Wenn Damenbesuch ins Haus stand, drehte er die Heizung in seinem Zimmer aus, öffnete alle Fenster und sorgte für sibirische Kälte. Kam dann die Dame, erfand er irgendeine Entschuldigung für die Eiszeit und bot ihr eine Decke an, um danach unter selbiger ungestört fummeln zu können.
An einem dieser Tage, war ich in Vorlesungen und er hatte den Auftrag, auf Emma aufzupassen. Nun war er aber leider mit dem "Deckentrick" okkupiert und Emma nutzte die Zeit, um genüsslich die wirklich hässlichen Highheels der Dame in Fetzen zu reißen. Versicherung hat's bezahlt, aber aus den beiden wurde trotzdem nie was Ernstes.

Zur gleichen Zeit hat eine gemeinsame Freundin von uns gelegentlich bei uns geschlafen und wollte sich dafür mit einem großen Essen a la Espana bedanken. Nun stand die Gute wirklich stundenlang in der Küche, zauberte Antipasti vom Feinsten und stapelte alles nach und nach im Nebenzimmer auf dem Tisch, während wir uns gefühlte 13 Flaschen billigen Rotweins einverleibten. Emma lag die ganze Zeit seelenruhig unter dem Küchentisch und harrte der Dinge. In diesem Fall hieß das, sie wartete genau die 30 unbeobachteten Sekunden ab, die es für einen Labrador braucht, um ein Buffet zu räumen. Unbemerkt. Der erste, der das sah, war Mr. Deckentrick. Und er berichtete uns das auch sofort brühwarm. Nur glaubte ihm keiner ein Wort, da er schon mehr als einmal die abenteuerlichsten Geschichten erfunden hatte, um uns aus der Reserve zu locken. Nachsehen gingen wir dann aber doch. Der Anblick, der sich uns bot, war folgender: Auf einem gedeckten Tisch, standen drei riesige blankgeleckte Teller und zwei vollkommen leere Schüsseln. Auf der Couch lag ein blonder Labrador und schaute uns völlig schuldfrei und fröhlich schwanzwedelnd an. Daneben stand eine aufgelöste Freundin und drei lachende Kommilitonen. (In der Küche war zum Glück noch ein Topf Spaghetti und die Bauchschmerzen, die der arme Hund den Rest des Abends hatte, haben wir ihm von Herzen gegönnt. Satt geworden sind wir trotzdem alle. Und Freunde geblieben auch!)

Im Sommer 2003 sind Emma und ich für zwei Jahre in die USA gezogen. Ich hatte ein Stipendium an der University of Oregon bekommen, um meinen Master of Arts in German Literature zu machen (jaja, auch hier dürfen Sie gerne wieder lachen) und es war klar, dass der Hund mitmusste.
So bekam sie also ein paar rosa Pillen, die sie für die Flugzeit ausschalteten, und wir machten uns auf den Weg. (Da ich vorher in diesem Internet die abenteuerlichsten Schauergeschichten über tiefgefrorene Hunde im Gepäckraum gelesen hatte, verpasste ich es nicht, der erstbesten Stewardess eine gepfefferte Ansage zu machen, die sie aber lapidar herabwürdigte und mir erklärte, sie würden ja nicht zum ersten Mal Hunde befördern.) In Portland, OR angekommen, musste ich mich dank 9/11 einer gesonderten Fragerunde (Are you planning on attacking the United States? - Are you carrying any gunes? - Mal im Ernst, sagt da jemand Ja?!?) stellen, der ich mich aber recht schnell entziehen konnte, da ich aufgrund eines wartenden Hundes in der Sperrgepäckabholstelle mehrfach ausgerufen wurde.

Da waren wir nun also. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber auch in dem Land, in dem Hunde weder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, noch in Kneipen mitgenommen werden dürfen. Aber immerhin konnte ich den Hund mit in die Uni nehmen und meine Studenten (damals fing ich an, Deutsch zu unterrichten) liebten Miss Emma heiß und innig und hatten immer ein paar Leckerlis in der Tasche. Diesem Umstand und auch der eingeschränkten Beweglichkeit (siehe oben) war es geschuldet, dass nicht nur ich, sondern auch der Hund ein paar Wohlstandsspeckröllchen ansetzten. Darauf angesprochen, tat ich immer hochempört und verwies darauf, dass Emma nun eben kein Welpe mehr sei, sondern ein ausgewachsener Hund. (Wenn ich mir jetzt Fotos aus dieser Zeit ansehe, erblickt auch mich eine fette Wurst auf vier Beinen, aber damals habe ich das tatsächlich nie so empfunden).

Nun kam der Zeitpunkt des Rückfluges und man muss ja so einen Hund immer anmelden vorher. Das tat ich, circa sechs Wochen vor der geplanten Heimreise. Was Sie nun nicht wissen können, ist, dass die Beförderungsgrenze für einen Hund inklusive Transportbox damals bei circa 35 kg lag. Hm, das hatten wir weit überschritten, also ungefähr zehn Kilo überschritten. Kein Problem, erklärte mir die nette Dame, dann könnte ich den Hund ja mit Cargo unbegleitet "verschiffen". Ein Anruf bei Cargo brachte dann die ernüchternde Erkenntnis, dass das erstens 1000 (!) Dollar kosten würde und zweitens hieß, der Hund würde erst nach Los Angeles fliegen, dort in einer Auffangstation übernachten und dann weiter nach Frankfurt geflogen werden. Ich weinte. Und dann fing ich an zu rechnen. Dann baute ich mich vor Emma auf und erklärte ihr im Brustton der Überzeugung, dass sie nun sechs Wochen Zeit hätte, um zehn Kilo abzunehmen und dass alles andere aus Kostengründen keine Option wäre. Mein genialer Plan war Folgender: Der Hund macht FDH und wir gehen täglich joggen. Die Ausgangsdistanz war eine Meile. Eine Meile, das sind 1.6 km. Das ist nicht viel. Und ich bin ein wirklich schlechter (sprich langsamer) Jogger. Aber Emma hat alles getoppt. Ich zerrte sie quasi an der Leine hinter mir her, ständig wie so ein durchgeknallter Personal Coach rezitierend: "You can do! it! Come on, Emma!" (Ja, wir kommunizierten mittlerweile auf Englisch, weil es einfach so viel leichter war, dem Hund "Sit!", "Down!", "Heel!" beizubringen, als den amerikanischen Mitbewohnern ein "Sitz!", "Platz!", "Bei Fuß!" über die Lippen gegangen wäre.)
Unsere Erfolge waren beträchtlich. Die ersten sechs Kilo (auf beiden Seiten) waren schnell verloren. Und dann kam die große Stagnation. Und wir erhöhten auf zwei Meilen, zweimal täglich. Und schafften es! Na gut, fast. Aber das fehlende Kilo machten wir mit einem entzückenden Augenaufschlag beiderseits am Flughafen wieder wett. Und zwar so wett, dass wir nur einmal Übergepäck (rund 120 Dollar) statt des eigentlich doppelten Wertes zahlen mussten.

Im Juni des Jahres 2011 bekam die Familie Zuwachs und Emma eine neue Aufgabe. Supernanny! Jedes Mal, wenn das Baby weinte, bekam ich einen vorwurfsvollen Blick und Emma folgte mir auf Schritt und Tritt, um zu kontrollieren, ob ich das auch wirklich alles richtig machte. Das Baby wurde größer und eines seiner ersten Worte nach "Mama" waren "Emma". Ein Herz und eine Seele wäre wirklich noch untertrieben. Das Kind konnte sich auf den Hund legen, ihm in der Nase bohren oder am Schwanz ziehen, das alles wurde geduldet. Und ich erinnere mich nur zu gut, wie viele Stunden ich mit Emma an der Seite und dem Kind in der Manduca durch die Nachbarschaft lief. Das hätte ewig so weitergehen können.

Im Februar dieses Jahres ging es meiner treuen Seele, dann auf einmal von heute auf morgen schlechter. Ich machte mir keine großen Gedanken, erst als sie aufhörte zu fressen (Sie wissen das vielleicht nicht, aber so ein Labrador frisst immer! Alles!), machte ich mir ernsthafte Gedanken und brachte sie sofort zum Tierarzt, der Leberzirrhose im Endstadium diagnostizierte und uns im Höchstfall ein paar Tage gab.
Es waren dann genau zwei, an deren Ende ich mich dafür entscheiden musste, sie einzuschläfern. Ich werde den letzten Tag nie vergessen. Wir saßen zusammen im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Im Fernsehen lief Pro7 mit dem Countdown zum Start der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel, was zeitgleich mit dem Eintreffen des Tierarztes begann. Abstruser Countdown.
Das Ende war einfach nur friedlich, mehr kann und muss ich dazu gar nicht sagen. Sie fehlt an allen Ecken und Enden und gelegentlich pusten das Kind und ich noch ein Küsschen in den Himmel zu Emma!

R.I.P. Emma 2001 - 2012


Sonntag, 10. November 2013

Von Netzliebe und Schleifpapier

Weil es heutzutage wohl so normal ist wie Essen, Schlafen und Atmen, dass man übers Internet ein Techtelmechtel beginnt oder gar seine große Liebe findet, will auch ich mal meinen Senf dazugeben.

Im Netz bewege ich mich hauptsächlich auf zwei Plattformen: Seit gut einem Jahr treibe ich bei Twitter mein Unwesen, und seit ein paar Monaten bin ich (wieder) auf facebook unterwegs, wo ich mich Anfang diesen Jahres mit knapp 400 'Freunden' und gefühlten 5000 Fotos in den virtuellen Selbstmord gestürzt hatte. Ich war weg, weil mir das alles zuviel wurde und mir die ewige Privatsphärendiskussion auf den Zwickel ging. Natürlich ging ich nicht, ohne vorher meine Bilder und Infos manuell zu löschen (die wahrscheinlich trotzdem noch auf irgendwelchen Servern herumdümpeln).
Weil sich aber mein gesamter Freundeskreis seit jeher auf facebook regelmäßig zum Pokern verabredet und ich manche Freunde in anderen Städten schon irgendwie vermisste (sie sind ja bei fb doch ziemlich präsent, auch wenn sie nicht da sind), kam ich mit einer abgespeckten Version zurück.

Ich war früher auch ab und zu auf Dating-Plattformen unterwegs, und Dates gab es reichlich. Nur keine Liebe. Die beeindruckendste Fast-Liebesgeschichte hingegen erlebte ich 2008 bei facebook. 

Damals hatte ich in Zuckerbergs virtuellem Puff einen Frankfurter kennengelernt, mit dem ich sehr schnell sehr viele (und sehr lustige) Schriftwechsel hatte, und schließlich sehr oft (und sehr lange) telefonierte. 
Er war cool. Er war bärtig, hatte gelocktes Haar und eine Hornbrille. Ich sah ihn, und meine Hormone tanzten Tango.
Wir lernten uns im Sommer 2008 online kennen, schrieben hunderte von eMails, schickten uns Musik und telefonierten wie die Wilden. Mir war nach den ersten Gesprächen schnell klar, dass ich dieses Schnittchen treffen wollte. Er hingegen machte eher zaghafte Anstalten. Es passte irgendwie nie so richtig. Wir trafen uns dann das erste Mal im Herbst zur Frankfurter Buchmesse, wo ich von Köln aus der Arbeit wegen hin musste. 
Es war ein toller Abend mit sehr, sehr lustigen Gesprächen. Es gab keine peinlichen Pausen; es war mal komisch, mal tiefgründig, mal albern und mal ernsthaft. Es war einfach rund. 
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon irgendwie ein bisschen in mein Gegenüber verliebt, was schade war  denn ihm ging es leider nicht ganz genauso. 

Dummerweise hatte unsere "Verbindung" aber die Intensität beibehalten, mit der sie startete, und so kam es, dass wir auch nach unserem Treffen jeden Tag unzählige Mails hin und her schickten und fast täglich telefonierten. Stundenlang. Weil er mich immer anrief.
Und weil ich ihn mochte, gefiel mir das. Und ich hoffte insgeheim auf eine Weiterentwicklung (in Richtung Beziehung  verdammt, ich hörte schon die Hochzeitsglocken läuten!), wenn ich doch nur locker blieb und ihn nicht bedrängte (man kennt das).
Doch er schaffte es mit Bravour, mich auf Abstand zu halten. Er wollte sich nicht treffen, immer war irgendwas  an diesem Woche dies, an jenem Wochenende jenes. Er wollte "sich Zeit lassen". Er wusste nicht, ob er eine Beziehung will, aber hatte mich schon "in sein Herz geschlossen" und beteuerte, dass er mit mir tausendmal besser quatschen konnte als mit seiner Exfreundin, die ihn verlassen und dann auch noch das gemeinsame Karnickel den Kindern ihres neuen Beschälers geschenkt hatte. Die blöde Kuh.

Für mich war unsere "Fernbeziehung" (die keine war), gelinde gesagt, totale Scheiße. Es war nichts Halbes und nichts Ganzes, aber ich blieb dran. Ich konnte nicht anders.

Im Dezember 2008 lud er mich dann zu seinem Geburtstag ein. Nicht, dass ich nicht vor seiner Party schon zweieinhalb mal abgesagt hatte mit der Begründung, dass das eh nichts brächte, weil er ja doch nicht in mich verliebt sei. Aber gut  er sagte "Oooch, Bitte Bitte!!", und ich fuhr, an einen Grashalm geklammert, nach Frankfurt. Mit einer Zahnbürste im Gepäck. Allein. Auf eine Party, auf der ich niemanden außer den Gastgeber kannte. Und den kannte ich nur von einem Treffen sowie aus gefühlten 12.000 Mails und unzähligen Telefonaten, in denen er mir Dinge anvertraut hatte, die nicht mal seine besten Freunde wussten. Kannte ich ihn also wirklich? 

Auf der Party war es sehr lustig. Ich machte Laptop-Musik, trank Longdrinks, tanzte, machte Fotos, unterhielt mich, tanzte, dann trank ich wieder Longdrinks und tanzte, dann trank ich noch mehr, und irgendwann fiel ich in voller Montur, mit der Kamera in meiner Hand, auf seinem Bett ins Gin-Tonic-Koma.  
Und dann wurde ich irgendwann wach ... weil ich geküsst wurde. VON IHM. Ich war sprachlos ... entzückt. Verwirrt! Die folgende Nacht verbrachten wir züchtig angezogen, aber eng umschlungen auf seinem Sofa, da ich nicht der einzige Schlafgast war. 

Am nächsten Tag hatte ich einen bösen, bösen Kater, und während die anderen sich langsam auf den Weg machten, bekam ich eine Wärmflasche in Herzform ins Bett gereicht, und ab und zu mal ein Küsschen und eine Umarmung. Das war schön und hielt vor für die nächsten Tage. 
Gegen Abend, einigermaßen ernüchtert (aber glücklich, ich zumindest), verabschiedeten wir uns. Ich fuhr zurück nach Köln und hatte eine Portion Chili con Carne als Proviant, die ich wegen meines Katers nicht hatte essen können. Und weil ich so verliebt und glücklich war, machte es mir auch nichts aus, als der Deckel von der Pappdose fiel und die Tex-Mex-Pampe in meine Handtasche suppte. 

Die Tage danach vergingen schnell. Wir telefonierten täglich, und irgendwann wurde die Frage gestellt, ob er Heilig Abend – auf dem Weg von seinen Eltern in Düsseldorf zurück nach Frankfurt – nicht bei mir Halt machen und wir zusammen Weihnachten feiern wollten. Ich flippte aus vor Freude.
"Klar", sagte ich cool, und: "Ich freu mich".

Da ich Exilkölnerin bin und nicht jedes Jahr zu meinen Eltern nach Hause fahre, war für mich klar, dass er und ich zusammen Weihnachten feiern.
Er kam Heiligabend um 22:00 Uhr, und wir machten Bescherung mit schönen, kleinen und gut durchdachten Geschenken, die Bezug auf unsere unzähligen Gespräche nahmen. Schon auf der Fahrt ins Rheinland hatte er mich angerufen und mir Musik durchs Telefon vorgespielt. In seinem Auto lief "Das hat die Welt noch nicht gesehen" von den Söhnen Mannheims. (Dieses Lied hörte ich monatelang  bis zum kalten Kotzen). 

Der Abend war schön, lustig, innig. Wir lachten, tranken Schampus und Schnaps, machten Fotos und erzählten, während ich meine weihnachtsbesockten Füße auf seinem Schoß hatte, und er mir so ganz nebensächlich-vertraut meine Beine kraulte. 
Später machten wir noch eine fiese White-Trash-Kneipentour, und den Weg in die Spelunken nutzten wir für eine lustige Fotosafari: Er schmiss sich mit einer Flasche Jägermeister in die Buchsbäume und ich machte Bilder davon. Der Abend war wundervoll. Wir schliefen eng umschlungen in den ersten Weihnachtstag; ohne Komplett-Sex, aber mit ordentlich Gefummel. 

Dann machte er sich auf in den Skiurlaub. Schade, dass ich nicht mitkonnte, fand ich, wo ich doch Urlaub hatte! Aber das sei 'vielleicht ein bisschen früh', meinte er, 'wir könnten das ja mal gemeinsam planen, später'. Er verabschiedete sich am ersten Weihnachtstag und wir telefonierten weiterhin fast täglich. 

Und sahen uns nicht wieder. 

Er hielt mich wieder auf Abstand, und ich übte mich in Geduld. Warum ich das mitmachte? Weil die Hoffnung zuletzt stirbt. Immer. 
Bis es Sommer wurde und mir der Kragen platzte. 
Ich wurde patzig, beschwerte mich, machte ihm Vorwürfe. Er wurde zickig, patzte zurück und es krachte gewaltig. Ich "beendete", was nie richtig angefangen hatte, am Telefon. Ich weinte, er weinte fast. Das ginge nicht, sagte er. Das sei scheiße und er wollte das nicht. Ich sei in seinem Herzen, und da würde ich immer sein. Mir sei das piepwurscht sagte ich, dann legte ich heulend auf. 

Einen Tag später kam wieder eine Mail. Dass es scheiße sei ohne mich. 

Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals geantwortet habe, aber ich könnte es nachlesen. Ich habe noch alle Mails aus dieser Zeit auf meinem alten Rechner, weil ich nie glauben konnte, dass das alles nur heiße Luft gewesen sein sollte. Weil allein die Mails, die wir uns täglich schrieben, so wahnsinnig komisch waren, dass ich sie nicht einfach wegwerfen konnte. Weil wir auf einer Welle waren, von der ersten Sekunde. In einer Blase im Internet, fernab von der Realität, und trotzdem mittendrin. 

Nun ja: Es ging irgendwie weiter. Wir schrieben wieder, aber telefonierten nicht mehr so viel. Irgendwann krachte es erneut, und ich übertraf alles bisher Dagewesene mit einer langen, ungerechten Mail, die mit den Worten endete: "Ich weiß, dass Du auf diese Mail nicht antworten wirst. Druck sie auf Schleifpapier aus und schieb sie Dir in den Arsch! Das ist eine gute Vorbereitung auf Deinen homo-erotischen Lebensabschnitt  mit Frauen klappts ja irgendwie nicht!!!"

Dann hörten wir nichts mehr voneinander.

Bis zum Herbst. Ich war wieder auf der Buchmesse, in einem öden Hotel. Es regnete, und ich starrte in ein hässliches Frankfurter Gewerbegebiet. Ich dachte an ihn, und was ich ihm um die Ohren gehauen hatte. Ich wollte mich entschuldigen. Ich mailte ihm. Ich schrieb: "Böse Worte schreiben ist wie in-die-Hose-pinkeln. Erst ist es wohlig, warm und befreiend. Es fühlt sich super an. Dann wird es ekelig, nass und kalt. Dann weiß man, wie dumm das war. Tut mir leid". 

Dann schrieben wir wieder, mehr und mehr, und Heiligabend 2009 stand er wieder vor meiner Tür. "Das muss etwas bedeuten", dachte ich, "mit Heiligabend macht man keine Scherze.". Gut, er dachte da wohl anders.
Ich war aufgeregt. Ich fragte, wo er schlafen möchte, bei mir im Bett oder auf dem Sofa. Das sei ihm egal,  wo ich ihn haben wollte, sagte er. 
Ich entschied mich für den Platz neben mir. Die Nacht war sehr anstrengend, denn ich konnte nicht schlafen, weil er da war, aber neben mir lag wie ein Koma-Patient. Er hatte sich umgedreht, war schnurstracks eingepennt und reagierte auf gar nichts mehr. Als ich ihm zaghaft die Hand auf den Oberarm legte, legte ich sie auf einen atmenden Klotz. Also zog ich sie zurück, lag drei Stunden wach und beendete die Nacht freiwillig allein auf meinem Sofa.

Am nächsten Morgen stand er früh auf. Fragte verwundert, warum ich denn auf dem Sofa geschlafen hätte. Er würde übrigens am nächsten Tag nach Australien fliegen, sagte er, mit seiner Exfreundin. Dass er ehrlich zu mir sein wollte. Dass sie das 'mal irgendwann ausgemacht' hätten, wenn beide bis zu einem gewissen Zeitpunkt noch Single wären. Und dass er dieses Versprechen halten würde, auch wenn er absolut nichts mehr von ihr wollte und sogar 'befürchtete, dass sie sich wieder an ihn ranmachen wolle'. Der Arme. Mir kamen fast die Tränen, aus vielerlei Gründen.
Die Ex, das war übrigens die Karnickelbitch, die sich von dem Kerl wieder getrennt, aber den flauschigen Bugs Bunny bei ihm und den Kindern gelassen hatte. Nun ja, all das erzählte er mir mal eben so, während er meine Hand hielt. Gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte, er melde sich, wenn er aus dem Urlaub wieder zurück sei. Als er ging, heulte ich drei Stunden.

Damals hatte ich ihn das letzte Mal gesehen. Er rief nie wieder an.

Nach dem Urlaub änderte er auf facebook seinen Beziehungsstatus. Dort stand nun: "In Beziehung mit ...[Karnickelbitch]". Ein halbes Jahr später war sie schwanger, und später hatte er das Foto seines zuckersüßen Sohnes als Profilbild.

Irgendwann fragte er mich nochmal, ob wir uns wiedersehen. "Wenn Du geschieden bist, können wir ja nen Kaffe zusammen trinken" lautete meine Antwort. Die Scheidung ist wohl noch nicht durch.

Warum ich das alles schrub?

Weil die Geschichte so schön war und ich mich oft frage, ob das damals alles richtig herum gelaufen ist. Ob es sinnvoll ist, dass Menschen sich über eMails oder das Telefon so nahe kommen, wie sie sich im echten Leben vielleicht nicht kommen würden.
Ich wusste schon viel zu viel von dem Frankfurter, bevor wir uns trafen. Das konnte ich nicht einfach wegwischen. Ich wünschte, ich hätte das nicht gewusst. Dann hätten wir uns einmal getroffen, und gut wär's gewesen. Aber so hatte auch er im Vorfeld eine Bindung zu mir aufgebaut, die er nicht aufgeben wollte. Und das machte alles nur schlimmer statt besser. 

Natürlich muss nicht jede Kennenlerngeschichte so weit gehen wie meine. Oft ist ja schon das erste Date ein Supergau, wenn Geruch, Mimik und Gestik eine Botschaft vermitteln, die durch keine andere Information ersetzbar ist. Das ist eben die Schwachstelle an diesen Internetsachen zwischen zwei Menschen: wenn man zu weit vorgedroschen ist, bevor man sich das erste Mal gesehen hat. 
Ist der reale Moment, in dem sich zwei Menschen normalerweise das erste Mal begegnen, außer Kraft gesetzt, haben Projektion und Illusion freie Fahrt: Mail für Mail, Tag für Tag. Sowas kann sehr peinlich werden  vor allem, wenn man sich im Vorfeld vielleicht schon ein bisschen zu viel übers "Untenrum" ausgetauscht hat.

Ich kann aus vollstem Herzen behaupten, dass ich absolut keine Lust mehr habe, mir das Blaue vom Himmel zu projizieren. Und dass ich ganz schnell die Biege mache, wenn es sich in eine solche Richtung bewegt. Klar, ein kleiner Flört ist immer erlaubt. Aber nicht, wenn es was Ernstes werden soll. Schließlich werde ich in ein paar Tagen 40 und ich habe keine Zeit mehr für Dödelkram. Ein kurzer Austausch im Netz ist gut. Aber dann muss es real werden und real bleiben. Alles andere ist Käse.

Neulich war mal wieder so ein Fall. Eine Anbahnung. Wir telefonierten ein paar Mal. Es war lustig! Das Vertrauen war schnell gefasst, und ich hatte kein Problem, ziemlich persönliche Dinge von mir zu erzählen. Er auch nicht. Ich sagte ihm, er sei ein cooler Typ, und dass ich gerne mit ihm spreche. Und dass wir uns bestimmt auch "in Echt" ganz gut verstehen würden. Ich schlug ein Treffen vor, was auf der anderen Seite allerdings nicht auf Begeisterung stieß. Zuviel Druck, sagte er. Telefonieren sei ok, und vielleicht mal treffen, wenn es zufällig passen würde. Mir zuviel und gleichzeitig zu wenig, sagte ich. Das würde immer persönlicher; zu persönlich dafür, dass man sich noch nie gesehen hat. 

Nun gut, auch mit sowas muss man leben. Wir ließen das mit dem Telefonieren, auch wenn das irgendwie sehr schade war. Aber okay!

In Zukunft gehe ich dann mal lieber wieder öfter ohne das iPhone ins Café. Glotze mit einem Auge in die Gala und mit dem anderen auf den Eingang, in der Hoffnung, vielleicht einen netten Kerl aus Fleisch und Blut kennenzulernen. Und zwar in der richtigen Reihenfolge.
Und danach kann man ja täglich telefonieren, mailen oder sich über Whatsapp schweinische Bilder schicken! Aber niemals wieder andersrum. 

Schreiben Sie sich das hinter Ihre roten Ohren, wenn Sie gerade mal wieder dabei sind, sich im virtuellen Liebesrausch untenrum verbal zu vergaloppieren (ist mir auch schon passiert. Zum Glück habe ich ihn nie getroffen. Ich würde sterben vor Pein).

Von Herzen  & mit leicht erhobenem Zeigefinger: Ihre Erna Rakete



P.S. Ich habe absolut nichts gegen Internetbekanntschaften. Das Internet ist toll! Ohne das Internet hätte ich nicht die Frauen kennengelernt, mit denen ich jetzt diesen Blog schreibe. Und ich freue mich für jeden, der seinen Partner übers Netz gefunden hat. Das ist sicher möglich, denn nichts ist unmöglich.

P.P.S. Mal abgesehen von dem ganzen Internetgedöns ist wohl klar, dass auch im "normalen Leben" täglich tausende von Verliebten am langen Arm verhungern, weil manche Menschen sich gerne andere Menschen warmhalten. Solche Geschichten sind schlichtweg ungesund.
Was ich gelernt habe: Wenn es Liebe ist, dann merkst Du es  weniger an den Worten, als vielmehr an den Taten. Ist doch ganz einfach.