Freitag, 25. Oktober 2013

Zweifel

Mein ständiger Begleiter. Es ist ja grundsätzlich gut, reflektiert zu sein. Nicht merkbefreit. Nicht einfach gestrickt. Aber so zweifelhaft? Immer, in allem was man tut? Das stresst. Und macht rote Flecken am Hals.

Da sitze ich also in meinem guten, verantwortungsvollen Job. Zweifelnd, ob es nicht besser gewesen wäre, hätte ich vor drei Jahren den Job bei Haribo angenommen. Vielleicht hätte ich dort einen netten Vertriebsleiter kennengelernt? Vielleicht wäre ich dann jetzt reihenbehaust, mit weißem Gartenzaun in Porz-Eil, mit Berner-Senne Rüden namens Joseph und Maxi-Cosi auf dem Rücksitz des Hausfrauenpanzers? Vielleicht hätte ich aber auch nur 7 Kilo mehr auf den ohnehin schon hüftigen Hüften, dank des monatlich geschenkten Lakritzschnecken-Mitarbeiter-Kontingents von Haribo.

Mein regelmäßigster Zweifel ist folgender: mal angenommen, ich hätte mich nicht nach fast acht Jahren Beziehung getrennt, wäre ich heute glücklicher? Oder bin ich nicht gerade durch die Jahre nach dieser Beziehung zu dem Menschen geworden, der ich heute bin? Eigentlich habe ich mich doch danach erst kennengelernt. Oder nicht? Oder doch? Oder nicht?

Ich zweifle auch sehr oft an meinen Ansprüchen. Ich mag Humor, auch bei meinem Gegenüber, doch ist es berechtigt, das Interesse zu verlieren, wenn jemand mich nicht zum Lachen bringen kann? Ich bin ein zuverlässiger Mensch, ich mag das auch bei meinem Gegenüber. Auf Worte sollten Taten folgen, doch ist das ein zu hoher Anspruch, in einer Zeit, in der Unverbindlichkeit SO groß geschrieben wird? In einer Zeit, in der es den Menschen so leicht fällt sich zu verlieben, wie auch das Kreuzworträtsel der New York Times am Sonntag zu lösen? In der man sich in den ersten zwei Wochen des Kennenlernens an so viele Regeln halten muss, um dem anderen das perfekte Bild von sich zu vermitteln, dass es einen ganzen Markt an Lektüre darüber gibt?
Ich möchte beides. Ein aufregendes Spießerleben. Dass man sich menschlich mag und körperlich. Dass man Freund ist und Liebhaber. Dass man den Alltag bunt malt. Wie bescheuert bin ich, heute noch an so etwas zu glauben? Habe ich rosarotgepinselte Synapsen? Wie kann ich noch darauf hoffen, in einer Zeit, in der es eine so große Verfügbarkeit und so viele virtuelle Möglichkeiten gibt, dass der Mensch geht, sobald er die erste Unstimmigkeit entdeckt? In einer Zeit, in der keiner mehr an etwas festhält, in der viele lieber der nächsten Gelegenheit hinterherhechten, anstatt zur Ruhe zu kommen. Mit dem einen Menschen.

Doch der Lothar Matthäus unter den Zweifeln ist und bleibt: der Selbstzweifel. Ist es gut, so wie ich bin? Gebe ich genug? Kümmere ich mich genug? Kann ich mich vor die Tür trauen, in dieser oberflächlichen Zeit, ohne Platz zwischen den Oberschenkeln? Muss ich mich anpassen? Meine Optik anpassen? In Jeansshorts passen, die so kurz sind, dass die Hosentaschen unten rausgucken? Sollte ich doch diese OP in Erwägung ziehen, bei der man sich um 5 cm verkleinern lassen kann, in dem man sich die Beine brechen lässt? Ich meine, wenn es so etwas schon gibt? 1,76m wäre angepasster! Oder doch lieber zur Abwechslung mal das Fressbrett halten und verdammt glücklich sein darüber, eine Frau zu sein, die etwas ausstrahlt? Die lebensfroh und gesund ist? Die genießen kann? Die Frau ist. Und das sehr gerne!

Immer, wenn die Zweifel zu groß werden, hilft mir Musik. Lauter, harter Bass, der dröhnt die Zweifel weg, immer. Und wenn die Ohren dröhnen wird's im Kopf plötzlich still.

Und dann denk ich wieder, besser zweifeln, als verzweifeln.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Zu groß

Das Kind und ich wohnen allein in einer 120 qm Wohnung. In der Hauptstadt. In einer Wohnung, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können und es dennoch tun. Und heute Abend sind mir diese 120 qm viel zu groß. Deshalb sitze ich in der Küche. Meine Küche hat ungefähr acht Quadratmeter. Das fühlt sich besser an. Viel besser als ganz allein auf einer riesigen Couch in einem noch viel größeren Wohnzimmer.

Es ist auch zu leise in meiner großen Wohnung. Jedenfalls abends, wenn das Kind schläft. Ich versuche das zu übertönen, indem ich im Wohnzimmer den Fernseher laufen lasse. Obwohl dort gar keiner ist. Ich habe auch die kleine Lampe angelassen, die im Wohnzimmerfenster steht und den Balkon in ein heimeliges Licht taucht.
In der Küche habe ich das Radio angeschaltet. Meinen Lieblingssender, der mich davon ablenken soll, dass ich abends niemanden zum Reden habe.

Das war natürlich nicht immer so. Als ich diese riesige Wohnung das erste Mal betreten habe, hatte ich das Baby schon im Bauch. Deutlich sichtbar. Und an meiner Seite war eine zweite Person, die mit mir zusammen diese Wohnung zu unserem Zuhause machen wollte. Und den Hund gab es damals auch noch. Ein großer Hund, der mich elf Jahre lang begleitet hat. Zu ihren besten Zeiten hat diese Wohnung also drei Personen und einen großen Hund beherbergt. Ich glaube, das hat ihr gefallen. Es war eigentlich immer was los. Menschen redeten, ein Baby lachte oder weinte, ein Hund tapste auf den alten Holzdielen herum, schlich sich heimlich auf's Sofa oder legte sich mit einem theatralischen Seufzer auf die Couch und pupste dann friedlich grunzend vor sich hin.

Aber dann kam das Jahr 2013. Und alles wurde anders. Zuerst ging die andere Person. Von heute auf morgen. Das war schlimm. Irgendwie. Und irgendwie auch nicht. Denn es war besser danach.
Aber dann musste ich den Hund gehen lassen. Und das war richtig schlimm. Wenn eine Konstante im Leben wegfällt, ist das einfach immer schlimm.

Aber eigentlich hatte ich gar keine Zeit, über all das nachzudenken. Es galt, ein Leben mit Kleinkind und Vollzeitjob ganz allein neu einzutakten. Aber darüber schreibe ich anderes Mal. Heute schreibe ich über meine zu große Wohnung.

Und dann sitzte da alleine in der 120qm Wohnung und alles, wofür so unglaublich viel Platz ist, ist die Sehnsucht. Und weil die Sehnsucht an manchen Tagen übermächtig wird und jeden einzelnen Quadratmeter auszufüllen scheint, ziehst du dich zurück in die Küche. Schließt dich auf acht Quadratmetern ein. Neben dir das iPhone, weil dein Kontakt zur Außenwelt über Twitter läuft, vor dir der geöffnete Laptop, weil du dir die Sehnsucht vom Herzen schreiben willst.

Sonntag, 20. Oktober 2013

60 Minuten Wahnsinn

Falls Sie Probleme haben, früh aus dem Bett zu kommen und es für utopisch halten, jemals vor acht Uhr im Büro anzukommen (Damit meine ich nicht arbeitseinsatzfähig sein. Wir reden hier lediglich von der physischen Anwesenheit, die einen befähigt, die Kaffeemaschine in Gang zu setzen um im Anschluss den Kopf theatralisch auf die Schreibtischplatte sinken zu lassen.), rate ich Ihnen dazu, sich mindestens ein Kind anzuschaffen.

Den Wecker können Sie sich dann schenken, da Sie pünktlich um 06.17 Uhr mit einem fröhlichen "Mama, ich muss kackern!" liebevoll aus dem Schlaf gebrüllt werden. Im Grunde genommen kann so ein Kind viele Sachen recht selbstständig erledigen ("Mama, du niss! Leine!"), für die morgendliche Sitzung ist aber unbedingt die Mama erforderlich. Zum Händchenhalten. Wenn Sie sich also nach mehrmaligem, nachdrücklichem "Mama, komm ma mit!" aus dem Bett gequält und sich im Dunkeln Richtung Bad vorgetappst haben ("Licht bleibt aus!") gehen Sie auf die Knie und halten Händchen. Auf dem kalten Badezimmerfliesenboden. Da haben Sie sich den ersten Kaffee direkt schon mal gespart.

Es ist nun circa 06.25 Uhr und mit ein bisschen Glück können Sie die Zeit, die das Kind braucht um zu spülen ("Du, du, du, du niss! Stinkt! Leine spüln!") nutzen, um sich die Zähne zu putzen. In  der Zwischenzeit hat Ihr Kind wahrscheinlich erfolgreich gespült und die Gelegenheit genutzt, Ihren teuren Lidschatten großzügig auf die Klopapierrolle zu pinseln und mit dem Eyeliner lustige Bilder an die Badezimmerwand zu malen.

06.35 Uhr (Sie sind nun nackt) fällt Ihrem Kind ein, dass es Hunger hat und nun Frühstück essen möchte. Sie fordern es freundlich, aber bestimmt auf, nicht wie der Flitzer vom Tiergarten durch die Wohnung zu rennen ("Schlüppi hoch!") und rennen (selbst immer noch nackt) in die Küche, um ein Toastbrot in den Toaster zu schmeißen. Dabei fällt Ihnen ein, dass die Brotbüchse des Kindes für die Kita auch noch leer ist, also schmieren Sie schnell ein paar Butterbrote, winken dabei freundlich den Bauarbeitern vorm Fenster zu (immer noch nackt) und schnippeln ein Kilo Möhren und zwei Pfund Äpfel klein (die anderen Mütter sollen ja nicht wissen, dass es bei Ihnen zu Hause selten so viele Vitamine auf einmal gibt).

06.38 Uhr drücken Sie dem Kind ein Buttertoast in die Hand und wenn Sie Glück haben, besteht es nicht darauf, selbstständig noch zweihundert Gramm Butter drauf zu schmieren (beziehungsweise den Küchentisch und wenn doch, addieren Sie hier einfach 5 Minuten).

Nun können Sie ins Schlafzimmer schlendern (na gut, rennen), es ist 06.40 Uhr und natürlich haben Sie noch kein Businessoutfit rausgelegt. Also schnell siebzehn verschiedene Outfits anprobieren (06.45 Uhr will das Kind womöglich ein zweites Butterbrot, oder es kommt, um sich zu freuen, dass Mutti noch ein Nackidei ist und haut Ihnen beherzt auf den Popo).

06.50 Uhr sind Sie fertig angezogen (und Sie werden erst 07.10 Uhr die Butterfinger auf Ihrer Jeans bemerken, die das Kind dort um 06.55 Uhr gezielt platziert hat) und nun geht es daran, das Kind anzukleiden. Das will jetzt aber lieber mit der Eisenbahn spielen. Sie denken sich einen Kuhhandel aus. Relativ gelassen bringen Sie das erste Outfit und versuchen es dem Kind schönzureden. Das hat allerdings einen ausgeprägten Sinn für Mode und das liebevoll arrangierte Outfit fällt bei der Fachjury leider durch. Also gemeinsam ins Bad und eine Alternative finden (in der Regel endet es damit, dass Sie genervt das Kind anfahren, dass ein Unterhemd aber sein muss, weil es schließlich kuschelige 5 Grad draußen sind, dass es aber dafür die grünen Gummistiefel anziehen darf. Obwohl die Sonne scheint).

07.00 Uhr sind Sie das erste mal völlig durchgeschwitzt und bereit für eine Dusche, dafür ist aber leider keine Zeit. Stattdessen haben Sie den grandiosen Einfall, dass so ein Kaffee eigentlich 'ne gute Idee wäre und schmeißen die Kaffeemaschine an. Ihr Kind brüllt in diesem Moment "Mama, muss pullern. Du, du, du, du nis! Leine!" Daraufhin rennt es ins Bad, nur um 12 Sekunden später lautstark zu fordern "Mama, bitte helfen!". Schnell die Kaffeemaschine gestartet, ins Bad gehechtet und gerade noch verhindert, dass der kleine Pullermann über die Klobrille hinaus das Bad vollpullert. Danach der übliche "Du nis! Leine spüln!" und "Schlüppi wieder hoch!" Kram.

07.05 Uhr gießen Sie sich eine Tasse Kaffee ein und sagen dem Kind, dass es sich bitte anziehen soll. Das nimmt es zum Anlass, gemütlich ins Kinderzimmer zu schlendern, um noch mal alle Legosteine auszukippen. Langsam drängt die Zeit und sie "helfen" dem Kind in die Jacke und die Mütze. Kurze Schuhdiskussion (Kind gewinnt, es werden die Gummistiefel.) Beim Fahrradhelm gibt es die erste echte Krise des Tages, denn das Kind will bitteschön prinzenstyle im Kinderwagen kutschiert werden. Sie erklären ganz entspannt, dass das leider nicht geht, weil Mama auf Arbeit muss und mit dem Fahrrad fahren will.

Bis Sie sich nun in Ihre Schuhe und Lederjacke gestopft haben, ist es 07.10 Uhr und höchste Eisenbahn, das Haus zu verlassen. Also schnell Kind dem Fahrradhelm aufgezwungen, Tasche geschnappt und raus zur Tür.

Vor der Tür fällt dem Kind auf, dass es aber unbedingt alle vier Schnuller braucht, die irgendwo in der Wohnung liegen. Also Tür wieder aufgeschlossen, denn wer will schon, dass es aufgrund dieser Lappalie das ganze Haus zusammbrüllt, und beetweise Schnuller suchen. Dabei das Chaos im Schlafzimmer (16 ungenutzte Outfits) und die Butterfinger auf der Jeans (egal, dafür ist jetzt keine Zeit mehr) bemerken, und immerhin drei Schnuller finden (Was soll's, das muss reichen!). Wieder raus, Haustüre abschließen und los geht's.

07.14 Uhr fällt Ihnen im ersten Stock ein, dass die Kaffeemaschine noch an ist und Sie keinen Kaffee getrunken haben. Also schnell das Kind geschultert und wieder in den dritten Stock gesprintet. Kaffeemaschine aus, im Vorbeigehen bemerken, dass die Brotbüchse des Kindes noch auf dem Schuhschrank liegt, schnell eingesteckt und nun aber wirklich.

07.15 Uhr stehen Sie vor Ihrem Fahrrad und merken, dass es regnet. Tjanun, dann also schnell 12 Kilo auf den Arm genommen und in die Kita gerannt. Sind ja nur 900 Meter.

Und Sie dachten, Sie hätten Probleme.

Samstag, 19. Oktober 2013

Vergessen

Über das Vergessen wurde ja schon vieles geschrieben. Aber was genau, das hab ich vergessen. 

Überhaupt bin ich sehr vergesslich. Also so im allgemeinen Vergleich. Wenn ich mit Freunden oder mit Fremden spreche, kommt manchmal das Thema "weißt du noch" auf. So in der Richtung "weißt du noch, damals in der zweiten Klasse, als der Florian sich im Sportunterricht beide Beine gebrochen hat?" Nein! "Weißt du noch die Titelmelodie von 'Ein Trio mit vier Fäusten'?" Nein! "Weißt du noch auf der Klassenfahrt, als Frau Wollanski nackig über den Flur rannte, weil sie sich ausgesperrt hatte und sich dann mit den Gardinen der Jugendherberge notdürftig bedeckte?" Äh - NEIN! 

Es ist nicht so, dass ich mich an solche Sachen nicht erinnern will, aber sie sind oft *schwups* einfach weg. 

Der erste Kuss? Weg.
Der erste Sex? Sehr verschwommen. (Ich glaube, irgendwann stand seine Mutter im Zimmer. Oder war das Freund Nr. 2?)
Der Typ mit dem Penis wie die Nase von Gonzo? Weg. (Also die Details. Name? Wo kennengelernt?)
Meine erste Dauerwelle? Weg! (Jaja-verdrängt. Eigentlich sah ich aus wie Baby in Dirty Dancing. Jaaa - auch die Nase!)
Das Konfirmationskostüm? Oh Gott-weg!!! (Alle Fotos verbrannt. Die Negative auch. Und alle Zeugen zum Schweigen gebracht!)

Aber es ist wiederum auch nicht so, dass ich mich an gar nichts mehr erinnere. Die erste Telefonnummer im Haus meiner Eltern? Die selbstgenähte Hose mit den seltsamen Stofffetzen dran? Wie die Hauptdarstellerin aus ein Colt für alle Fälle hieß? (Heather Thomas) - alles gut abgespeichert!
Unnützes Wissen in unendlicher Vielfalt belastet mein Gedächtnis.
"Schatz, wo ist denn mein kleines graues Dings, du weißt schon, für die Bohrmaschine!" "Im Flur, zweite Schublade, unter den Schals!"
"Mama, wo ist der Schuh von der Barbie?" "Im Kaufmannsladen. In der Schublade mit der Aufschrift 'Kümmel'."
"Wie hieß der Sohn von Großtante Magda?" "Der mit der schönen Uschi? Siegfried."
"Und wie hieß nochmal dieses Brausepulverzeug in der Dose, das wir uns in die Hand gekippt und mit der Zunge aufgeditscht haben?" "Quench!"

Was lehrt uns das - Gedächtnis ist selektiv. Manches würden wir gerne vergessen, müssen aber jeden Tag daran denken. Die Steuererklärung - jaja. Und zum Zahnarzt müsste man ja auch mal wieder. Und diese blöde Bemerkung von Mama letzte Woche spukt auch noch irgendwo im Kopf herum.

Anderes hingegen möchte man gerne für immer abspeichern, es wird aber schon nach kürzester Zeit von Neuem verdrängt. Dieses lustige Wort, dass das Kind immer benutzte (rumfalsch statt falschrum - so süß). Die Geräusche, die das Baby beim ersten Breiessen machte (nomnomnom - so onomatopoetisch!). Früher hielt man dieses ganze "Genieß die Zeit, solang die Kinder noch klein sind"-Sprüche für eine Erfindung der Postkartenspruchindustrie, doch spätestens beim zweiten Kind weiß man - da ist was dran. Die ersten Wochen - nur noch eine vage Erinnerung. Mehr die Erinnerung an ein Gefühl, einen Geruch. Das erste Mal drehen, das erste Mal krabbeln - ungläubig, wehmütig - jetzt rennt das Kind durch die Gegend und ist nicht mehr zu bremsen. Das erste Wort? Natürlich Mama! Oder doch Babba? Oder Ball? Seit wann muss man auf dem Spielplatz nicht mehr ständig in Habachtstellung sein? Wann war man das erste Mal die "blöde Mama"? Die Übergänge sind fließend. Und wann wird man selbst vergessen sein? Meine Großeltern leben teilweise in den Namen meiner Kinder weiter - gegen MEIN Vergessen!  

Aber wie kam ich denn jetzt an diesen Punkt? Wollte ich nicht eigentlich was ganz anderes sagen? Vermutlich schon. Aber ich habe es - vergessen. 


Unkraut jäten

Für mich war schon immer klar: Ich habe großen Spaß daran, das auszusprechen, was andere lieber verschweigen, oder sagen wir: was sie sich manchmal fast nicht zu denken trauen. (Höchstens, wenn sie sehr, sehr betrunken sind - aber dann können die meisten ja zum Glück nicht mehr sprechen.)


Genau so will ich es hier auch halten. Denn übers Wetter reden, das kann man ja mit Maxi Biewer!

Kurzum - Ich habe mir neulich die Rosette gewachst. Und das hat furchtbar wehgetan. Aber ich möchte Ihnen die ganze Geschichte erzählen...

Ich bin ein Kind der 70er, und als ich aufwuchs, hatten die Frauen noch das, was die Evolution der Weiblichkeit als Wegweiser zum Tempel der Fruchtbarkeit übriggelassen hatte: Ein haariges Dreieck.
Selbst im Halbdunkel wusste Mann: Da, wo der Frosch die Locken hat, is untenrum. Frei nach dem Motto "Ab durch die Hecke" warfen sich Generationen von Männern in den haarigen Schoß der Frauen, um sich den Weg zum Uterus freizu -äh- kämmen.

In den 80ern, als ich die ersten drölf Haare im Schritt hatte, kam kein Mensch auf die Idee, dass eine Frau untenrum so aussehen muss wie ein Neugeborenes. Wir ließen es lustig wuchern und konnten das Geld, das wir heutzutage inflationär in Rasierer, Wachs, chemische Enthaarungsmittelchen und technisches Gerät investieren, für Haarspray, Kitten Heels und Wrigley's Spearmint Gum ausgeben.

Zugegebenermaßen war es mir trotzdem irgendwann peinlich, als das haarige Dreieck Anstalten machte,  großzügig beidseitig in Richtung Knie auszuwuchern. Das durfte nicht sein! Ich nahm den Rasierer meines Stiefvaters und stutzte die Böschung. (Dass ich leider vergaß, diesen danach fachgerecht zu reinigen, steht auf einem anderen Blatt. Dass es sehr peinlich war, als ich darauf angesprochen wurde, auch. Ich habe es zum Glück schon vergessen).

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich zwischen 14 und 21 überhaupt kein Problem mit meinem haarigen Dreieck hatte, und alle meine damaligen Freunde zum Glück auch nicht. Und dass auch jeder ansatzweise mehr oder weniger reichlich behaarte Pillermann wusste: "Home is where the Haar is".

Irgendwann ging es dann los. Und zwar zu der Zeit, als Madonna sich die Spitztüten umschnallte und diese Krankheit bekam, bei der ihr die Beine auseinander klappten, wann immer sie auf einem Stuhl saß.
Als der Blick der Gesellschaft auf den Schritt der Frau gerichtet wurde und das unschuldige, haarige Dreieck ins Rampenlicht geriet.
Da schrie nicht nur die PETA, dass die Frauen bitte aufhören sollten, Pelz zu tragen; da rief die ganze Beauty-Indutrie dazu auf, dem Wildwuchs Herr zu werden!

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich mir das erste Mal untenrum alle Haare abrasiert hatte, um dem Druck der neuen Schrittästhetik standzuhalten. Und als ich die Nebenwirkung sofort zu spüren bekam:
Als ich das erste Mal unbehaart pinkeln ging, wurde mein Blaseninhalt nicht wie sonst von der Schambehaarung gebündelt und nach unten sauber abgeleitet, sondern (wie bei einem Güllewagen) in alle Richtungen gleichzeitig über das Porzellan verteilt.  Und auf meine Schenkel.
Wer mal einer Kuh beim Pinkeln zugeschaut hat, weiß, wovon ich spreche! Bei Kühen kann man ganz prima sehen, wie ein haariger Trichter den Blaseninhalt punktgenau auf die Wiese lenkt. (Ich nehme das Beispiel Kuh, weil Kühe sich ja offensichtlich nicht schämen, in der Öffentlichkeit vor Publikum ihr Geschäft zu verrichten. Und weil man ihnen wunderbar dabei zuschauen kann).

Die zweite Nebenwirkung: Ein furchtbares Jucken, als die Haare wieder zu sprießen begannen. Ein Jucken, das man nicht ignorieren konnte. Ein Jucken, das einen dazu zwang, sich am hellichten Tag wie ein LKW-Fahrer im Schritt zu kratzen! Ich mache das heute noch so. Heimlich.

Ich muss sagen, dass mich beides (das Güllewagen-Syndrom und der Juckreiz) nicht davon überzeugte, meinem haarigen Dreieck dauerhaft den Kampf anzusagen. Ich ließ den vaginalen Teppich wieder wachsen, solange es in meinem Leben Männer gab, die mutig genug waren, sich durchs Gestrüpp zu kämpfen. Und derer gab es viele!!

Bis Mitte/Ende 90er lebte ich im Einklang mit mir selbst, der Natur und meinem Schrittgemüse. Auch die Frauen in den Pornos durften es noch üppig sprießen lassen! Nicht, dass ich Pornos geschaut hätte, aber mein damaliger Freund hatte mir davon erzählt. (Glaube ich.)
Ende der Neunziger dann (ich habe gerade noch mal bei Wikipedia nachgelesen) tauchte das erste mal das Brazilian Waxing in den Medien auf, und 2000 wurde es dann bei Sex and the City von Frau Parker ausprobiert.

Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass auch hierzulande Frauen anfingen, sich bei lebendigem Leibe untenrum zu skalpieren. Ich auch. Meine erste Waxingerfahrung machte ich 1999 in einem Kosmetikstudio in Bremen-Neustadt. Rückwirkend bin ich froh, dass ich nicht wusste, was auf mich zukommt, denn sonst hätte ich mich vorher bewaffnet oder wäre gar nicht dahingegangen.

Als mir die nette Dame das Wachs auf die Bikinizone gestrichen hatte, ahnte ich noch nicht, dass mir Sekunden später ein Schmerz durch den Körper fahren würde, als würde mir jemand beide Beine absägen. Ohne Betäubung. 
Ich bewundere mich noch heute dafür, dass ich nicht in Ohnmacht fiel!
Bis dahin war Schmerz nur ein Gefühl. Als die nette Dame mir mit einem Ruck ca. 300 Haarwurzeln gleichzeitig aus meinem Körper riss, wurde mir heiss und kalt. Mit einem Schlag öffneten sich alle (ich betone: ALLE) Schweißdrüsen meines Körpers, weil sie wohl dachten, sie müssten ein letztes Mal zeigen, was in ihnen steckt. Bevor ich leblos von der Liege kippe.

Der Schrei muss beeindruckend gewesen sein. Sowas kennt man nur aus dem Kreißsaal.

Ich muss schon sagen, dass sich das lohnte: Ich hatte 6 Wochen keine Rasierpickelchen mehr. In meinem Mallorca-Urlaub hatte ich an fünf aufeinanderfolgenden Tagen dreimal Fast-GV, einmal den Jackpot und einmal die Genetik eines Bundesliga-Spielers im Jacken-Ärmel (das ist allerdings eine andere Geschichte und das war auch nicht meine Jacke. Die war nur geliehen).

Ich weiss nicht, ob das mit dem Waxing zu tun hatte, aber ich muss sagen: Es lief untenrum wie frisch geschnitten Brot.

Da ich aber zu den Menschen zähle, die wohl um ein vielfaches schmerzempfindlicher sind als andere, griff ich die darauffolgenden Jahre auf Rasierer zurück. Trotz Güllewagen-Syndrom, Rasierpickelchen und Juckreiz.

Der Nachteil der ständigen Rasiererei liegt natürlich auf der Hand: Wann immer ich auf Reisen meinen Ladyshave vergaß (oder zu faul war, es zu tun), wurde mir wieder gewahr, dass die Menschheit tatsächlich vom Affen abstammt.
Mit den Jahren hatte ich so häufig in meiner Bikinizone umhergemäht, dass das Dreieck -hätte ich es sprießen lassen- einen geschätzten Quadratmeter Land dazugewonnen hätte.
Und dann immer wieder diese Situationen, wenn ich beim Sport oder beim Arzt vor Publikum im Schlübber dastand, und links und rechts die Drahtwolle rausragte. In Ansätzen zumindest.

Also hatte ich dieses Jahr die Schnauze voll. Ich wollte dem Bären dauerhaft an den Kragen! Ich kaufte mir einen Epilierer.

Nun, ich mache es kurz (ich versuche es zumindest): Sich selbst großen, furchtbaren Schmerz zuzufügen ist bescheuert, aber erträglich - weil man es dosieren kann. Und nachdem mir eine Freundin gezeigt hatte, wie sie mit dem Epilierer leicht-beschwingt sogar in ihrem Gesicht rumfuhrwerkte, nahm ich das Projekt "Unkraut jäten in der Bikinizone" in Angriff.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Haut mit jedem Mal epilieren unempfindlicher wird, wobei ich betonen möchte, dass ich nach wie vor nur die Bikinizone epiliere. Weil ich Angst habe, dass sich meine vaginalen Unebenheiten in den Epilierwalzen verheddern. Klingt komisch? Ist aber so!
Aber: Je unempfindlicher die Bikini-Haut, desto mutiger wurde ich mit jeder Session. 
Und ungedulgiger. 
Und weil mir das Epilieren trotz routinierter Handgriffe eigentlich immernoch ein bisschen zu lange dauert, entschied ich mich jüngst für die Wachsversion.

So kam es vor drei Tagen dazu, dass ich mich -mit Kaltwachsstreifen bewaffnet- unten ohne und breitbeinig vor einem Kosmetikspiegel wiederfand.
Hätt ich da bloß nie reingeschaut!!!
Mein lieber Schwan, wachsen da viele Haare...und an Stellen, die man ja so gesehen als Frau nie zu Gesicht bekommt! (Weil sie sich ja selber nicht... Vielleicht ganz gut so).

Mir war also klar: Die eigentliche Herausforderung lag darin, die Rosette vom rudimentären Haarkranz zu befreien. Es gelang mir sogar! Teilweise. Ich dachte zwar kurz, dass ich danach nie wieder Radfahren könnte, aber diese Zweifel hatten sich am nächsten Tag in Luft aufgelöst.

Jetzt sitze ich also hier mit einer blanken Rosette und frage mich, ob die jemals überhaupt jemand zu Gesicht bekommt. Aber falls ich mal einen Unfall habe, bei dem mir der Schlübber wegfliegt... mach ich wenigstens auf dem Weg ins Krankenhaus eine gute Figur.

In diesem Sinne - Gruß aus der Rinne.
Ihre Erna Rakete


P.S. Dies ist kein Plädoyer für oder gegen die Haarentfernung im Intimbereich. Dies ist eine Bestandsaufnahme, verbunden mit der Phantasie, eines Tages könnten die Menschen einfach wieder so aussehen, wie Gott sie geschaffen hat.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Lachschaden

Also das "mit diesem Internet" mach ich ja schon länger, aber aktiv hab ich mich nie daran beteiligt. immer schön konsumieren lautete die Devise. Na gut - irgendwann meldete auch ich mich auf Facebook an, fühlte mich aber im Kreise meiner Eltern, Tanten und Schulkameraden aus der Grundschule nicht imstande, dort mehr als Postkartenidylle zu verbreiten.


Dann irgendwann im November 2012 las ich einige Blogeinträge, in denen es u.a. auch um Twitter ging und dass das ja gar nicht so einfach wäre, sich da über Wasser zu halten. Und da ich solche Sachen immer gerne direkt nachprüfe, meldete ich  mich noch am gleichen Abend an. 

"Sehr interessant", werdet ihr jetzt denken. "Was will uns das Frollein damit sagen?"
Eigentlich wollte ich damit nur erklären, warum ich jetzt hier schreibe, denn ohne Twitter hätte ich niemals ein paar wirklich tolle Frauen kennengelernt, mit denen ich jetzt hier schreibe. Wie das passierte ist aber eine völlig andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden.

Die Idee zu einem Blog kam uns schon recht früh, aber irgendwie traute sich niemand so recht, den ersten Schritt zu machen. Bis heute. Da musste sich eine von uns mal ihren Date-Frust von der Seele schreiben. Das bin zum Glück nicht ich, denn ich bin die einzige bei uns im Bunde in "geordneten Verhältnissen", d.h. mit Ehemann und 2 Kindern (von diesem Mann) und mit Job und toller Familie und und und....und vielleicht habe ich im Laufe dieses Blogs dann auch Lust, diese Idylle ein bisschen aufzubrechen und die Schattenseiten zu zeigen. Und dass nichts so ist, wie es scheint. Vielleicht schreibe ich aber auch nur Kinderkram. Oder Jobfrust. Allein dass ich hier schreibe, ist schonmal ein guter Anfang wie ich finde.

"Aha, super. Und was hat das ganze jetzt mit der Überschrift zu tun?" fragt ihr euch - zurecht, wie ich finde! 
Ganz einfach - seit Twitter, aber speziell seit ich die anderen Mitschreiberinnen kennengelernt habe, habe ich noch nie so oft vor einem leblosen Gerät wie meinem Smartphone gesessen und Tränen gelacht. Und habe mir damit schon des öfteren den einen oder anderen missbilligenden Blick eingefangen. Aber ey -das war es wert!

Ich hoffe, ihr könnt auch über die eine oder andere Geschichte hier lachen. Und wenn nicht, dann betrachten wir das ganze hier einfach als Tagebuch - denn dafür waren Logbücher doch seit eh und je gedacht, oder?! 

Oliver

Im Sommer habe ich gesagt, ich melde mich nie wieder bei einer Internet-Singlebörse an.

Letzten Sonntag war der Sommer vorbei. Meine Lieblings-Randgruppenplattform grosseleute.de oder Friendscout24, die einzige Seite, auf der ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht habe? Ich entschied mich für Friendscout24!

Nachdem meine Bilder online waren, hatte ich relativ schnell ein volles Postfach. Die üblichen „Lust auf Autobahnraststätte?“-Nachrichten, ein paar Männer die sich für Strümpfe interessieren, ein 19-Jähriger, der wohl hoffte von mir eingeritten zu werden und ein paar normale Nachrichten, von denen mich keine so sehr interessierte, dass ich sie bis zum Ende las.

Ich beschloss, meine Suchkriterien festzulegen und selber zu suchen. Ich hasse das.
Ab 189 cm, zwischen 30 und 40 Jahren, Kölner Umkreis. Erstes Ergebnis: Oliver.
Schönes Foto. Keine Yacht im Hintergrund. Er lehnt nicht an einer Palme, keine rausgestreckte Zunge, kein nackter, eingeölter Oberkörper. Nett.
Scheinbar sucht Oliver eine feste Beziehung. Ich schicke eine „Flirt Nachricht“, „Verrate mir mehr von dir“. Olivers Antwort kommt nach exakt 1,5 Minuten.
Ich antworte mit einem Link zu meiner Facebook Seite. Er schickt mir eine Freundschaftseinladung.

Nach etlichen Facebook-Nachrichten beschließen wir, am Montagabend zu telefonieren. Um 20 Uhr ruft Oliver an. Wir quatschen über dies und das, seinen Hund, unsere Familien, die letzten Urlaube. Schon jetzt fällt mir auf, dass Oliver recht häufig ein „wir“ verwendet, das ich nicht zuordnen kann. Ich rede mir ein, er meine sich und seinen Hund.
Nach einer Stunde verabschiede ich mich, er betont wie enttäuscht er ist, auflegen zu müssen und, dass er unser erstes Date am Samstag nicht erwarten kann.

Dienstagmorgen. Der Tag beginnt mit einer SMS von Oliver. Nach ein paar Nachrichten wird klar, Mann möchte nicht bis Samstag warten ... Wir verabreden uns also spontan für heute, in einem Bistro, ganz in meiner Nähe. Ich mag spontan. Er hat die weitere Anreise. Sehr galant.
Ich wundere mich immer mehr über das „WIR“, von dem er immer häufiger schreibt. „Wenn wir dann mal in Urlaub fahren, wenn wir dann mal bei meiner Familie sind, ...“ Ich stelle meine eigene Verkorkstheit in Frage, sage ihm aber dann doch, dass ich ein „wir“ ausklammern würde, solange man sich nicht zumindest einmal „gerochen“ hat. Oliver fragt  nach meinem Parfum. Scheinbar sind wir noch nicht auf einer Wellenlänge angekommen.

19 Uhr, ich stehe auf dem Parkplatz eines Bistros, Oliver fährt vor. Er parkt neben mir, steigt aus, kommt auf mich zu. Auf den ersten Blick sehe ich, er ist mein Typ. An einer lässigen und doch festen Umarmung erkenne ich, dass er das genauso sieht. Wir begrüßen uns verlegen und gehen auf die Terrasse, ein schöner Platz unter einem Heizpilz.
Nur 75 Minuten später ist Oliver schon fast fertig mit seiner im Monolog gehaltenen Management-Präsentation über sich selbst. Der Moment, in dem viele gegangen wären, ist der, an dem ich die ersten beiden Weinschorlen zur Toilette bringe und mir einrede, er wäre sicher nur nervös.

Ich komme wieder, Oliver erzählt weiter. Es folgen wunderschöne O-Töne:
„Wahres Glück ist, meinen Sohn einmal mit meinen Augen um den Weihnachtsbaum laufen zu sehen und die winkenden Hände meiner Tochter, die der ihrer Mutter gleichen.“
„Den letzten Liebeskummer hatte ich, als meine Oma starb.“
„Ich höre bald mit dem Sport auf, dann müssen WIR ganz viel schwimmen und spazieren gehen, damit ich mein Gewicht halte!“
„Bist du für oder gegen eine PDA? ... Ich meine, wir sind ja beide groß.“

Nach einem nun zweistündigen Monolog, der zum größten Teil nicht mal Sinn ergibt, frage ich mich, aus welchem Ratgeber dieser Mann seine Sätze wohl auswendig gelernt hat? Und wie er wohl wirklich ist? In echt? Wenn er nicht damit beschäftigt ist, jedes „Das lieben die Frauen doch“-Klischee vorzutragen.
Ich frage Oliver, ob er es nicht seltsam fände, beim ersten Treffen über Dinge wie eine PDA zu sprechen? Eine Frage, die in seinem Antworten-Katalog scheinbar nicht vorgesehen war. Keine Antwort.
Es folgt, mein Lieblingssatz: „Jetzt bist du dran.“ Ich erkläre Oliver freundlich, dass ich es lieber mag, wenn sich eine Unterhaltung von selber aufbaut, dass ich nicht der Typ bin für Monologe. Er könne mich aber gerne fragen, wenn er etwas Bestimmtes wissen möchte. Nicht einmal diesem einen Satz hörte er bis zum Ende zu.

In den folgenden 1,5 Stunden war in den kurzen Momenten, in denen ich etwas sagte, jedes vorbeifahrende Auto, jede vorbeifliegende Fliege und jedes zerplatzende Luftloch in der Luft spannender als meine Worte. Langsam begriff ich, ich verbrachte meinen Abend mit einer soziopathischen Luftpumpe.

Nach etwas mehr als drei Stunden frage ich Oliver, ob wir langsam um die Rechnung bitten wollen. Der Kellner kommt, den Bon in der Hand. 28,60 €. Oliver zögert. Er gibt einen 50-Euro-Schein und sagt: auf Dreißig! Er wirkt verspannt. Ich ahne Schreckliches. Ich stelle Oliver die Frage, vor deren Antwort sich viele Frauen so sehr fürchten. „Sollen wir teilen?“ Nach seinem „Ja, können wir machen“, spüre ich, wie mir der Geburtskanal zufriert.
Auf dem Weg zum Auto fragt er nochmal nach unserem Date am kommenden Samstag. Ich sage Oliver, dass wir gerne die geplante Hunderunde gehen können, ich jedoch erstaunt sei über sein „Rechnung teilen“ und, dass ich, altmodisch wie ich bin, es toll finde, wenn es einem Mann beim ersten Date mit einer Frau eine Ehre ist, die Rechnung zu übernehmen. Ich erkläre ihm, während er nicht zuhört, dass dies für mich etwas Ritterliches hätte.
Wir verabschieden uns am Auto.

Ich bin zu Hause. Nach einem kurzen Austausch über den interessanten Verlauf des Abends mit Freundinnen liege ich im Bett. Es ist kurz nach 00:00 Uhr. Mein Festnetztelefon klingelt. Oliver. Ich gehe überrascht ran.
Oliver sagt, ich solle den Abend doch mal reflektieren. Ich frage erstaunt: jetzt?!? Er: „Ja, schieß los!“
Überfordert von seiner Tölpelhaftigkeit frage ich, ob er es normal fände, dass man nach dem ersten Date zum Rapport muss?
Oliver möchte wissen, wie er auf mich gewirkt habe, wie er rübergekommen sei, was er für einen Eindruck gemacht habe. Fassungslos wiederhole ich nochmals, dass ich mich fühle wie beim Rapport und frage ihn, ob er eigentlich MICH oder SICH kennenlernen will?!? Er betont, dass er positives Feedback über sich gerne mehrmals hört.
Oliver fragt zum vierhundertundsiebzehnten Mal nach unserem Date am Samstag. Ich sage betont ruhig und freundlich, dass wir uns natürlich – wie mehrfach vereinbart – am Samstag treffen können. Er sagt nochmal, dass er positives Feedback über sich gerne mehrmals hört.
 Auf eine unterkühlte Verabschiedung meinerseits folgt am nächsten Morgen diese SMS:
„Ich habe nachgedacht. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht weitergeht. Viel Erfolg!“

Nun. Ob es daran lag, dass ich Oliver weder feierte, noch anhimmelte, für die atemberaubende Präsentation seiner selbst, die gespickt war mit Ungereimtheiten und Dingen die keinen Sinn ergaben, oder daran, dass ich ihn genau das merken ließ, oder ob es vielleicht die Tatsache war, dass ich nicht dazu bereit bin, einem Mann nach dem ersten Date per Rapport mitzuteilen, wie faszinierend, charmant und gutaussehend er ist, werde ich nie erfahren.
Ich denke, ich möchte es aber auch gar nicht.
Ich lösche mein Profil noch nicht. Oliver war furchtbar. Aber auch furchtbar amüsant.
Um es mit seinen Worten zu sagen:
 
„Wir sind über 30. Der Markt wird dünner.“