Freitag, 15. November 2013

Mein Leben mit einem Rentner

Wir alle wissen, die Familie sucht man sich nicht aus. In meinem Fall ist Blut tatsächlich dicker als Wasser. Soll heißen: ich habe verdammtes Glück gehabt mit meinen Erzeugern! Was ich brauchte, das gaben Sie mir mit. Liebe, Werte, Geld, gute Ratschläge. Allerdings hat sich im letzten Jahr von heute auf morgen fast alles verändert.

Ziemlich zeitgleich mit meinem dreißigsten Geburtstag ging mein Vater in Rente. Gibt es eigentlich etwas beängstigenderes, als Eltern, die älter werden? Und mal ehrlich, liegt das nicht auch vor allem daran, dass uns das Leben damit gnadenlos aufzeigt, dass auch wir älter werden? Und dass jeden Tag ein bisschen mehr von unserer gemeinsamen Zeit abläuft?

Mein Papa ist eine Mischung aus Fred Fussbroich, Günter Jauch, Bob der Baumeister und Büttenredner. Er weiß alles, er kann alles. Strom, Wasser, Garten. Häuser bauen, Aufzüge reparieren, mit dem Auto ohne Karte durch fremde Länder fahren, sich dort mit Menschen jeder Sprache unterhalten ohne auch nur eine Vokabel zu kennen. Von ihm habe ich sehr viel. Mein Temperament, meinen Humor, meine Loyalität.

Die Metamorphose zum Rentner kam bei ihm über Nacht.
Von April auf Mai wurde er zu jemandem, der ohne Altherren-Kappe das Haus nicht verlässt und dessen Tagesablauf streng nach der Sendezeit von 'Sturm der Liebe' geplant ist. Wo ist Papa? Im Baumarkt!

Kellner in Kölner Szenecafés fragt er gerne, ob der Kaffee auch „warm“ sei, wenn chillige Café del Mar Musik im Hintergrund läuft, wird energisch mitgesummt. Einkaufszentren sind der größte Horror. So läuft er ausschließlich pfeifend durch die Gänge, so laut, dass man sich nach einer Runde im Center mit ihm bereits einen Namen gemacht hat. Reagieren die Menschen nicht ausreichend, hustet er gerne auch so lange, bis sich die Leute vor uns umdrehen, nur um sie mit den Worten „Nur Husten, kein Krebs!“ beruhigen zu können.
Im Geschäft kommen wir dann zum Höhepunkt. Er probiert an. Alles. Damenmützen, Ohrenschützer, Hundehalsbänder. An der Kasse zähle ich dann rückwärts. 3, 2, 1, Papa fragt: „Nehmen Sie auch Payback?“ Überall. Bei Starbucks, bei Bodyshop, bei Apple. 

Er, der mir im Meer schwimmen beibrachte, mich zeitgleich vor lebensgefährlichen Määääärestieren beschützte (ich hatte Angst vor Fischen), unsere gesamte Kindheit natürlich mit der neuesten Technologie filmte, meine Hand nahm und mich einer Gruppe fremder Kinder mit den Worten „Das ist Anne, sie möchte gerne mit euch spielen“ vorstellte, weil ich zu große Angst hatte. Er, der die ganze Familie spontan ins Auto packte, übers Wochenende nach Paris karrte, ohne Navi, ohne Hotelbuchung, einfach drauf los, ein Abenteurer. Er, der mir fast alles beigebracht hat, er ist nun alt? Verläuft sich ohne Navi in einer fremden Stadt? Macht Urlaub auf einer Nordseeinsel? Kann unmöglich sein!

Warum es mich so ärgert, dass mein Papa den perfekten Rentner mimt, weiß ich ziemlich genau. Es ist die blanke Angst vor der Gewissheit, dass irgendwann ein Teil der Familie geht. DER Teil eigentlich. Der, der alles mal erschaffen hat und der, der alles zusammenhält. Der die FC-Hymne beim Frühstück laufen lässt und mich mein Leben leben lässt. So, wie ich es für richtig halte. Mit aller Unterstützung, die ich brauche. Mein Papa halt, der rüstige Rentner.



Donnerstag, 14. November 2013

40 Jahre - eine Zwischenbilanz

40 zu werden ist eine gute Gelegenheit, mal eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Denn: Mit 40 ist statistisch gesehen fast die Hälfte eines deutschen Frauenlebens rum.
Eine Art Bergfest also. Aber: ging es die letzten 40 Jahre wirklich bergauf? Und wenn ja, geht das Leben nun den Gebirgsbach wieder runter? Falls ja: muss man sich anschnallen, oder wird es eine gemütliche Fahrt?

Von meinem Leben - wenn ich da so von oben draufblicke - hatte ich immer die Vorstellung, es wäre wie ein Lineal. Und dieses Lineal wäre ungefähr 86 cm lang. Und ich stehe nun auf der 40.
Wie ich auf die 86 komme? Eine ehemalige Arbeitskollegin hatte mir das mal gesagt. Als sie erzählte, dass sie die Gabe hätte, zu sehen, wie alt ein Mensch wird, wenn sie sich nur darauf konzentrieren würde, konnte ich mich einfach nicht zusammenreißen. Ich wollte zwar nicht, aber ich musste es wissen!
Sie sagte allerdings nicht: "Herzlichen Glückwunsch, Du wirst 86",- sie sagte: "Wenn Du das mit Mitte 40 überlebst, dann könntest Du weit über 80 werden".
"Wie jetzt??", fragte ich, "heißt das, dass ich vielleicht mit Mitte 40 übern Deister gehe?!?"

Weil sie dann Kopfschmerzen bekam, wurde das Gespräch vertagt. Also quasi bis heute. Und ihre Nummer hab ich auch nicht mehr. Mein Lebenslineal ist also vielleicht nur noch 5 cm lang. Also 5 oder, wenn ich Glück habe, 46 cm (falls es mal durchbricht, aber wieder zusammengeschustert werden kann). Aber: Frei nach dem Motto "Que será, será" will ich eh nicht wissen, wann ich den Löffel abgebe. Lassen wir uns überraschen.

Um jetzt nicht in einen elendig langen Monolog darüber zu verfallen, ob es gut oder schlecht ist, mit 40 noch Single zu sein, keine Altersvorsorge zu haben (nicht mal Kinder) kein Auto zu haben und immer noch in einer Einzimmerwohnung zu leben, werde ich mich nun selbst interviewen und mir eventuell selbst mal ins Wort fallen, damit ich nicht den Faden verliere. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Erna, erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit. Gab es Highlights?

Oh, das weiß ich genau. Lakritz war mein Highlight! Ich liebte Lakritz. Das stellte sich schon früh heraus. Als ich drei Jahre alt war, schenkte mein Vater mir deshalb einen Werkzeugkasten mit 12 Schubladen. In jeder dieser Schubladen war eine andere Sorte Lakritz. Die Legende sagt, ich hätte alle Schubladen innerhalb eines Tages geleert. Können aber auch drei Tage gewesen sein - ich müsste da nochmal meine Eltern fragen!
Außerdem habe ich mich immer gern verkleidet. Ich habe alles an meinen Körper gehangen, was nicht niet- und nagelfest war. Ich trug meine Unterwäsche oben drüber, damit man sie auch sieht. Das mache ich auch heute noch - aber nur, wenn sie frisch gewaschen ist (also einmal im Quartal).

Wie war Ihre Schulzeit?
Die war lustig. Ich habe ja einen großen Bruder, da lernt man irgendwie mit. Deshalb habe ich mich in der Grundschule schnell gelangweilt und angefangen, den Unterricht nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Die Lehrer fanden das so medium, aber meine Mutter sagte dazu nur: "Wenn Sie mit meiner Tochter nicht zurechtkommen, dann sollten sie sich vielleicht einen anderen Beruf aussuchen".
Weil das aber nicht zum gewünschten Ergebnis führte, nahm man mich mitten im Schuljahr aus der dritten Klasse und steckte mich in die Vierte. Da war dann erstmal Ruhe. Ich fuhr meine erste 3 nach Hause, aber gewöhnte mich schnell an die Mittelmäßigkeit. Mathematisch ging meine Karriere bis zum Abitur stetig den Bach runter, und im Abi bekam ich noch ganze 2(!) Punkte. Einen davon aus Gnade: "Weil Du immer so gut angezogen bist". Das war sehr lieb von meinem Mathelehrer, und er hatte ja auch Recht!

Und mit den Jungs...?
Oh, Jungs... Ich war ja mehr so der Klassenclown. Der gefürchtetste Schüler der Klasse, Kai-Peter Kolbatzki, war mein bester Freund. Das machte mich nicht gerade attraktiv für die Mitschüler. Ich glaube, die betrachteten mich eher wie einen ulkigen Schimpansen. Was nicht heißt, daß ich nie in jemanden verliebt war!! Ich war sogar sehr doll verliebt:
In der 3. Klasse in Charlie, der mal mit mir (aber gleichzeitig auch mit meiner besten Freundin Nina) ging, und dann, von der vierten bis zur sechsten, in Deepak Malhotra (geiler Name, nech, ich hab den gerade mal gegoggelt - von denen ist es keiner - der Name ist wahrscheinlich so einzigartig wie Erwin Meier).
Aber Deepak, der war in meine beste Freundin Annette verliebt. Wahrscheinlich, weil die ein Mädchen war und kein Schimpanse. Ab der 7. fand ich dann André toll, der war aber lieber mit Steffi zusammen. Also war das auch nicht so erfolgreich. Eigentlich hatte ich meinen ersten Freund auch erst mit 17, kurz nachdem ich in einer Besenkammer entjungfert wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Und ich habe auch kein Kind von Boris Becker, auch nicht in irgendeinem Keller.

Hatten Sie jemals einen Berufswunsch? 
Um Gottes Willen, ein furchtbares Thema..! Eigentlich war es mir ja in erster Linie wichtig, dass ich mich nicht so anstrengen musste. Das fing ja schon in der Schulzeit an. Als meine Mutter mich fragte, ob ich die Haupt-, Realschule oder das Gymnasium besuchen möchte, fragte ich sie, was denn am einfachsten sei.
"Am einfachsten ist die Hauptschule".
"Prima, dann geh ich dahin!"
Das fand sie irgendwie nicht so steil, und als sie mich darüber aufklärte, dass das keine Option sei, war mir nicht ganz klar, warum sie mich überhaupt gefragt hatte.
Die Schule auf einer Arschbacke abzureißen und trotz durchgetanzter Partynächte ein Abi von 2,3 hinzulegen war nicht etwa ein Jackpot für mich. Auch nicht, dass meine Eltern mir überhaupt gar keine Auflagen machten, was ich zu werden habe. Für mich war das ein Horror. Meine beste Freundin Sandra hatte schon zwei Ausbildungen hingezaubert, als ich noch überlegte, ob ich lieber Tischlerin, Maskenbildnerin, Schauspielerin, Sängerin oder Gerichtsmedizinerin werden will. Die Freiheit, die ich hatte, brachte mich völlig aus der Spur. Aber weil ich mich zu nichts richtig aufraffen konnte, studierte ich dann einfach 27 Semester auf Lehramt und habe jetzt immerhin das erste Staatsexamen in der Tasche. Die Tasche habe ich aber auf dem Flohmarkt verkauft.

Wie haben Sie sich Ihr Studium finanziert? 
Mit vielen Nebenjobs. Ich habe schon immer nebenher gearbeitet. Mit 10 oder 11 Jahren fing ich an, Babys in der Kinderkarre auszufahren. Für 3 DM die Stunde. Ich war damals sehr erstaunt, dass den Eltern das Leben ihres Kindes nur drei Mark wert war! Ich hätte es ja einfach im Park vergessen können, und dann hätte es vielleicht ein Mäusebussard mitgenommen, so klein wie es damals war.
Mit 13 hatte ich den wohl fiesesten Job der Welt. Ich arbeitete für die AVG (Abonnement-Vetriebs-Gesellschaft), musste Zeitschriften aller Art in der Nachbarschaft austragen, und das Geld kassieren. Und wenn ich aller Art sage, dann meine ich auch aller Art:
Die Coupé, die Praline und die Wochenend waren nur 3 von diversen Schmuddelblättern, die ich erst interessiert durch-ackerte und dann zu ekelhaften Schmierlappen in die Wohnung tragen musste. Jaja, die 80er...heute wäre sowas nicht mehr möglich, ein minderjähriges Mädchen in eine Messiewohnung zu schicken, um für pornöse Schundliteratur Geld zu kassieren! Aber in den 80ern musste man sich ja auch im Auto nicht anschnallen und aß Regenwürmer, um in eine Bande aufgenommen zu werden.
Zwischen 16 und 30 kellnerte ich, machte Zigaretten-Promotion, fuhr mit einem Herta-Knacki-Laster durch den Ostharz und wurde von einem unabhängigen Umweltinstitut als Gülleschnüfflerin eingesetzt. Da musste ich dann zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten auf einem Acker sitzen und alle 10 min ankreuzen, ob es nach Rinder-, Hühner- oder Schweinescheiße riecht. Ich kann das heute noch im Schlaf.
Außerdem arbeitete ich als Mädchen für alles bei einem Architekten, der hauptsächlich in der milchverarbeitenden Industrie tätig war. Seitdem weiß ich alles über Abtankwagen und hoffe, dass ich dieses Fachwissen eines Tages mal an den Mann bringen kann.


Sie sind ja nun 40...Haben Sie mittlerweile Ihren Traumberuf gefunden? 
Also... von allen Übeln - würde ich sagen - ist mein jetziger Job das tollste Übel. Nein, wirklich. Ich beschäftige mich hauptsächlich damit, Menschen zu interviewen. Dafür darf ich viel durch die Republik fahren und die Leute auch zu Hause besuchen (nein, ich bin nicht bei den Zeugen Jehovas und auch kein Versicherungsvertreter).
Was ich an meiner Arbeit liebe: Dass ich in den Lebensentwürfen der Menschen wie in einem Buch blättern kann. Jede Person ein Universum, jede Haustür die Pforte in eine ganz eigene Welt. Ich liebe das sehr. Meinetwegen kann das so weitergehen - bis etwas besseres daherkommt! Denn das Bessere ist der Feind des Guten. Hat mir mal ein Exfreund gesagt, kurz bevor wir uns getrennt haben.

Apropos Exfreund...
Ja, da hat sich in den 40 Jahren ganz schön was angesammelt. Ich hatte (moment, ich zähle kurz...) sechs Beziehungen, die jeweils zwei Jahre hielten. Mit allen habe ich zusammengewohnt. Durch die Bank haben die ALLE mittlerweile ein bis mehrere Kinder und sind verheiratet. Ist das nicht toll? Ich bin immer ganz stolz. Ich habe ihnen nämlich beigebracht, wie man eine Frau gut behandelt, und danach konnten sie das erfolgreich umsetzen.
Vielleicht wäre das ein Geschäftsmodell.


Leiden Sie darunter?
Oh nein, ich möchte keinen dieser Männer mehr geschenkt haben. Ich habe die alle durchgeliebt, bis nichts mehr drin war. Manchmal leide ich ein bisschen unter den Beziehungen, die nie welche wurden. Wenn man etwas möchte, was man nicht haben kann. Das ist, wie als Kind vor einem tollen Freizeitpark zu stehen, in den man nicht rein darf. Es ist furchtbar. Da wird die Sehnsucht riesengroß, und man rennt gefühlte 180 mal gegen den Zaun, der aber leider nicht nachgibt.
Einer dieser Freizeitparks sagte mal zu mir: "Du willst mich doch nur, weil Du mich nicht haben kannst". Ich sagte: "Du willst mich doch nur nicht reinlassen, damit ich nicht entdecke, dass Du gar nicht so toll bist, wie ich immer dachte". Da stand dann Aussage gegen Aussage, und klären konnten wir das nie so richtig.
Ich finde es immer bedenklich, wenn Liebe einseitig ist. Wenn Amor einen Pfeil abschießt, einer in Flammen aufgeht, aber der andere wie ein angestochenes Schwein die Flucht ergreift. Das ist grausam.
Es gibt ein Lied, welches mich seit der letzten Erfahrung dieser Art begleitet. Es ist von Alin Coen, die mal auf einem Konzert von Amos Lee als Warmup spielte. Sie ist eine fantastische Sängerin. Sie sagte es an mit den Worten: "Das nächste Lied handelt von der einseitigen Liebe. Es heisst 'Festhalten". Ich habe über einen Mann geschrieben, den ich mehr liebte als er mich."
Es war totenstill im Saal, dann schrie ich: "Den kenn ich". Und ich glaub, ich schrie, was viele dachten.
Hier das Lied. http://youtu.be/ZnqKICVvvD8

Sie wollten doch nicht abschweifen!
Wieso, das passte doch zum Thema! Allerdings, bei mir ist das Abschweifen ja irgendwie pathologisch. Mein Vater ist genauso. Wenn der zu einem Vortrag ausholt, dann fängt er beim Urknall an und ist fertig, wenn die Sonne untergeht.

Wo sie gerade Vater sagen...
Mein Vater ist ein kauziger Mann. Er nummeriert seine Socken durch, weil sie verschiedenen Zwecken dienen (Bettsocken, Haussocken, Stiefelsocken) und deshalb (findet er) nicht immer alle gleichzeitig gewaschen werden müssen. Weil zu viel Waschen ja schlecht für die Umwelt ist (Verschwendung von Ressourcen). Er liebt unseren Planeten und hat mich einmal fürchterlich zusammengeschissen, weil ich Alufolie benutzte. Die Herstellung ist ja wahnsinnig aufwendig, hat eine schlechte Ökobilanz, und eigentlich kann man getrost darauf verzichten.

Sie schweifen schon wieder ab.
Tschuldigung.

Was lieben Sie an Ihrem Vater?
Dass er mir die Natur gezeigt hat, als ich noch ein ganz kleiner Hosenscheißer war. Ich kenne jedes Insekt, jeden Vogel, jedes Blatt. Er lehrte mich, die Natur zu beobachten, zu lauschen und die Elemente in ihrer ganzen Kraft wahrzunehmen. Wir beide lieben kristallklares Wasser. Wir konnten stundenlang zusammen Einsiedlerkrebse beobachten. Wenn ich mal heulte, weil ich beim Radfahren Gegenwind hatte, sagte er: "Stell Dich nicht so an!! Wenn Dich der Gegenwind nervt, dann merkst Du erstmal, dass Du lebst!!!"
Und da, finde ich, hat er Recht. Ohne meinen Vater wäre mein Leben nur halb so reich. Die Naturlandschaften unserer Erde sind so wahnsinnig schön und beeindruckend. Wenn ich Reportagen sehe, aus fremden Ländern, dann kommen mir manchmal die Tränen, weil die Welt so wundervolle Dinge zu bieten hat.
Jeder hat ja mal Zeiten, in denen es einem schlecht geht. Wenn ich manchmal kurz davor war, von der Teppichkante zu springen, rettete mich immer genau ein Gedanke: Du kannst noch nicht gehen, bevor Du nicht die ganze Welt gesehen hast. Du bist nur einmal hier, sieh, wie schön es ist! Dann ging es wieder.
Das hat mein Vater mir beigebracht, und das hat mich zu einem sehr reichen Menschen gemacht. Dafür nehme ich alle seine Schrullen in Kauf. Drauf geschissen. Danke, Papa.

Und Ihre Mutter? Was lieben Sie an ihr? 
Meine Mutter ist ein Energiepaket mit einem sehr scharfen Verstand. Wenn sie Dinge anpackt, dann immer ganz oder gar nicht. Wenn sie zu einem verbalen Rundumschlag ausholt, dann wächst kein Gras mehr (ich spreche da aus Erfahrung). Außerdem ist sie einer der lustigsten Menschen, die ich kenne. Ich kann stundenlang mit meiner Mutter dummes Zeug reden.
Wir spielen gerne Kniffel, Uno oder Phase 10. Meine Mutter hat einen spontanen Witz, von dem sich manche Comedians mal eine schöne Scheibe abschneiden könnten.
Als ich einmal beim Kniffel eine Glückssträhne hatte, sagte Sie: "Orrr!!! Man sollte Dir alle Zähne ziehen und nur noch Haselnüsse zu essen geben!". Da lag ich vor Lachen unterm Tisch.
Ich glaube, meine Mutter würde noch auf dem Sterbebett ein kleines Witzchen reißen. Und ich würde mich mit einem Lachweinen verabschieden. Das liebe ich an ihr, dieses Unbeschwerte. Und das hat sie mir mitgegeben. Davon zehre ich jeden Tag. Denn ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Das ist kein Schmalz, das ist meine Wahrheit.
Außerdem bin ich dankbar, dass sie mich geboren hat. Dass sie alles für mich getan hat, obwohl ich die ersten Monate nichts weiter tat, als in die Hose zu kacken. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass sie es nicht fertig bringt, mich zum Geburtstag anzurufen, und stattdessen eine Nachricht schickt. Druff geschissen. Danke, Mama.

Haben Sie Geschwister? 
3 Sogar. Auch bei denen möchte ich mich bedanken, für all die lustigen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Und sorry sagen, für die Zeiten, wo wir uns mal richtig in den Haaren hatten.

Möchten Sie sonst noch wem danken? 
Ja, natürlich! Manchen Menschen konnte man nie richtig Danke sagen. Das ist besonders traurig, wenn sie bereits gestorben sind. Meine Großmutter zum Beispiel, und meine Tante. Als meine Großmutter 1999 einen Schlaganfall hatte, war ich gerade in Amerika. Kurz vor Abflug überkam mich eine große Trauer, und ich musste weinen. Irgendwas war anders, und als ich zu Hause ankam, war da ein Anruf vom Krankenhaus auf dem AB. Großmutter lag auf der Intensivstation, aber alle Geräte waren schon abgeschaltet, denn man wusste, dass sie nicht wieder aufwachen würde. Ich sah sie noch atmend. Sie lag da, ganz klein und still. Ich durfte sie mit waschen und ihre Haare kämmen. Sie hatte immer über ihre Haare gemeckert und mich oft gebeten, sie abzuschneiden. Nun war es zu spät. Von dem Sturz, und weil sie viele Stunden in ihren eigenen Ausscheidungen gelegen hatte, hatte sie zunächst einige größere Wunden. Je näher sie dem Tod kam, desto heiler wurde sie. Ich weiß nicht, ob das immer so ist, aber als sie nach drei Tagen starb, da war sie wieder ganz heile. Und wunderschön und still. Ich erinnere mich immer an das letzte lebendige Bild, was ich von ihr hatte. Ich fuhr damals in meiner Ente weg, und sie stand vor der Tür und winkte. Das Bild sehe ich heute noch. Es ist ein schönes Bild. Danke Großmutter, dass Du da warst, auch wenn Du mich in Deiner letzten Nacht im Traum besuchtest und mir die Leviten gelesen hast. Du warst keine einfache Person, aber ich war es auch nicht. Ich vermisse Dich.

Außerdem möchte ich meiner Tante danken, bei der ich zusammen mit meinem großen Bruder viele Jahre meiner Kindheit am Wochenende verbracht habe. Sie konnte nie Kinder kriegen und behandelte uns wie ihre eigenen. Das Leben auf dem Land war immer ein Ausflug aus dem Alltag. Es war zwar unheimlich spießig bei ihr, aber diese Spießigkeit hatte etwas Verlässliches. Wenn sie mich mal knuddeln wollte, reagierte ich oft borstig. Ich konnte das nicht so annehmen. Wie wichtig sie für mich war, erfuhr ich erst, als sie nicht mehr lebte. Als ich 17 war, fuhr sie mit ihrem Auto in einen Lastwagen und starb. Weil ich mir sie auf Anraten meines Onkel danach nicht mehr angeschaut habe, habe ich ihren Tod nie wirklich akzeptiert. Jahrelang begegnete ich ihr im Traum und war voll des Glücks. Jahrelang wachte ich auf und wusste, sie ist tot. Sie starb mit 47. Ich stelle mir oft vor, wie sie heute wäre, und frage mich, ob sie gerne wissen würde, was aus meinem Bruder und mir geworden ist. Danke, Karin, dass Du da warst und uns eine Ahnung von einem verlässlichen, spießigen Leben gegeben hast. Früher habe ich das nicht zu schätzen gewusst - heute weiß ich, wie gut es für die Seele ist, wenn man ein Zuhause gefunden hat. Ich wünschte, Du würdest das wissen. Aber das tust Du ja vielleicht.

Taschentuch? 
Ja. Geben Sie mir die ganze Packung.

Sie sind ja ziemlich durch den Wind...
Es geht gleich wieder. In solchen Situationen höre ich gerne "Immer wenn ich traurig bin" von Heinz Erhardt. Dann bin ich ruckzuck wieder auf dem Damm.

Ich wollte nicht, dass Sie an Ihrem 40. Geburtstag traurig sind! 
Oh nein, ich bin nicht traurig. Ich weine, aber das ist ok! Ich bin froh, dass ich noch hier bin. Dass ich noch so viel besser machen kann. Dass ich alle Fehler gemacht habe, die ich machen musste, um zu wissen, was ich heute weiß.
Es ist schön hier, auf dieser Erde. Ich habe es mir bequem eingerichtet, einen tollen Job, tolle Freunde, eine schöne Wohnung. Ich komme mit mir selbst zurecht. Ich habe den Tag heute in aller Ruhe verbracht. Ich habe nichts erwartet und mich wahnsinnig gefreut, über alles, was passiert ist. Ich messe solche Tage nicht mehr an materiellen Dingen, wie ich es früher tat. Blumen schenke ich mir selber, und finde das absolut in Ordnung.
Heute riefen Freunde an, die ich Jahre nicht gesprochen hatte. Das war einfach toll, weil ich nicht damit gerechnet hatte. Ich habe außerdem sehr viele zauberhafte Nachrichten bekommen. Menschen haben mir Gedichte geschrieben! Wie toll ist es bitte, wenn sich jemand hinsetzt, Dir ein paar Minuten seiner Zeit schenkt, um Dir ein Gedicht zu schreiben?

Wirklich, mich hat das alles sehr, sehr glücklich gemacht. Gleich kommt meine Beste, dann kochen wir was zusammen und glotzen "The Voice of Germany". Dann ist der Abend perfekt. Mehr brauche ich nicht. Ich bin zufrieden, und das ist das größte Geschenk, das ich mir selber machen konnte.

Das ist schön. Möchten Sie noch ein paar letzte Worte loswerden? 
Ja, gerne. Ich habe noch ein Gedicht für alle, die sich ständig über den Sinn des Lebens Gedanken machen. Worum es im Kern wirklich geht, das habe ich hier zusammengefasst:

Die Existenz im Zirkuszelt
war nicht grad die, die ich bestellt:
Da suche ich wie Sisyphus
das End, und komme nicht zum Schluss;
und wenn ich denk, ich hab den Sinn
da scheißt ein Vogel vor mich hin.
Doch kaum weich ich dem Kackfleck raus,
da rutsch ich auf ner Schale aus
und falle frei und falle munter
des Lebens langen Abhang runter.

Besorgt frag ich mich noch im Fliegen,
ob wenigstens die Haare liegen.


Vielen Dank, Erna. 
Ich hab zu danken, für die Aufmerksamkeit. Von Herzen.

Ihre Erna Rakete


P.S. Sollten Sie noch weitere Fragen haben: Sie wissen ja, wo Sie mich finden.

Das erste Mal

Es gibt im Leben eines Menschen, aber speziell einer Frau viele erste Male. Der erste Schritt, das erste Wort, der erste Schultag. Der erste Freund, der erste Liebeskummer, die erste Periode.
Das erste Mal. Das erste Mal mit Spaß dabei. Das erste Mal mit Orgasmus.
Der erste Arbeitstag. Das erste eigene Auto. Das erste Kind. Das erste eigene Tier. Der erste (und vielleicht sogar letzte?) Ehemann. Oder auch nicht.
Was auch immer das Leben bereit hält, eine Sache gibt es, die ist immer konstant und doch immer einmalig. Der Geburtstag. Und speziell der runde Geburtstag.
Der 10. ist noch so "Ha, jetzt bin ich kein Kind mehr!".
Der 20. - da weiß man sowieso, dass die Welt einem gehört und nichts unmöglich ist.
Der 30. - man ist schon etwas klüger, aber hey ... immer noch ein heißes Teil und die ganze Welt steht einem offen.
Und dann naht irgendwann, unausweichlich - der 40. Geburtstag. Alle Weichen sind gestellt. Sich jetzt noch verändern - privat oder beruflich - ist schon sehr viel schwieriger als noch vor fünf Jahren. Doch man sieht es auch gelassener, denn man weiß: et kütt wie et kütt und et hätt noch immer jot jejange (für Nicht-Rheinländer: googeln Sie!).
Hat man einen Mann fragt man sich vielleicht, ob es der richtige ist. Hat man keinen Mann, fragt man sich, ob der richtige noch kommt.
Hat man Kinder oder nicht, einen Traumjob oder nur was zum Geldverdienen?
Eines weiß man jetzt aber auf jeden Fall: das wichtigste im Leben sind Freunde. Gute Freunde. Die keine Bedingungen stellen. Bei denen man sich auch mal drei Monate nicht melden kann und die trotzdem für einen da sind. Oder mit denen man jeden Tag kommuniziert,  mit ihnen einfach die täglichen Ängste und Nöte teilt. Männer kommen und gehen, Tiere sterben früher oder später, Kinder gehen irgendwann ihrer Wege - Freunde bleiben.
Oder wie es im alten Karnevalsklassiker der Höhner heißt: "Eschte Fründe stonn zosamme"!
Diesen Eintrag widme ich allen Freunden oder Geburtstagskindern. Oder beidem! <3
https://www.youtube.com/watch?v=WcNwkmAq0wc&feature=youtube_gdata_player

Montag, 11. November 2013

Emma

Wer mir schon länger folgt, oder hier schon mal reingelesen hat, weiß, dass es bis Februar dieses Jahres noch einen Hauptstadthund gab. Und ohne angeben zu wollen (oder na gut, vielleicht ein bisschen), dieser Hund war mit Abstand der coolste Hund, den ich jemals kennenlernen durfte.

Solange ich denken kann, wollte ich einen Hund haben. Als ich 16 war, sind meine Eltern mit uns aufs Dorf gezogen und ich sah meine Chance gekommen. Ich entwarf ein mehrseitiges Bittschreiben an meine Eltern, in dem ich nicht nur auf jegliches Taschengeld verzichtete, sondern sogar meine Freundin unterschreiben ließ, dass sie im Urlaub auf meinen Hund aufpassen würde. Außerdem entwarf ich detaillierte Erziehungsmaßnahmen und legte dieses Pamphlet meinen Eltern unter mein Kopfkissen, in der Hoffnung, sie würden es finden und zustimmen. Nun, sie fanden es und sie überlegten sogar ernsthaft, mir diesen Herzenswunsch zu erfüllen, aber letztendlich entschieden sie sich mit dem Verweis auf meinen nahenden Auszug zwecks Studienplänen dagegen. Allerdings gab es bei uns zu Hause (und meine Eltern waren ziemlich streng) immer den Leitsatz: "Wenn du 18 bist, kannst du machen, was du willst!" In diesem Fall nahm ich das sehr wörtlich und fieberte meinem Geburtstag und dem Eintritt der alleinigen Entscheidungsmacht mehr als entgegen. Nun hatten mir meine Eltern aber glücklicherweise auch eine Portion gesunden Menschenverstand mit anerzogen und mit dem Wissen, dass ich während meines Studiums der Kulturwissenschaft (jaja, lachen Sie nur) ein Semester im Ausland würde verbringen müssen (und ich hatte mich für Schweden entschieden. Recherchieren Sie mal, es ist nahezu unmöglich einen Hund nach Schweden einzuführen), entschied ich mich, zwei weitere Jahre zu warten.
In dieser Zeit wälzte ich Rassebücher, Ernährungsratgeber und Erziehungstipps und erkor dann "Labrador" zum Gewinner. Ich suchte einen Züchter, besuchte ihn und machte alles klar. Direkt nach meinem Schwedenaufenthalt (darüber schreibe ich auch irgendwann mal noch) sollte eine schokofarbene Labradorhündin in mein Leben treten. Ein paar Wochen vor dem Geburtstermin bekam ich eine niederschmetternde Mail der Züchterin, dass ihre Hündin leider nur scheinschwanger war und es keine kleinen Schokolabbies geben würde. Wahrscheinlich können Sie sich nur sehr schwer vorstellen, wie elend mir in diesem Moment zumute war.
Allerdings hatte die Züchterin auch eine blonde Hündin, die ebenfalls trächtig war und sie bot mir an, stattdessen einen blonden Labrador zu nehmen. Und wie man so schön sagt, Hauptsache gesund, mir war die Farbe sowas von egal in dem Moment und so war es beschlossene Sache, aus Schoko wurde Vanille und ich genoss voller Vorfreude die letzten zwei Monate in Schweden.

Am 01.01.2002 fuhr ich dann ins weit entfernte Würzburg, um meine kleine Emma (es war der E-Wurf und ich durfte den Namen selbst bestimmen) abzuholen. Gott, was war ich froh, mich nicht für einen der knuffigen Wollknäuel entscheiden zu müssen. Die kommen alle an, ziehen an deinen Schnürsenkeln und sind zum Auf-der-Stelle-unsterblich-Verlieben. Und dann dieser Moment, in dem ich dieses acht Kilo schwere Glückspaket das erste Mal in den Arm nahm und sie mir sofort leidenschaftlich übers Gesicht schlabberte. Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick.
Die nächsten Wochen und Monate verbrachte Emma Tag und Nacht an meiner Seite, in meinem Bett (eingerollt zwischen meiner Schulter und meinem Kopf), in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Welpenspielstunde, schlafend unter dem Tisch im Restaurant und und und. Immer lieb, immer geduldig.

Nun ist es so, dass dieser Hund 11 Jahre alt geworden ist (was der gewitzte Mathematiker unter Ihnen natürlich schon längst nachgerechnet hat) und in dieser Zeit habe ich hunderte tolle Sachen mit ihr erlebt, da Sie aber sicher nicht bis übermorgen lesen wollen, schränke ich es auf eine handvoll Lieblingserinnerungen ein!

Emma und ich zogen im April 2002 in eine Studenten-WG zusammen mit einer Freundin und einem Freund. Besagter Freund versuchte damals noch recht erfolglos Frauen abzuschleppen (mittlerweile ist er glücklich verheiratet und hat zwei Kinder). Dazu nutzte er den von ihm erfundenen "Deckentrick". Wenn Damenbesuch ins Haus stand, drehte er die Heizung in seinem Zimmer aus, öffnete alle Fenster und sorgte für sibirische Kälte. Kam dann die Dame, erfand er irgendeine Entschuldigung für die Eiszeit und bot ihr eine Decke an, um danach unter selbiger ungestört fummeln zu können.
An einem dieser Tage, war ich in Vorlesungen und er hatte den Auftrag, auf Emma aufzupassen. Nun war er aber leider mit dem "Deckentrick" okkupiert und Emma nutzte die Zeit, um genüsslich die wirklich hässlichen Highheels der Dame in Fetzen zu reißen. Versicherung hat's bezahlt, aber aus den beiden wurde trotzdem nie was Ernstes.

Zur gleichen Zeit hat eine gemeinsame Freundin von uns gelegentlich bei uns geschlafen und wollte sich dafür mit einem großen Essen a la Espana bedanken. Nun stand die Gute wirklich stundenlang in der Küche, zauberte Antipasti vom Feinsten und stapelte alles nach und nach im Nebenzimmer auf dem Tisch, während wir uns gefühlte 13 Flaschen billigen Rotweins einverleibten. Emma lag die ganze Zeit seelenruhig unter dem Küchentisch und harrte der Dinge. In diesem Fall hieß das, sie wartete genau die 30 unbeobachteten Sekunden ab, die es für einen Labrador braucht, um ein Buffet zu räumen. Unbemerkt. Der erste, der das sah, war Mr. Deckentrick. Und er berichtete uns das auch sofort brühwarm. Nur glaubte ihm keiner ein Wort, da er schon mehr als einmal die abenteuerlichsten Geschichten erfunden hatte, um uns aus der Reserve zu locken. Nachsehen gingen wir dann aber doch. Der Anblick, der sich uns bot, war folgender: Auf einem gedeckten Tisch, standen drei riesige blankgeleckte Teller und zwei vollkommen leere Schüsseln. Auf der Couch lag ein blonder Labrador und schaute uns völlig schuldfrei und fröhlich schwanzwedelnd an. Daneben stand eine aufgelöste Freundin und drei lachende Kommilitonen. (In der Küche war zum Glück noch ein Topf Spaghetti und die Bauchschmerzen, die der arme Hund den Rest des Abends hatte, haben wir ihm von Herzen gegönnt. Satt geworden sind wir trotzdem alle. Und Freunde geblieben auch!)

Im Sommer 2003 sind Emma und ich für zwei Jahre in die USA gezogen. Ich hatte ein Stipendium an der University of Oregon bekommen, um meinen Master of Arts in German Literature zu machen (jaja, auch hier dürfen Sie gerne wieder lachen) und es war klar, dass der Hund mitmusste.
So bekam sie also ein paar rosa Pillen, die sie für die Flugzeit ausschalteten, und wir machten uns auf den Weg. (Da ich vorher in diesem Internet die abenteuerlichsten Schauergeschichten über tiefgefrorene Hunde im Gepäckraum gelesen hatte, verpasste ich es nicht, der erstbesten Stewardess eine gepfefferte Ansage zu machen, die sie aber lapidar herabwürdigte und mir erklärte, sie würden ja nicht zum ersten Mal Hunde befördern.) In Portland, OR angekommen, musste ich mich dank 9/11 einer gesonderten Fragerunde (Are you planning on attacking the United States? - Are you carrying any gunes? - Mal im Ernst, sagt da jemand Ja?!?) stellen, der ich mich aber recht schnell entziehen konnte, da ich aufgrund eines wartenden Hundes in der Sperrgepäckabholstelle mehrfach ausgerufen wurde.

Da waren wir nun also. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber auch in dem Land, in dem Hunde weder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, noch in Kneipen mitgenommen werden dürfen. Aber immerhin konnte ich den Hund mit in die Uni nehmen und meine Studenten (damals fing ich an, Deutsch zu unterrichten) liebten Miss Emma heiß und innig und hatten immer ein paar Leckerlis in der Tasche. Diesem Umstand und auch der eingeschränkten Beweglichkeit (siehe oben) war es geschuldet, dass nicht nur ich, sondern auch der Hund ein paar Wohlstandsspeckröllchen ansetzten. Darauf angesprochen, tat ich immer hochempört und verwies darauf, dass Emma nun eben kein Welpe mehr sei, sondern ein ausgewachsener Hund. (Wenn ich mir jetzt Fotos aus dieser Zeit ansehe, erblickt auch mich eine fette Wurst auf vier Beinen, aber damals habe ich das tatsächlich nie so empfunden).

Nun kam der Zeitpunkt des Rückfluges und man muss ja so einen Hund immer anmelden vorher. Das tat ich, circa sechs Wochen vor der geplanten Heimreise. Was Sie nun nicht wissen können, ist, dass die Beförderungsgrenze für einen Hund inklusive Transportbox damals bei circa 35 kg lag. Hm, das hatten wir weit überschritten, also ungefähr zehn Kilo überschritten. Kein Problem, erklärte mir die nette Dame, dann könnte ich den Hund ja mit Cargo unbegleitet "verschiffen". Ein Anruf bei Cargo brachte dann die ernüchternde Erkenntnis, dass das erstens 1000 (!) Dollar kosten würde und zweitens hieß, der Hund würde erst nach Los Angeles fliegen, dort in einer Auffangstation übernachten und dann weiter nach Frankfurt geflogen werden. Ich weinte. Und dann fing ich an zu rechnen. Dann baute ich mich vor Emma auf und erklärte ihr im Brustton der Überzeugung, dass sie nun sechs Wochen Zeit hätte, um zehn Kilo abzunehmen und dass alles andere aus Kostengründen keine Option wäre. Mein genialer Plan war Folgender: Der Hund macht FDH und wir gehen täglich joggen. Die Ausgangsdistanz war eine Meile. Eine Meile, das sind 1.6 km. Das ist nicht viel. Und ich bin ein wirklich schlechter (sprich langsamer) Jogger. Aber Emma hat alles getoppt. Ich zerrte sie quasi an der Leine hinter mir her, ständig wie so ein durchgeknallter Personal Coach rezitierend: "You can do! it! Come on, Emma!" (Ja, wir kommunizierten mittlerweile auf Englisch, weil es einfach so viel leichter war, dem Hund "Sit!", "Down!", "Heel!" beizubringen, als den amerikanischen Mitbewohnern ein "Sitz!", "Platz!", "Bei Fuß!" über die Lippen gegangen wäre.)
Unsere Erfolge waren beträchtlich. Die ersten sechs Kilo (auf beiden Seiten) waren schnell verloren. Und dann kam die große Stagnation. Und wir erhöhten auf zwei Meilen, zweimal täglich. Und schafften es! Na gut, fast. Aber das fehlende Kilo machten wir mit einem entzückenden Augenaufschlag beiderseits am Flughafen wieder wett. Und zwar so wett, dass wir nur einmal Übergepäck (rund 120 Dollar) statt des eigentlich doppelten Wertes zahlen mussten.

Im Juni des Jahres 2011 bekam die Familie Zuwachs und Emma eine neue Aufgabe. Supernanny! Jedes Mal, wenn das Baby weinte, bekam ich einen vorwurfsvollen Blick und Emma folgte mir auf Schritt und Tritt, um zu kontrollieren, ob ich das auch wirklich alles richtig machte. Das Baby wurde größer und eines seiner ersten Worte nach "Mama" waren "Emma". Ein Herz und eine Seele wäre wirklich noch untertrieben. Das Kind konnte sich auf den Hund legen, ihm in der Nase bohren oder am Schwanz ziehen, das alles wurde geduldet. Und ich erinnere mich nur zu gut, wie viele Stunden ich mit Emma an der Seite und dem Kind in der Manduca durch die Nachbarschaft lief. Das hätte ewig so weitergehen können.

Im Februar dieses Jahres ging es meiner treuen Seele, dann auf einmal von heute auf morgen schlechter. Ich machte mir keine großen Gedanken, erst als sie aufhörte zu fressen (Sie wissen das vielleicht nicht, aber so ein Labrador frisst immer! Alles!), machte ich mir ernsthafte Gedanken und brachte sie sofort zum Tierarzt, der Leberzirrhose im Endstadium diagnostizierte und uns im Höchstfall ein paar Tage gab.
Es waren dann genau zwei, an deren Ende ich mich dafür entscheiden musste, sie einzuschläfern. Ich werde den letzten Tag nie vergessen. Wir saßen zusammen im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Im Fernsehen lief Pro7 mit dem Countdown zum Start der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel, was zeitgleich mit dem Eintreffen des Tierarztes begann. Abstruser Countdown.
Das Ende war einfach nur friedlich, mehr kann und muss ich dazu gar nicht sagen. Sie fehlt an allen Ecken und Enden und gelegentlich pusten das Kind und ich noch ein Küsschen in den Himmel zu Emma!

R.I.P. Emma 2001 - 2012


Sonntag, 10. November 2013

Von Netzliebe und Schleifpapier

Weil es heutzutage wohl so normal ist wie Essen, Schlafen und Atmen, dass man übers Internet ein Techtelmechtel beginnt oder gar seine große Liebe findet, will auch ich mal meinen Senf dazugeben.

Im Netz bewege ich mich hauptsächlich auf zwei Plattformen: Seit gut einem Jahr treibe ich bei Twitter mein Unwesen, und seit ein paar Monaten bin ich (wieder) auf facebook unterwegs, wo ich mich Anfang diesen Jahres mit knapp 400 'Freunden' und gefühlten 5000 Fotos in den virtuellen Selbstmord gestürzt hatte. Ich war weg, weil mir das alles zuviel wurde und mir die ewige Privatsphärendiskussion auf den Zwickel ging. Natürlich ging ich nicht, ohne vorher meine Bilder und Infos manuell zu löschen (die wahrscheinlich trotzdem noch auf irgendwelchen Servern herumdümpeln).
Weil sich aber mein gesamter Freundeskreis seit jeher auf facebook regelmäßig zum Pokern verabredet und ich manche Freunde in anderen Städten schon irgendwie vermisste (sie sind ja bei fb doch ziemlich präsent, auch wenn sie nicht da sind), kam ich mit einer abgespeckten Version zurück.

Ich war früher auch ab und zu auf Dating-Plattformen unterwegs, und Dates gab es reichlich. Nur keine Liebe. Die beeindruckendste Fast-Liebesgeschichte hingegen erlebte ich 2008 bei facebook. 

Damals hatte ich in Zuckerbergs virtuellem Puff einen Frankfurter kennengelernt, mit dem ich sehr schnell sehr viele (und sehr lustige) Schriftwechsel hatte, und schließlich sehr oft (und sehr lange) telefonierte. 
Er war cool. Er war bärtig, hatte gelocktes Haar und eine Hornbrille. Ich sah ihn, und meine Hormone tanzten Tango.
Wir lernten uns im Sommer 2008 online kennen, schrieben hunderte von eMails, schickten uns Musik und telefonierten wie die Wilden. Mir war nach den ersten Gesprächen schnell klar, dass ich dieses Schnittchen treffen wollte. Er hingegen machte eher zaghafte Anstalten. Es passte irgendwie nie so richtig. Wir trafen uns dann das erste Mal im Herbst zur Frankfurter Buchmesse, wo ich von Köln aus der Arbeit wegen hin musste. 
Es war ein toller Abend mit sehr, sehr lustigen Gesprächen. Es gab keine peinlichen Pausen; es war mal komisch, mal tiefgründig, mal albern und mal ernsthaft. Es war einfach rund. 
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon irgendwie ein bisschen in mein Gegenüber verliebt, was schade war  denn ihm ging es leider nicht ganz genauso. 

Dummerweise hatte unsere "Verbindung" aber die Intensität beibehalten, mit der sie startete, und so kam es, dass wir auch nach unserem Treffen jeden Tag unzählige Mails hin und her schickten und fast täglich telefonierten. Stundenlang. Weil er mich immer anrief.
Und weil ich ihn mochte, gefiel mir das. Und ich hoffte insgeheim auf eine Weiterentwicklung (in Richtung Beziehung  verdammt, ich hörte schon die Hochzeitsglocken läuten!), wenn ich doch nur locker blieb und ihn nicht bedrängte (man kennt das).
Doch er schaffte es mit Bravour, mich auf Abstand zu halten. Er wollte sich nicht treffen, immer war irgendwas  an diesem Woche dies, an jenem Wochenende jenes. Er wollte "sich Zeit lassen". Er wusste nicht, ob er eine Beziehung will, aber hatte mich schon "in sein Herz geschlossen" und beteuerte, dass er mit mir tausendmal besser quatschen konnte als mit seiner Exfreundin, die ihn verlassen und dann auch noch das gemeinsame Karnickel den Kindern ihres neuen Beschälers geschenkt hatte. Die blöde Kuh.

Für mich war unsere "Fernbeziehung" (die keine war), gelinde gesagt, totale Scheiße. Es war nichts Halbes und nichts Ganzes, aber ich blieb dran. Ich konnte nicht anders.

Im Dezember 2008 lud er mich dann zu seinem Geburtstag ein. Nicht, dass ich nicht vor seiner Party schon zweieinhalb mal abgesagt hatte mit der Begründung, dass das eh nichts brächte, weil er ja doch nicht in mich verliebt sei. Aber gut  er sagte "Oooch, Bitte Bitte!!", und ich fuhr, an einen Grashalm geklammert, nach Frankfurt. Mit einer Zahnbürste im Gepäck. Allein. Auf eine Party, auf der ich niemanden außer den Gastgeber kannte. Und den kannte ich nur von einem Treffen sowie aus gefühlten 12.000 Mails und unzähligen Telefonaten, in denen er mir Dinge anvertraut hatte, die nicht mal seine besten Freunde wussten. Kannte ich ihn also wirklich? 

Auf der Party war es sehr lustig. Ich machte Laptop-Musik, trank Longdrinks, tanzte, machte Fotos, unterhielt mich, tanzte, dann trank ich wieder Longdrinks und tanzte, dann trank ich noch mehr, und irgendwann fiel ich in voller Montur, mit der Kamera in meiner Hand, auf seinem Bett ins Gin-Tonic-Koma.  
Und dann wurde ich irgendwann wach ... weil ich geküsst wurde. VON IHM. Ich war sprachlos ... entzückt. Verwirrt! Die folgende Nacht verbrachten wir züchtig angezogen, aber eng umschlungen auf seinem Sofa, da ich nicht der einzige Schlafgast war. 

Am nächsten Tag hatte ich einen bösen, bösen Kater, und während die anderen sich langsam auf den Weg machten, bekam ich eine Wärmflasche in Herzform ins Bett gereicht, und ab und zu mal ein Küsschen und eine Umarmung. Das war schön und hielt vor für die nächsten Tage. 
Gegen Abend, einigermaßen ernüchtert (aber glücklich, ich zumindest), verabschiedeten wir uns. Ich fuhr zurück nach Köln und hatte eine Portion Chili con Carne als Proviant, die ich wegen meines Katers nicht hatte essen können. Und weil ich so verliebt und glücklich war, machte es mir auch nichts aus, als der Deckel von der Pappdose fiel und die Tex-Mex-Pampe in meine Handtasche suppte. 

Die Tage danach vergingen schnell. Wir telefonierten täglich, und irgendwann wurde die Frage gestellt, ob er Heilig Abend – auf dem Weg von seinen Eltern in Düsseldorf zurück nach Frankfurt – nicht bei mir Halt machen und wir zusammen Weihnachten feiern wollten. Ich flippte aus vor Freude.
"Klar", sagte ich cool, und: "Ich freu mich".

Da ich Exilkölnerin bin und nicht jedes Jahr zu meinen Eltern nach Hause fahre, war für mich klar, dass er und ich zusammen Weihnachten feiern.
Er kam Heiligabend um 22:00 Uhr, und wir machten Bescherung mit schönen, kleinen und gut durchdachten Geschenken, die Bezug auf unsere unzähligen Gespräche nahmen. Schon auf der Fahrt ins Rheinland hatte er mich angerufen und mir Musik durchs Telefon vorgespielt. In seinem Auto lief "Das hat die Welt noch nicht gesehen" von den Söhnen Mannheims. (Dieses Lied hörte ich monatelang  bis zum kalten Kotzen). 

Der Abend war schön, lustig, innig. Wir lachten, tranken Schampus und Schnaps, machten Fotos und erzählten, während ich meine weihnachtsbesockten Füße auf seinem Schoß hatte, und er mir so ganz nebensächlich-vertraut meine Beine kraulte. 
Später machten wir noch eine fiese White-Trash-Kneipentour, und den Weg in die Spelunken nutzten wir für eine lustige Fotosafari: Er schmiss sich mit einer Flasche Jägermeister in die Buchsbäume und ich machte Bilder davon. Der Abend war wundervoll. Wir schliefen eng umschlungen in den ersten Weihnachtstag; ohne Komplett-Sex, aber mit ordentlich Gefummel. 

Dann machte er sich auf in den Skiurlaub. Schade, dass ich nicht mitkonnte, fand ich, wo ich doch Urlaub hatte! Aber das sei 'vielleicht ein bisschen früh', meinte er, 'wir könnten das ja mal gemeinsam planen, später'. Er verabschiedete sich am ersten Weihnachtstag und wir telefonierten weiterhin fast täglich. 

Und sahen uns nicht wieder. 

Er hielt mich wieder auf Abstand, und ich übte mich in Geduld. Warum ich das mitmachte? Weil die Hoffnung zuletzt stirbt. Immer. 
Bis es Sommer wurde und mir der Kragen platzte. 
Ich wurde patzig, beschwerte mich, machte ihm Vorwürfe. Er wurde zickig, patzte zurück und es krachte gewaltig. Ich "beendete", was nie richtig angefangen hatte, am Telefon. Ich weinte, er weinte fast. Das ginge nicht, sagte er. Das sei scheiße und er wollte das nicht. Ich sei in seinem Herzen, und da würde ich immer sein. Mir sei das piepwurscht sagte ich, dann legte ich heulend auf. 

Einen Tag später kam wieder eine Mail. Dass es scheiße sei ohne mich. 

Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals geantwortet habe, aber ich könnte es nachlesen. Ich habe noch alle Mails aus dieser Zeit auf meinem alten Rechner, weil ich nie glauben konnte, dass das alles nur heiße Luft gewesen sein sollte. Weil allein die Mails, die wir uns täglich schrieben, so wahnsinnig komisch waren, dass ich sie nicht einfach wegwerfen konnte. Weil wir auf einer Welle waren, von der ersten Sekunde. In einer Blase im Internet, fernab von der Realität, und trotzdem mittendrin. 

Nun ja: Es ging irgendwie weiter. Wir schrieben wieder, aber telefonierten nicht mehr so viel. Irgendwann krachte es erneut, und ich übertraf alles bisher Dagewesene mit einer langen, ungerechten Mail, die mit den Worten endete: "Ich weiß, dass Du auf diese Mail nicht antworten wirst. Druck sie auf Schleifpapier aus und schieb sie Dir in den Arsch! Das ist eine gute Vorbereitung auf Deinen homo-erotischen Lebensabschnitt  mit Frauen klappts ja irgendwie nicht!!!"

Dann hörten wir nichts mehr voneinander.

Bis zum Herbst. Ich war wieder auf der Buchmesse, in einem öden Hotel. Es regnete, und ich starrte in ein hässliches Frankfurter Gewerbegebiet. Ich dachte an ihn, und was ich ihm um die Ohren gehauen hatte. Ich wollte mich entschuldigen. Ich mailte ihm. Ich schrieb: "Böse Worte schreiben ist wie in-die-Hose-pinkeln. Erst ist es wohlig, warm und befreiend. Es fühlt sich super an. Dann wird es ekelig, nass und kalt. Dann weiß man, wie dumm das war. Tut mir leid". 

Dann schrieben wir wieder, mehr und mehr, und Heiligabend 2009 stand er wieder vor meiner Tür. "Das muss etwas bedeuten", dachte ich, "mit Heiligabend macht man keine Scherze.". Gut, er dachte da wohl anders.
Ich war aufgeregt. Ich fragte, wo er schlafen möchte, bei mir im Bett oder auf dem Sofa. Das sei ihm egal,  wo ich ihn haben wollte, sagte er. 
Ich entschied mich für den Platz neben mir. Die Nacht war sehr anstrengend, denn ich konnte nicht schlafen, weil er da war, aber neben mir lag wie ein Koma-Patient. Er hatte sich umgedreht, war schnurstracks eingepennt und reagierte auf gar nichts mehr. Als ich ihm zaghaft die Hand auf den Oberarm legte, legte ich sie auf einen atmenden Klotz. Also zog ich sie zurück, lag drei Stunden wach und beendete die Nacht freiwillig allein auf meinem Sofa.

Am nächsten Morgen stand er früh auf. Fragte verwundert, warum ich denn auf dem Sofa geschlafen hätte. Er würde übrigens am nächsten Tag nach Australien fliegen, sagte er, mit seiner Exfreundin. Dass er ehrlich zu mir sein wollte. Dass sie das 'mal irgendwann ausgemacht' hätten, wenn beide bis zu einem gewissen Zeitpunkt noch Single wären. Und dass er dieses Versprechen halten würde, auch wenn er absolut nichts mehr von ihr wollte und sogar 'befürchtete, dass sie sich wieder an ihn ranmachen wolle'. Der Arme. Mir kamen fast die Tränen, aus vielerlei Gründen.
Die Ex, das war übrigens die Karnickelbitch, die sich von dem Kerl wieder getrennt, aber den flauschigen Bugs Bunny bei ihm und den Kindern gelassen hatte. Nun ja, all das erzählte er mir mal eben so, während er meine Hand hielt. Gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte, er melde sich, wenn er aus dem Urlaub wieder zurück sei. Als er ging, heulte ich drei Stunden.

Damals hatte ich ihn das letzte Mal gesehen. Er rief nie wieder an.

Nach dem Urlaub änderte er auf facebook seinen Beziehungsstatus. Dort stand nun: "In Beziehung mit ...[Karnickelbitch]". Ein halbes Jahr später war sie schwanger, und später hatte er das Foto seines zuckersüßen Sohnes als Profilbild.

Irgendwann fragte er mich nochmal, ob wir uns wiedersehen. "Wenn Du geschieden bist, können wir ja nen Kaffe zusammen trinken" lautete meine Antwort. Die Scheidung ist wohl noch nicht durch.

Warum ich das alles schrub?

Weil die Geschichte so schön war und ich mich oft frage, ob das damals alles richtig herum gelaufen ist. Ob es sinnvoll ist, dass Menschen sich über eMails oder das Telefon so nahe kommen, wie sie sich im echten Leben vielleicht nicht kommen würden.
Ich wusste schon viel zu viel von dem Frankfurter, bevor wir uns trafen. Das konnte ich nicht einfach wegwischen. Ich wünschte, ich hätte das nicht gewusst. Dann hätten wir uns einmal getroffen, und gut wär's gewesen. Aber so hatte auch er im Vorfeld eine Bindung zu mir aufgebaut, die er nicht aufgeben wollte. Und das machte alles nur schlimmer statt besser. 

Natürlich muss nicht jede Kennenlerngeschichte so weit gehen wie meine. Oft ist ja schon das erste Date ein Supergau, wenn Geruch, Mimik und Gestik eine Botschaft vermitteln, die durch keine andere Information ersetzbar ist. Das ist eben die Schwachstelle an diesen Internetsachen zwischen zwei Menschen: wenn man zu weit vorgedroschen ist, bevor man sich das erste Mal gesehen hat. 
Ist der reale Moment, in dem sich zwei Menschen normalerweise das erste Mal begegnen, außer Kraft gesetzt, haben Projektion und Illusion freie Fahrt: Mail für Mail, Tag für Tag. Sowas kann sehr peinlich werden  vor allem, wenn man sich im Vorfeld vielleicht schon ein bisschen zu viel übers "Untenrum" ausgetauscht hat.

Ich kann aus vollstem Herzen behaupten, dass ich absolut keine Lust mehr habe, mir das Blaue vom Himmel zu projizieren. Und dass ich ganz schnell die Biege mache, wenn es sich in eine solche Richtung bewegt. Klar, ein kleiner Flört ist immer erlaubt. Aber nicht, wenn es was Ernstes werden soll. Schließlich werde ich in ein paar Tagen 40 und ich habe keine Zeit mehr für Dödelkram. Ein kurzer Austausch im Netz ist gut. Aber dann muss es real werden und real bleiben. Alles andere ist Käse.

Neulich war mal wieder so ein Fall. Eine Anbahnung. Wir telefonierten ein paar Mal. Es war lustig! Das Vertrauen war schnell gefasst, und ich hatte kein Problem, ziemlich persönliche Dinge von mir zu erzählen. Er auch nicht. Ich sagte ihm, er sei ein cooler Typ, und dass ich gerne mit ihm spreche. Und dass wir uns bestimmt auch "in Echt" ganz gut verstehen würden. Ich schlug ein Treffen vor, was auf der anderen Seite allerdings nicht auf Begeisterung stieß. Zuviel Druck, sagte er. Telefonieren sei ok, und vielleicht mal treffen, wenn es zufällig passen würde. Mir zuviel und gleichzeitig zu wenig, sagte ich. Das würde immer persönlicher; zu persönlich dafür, dass man sich noch nie gesehen hat. 

Nun gut, auch mit sowas muss man leben. Wir ließen das mit dem Telefonieren, auch wenn das irgendwie sehr schade war. Aber okay!

In Zukunft gehe ich dann mal lieber wieder öfter ohne das iPhone ins Café. Glotze mit einem Auge in die Gala und mit dem anderen auf den Eingang, in der Hoffnung, vielleicht einen netten Kerl aus Fleisch und Blut kennenzulernen. Und zwar in der richtigen Reihenfolge.
Und danach kann man ja täglich telefonieren, mailen oder sich über Whatsapp schweinische Bilder schicken! Aber niemals wieder andersrum. 

Schreiben Sie sich das hinter Ihre roten Ohren, wenn Sie gerade mal wieder dabei sind, sich im virtuellen Liebesrausch untenrum verbal zu vergaloppieren (ist mir auch schon passiert. Zum Glück habe ich ihn nie getroffen. Ich würde sterben vor Pein).

Von Herzen  & mit leicht erhobenem Zeigefinger: Ihre Erna Rakete



P.S. Ich habe absolut nichts gegen Internetbekanntschaften. Das Internet ist toll! Ohne das Internet hätte ich nicht die Frauen kennengelernt, mit denen ich jetzt diesen Blog schreibe. Und ich freue mich für jeden, der seinen Partner übers Netz gefunden hat. Das ist sicher möglich, denn nichts ist unmöglich.

P.P.S. Mal abgesehen von dem ganzen Internetgedöns ist wohl klar, dass auch im "normalen Leben" täglich tausende von Verliebten am langen Arm verhungern, weil manche Menschen sich gerne andere Menschen warmhalten. Solche Geschichten sind schlichtweg ungesund.
Was ich gelernt habe: Wenn es Liebe ist, dann merkst Du es  weniger an den Worten, als vielmehr an den Taten. Ist doch ganz einfach.

Samstag, 9. November 2013

Feierabend? Niemals!

Wie ja die meisten von Ihnen wissen, bin ich eine glückliche Mutter von freilaufenden Kindern. Also meistens. (Glücklich. Freilaufend sind die Kinder immer!)

Ja – es sind zwei Wunschkinder. Sie sind gesund (wenn sie nicht gerade einen furchtbaren Kindergartenkillervirus haben), normal entwickelt, bildhübsch, intelligent (wir hoffen das zumindest ganz stark! Vielleicht sind sie auch nur furchtbare Klugscheißer!) und können wahre Engelchen sein. 
Aber sie können natürlich auch anders. Alle Eltern kennen das. Man hat einen mehr oder weniger harten Arbeitstag hinter sich und freut sich eigentlich schon auf die Kinder und einen netten Feierabend. Doch bereits beim Abholen geht's los. Das große Kind hat mal wieder eingepullert und muss sich umziehen. Das kleine fängt, kaum dass man es auf dem Arm hat, an zu maulen. Warum? Man kann nur raten – es spricht ja noch nicht!

Also dann – großes Kind ab aufs Klo. (Kleines Kind: Rabää!) Neue Klamotten raussuchen. Natürlich nur noch die Kita-Nothose da. Egal. Man will ja nur einkaufen gehen. (Nicht zu vergessen: Rabää!) Erstes Quengeln nach Süßigkeiten. Drastische Maßnahmen ergreifen und Süßes für heute streichen wegen Einpullern.  Pädagogisch äußerst fragwürdig aber hey – vielleicht wirkt's ja. (Rabää!) Nun aber ab ins Auto. Kleines Kind hasst Autofahren und kriegt einen Tobsuchtanfall. RAAAABÄÄÄÄ!!!!
Im Einkaufscenter angekommen (RabääRabää, quengelquengel) erstmal in den Supermarkt. Vorbei an den Lebkuchen (quengel) und den Heften mit dem Plastikschrott (Rabää) schnell zur Kasse mit der Quengelware (Sie ahnen es). 
Geschafft. Schweißgebadet die erste.

Nun noch schnell zur Drogerie. Kinder kurzfristig mit einem Brötchen ruhiggestellt. Man wird schon fast optimistisch, entspannt sich kurz doch da – ZACK – die Spielgeräte! RABÄÄÄÄ!!! QUENGEL!!!! Nein nein, erstmal schnell Windeln kaufen und Shampoo (ich will aber das Glitzershampoo! Und die Badeperlen!).
Schnell noch 'ne Runde aufs Schaukelpferd (nicht so lange, die anderen Kinder wollen auch mal), ab zur Kasse mit der (!!!) Quengelware. 
Schweißgebadet die zweite.

So, jetzt darf sich jeder nochmal ein Spielgerät aussuchen (wollt ihr nicht das Karusell, da könnt ihr beide zusammen ... nein? Okay).
Nach der dritten Runde Motorradfahren Geldmangel vortäuschen. (Rabää! Quengel!) und ab zum Auto.
Tobsuchtanfall, Rabää, Quengel ... alles wie gehabt. 
Schweißebadet die dritte.

Endlich zu Hause. STOP. Erst Händewaschen! Ja – alle. Ja – auch du! Einkäufe ausräumen, Kindern schnell was zum Essen hinstellen (Würstchen und Gurke gilt als äußerst ausgewogen und ist sogar Low Carb – voll toll). Ein kurzer Moment der Ruhe. Das kleine Kind möchte seinen Fruchtzwerg aber dann alleine essen und um des lieben Friedens Willen ... aber hey – doch nicht mit den Händen. Naja, nun ist es auch schon egal. Kinder kann man ja waschen.
Großes Kind will nun einen Schokopudding. Man erinnert sich kurz an das Süßigkeitenverbot, setzt aber darauf, dass Becherware da ja streng genommen nicht dazuzählt.
Kleines Kind nun schon völlig übermüdet, aber Windel und Zähneputzen müssen sein (RABÄÄÄÄÄ!). Ab in den Schlafsack, Schnuller reingedrückt, Lied gesungen – erledigt.
Erste kurze Entspannungphase.

Jetzt noch das Kika-Abendprogramm (aber nur ganz kurz – und keine Schokolade! Quengel), danach noch schnell eine Laterne basteln (ja, man hat an den Laternenumzug gedacht! War nur leider nicht mehr das gewünschte Motiv da, aber hey – LATERNE!).
Nun noch kurz alles dunkel machen, Laterne testen, Kind zum Zähneputzen schicken (ich WILL aber nicht!!!). Zehn Minuten später zweiter Anlauf. Energischer. (Kind ist plötzlich taub.) Weitere fünf Minuten später wird man langsam hellhörig ob der Stille im Kinderzimmer. Ein Blick um die Ecke ... oh – das Kind ist schon im Bad. Ob es schon Zähne putzt? (Als ob!)
Also gut – schnell noch den wasserfesten Eyeliner von den Kinderwangen gerieben (AUA! Ja ja hättste nicht, müsste ich jetzt nicht, das Übliche). Aber ich bin doch ein schrecklicher Pirat, Mama!!! Aber auch schreckliche Piraten müssen mal ins Bett, also hopp hopp. Und nochmal Pipi machen (ich muss aber nicht – versuchs doch mal – ach, na da kam aber viel). Jetzt noch ein Buch vorlesen (Ein großes – nein, nur ein kleines!), Licht aus und verschnaufen.
Nun (nach 14 Stunden unter Strom) Feierabend.  Bis das kleine Kind das erste Mal weint. Und das große nochmal pullern muss. Und und und ...
Feierabend? Niemals!

Mittwoch, 6. November 2013

Über die Unmöglichkeit, Schuhe zu kaufen

Über Frauen und Schuhe wurde vermutlich schon alles gesagt. Schuhe sind für Frauen wichtig. Schuhe passen immer, auch wenn die Kleidergröße variiert. Schuhe sind hübsch, sexy, manchmal sogar bequem und immer das Tüpfelchen auf dem  äh  Zeh. Und spätestens seit Zalando weiß auch der letzte Mann, dass Schuhe für Frauen quasi gleichbedeutend mit Sex sind ! (Das ist natürlich Quatsch  welche Frau schreit schon regelmäßig so laut beim Sex???)

Nun gibt es Schuhe in den verschiedensten Formen, Farben und Materialien. Wer einmal im Internet die Auswahl beim Schuhkauf soweit runterreduzieren musste, dass am Ende das gewünschte Paar Stiefel auftauchte, weiß wovon ich spreche. Stiefel gibt es wie Sand am Meer  aber was für welche? Gummistiefel, klassische Stiefel, Moonboots, Bikerstiefel, Cowboystiefel ... Sie sehen, es ist ein weites, weites Feld. Und es wird von Millionen von Frauen weltweit gründlich beackert.

Doch nun ist der Schuh nun leider eines der 
 nennen wir es ruhig so  Kleidungsstücke, bei denen man mit der Größe schlecht tricksen kann. (Ach  in die 38 hunger ich mich bestimmt innerhalb einer Woche rein. Größe 44  naja, ein bisschen auf Zuwachs schadet nicht!) Nein, leider macht der Schuhkauf eine recht exakte Größenangabe nötig, wenn man nicht wie die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel irgendwann mit Blut im Schuh herumlaufen möchte. Und hier kommt nun meine Leidensgeschichte.

Ich entstamme einer Familie von Großfüßlern. Väterlicherseits. Während mein Vater noch eine durchaus akzeptable 47 trägt und mein kleiner (198cm kleiner!) Bruder schon in eine 48,5 passt, läuft mein großer (wirklich seeehr großer) Bruder auf ¨Kindersärgen¨, ¨Äppelkähnen¨, ¨Waldbrandaustretern¨ durch die Gegend. In Größe 52. Ja 
 diese Größe gibt es. Nicht nur bei amerikanischen Basketballstars.
Und ich 
 nun ja. Die Schuhe meiner Mutter (eine vollkommen durchschnittliche 39) konnte ich das letzte Mal mit 12 heimlich anziehen. Spätestens mit 14 hatten meine Füße dann ihre heutige stattliche Größe von 42 erreicht. Nun höre ich hier schon einige murren: 42  das ist doch nix. Das kriegt man doch überall. Steht doch in jedem Geschäft dran: hier Größen 41/42. Doch wer sich mal die Mühe macht, und etwas genauer hinsieht, wird schnell bemerken, dass es zwar im entsprechenden Regal tatsächlich sowohl Schuhe in 41 als auch 42 gibt, doch beschränken sich die 42er-Modelle im Großen und Ganzen auf flache Schnürschuhe, unsäglich hässliche Gesundheitslatschen oder Hausschuhe. Zumindest in normalen Geschäften. 

So war es jedenfalls, als ich das letzte Mal meine Schuhe in einem normalen Geschäft zu erwerben versuchte. Doch dann kam vor einigen Jahren endlich die Erlösung 
 in Form von Internetschuhplattformen. Natürlich vorneweg Zalando, doch gibt es auch andere, entweder direkt von einem bestimmten Hersteller, einer Schuhgeschäftskette oder spezialisiert auf eine bestimmte Art von Schuhen. Diese Erlösung kam für mich in gewissem Sinne als ¨Rettung in letzter Minute¨, denn ich suchte Brautschuhe. Nun weiß jede Braut, was das für ein heikles Thema ist. Sie müssen bequem sein, dürfen nicht zu hoch (aber auch nicht zu niedrig) sein, müssen die richtige Farbe haben (und NEIN  weiß ist nicht gleich weiß!!!) und müssen natürlich zum Kleid passen. Idealerweise kann man sie auch nach der Hochzeit noch einmal tragen, doch das ist natürlich zweitrangig (und auch illusorisch, machen wir uns doch nichts vor meine Damen). Da stand ich nun, mit einem maßgeschneiderten Kleid, dem Idealgewicht, den Haaren in genau der richtigen Länge für die Hochsteckfrisur  aber OHNE DIE VERDAMMTEN SCHUHE!!! Zwei Wochen vor der Hochzeit! Ich hatte schon 20 paar Schuhe bestellt, zurückgeschickt, als Reserve behalten, war in allen Brautläden im Umkreis von 20km (wo man mich nur milde belächelte  ¨Brautschuhe? Führen wir nur bis Größe 39. Maximal 40.¨) und kurz davor, die Hochzeit abzublasen.  Meine Kollegin brachte mich auf die Idee  geh doch mal in einen Tanzschuhladen. Voller Erwartung ging ich hinein und beschrieb dem Verkäufer mein Dilemma. Ja Tanzschuhe könne er in allen Größen bestellen. Jaja, auch weiße. Das würde aber dauern. Und ob die dann auch passten  das wisse man nie. Aber er hätte hier ein paar sehr hübsche cowboystiefelartige Tanzschuhe, so für Square-Dance und so in Größe 42. So als Gag vielleicht?! 
Ich bin mir sicher  hätte ich eine Richterin gehabt, hätte ich mildernde Umstände geltend machen können!

Meine letzte Hoffnung 
 ein Online-Tanzschuhshop. Und tatsächlich  es gab Tanzschuhe. In allen Größen. In genau der Farbe meines Kleides. Kurzfristig lieferbar. Vor Freude hätte ich fast meinen Computer begattet. Nicht ganz drei Tage später (also noch ca. acht Tage bis zur Hochzeit) hielt ich sie nun in den Händen. Doch  oh Schreck  sie hatten Ledersohlen. WILDledersohlen. Was, wenn es regnete? Also noch schnell zum Schuster. Vorsichtig die Schuhe herausgeholt, das Problem schildern (nicht anfassen mit den Dreckspfoten Freundchen) und große Kulleraugen machen. Und siehe da  der Schuster erfasste das ganze Drama und versprach mir, die Schuhe mit besonderer Vorsicht zu behandeln und in spätestens zwei Tagen fertig zu machen. Und dieses Versprechen hielt er auch. Und ich nun endlich die idealen Schuhe in den Händen.

Und seit diesem Tag leben wir in einer glücklichen, harmonischen, friedfertigen Beziehung 
 ich, meine großen Füße und die Internetschuhversandbörsen. 

PS: den Hochzeitswalzer tanzten mein Mann und ich dann übrigens barfuß 
 so wie wir ihn auch immer geprobt hatte!

Dienstag, 5. November 2013

Gar nicht mal so lustig? Oder warum Twitter eine gute Sache ist!

Vielleicht waren Sie das erste mal auf unserer Seite, weil Sie "Oliver" gelesen haben? Oder auch "Unkraut jäten" oder "60 Minuten Wahnsinn". Und das fanden Sie saulustig. Weil Ihnen das auch schon mal so gegangen ist, oder weil Sie sich einfach über unsere chaotischen Leben freuen. Und dann kamen ein paar Posts, die waren auf einmal gar nicht mehr so lustig. Woran liegt das eigentlich?

Das ist ganz klar dem Leben geschuldet. Hier schreiben echte Frauen. Echte Gefühle, echtes Chaos, aber eben auch echte Probleme. Wir schreiben uns manchmal einfach Sachen von der Seele. Dinge, die uns bewegen, Dinge, die uns widerfahren, oder auch Dinge, die wir schon immer mal loswerden wollten. Und manchmal ist das Leben eben nicht lustig.

Wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist es eigentlich im Großen und Ganzen gar nicht lustig. Aber man findet eben einen Weg, sich über sich selbst zu amüsieren, Dingen überspitzt eine lustige Note zu geben, damit es erträglich wird. Aber manchmal geht das eben nicht, manchmal muss man auch einfach die traurigen, schmerzvollen Dinge beim Namen nennen. Damit sie ein Gesicht bekommen. Damit man sich mit ihnen auseinandersetzen kann. Das tun wir auf dieser Plattform. Wir schreiben für uns. Aber noch vielmehr freuen wir uns, wenn Sie das auch lesen wollen.

Und manchmal muss eben auch was Schönes geschrieben werden. So, wie jetzt. Diesen Blog gäbe es nämlich ohne Twitter gar nicht. Diesen Blog gäbe es ohne den Film "8 Frauen" nicht. Und diesen Blog gäbe es auch nicht ohne jede Menge Herzschmerz.

Hier schreiben Frauen, die sich mittlerweile recht gut kennen. Das war bis April diesen Jahres gar nicht der Fall. Keine von uns kannte die andere. Wir hatten eigentlich nur eines gemeinsam. Wir alle twitterten, manche schon seit ein paar Jahren, manche erst seit ein paar Monaten. Wahrscheinlich auch aus den verschiedensten Gründen. Aber irgendwie haben wir uns gefunden. Und da man bei Twitter nicht chattet, haben wir eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Tausende von Nachrichten schlichen sich seitdem, hoffentlich unbemerkt, an der NSA vorbei. Wahrscheinlich wurden ganze Lebensgeschichten erzählt. Erste Gemeinsamkeiten entdeckt, ein vorsichtiges Herantasten an die Wesen am anderen Ende der Empfangsgeräte. Und erste Bilder entstanden im Kopf. Wie sieht die Frau zu der Geschichte wohl aus? Wir standen uns bei unglücklichen Datingsituationen bei, halfen bei Berufsentscheidungen, erzählten, erzählten, erzählten...

Und dann haben wir uns getroffen. Im echten Leben. Mit drei Flaschen Sekt direkt am Flughafen begossen wir das erste Kennenlernen, und dass wir viel lustiger als die Beatsticks sind. Verbrachten ein zauberhaftes Wochenende in Köln. Ich war vorher noch nie in Köln. Und wäre am liebsten gleich dageblieben. Kennen Sie das, wenn man Menschen trifft, und sich sofort versteht, sofort auf einer Wellenlänge ist? Und dann trafen wir uns wieder. In Hamburg. Da war ich das letzte mal mit 12. Mit meinen Eltern. Zu einem Musical. Ganz nebenbei habe ich also auch meine geographischen Kenntnisse der Bundesrepublik nachhaltig aufgefrischt. Und nun kennen wir uns alle. Und zwar so gut, dass wir gemeinsam einen Blog schreiben wollten.

Nun müssen Sie sich Folgendes vorstellen: Wir alle twittern; schicken also sowieso tagtäglich mehrere tausend Zeichen ins virtuelle Nirvana. Zusätzlich verfassen wir noch immer tagtäglich hunderte WhatsApp-Nachrichten. Und trotzdem reichen manchmal 140 Zeichen nicht, oder es gibt eben Dinge, die Sie auch erfahren sollten. Ich persönlich dachte ja immer mit Twitter genau MEIN Medium gefunden zu haben. Kurz und knapp kann ich gut. Über Gefühle reden nicht so gut. Von Angesicht zu Angesicht sowieso nicht. Aber Aufschreiben das geht. Das hilft sogar. Ich muss mir mehr Gedanken machen, als bei einem Tweet. Ich muss es ausformulieren und meine Gedanken sortieren. Ich trau mich auch mal an schwierige Themen ran.

Dass Sie das lesen wollen, ist großartig. Viel großartiger ist aber, dass zumindest meine erste und letzte WhatsApp-Nachricht des Tages niemals unbeantwortet bleibt und dass es immer irgendjemanden gibt, der das Problem versteht, sich mit mir über das Wortkauderwelsch meines Kindes freut, oder einfach mal sagt, dass alles gut wird. Und das alles, weil ich mir dachte, Twitter, das muss man wohl einfach mal ausprobieren.

Montag, 4. November 2013

Verliebte Symptome

Jeder war schon mal verliebt und wir alle wissen wie „schön“ das ist. Manchmal frage ich mich, ob sich das für jeden von uns gleich anfühlt? Und wenn ja, warum wir dann alle so verdammt scharf darauf sind?

Denn, ich bin dann nicht ich selbst.
So saß ich mit meiner Freundin einmal im feinen Straßencafé an der Breiten Straße und rauchte Ernte23. Dass ich seine Zigarettenmarke nachgekauft hatte, war völlig unbewusst geschehen und mir tatsächlich auch erst nach dem ersten hart inhalierten Zug der Bauarbeiterzigarette aufgefallen.

Ich kann auch nicht schlafen, wenn ich verliebt bin. Schon gar nicht, liegt der Mensch, der mich hormonell beeinflusst, auch noch neben mir! Und ich spreche nicht von diesem schönen Schlaflossein, bei dem man den anderen entzückt dabei bewundert, wie er träumt ... nein! Ich bin todmüde – zu groß ist aber meine Angst, im Schlaf könnte mich das Unbewusste übermannen. Ich rede im Schlaf, ich weine im Schlaf, ich schreie im Schlaf. Ich bin nun mal ein aktiver Träumer. Soll das der Mensch an meiner Seite direkt erfahren? NEIN! (Von allen anderen körperlichen Funktionen, die sich im Schlaf manchmal unbewusst einstellen gar nicht erst zu sprechen). Also liege ich da, halbwach durchfährt mich ein Stich vom Mittelscheitel bis zum dicken Zeh, immer in dem Moment, kurz bevor ich einschlafe. Zum Glück!

Mein Magen schmerzt. Schmetterlinge im Bauch, die sind bei mir zu ersetzen durch einen Magen gefüllt mit drei Wochen altem Sashimi, das in zwei Liter Chili con Carne schwimmt. Mir steckt ein Volleyball im Hals, ich kann nicht essen. Dadurch vermisst mein Körper sehr schnell die ansonsten unumstritten völlig normale Kalorienzufuhr. Ich nehme nicht ab, sondern zu, denn mein Körper speichert von nun an und verwandelt jeden Schluck Ananassaft, den ich mir mühevoll herunterwürge, kalorientechnisch sofort in flüssige Vollmilchschokolade.

Mein Kreislauf kippt, im Ohr fiept es, mir ist konstant schlecht. Gefolgt von Nierenstichen, abwechselnd, rechts, links, rechts. Fast wie ein Herzschlag. Sein Herzschlag. Hach. Zu guter Letzt, Einsatz: Darm! Zu viel Luft, die verzweifelt einen Ausweg sucht, doch keinen finden darf! Also implodiert sie, in mir! Ich leide. Geräuschlos, versteht sich!

Zum körperlichen Versagen kommt charakterliches hinzu. Und das ist noch viel schlimmer, wenn man mich fragt. So mutiere ich, dank Schlafentzug im permanenten Panda-Look zu einem humorlosen Wesen mit Wortfindungsstörung. Schlagfertig wie Bambi nach einem Waldbrand, erkenne ich weder Ironie noch Zynismus. Konversation geht erst mit Getränken ab 40 Promille. Alles andere auch.

Manchmal möchte ich dann sagen: „Hey kuck, so bin ich! Ganz ohne Schaden im Magendarm-Trakt! Nüchtern – und kuck, trotzdem lustig! Ausgeschlafen und nicht eingeschüchtert, von dir, weil du so toll bist! Nicht wortkarg, schau her, ich habe etwas zu sagen!

Wenn es auch zweifelsohne nichts Schöneres als Liebe gibt, das anfängliche Verlieben ist die Hölle! Wie schön, dass man es trotz aller Symptome doch immer wieder von Herzen gerne macht. Es scheint sich also zu lohnen.

Freitag, 1. November 2013

Die Sicht der Dinge

Im Laufe des Lebens verändert sich ja die Sicht auf einige Dinge, abhängig von der jeweiligen Lebenssituation.
Nehmen wir als Beispiel die Wohnung der Großeltern. Als Kind erscheint einem diese als fantastischer Abenteuerspielplatz mit komischen Porzellanfiguren, bestickten Kissen, rosa Bettüberwürfen und orangefarbenen Küchengeräten. Als Jugendlicher ist dieselbe Wohnung plötzlich muffig, man muss immer brav auf dem kratzigen Sofa sitzen und Tee aus hauchdünnen Tassen trinken. Mit Blümchen drauf.
Als junger Erwachsener wundert man sich, wieso an Weihnachten alle Figürchen an EXAKT demselben Platz stehen wie im Jahr davor. Man selber würde NIE so dekorieren (Denkt man. Noch!).

Und dann betritt man die großelterliche Wohnung das erste Mal mit seinem Baby. Und man sieht überall nur noch Gefahren. Stehvasen mit riesigen Kunstblumen drin – natürlich auf dem Boden. Meissner Pferde in genau der richtigen Höhe für ca. 80 cm große Menschen mit 50 cm langen Krakenarmen. Türschwellen so hoch, dass ein gerade laufen lernendes Kind natürlich jedes Mal daran hängen bleibt. Kerzen, goldene Kuchengabeln und Kaffee in Porzellankannen auf dem Couchtisch  wo selbstverständlich die eigenhändig bestickte Tischdecke zum dran ziehen einlädt.

Mit Kind entwickelt man in allen Wohnungen erstmal den ultimativen "Rundum-alles-auf-Sicherheit-Abcheckblick". Da kommt man zum ersten Mal in die neue Wohnung der (kinderlosen) Schwester und müsste eigentlich alles gebührend bewundern, doch da  ein riesiges Glasgefäß auf dem Boden. Mit Kerzen drin! Brennenden Kerzen!!!

Wenn man denkt, in Wohnungen, wo schon Kinder wohnen, wäre es besser  weit gefehlt. Entweder die Kinder sind schon größer und spielen mit gefährlichen Dingen wie Scheren, Legosteinen (viel zu klein und verschluckbar) oder Knete (sieht ja ganz lecker aus, das kann doch mal ... haps). ODER die Kinder sind noch ganz klein, liegen nur stundenlang brav auf ihrer Spieldecke und die jungen, ahnungslosen Frischlingseltern können gar nicht begreifen, warum man erstmal alle vollen Kaffeetassen und teuren Technikgeräte auf das 150 cm hohe Sideboard räumt. Und wieso man alle Steckdosen abcheckt und gegebenenfalls die Möbel verrückt, um potenzielle Gefahrenquellen vor dem erkundungswütigen Nachwuchs zu verstecken.

Auch draußen ändert sich die Sicht der Dinge. Regen an einem Sonntagnachmittag bedeutet nicht mehr "cool, auf der Couch liegen, Pizza fressen und Dirty Dancing gucken", sondern "verdammt, was machen wir denn jetzt mit den Kindern?" Fallende Blätter im Herbst bedeuten jetzt "Vorsicht, nicht durchlaufen, da ist bestimmt ein Hundehaufen drin ...*flatsch*!. Schnee ist nicht mehr nur ein Ärgernis, welches beim Autofahren und einkaufen stört, sondern eine VERPFLICHTUNG, den Schlitten aus dem Keller zu holen und gefälligst wie alle anständigen Eltern zum örtlichen Rodelberg zu pilgern. Und über Sonnenschein braucht man ja gar nicht zu diskutieren. Biergarten? Fehlanzeige! Freibad? Grenzwertig,  da man beim "hinter-dem-Kind-herrennen" im Bikini nicht die beste Figur macht. Außerdem überall Bienen. Also bleibt nur der Spielplatz. Gut, wenn man dort einige gleichgesinnte Eltern kennt. So manch todlangweiliger Spielplatznachmittag, an dem sich die Kinder tatsächlich mal selber beschäftigten (außer dem sporadischen, zehnminütlichen Betteln nach Süßigkeiten) wurde schon von dem einen oder anderen Plastikbecher mit "Jasmintee" versüßt. Eingeschworene Alteltern wissen um die Zauberwirkung dieses Getränks ...

Manchmal jedoch, wenn man gerade mal nicht  aufräumen kochen putzen Wäsche waschen aufwischen oder arbeiten muss, wenn man also mal kurz Zeit hat und sich für ein paar Minuten nur auf sein Kind einlässt - dann bekommt man einen Einblick in seine Sicht der Dinge. Dann sieht man plötzlich die "gruselige Frau" in dem Schatten an der Wand. Man darf um Himmels Willen nicht den Boden berühren, weil da überall Haie sind. Man verscheucht die böse Hexe aus dem Kleiderschrank. Man klopft am Kleiderschrank an, weil das ja das neue zu Hause ist. Man liest ein altes Kinderbuch vor und läuft plötzlich selber wieder mit Ronja durch den Mattiswald. Man sieht einen alten Pippi Langstrumpf-Film und hört ganz deutlich wieder den Regen auf dem Dach, in dem die Ausreißer mit Konrad Speckbrote essen und auf dem Kamm Musik machen. Man holt seine lange aufbewahrten Lieblingsspielzeuge hervor und hofft, dass sie ein wenig von ihrem Zauber behalten haben. Und man erinnert sich wieder ein wenig an ein anderes kleines Kind mit seiner eigenen Sicht der Dinge. Und ist ein bisschen erstaunt und auch erleichtert, dass sich manche Dinge nie ändern - für eine gewisse Zeit.