Montag, 23. Dezember 2013

Vom Niedergang der Aphrodite

Inspiriert vom fabelhaften Zweizeiler meiner Schwester @schurrimurri (so heisst sie auf Twitter)

"Kläglich ist des Weibes Titte
hängt sie in des Leibes Mitte"

fasste ich das Gefühl in Worte, welches früher oder später wohl jede Singlefrau um die 40 übermannt: 
Der Schock, wenn man einen vollbesetzten Reisebus mit kostbaren Erbanlagen auf eine Klippe zubrettern sieht und ihn nicht aufhalten kann. 

Viel Vergnügen!


Kläglich ist des Weibes Titte, 
hängt sie in des Leibes Mitte.

Unschön auch die Hautanlagen,
wenn sie eifrig Wellen schlagen.
Und das Collier, wo hängt sie's hin?
Einst Schwanenhals- jetzt Doppelkinn!

Wo früher die Vagina war,
hängt nun ein Swiffer-Set mit Haar.
Die Lockenpracht wird langsam lichter, 
und sie hat Knie wie Gesichter.

Die einst so pralle Weiblichkeit,
bös angenagt, vom Zahn der Zeit!
Die junge Schönheit ist vergangen,
und ihr Gesicht: gut abgehangen.

So geh'n die Jahre ein und aus.
Am Horizont: die Menopaus!
Es fehlen Kegel, Kerl und Kind, 
der Lebensplan: verweht vom Wind! 

Besorgt fragt sich das das Weibelein,
wer jemals könnt ihr Partner sein?

[rhetorische Pause]

Am besten ein Blinder,
der macht ihr 2 Kinder.



Herzlichst,
Ihre E. Rakete

Sonntag, 22. Dezember 2013

Aufsatz: Mein schönstes Weihnachtsfest

Vor einigen Jahren, ich war gerade frisch verliebt in den Mann, der jetzt mein Mann ist, überkam mich die Anwandlung, Weihnachten mal nicht in Familie, sondern nur in trauter Zweisamkeit zu verbringen.

Man muss dazu wissen, dass Heiligabend bei uns schon immer etwas anders gefeiert wurde, da meine Oma seinerzeit nichts besseres zu tun hatte, als an eben jenem Tage mit ihrem Sohn, also meinem Vater, niederzukommen. Nun war das gewiss für den kleinen W. schon nicht immer einfach, doch der Leidensweg setzte sich später bei seinen Kindern fort. Denn kam - wie jedes Jahr völlig überraschend - der 24.12., wurde vormittags immer der Geburtstag des Vaters gefeiert und nachmittags der "des Sohnes".

Erschwerend hinzu kam, dass wir (d.h. mein Bruder und ich) durch die Scheidung unserer Eltern immer durch ganz Berlin gondeln mussten, um die diversen Feierlichkeiten pünktlich zu erreichen. Und da es - jaaa, liebe Meteorologen - doch die eine oder andere weiße Weihnacht gab, war das für uns auf die BVG angewiesen Seienden nicht immer ein großes,  jedoch oft sehr langwieriges Vergnügen.  Wer also seit Jahren immer den Spagat zwischen Sektempfang und Kling Glöckchen bewerkstelligen musste, sehnt sich irgendwann mal nach einer wirklich besinnlichen Heiligen Nacht, ohne viel Reisetätigkeit.

Nun waren wir Kinder also erwachsen, die Eltern ja auch irgendwie, Enkel waren noch lange nicht in Sicht und ich stellte mir einen romantischen Abend mit Kaminfeuer-DVD, Champagner und - ähm - Glockenläuten vor. Dies unseren Eltern beizubringen war problemloser als wir dachten, schließlich waren diese auch mal jung und frisch verliebt gewesen und konnten sich an diesen Zustand offensichtlich noch erinnern. Außerdem wurde mein doch leicht anklingendes schlechtes Gewissen durch die Tatsache beruhigt, dass ja mein Bruder zu meiner Mutter fahren würde. 

Am 24. absolvierten wir natürlich trotzdem pflichtbewusst den vormittäglichen Geburtstagsbesuchstermin bei unserem lieben Herrn Papa doch danach - endlich frei. Wir hatten Champagner, geräucherte Forelle, Kaviar und einen Tannenbaum. Ich war gerade im Bad, um letzten Schliff an mein Christkindloutfit zu legen, da klingelte das Telefon und meine Mutter wünschte uns ein frohes Fest. Leider würde mein Bruder nun doch nicht kommen, weil es ihm nicht so gut ginge, aber wir würden uns ja alle am nächsten Tag bei meinen Schwiegereltern zum Gansessen sehen. Küsschen, auflegen.

Ich saß auf dem Wannenrand und malte mir aus, wie meine Mutter das erste mal seit 30 Jahren nur mit meinem Stiefvater den Weihnachtsbaum anzünden und die Weihnachtsplatte auflegen würde. Und dass ich nicht dabei wäre. Und da brach es aus mir raus. Als der Mann ein paar Minuten später guckte, wo ich denn bliebe, fand er mich als kleines Häufchen Elend vor, dass zu seiner Mama wollte. Herrje!

Die folgende Planung war so spontan wie schon lange nichts mehr. Mein Mann rief bei meinen und seinen Eltern an und alarmierte sie über meinen Zustand. Meine Eltern kamen, uns mit dem Auto abzuholen und wir fuhren allesamt zu meinen Schwiegereltern. Dort fielen mein Schwiegervater und ich uns erstmal heulend in die Arme und versprachen uns, nie wieder solche Experimente durchzuführen. Wir bauten ein spontanes Buffet aus all unseren mitgebrachten Köstlichkeiten auf, tranken den Weinkeller leer und alle amüsierten sich über meine verheulten Augen.

Dieses Weihnachtsfest hat mir vor Augen geführt, was wirklich wichtig für mich ist an solchen Tagen. Klar nervt die Familie ab und zu und man hat keine Lust auf die immergleichen Geschichten. Aber ohne sie wäre ich heute nicht, was ich bin und auch mit meinen Schwiegereltern habe ich wirklich großes Glück gehabt. Ich hoffe, dass auch meine Kinder irgendwann mal gerne an die gemeinsamen Feste zurückdenken und mit mir auch in 40 Jahren noch gerne unterm Bäumchen sitzen werden.

Ich wünsche Ihnen ein wundervolles Weihnachtsfest, ob mit allen Verwandten, im kleinen Kreis oder mit Freunden. Haben Sie eine tolle Zeit!

Freitag, 20. Dezember 2013

Schorle sauer in Hurghada

Manchmal wachst du morgens auf und merkst, der Schmerz ist weg. Etwas, dass dich eine lange oder gar sehr lange Zeit belastete, tut plötzlich nicht mehr weh. Vielleicht weil genau die richtige Zeit vergangen ist, die du brauchst, um über etwas hinweg zu kommen. Vielleicht aber auch, weil du bewusst schöne Dinge erlebt hast, die völlig unbemerkt schlimme Dinge wett gemacht haben.

Ich hatte viel Glück bisher. Eine großartige Familie, ein guter Job, ein stabiles, schönes Leben. Ich hatte eine schöne Kindheit, bin viel gereist, hatte immer genug von allem. Mein schlimmster Endgegner bisher war tatsächlich der Liebeskummer.
Und er erwischte mich vor drei Jahren.

So kam es, dass ich im Januar 2011, alleine an einer Strandbar des Holiday Inn-Hotels in Hurghada saß und "Schorle Sauer" trank, das einzige tagsüber im All-In enthaltene alkoholische Getränk. Den ersten Becher um 11:00, den letzten um 18:00 Uhr, wenn die Strandbar schloss. Sechs Tage lang.
...
In vorangegangenen Herbst hatte ich mich Hals über Kopf verliebt. Das erste Mal Herzrasen, nach acht Jahren Beziehung, nach Trennung, Auszug und Neustart.
Wir kannten uns schon immer. Er, älter als ich, ein Bekannter meines Bruders, schrieb mich Anfang Oktober ganz unerwartet an. Es brauchte nur wenige Nachrichten bis klar war, seine Beziehung war am Ende - wir wollten uns treffen. Er, den ich immer auf ein Podest gestellt hatte. Er, der optisch so sehr mein Typ war, dass es mich bisher nie interessiert hatte, wer eigentlich der Mensch hinter dieser Fassade war.

Anfang Dezember waren wir so etwas wie ein Paar. Mit Auflagen, natürlich. Wissen sollte es vorerst niemand. Wie stünde er dann da? Grade erst frisch getrennt... Und sein Ruf! Er wollte auch seine Ex-Freundin nicht verletzen. Ich machte mit.

Wenn jemand nicht zu Dir steht, dann tut das mehr weh, als alles andere. 

Trotzdem dachte ich die ganze Zeit: er ist es! Der Mann fürs Leben! Der, der mich um zwei Köpfe überragt. Das etwas viel entscheidenderes von Beginn an nicht passte, das blendete ich aus.

Er ließ mich vom ersten, bis zum letzten Moment in einer Unsicherheit zurück, die sehr viel in mir kaputt gemacht hat und die mir ein großes Stück meiner Selbstsicherheit genommen hat. Ich melde mich morgen Abend... vier Tage nichts zu hören war dann normal. Warten wurde alltäglich für mich, Erreichbarkeit war ein Fremdwort für Ihn. Selbstverständlichkeiten wie Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit gab es nicht.
Es gab auch keine rosarote Anfangszeit, in welcher der Mann die Frau dated, die Frau wiederum vor begeisterter Verlegenheit einwilligt, die Rechnung natürlich nicht zu teilen. Keine offengehaltene Restauranttüre, kein charmant sein und keine Schmetterlinge. Es war Arbeit. Vom ersten Moment an. Seine depressive Grundstimmung machte mir Angst. Verlassen konnte ich mich nur auf seine schlechte Laune.
Vor jeder Verabredung starb ich vor Angst, er würde wieder absagen. War er dann mal da, nahm er alles mit, auch mich, im Ganzen.

Als ich ihn am Morgen des 23.12. vor seiner Arbeit absetze und wir uns in meinem Auto verabschiedeten, ahnte ich nicht, dass ich die nächsten zwei Wochen nichts von Ihm hören würde. Vereinbart war ein Telefonat am heiligen Abend. Meine Anrufe wurden weggedrückt, SMS nicht beantwortet. Er stellte sich tot. So saß ich mit Freunden im Weihnachtsurlaub in einem Winterberger Ferienhaus, weinte vom heiligen Abend bis zum zweiten Weihnachtstag und versaute allen das Fest.

Nachdem ich, wie auch immer, Weihachten und Silvester überlebt hatte, kam ich am 03. Januar auf dem Weg zur Arbeit an einem Reisebüro vorbei. Ägypten, 6 Tage, all In, 199€. Ich ging hinein und buchte. Für mich ganz allein.

Als große blonde Frau, zur Krisenzeit, alleine in Ägypten ist es alles andere als schön und Sie sollten wissen, es ist keinesfalls eine Übertreibung zu sagen, das waren die schrecklichsten sechs Tage meines Lebens. Da saß ich nun, an besagter Strandbar in Hurghada, schüttete mir literweise sauren Wein aus Pappbechern in den Kopf, schaute aufs Meer, hörte Muse und heulte. Alleine. Wer sitzt schon gern am Meer neben einer Betrunkenen, die mit Stöpseln im Ohr aus vollem Hals Muse singt? Eigentlich wollte ich ja tauchen, was betrunken aber eine schlechte Idee war. 

Nach meiner Rückkehr war es, natürlich, nicht vorbei, das sollte es auch noch lange nicht sein. Immer dann, wenn ich fast weg war, war er wieder da. "Siehst du, er liebt dich", wie oft ich mir diesen Satz gesagt habe, weiß ich heut nicht mehr.

Ein paar Tage vor meinem Geburtstag im April beendete er alles per E-Mail, mit den Worten "Egal was ich versuche, es kommen einfach keine Gefühle auf. Man kann sich einfach nicht in dich verlieben."
Ich las die Mail, nahm mein Handy, rief meinen Vater an. Soviel weiß ich noch. Wie ich dann zu meinen Eltern kam, ist weg. Die Autofahrt dort hin, der Nachmittag, der Abend, die nächsten zwei Tage. Einfach weg. Ich glaube, die Erinnerungen, die zu schlimm sind, die löscht das Gehirn.
Ich glaubte ihm. Und wenn er sich nicht verlieben konnte in mich, warum dann jemals jemand anderes? Das Gefühl zu erhalten, so wie du bist, reichst du nicht aus, um geliebt zu werden, so wie du bist, wirst du niemandem genügen. Von sich selber zu glauben, jemand zu sein, in den man sich nicht verlieben kann, das ist grausam!
Liebe lässt sich nicht erzwingen, niemals. Mal passiert es, dann ist Sie da und wunderschön und mal leider nicht. Dafür kann man niemandem die Schuld geben, so gebe auch ich Ihm keine Schuld dafür. Einzig seine Worte, nur die waren das schlimme. Heute, wo ich weiß, sie sind nicht wahr, diese Worte, bin ich nur noch traurig um die Zeit, die ich verloren habe.
Geht es um Liebe, wurde ein Teil von mir dadurch beschädigt. Mag ich jemanden, macht sich Panik breit. Und was, wenn er nun doch recht hatte? Wenn mir ein Gen fehlt und man sich nicht verlieben kann in mich? Und wie sexy Selbstzweifel sind, das weiß ja jeder.

Ich weiß, so viele haben schlimmeres erlebt. Eine Scheidung oder Trennung nach langen Jahren, Schicksalsschläge und Leid. Ich aber nicht. Und für mich war eben das schlimm. Es war das schrecklichste, was ich bisher erlebte. Das gute daran, ich habe es überlebt, so, wie man alles, wirklich alles überlebt. Und manchmal geht es, so wie bei mir grade, sogar mit einem guten Gefühl weiter. Und in dem Wissen, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Jahre, die scheißer sind als andere

Ich war 19 als die erste Person starb, die mir nahe stand. Jana war 20. Eine Studienfreundin von mir. Ich habe sie im Schwedisch-Kurs kennengelernt und gleich gemocht. Jana war eine ruhige Person, ausgeglichen, sehr freundlich und bodenständig. Irgendwann erzählte sie mir mal, dass sie einen Herzfehler hatte, aber schon seit fünf Jahren beschwerdefrei sein. Man hört sich das so an und denkt sich eigentlich nichts dabei. Jana saß ja jeden Tag putzmunter neben mir, oder ging auf Studentenparties mit mir. Und irgendwann sagte sie, dass sie gern mal wieder joggen gehen würde. Weil ich nämlich damals mehrmals die Woche früh morgens joggen ging. Also trafen wir uns und liefen zusammen durch den Park. Und hinterher aßen wir ein Müsli bei mir. Mit Ziegenquark. Das weiß ich noch.

Am Wochenende danach fuhr ich nach Hause. Montags ging ich in den Schwedisch-Kurs und wunderte mich ein wenig, weil Jana nicht da war. Sie wird wohl nach Hause gefahren sein, dachte ich mir. Und rief sie an als ich nach Hause kam. Immer und immer wieder. Bis jemand den Telefonhörer abhob. Ein Mann, der mir auf mein Nachfragen erklärte, dass Jana am Wochenende in ihrer Wohnung verstorben sei. "Ach so, wegen ihres Herzfehler?" fragte ich. Völlig außerstande, die Worte dieses Mannes auch nur annähernd zu begreifen. Ich legte auf und hatte noch immer überhaupt nicht verstanden, was diese Stimme am Telefon mir erzählt hatte. Also ging ich los und lief direkt in seine Arme. Sie sei ganz friedlich eingeschlafen, angezogen auf ihrem Bett, erzählte er mir. Und dann gab er mir zur Erinnerung ein Foto von Jana mit ihrem Hund mit. Das liegt bis heute umgedreht in meiner Schublade.

Damals fragte ich meinen Opa, der Pfarrer war, warum ein so junger Mensch denn sterben müsste. Das wollte mir nicht in den Kopf, was der liebe Gott sich dabei wohl gedacht haben könnte. Wer weiß, was sie in ihrem Leben sonst noch erwartet hätte, antwortete mir mein Großvater. Und irgendwie machte das ein kleines bisschen Sinn. Und irgendwie plagten mich aber immer Zweifel, ob ich und diese Joggingrunde vielleicht auch Schuld gewesen sein könnten.

Ein paar Monate später wurde mein Opa sehr krank und musste ins Krankenhaus. Wir haben ihn jeden Tag besucht und immer hat er für uns ein Späßchen auf den Lippen gehabt, ein nettes Lächeln, ein paar warme Worte. Wir standen uns sehr nahe. Mein Opa und ich. Er war einer dieser Menschen, die wirklich zuhören können. Und die verstehen. Die einem nie ihre Meinung aufdrücken, aber immer die richtigen Fragen stellen. So, dass man selbst zur richtigen Entscheidung kommt. An diesem Abend gab er uns Geld, damit wir mit der Oma ins Kino gehen. "Bis morgen", sagte ich und glaubte fest daran. Wir sahen "Save the last dance" und die Oma fand das alles viel zu laut. Danach ist meine kleine Schwester zu mir ins Bett gekrochen, eigentlich gab es keinen Grund, aber als die Mama am nächsten Morgen kam um uns zu sagen, dass Opa in der Nacht gestorben ist, verstand ich, dass das so hatte sein müssen.
Damals wie heute war ich unglaublich wütend, dass er sich nicht verabschiedet hat. Er wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns sehen. Er wusste es und wollte nicht, dass wir das wissen. Ich werde das wohl nie verstehen können, denn ich wurde um meinen Abschied gebracht.

Die Beerdigung und alles, was damit zusammenhängt, liegt in einem großen Nebel für mich. Ich weiß, dass meine Cousine mit ihrer damals einjährigen Tochter kam. Das war etwas Besonderes, denn meine Cousine war als Jugendliche "auf die schiefe Bahn" geraten, lebte viele Jahre in Berlin auf der Straße, manchmal wussten wir monate- oder jahrelang nicht, wo sie war, oder ob sie lebte. Und dann tauchte sie auf einmal wieder auf. War schwanger, hatte eine Wohnung und war fest gewillt, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie saß neben mir mit ihren 22 Jahren und erzählte mir, wie traurig sie war, dass Opa nicht mehr sehen konnte, wie gut es ihr mittlerweile ging. Ich glaubte das. Sie sah glücklich aus.

Vier Wochen später besuchten wir meine Cousine. Spontan. Es dauerte ein bisschen, bis sie die Wohnungstür öffnete, in der Küche stapelte sich das dreckige Geschirr und sie sah krank aus. Erkältung erklärte sie uns damals. Wir glaubten das.

Eine Woche später, bekam ich einen Anruf von meiner Tante. Meine Cousine läge im Krankenhaus, im Koma. Ich nahm meinen kleinen Cousin und fuhr mit dem Zug nach Berlin. Ins Krankenhaus. Im Bett lag eine wächserne Person, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit meiner Cousine hatte. Ob das Heroin nun zu rein und zu verpanscht war, es war auf jeden Fall eine dumme Idee, sich das Dreckszeugs in die Halsschlagader zu spritzen. Zum Verhängnis wurde ihr letztendlich der auf die Ohnmacht folgende Fall auf die Badewanne. Nach drei Tagen wurden die Geräte abgestellt. Und manchmal frage ich mich, ob das vielleicht tatsächlich besser so war. Ob sie ihr Leben jemals wieder in den Griff bekommen hätte, und dass so zumindest ihre Tochter eine Chance hat.

Das war also mein scheißestes Jahr. Vor fünf Jahren ließ ich mir ein Tattoo stechen. Eine keltische Triskele. Und jedes Ende steht für eine dieser wichtigen Personen in meinem Leben, die es nicht mehr gibt.

Freitag, 13. Dezember 2013

Alle Jahre wieder - Gedanken zur Weihnachtszeit

Ich kann Ihnen gar nicht genau sagen, welches das erste Weihnachtsfest ist, an das ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich ist es das, bei dem ich mit roten Backen und einem in warmer Butter getränkten, kratzigen Wollschal unterm Tannenbaum saß, weil ich Mumps hatte. Da war ich wohl vier. Vielleicht aber auch fünf oder drei, wie gesagt, ich kann mich nicht genau erinnern.
Bei uns zu Hause kam das Christkind. Bei all meinen Freunden kam der Weihnachtsmann, aber die gingen auch nicht jeden Sonntag in die Kirche (die noch dazu unten im Haus war), die hatten aber auch nicht den tollsten Opa der Welt. Der war Pfarrer. Deswegen also auch Kirche und Christkind.

Gesehen habe ich das Christkind allerdings nie. Ich habe es versucht. Jedes Jahr. Hinter den Gardinen gelauert, wann es denn um die Ecke kommt. Aber es war immer schneller als ich. Und während ich zur Tür hechtete, weil es geklingelt hatte, schlich es wahrscheinlich schon wieder um die Häuserecke. In meiner Vorstellung war das Christkind ein Kind. Also eine kleine Person, mit blonden Locken und in einem weißen Flatterhemd. Ich weiß, ich machte mir immer etwas Sorgen, dass es krank wird. Wo es doch barfuß durch den Schnee stapfen musste. Und dabei diese hässlichen Plastikwäschewannen mit all den Geschenken drin rumschleppte. Natürlich zweifelte ich manchmal an der Existenz des Christkindes, ein paar Jahre hatte ich unsere alte Nachbaroma Frau Heidel im Verdacht. Aber das konnte eigentlich auch nicht sein, denn die saß meistens auch mit bei uns unterm Weihnachtsbaum. Ich habe bis heute ehrlich gesagt nicht lösen können, wer das Christkind war, aber ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie diese Geschichte mit so viel Liebe und Diskretion so lange aufrechterhalten konnten.

Nun habe ich es dieses Jahr mit der Weihnachtsdeko recht spartanisch gehalten. Der Weihnachtsstern hängt, und der Lichterbogen steht auch im Fenster. Und dass wir den Ficus als Tannenbaum verkleidet haben, wissen Sie ja bereits. Aber die Armee an Engeln, Räuchermännlein, Lichterketten sowie geschnitzten und geklöppelten Krippen sind dieses Jahr in den Pappschachteln geblieben. Mir war einfach nicht so. Dazu war das Jahr zu anstrengend, zu traurig, zu nervenaufreibend und zu enttäuschend, um jetzt in weihnachtliche Vorfreude zu verfallen, nur weil der Kalender es vorschreibt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freu mich sehr auf Weihnachten. Darauf bei meinen Eltern einen echten, nach Wald duftenden Tannenbaum zu schmücken, darauf in die Kirche zu gehen und bei "Stiller Nacht, heiliger Nacht" ein bisschen zu weinen, darauf, die leuchtenden Augen des Kindes zu sehen, wenn es den Werkzeugkoffer und die Babypuppe auspackt. Darauf, am ersten Weihnachtsfeiertag vor allen anderen aufzustehen, im Pyjama einen Kaffee zu kochen und sich mit einem guten Buch unter den erleuchteten Weihnachtsbaum zu setzen. Vielleicht gibt es sogar Schnee. Vielleicht können wir rodeln gehen und Schneeengel zaubern.

Aber die Adventszeit ist dieses Jahr deutlich weniger festlich als sonst. Vielleicht hätte es mich zu viel Anstrengung gekostet, den Weihnachtszauber heraufzubeschwören. Vielleicht habe ich mir auch gedacht, dieses Jahr ist das Kind fast noch ein bisschen zu klein, um sich irgendwann mal daran zu erinnern. Vielleicht wollte ich auch dieses Weihnachten einfach ganz deutlich vom letzten abgrenzen.

Nächstes Jahr wird das sicher wieder anders. Nächstes Jahr erfinden wir unsere eigene Familienzaubergeschichte. Nächstes Jahr glaube ich vielleicht auch wieder an das Christkind.


Mittwoch, 11. Dezember 2013

Freund sein

Freund, der. Wortart: Substantiv, maskulin, jemandes Freund bleiben, sein, werden; gut Freund [mit jemandem] sein.

Meine Definition: Freund ist das, was nach Bruder kommt!

Ich habe Freunde, die ich ein Leben lang kenne und welche, die mich nach ein paar Monaten fast besser kannten, als so mancher lebenslanger. Ich definiere einen Freund nicht über Dinge wie Alter oder Ähnlichkeit zu mir. Meine Nachbarin ist mit 58 Jahren genauso mein Freund, wie der kleinste meiner Cousins mit 18 Jahren. Ich messe die Freundschaft auch nicht an der Dauer, die ich einen Menschen kenne oder daran, wie viel wir miteinander erlebt haben, sondern an einem freundschaftlichen Gefühl, dass sich bei mir entweder sofort - oder meist gar nicht einstellt.

Scheinbar sind manche Menschen nur Wegbegleiter für einzelne Lebensabschnitte und keine Freunde fürs Leben. Manchmal schleicht sich mit der Zeit ein Gefühl der Entfernung ein, ohne dass irgend etwas Konkretes passiert ist und es ist traurig, wenn man merkt, man kann eine Freundschaft nicht aufrecht erhalten, obwohl man den Menschen mag.

Wenn es einfach nicht mehr passt.

So ging es mir vor kurzem mit einer Freundin, die ich schon einige Jahre kenne. Wir waren immer sehr verschieden, was uns beide nie gestört hat. Sie fuhr zum Michael Wendler-, ich zum Paul Kalkbrenner-Konzert. Ich lachte sie aus, sie schüttelte verächtlich mit dem Kopf. Wenn ich an Karneval drei Tage durchfeierte, schaute Sie lieber Sitzungen im TV, ich mittendrin, sie lieber auf der Couch. Ausgehen war schwer, ich wollte Sushi, zum Mongolen oder mal die Unsichtbar ausprobieren, sie bestand auf Wiener Schnitzel, alles andere war zu experimentell. Sie ist immer organisiert, strukturiert, ich hingegen bin der Chaot, der improvisiert. Das wussten wir und das war okay, denn wir mochten uns und das ist das, was zählt, dachte ich immer.

Letztes Jahr um diese Zeit, kam die alljährliche Silvesterdiskussion auf. Ich wollte feiern, sie nicht. Alleinlassen wollte ich sie auch nicht. So verbrachte ich den Jahreswechsel auf ihrer Couch. Meine Schuld, keine Frage, denn ich stimmte ihr aus schlechtem Gewissen zu, dass Silvester unter Menschen die absolute Hölle sei. Soviel zu Entscheidungen, die aus schlechtem Gewissen heraus getroffen werden ...
In ihrem Wohnzimmer lief erst Dinner for One, dann die die Schlagerparade. Ich konnte hören, wie mich die kleinen giftgrünen Cornichons im Glas auslachten. Wie ich da saß, in meinen Stricksocken, mit meinem bleigegossenen Ei im Nest, dass mir laut China-Pappschachtel-Rückseite große Fruchtbarkeit voraussagte. WOHER DENN? Die feiernde Großstadt vor dem Fenster und ich wie Oma Sophie auf der Couch. Hier würde ich sicher nicht befruchtet. Um 00 Uhr konnte ich nicht mehr und heulte mir in dem schrecklichen Gefühl etwas zu verpassen heimlich auf ihrem Klo die Augen aus.
  
Irgendwann im April fand ich mich dann auf meinem Geburtstag wieder. In meinem Wohnzimmer stehend, um mich herum fünfundsechzig Menschen, mich vor ihr dafür rechtfertigend, dass der Sunshine Live Radio Stream lief, und keine "richtige" und in ihren Augen normale Partymusik. Ob das Gewemmse tatsächlich mein Ernst sei fragte sie mich, schließlich wär ich nicht alleine.
Ich gab nach, sie bekam ihren Willen und Andrea Berg betrauerte in meinem Wohnzimmer die große, grausame 30 mit schrecklichen Gesängen über Männer, die nicht mal richtig lügen können.

Beim PUR Hitmix platze mir eine Ader im Auge. Und es reichte!

Mein Bruder schnappte sich den Laptop, warf einen Elektro-Stream an, ich tanzte zu Erobique, sie ging nach Hause.

Das Schlimme für mich war: wäre es ihr Geburtstag gewesen, ich hätte mich mit Kölsch und Lakritz-Schnaps zum Schlagerfan hochgetrunken und ihr zuliebe so gefeiert, wie sie es gewollt hätte! Warum wird das bei mir nicht akzeptiert, fragte ich mich? Vielleicht sind wir zu verschieden, schrieb sie mir später.

Und dann änderte sich diese mal dagewesene Toleranz zwischen uns plötzlich zu einem immer häufiger werdenden beidseitigen Augenrollen. Sie wurde immer introvertierter, war irgendwann kaum noch zum Ausgehen zu bewegen. Treffen am liebsten bei ihr, da wo sie alles unter Kontrolle hatte. Ich hingegen reiste zeitgleich quer durch die Republik, um mich mit Menschen zu treffen, die ich noch gar nicht kannte, erzählte ihr voll flammender Begeisterung, wie toll das alles sei. Twitter machte ihr Angst, "Das hättest du früher nie gemacht". Das genau das aber so positiv für mich war, das sah sie nicht.
Ich mag es nicht, wenn man mich klein halten will. Mich in der kleinen Schublade behalten will, in die ich für jemanden reingehöre. Unterschiede machen den Menschen aus und es ist an uns, jeden in allen Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren. Wie soll eine Freundschaft funktionieren, in der man es dem anderen nicht zugesteht, dass er anders ist? Und dass er sich verändert? Gar nicht!
 
Die Basis muss stimmen, um festzuhalten. Das müssen aber nicht lauter gleiche Interessen oder Ansichten sein. Den anderen so lassen wie er ist, dass reicht doch oft schon aus. Finde ich, Frau Schnörri.

Montag, 9. Dezember 2013

Wunschkind

Solange ich denken konnte, wollte ich Kinder. Zwei – einen Jungen und ein Mädchen, so wie mein Bruder und ich. Aber vor allem ein Mädchen, denn so eine kleine Prinzessin – das wünschte ich mir von Herzen. Einen Namen hatte ich auch schon; sie sollte so heißen wie meine Oma.

Nun ist der Weg zum Kinde oft schwieriger als man sich das mit 8 so vorstellt und spätestens mit 23 hatte ich begriffen, dass ich meine Wunschvorstellungen wohl geringfügig modifizieren muss, da der edle Ritter auf dem weißen Ross auf sich warten ließ und stattdessen seine Stellvertreter schickte. Die kamen zumeist auf 'nem rostigen Drahtesel, einem uralten Polo oder dem Bus daher, statt Duelle auszufechten, kippten sie lieber ein paar Bierchen, aber alles in allem waren sie doch alle ganz nett. Nur eben kein Material zum Heiraten, geschweige denn zum Kinderzeugen.
Doch wie der aufmerksame Leser festgestellt haben wird – irgendwann kam derjenige Welche. Eigentlich relativ unspektakulär in Form eines langjährigen Kumpels, doch ein gemeinsamer Urlaub mit dem zwangsweisen Schlafen in einem Bett taten ihr Übriges und so trat "Der Mann" in mein Leben. Zusammenziehen ging dann recht fix und nach ein paar Jahren wurde ordnungsgemäß geheiratet. Ganz in weiß und sehr romantisch (Sie erinnern sich – die Schuhe!). Nur das mit dem Schwangerwerden wollte nicht so recht klappen. Zwar beruhigte mich meine Gynäkologin, dass das alles noch im Rahmen wäre und ich mir nicht so viele Gedanken machen sollte, aber ich verstand das einfach nicht – ich führte genau Buch, machte den Mann an den vorgegebenen Tagen willig (was nicht sehr schwer war) und befolgte alle guten Ratschläge. Doch – nichts! Zwischenzeitlich wurde meine beste Freundin schwanger und ich musste mich schon arg zusammenreißen, um ihr entsprechend freudig zu gratulieren.

Sie merken es vielleicht – ich bin ein recht strukturierter Mensch. Nicht pedantisch oder so, aber ich plane gerne, habe gerne die Fäden in der Hand und koordiniere auch gerne alles selbst. Delegieren ist für mich recht schwierig, da ich am Ende doch nochmal alles anfassen und verbessern muss. Leser mit Kindern werden vielleicht ahnen, dass sich eine solche Lebenseinstellung nur sehr schlecht mit dem Zusammenleben mit einem Kind verbinden lässt.

Zu guter Letzt – nach einer gefühlten Ewigkeit und objektiv betrachtet vielleicht nach 10 Monaten Ehe - versuchte ich es sogar mit Akkupunktur. Und sei es nun Zufall oder tatsächlich mit den Nadeln (und dem Nageln) verbunden – ein paar Wochen später machte ich im Urlaub einen Schwangerschaftstest! Auf Schwedisch! Irgendwann fand ich auch heraus, was "schwanger" und "nicht schwanger" auf Schwedisch heißt. War das eine Aufregung.
Zurück in Berlin machte ich sogleich einen Termin bei meiner Gynäkologin und diese attestierte mir eine frühe, aber eindeutige Schwangerschaft.

Das Schwangersein bekam mir sehr gut, ich arbeitete bis zum letzten Tag und malte mir detailliert aus, wie das mit dem Kind denn sein würde. Die Einrichtung wurde gekauft, ich bemalte die Wände im Babyzimmer eigenhändig und wartete. Die letzten Wochen waren zwar schon recht beschwerlich, aber hey – bald würde alles vorbei und das Leben wieder so wie vorher sein. Nur halt zu dritt, in einer perfekten kleinen Familienidylle. (Haha!)

Natürlich las ich auch viel, unter anderem auch darüber, dass ca. 25% der Mütter unter postpartalen Depressionen leiden. Dies nahm ich etwas besorgt zur Kenntnis und sei es aus Vorahnung oder einfach um ihn ein wenig einzubinden, instruierte ich den Mann, darauf nach der Entbindung ein besonderes Augenmerk zu haben.

Ein paar Wochen vor dem errechneten Termin stellte meine Ärztin dann fest, dass sich das Kind leider in Steißlage befände und schickte mich ins Krankenhaus, um einen Kaiserschnitttermin machen. Dies kam mir eigentlich ganz zupass, denn so ließ sich alles ja noch besser planen. Zum Termin fand ich mich also mit gepacktem Köfferchen im Krankenhaus ein, ließ mich an die diversen Geräte anschließen und die Hebamme machte einen finalen Ultraschall. Bei diesem stellte sie dann freudig erregt fest, dass das Kind sich ja nun doch spontan gedreht hätte und korrekt mit dem Kopf nach unten läge und ich wurde nach einigem Hin und Her wieder nach Hause geschickt. Das passte mir zwar gar nicht, doch als werdende Erstmutter lässt man sich ja so ziemlich alles gefallen, was "dem Wohle des Kindes" zugute kommt.

Doch dann – ganze 3 Wochen später – war es endlich soweit. Die Fruchtblase platzte. Nun aber wirklich ... ab ins Krankenhaus, im Vorwehenzimmer einquartiern und warten. Und warten. Und warten.
Nachdem nach 12 Stunden aber immer noch keine Wehen einsetzten, entschloss man sich, die Geburt einzuleiten. Die Details erspare ich euch, es gibt ja kaum etwas Ermüdenderes als Geburtshorrorgeschichten, nur soviel: es war nicht schön. Letztendlich wurde das Kind nach 2-3 Stunden Presswehen mit der Saugglocke geholt, was ich nur noch am Rande mitbekam. Und nun hielt ich es endlich in den Armen – mein Baby! Es war groß und kräftig und rund und rosig und hatte 10 Zehen und 10 Fingerchen und alles war perfekt. Und ich war – erleichtert. Endlich war die Schwangerschaft vorbei, diese elende Geburt auch und nun konnte alles perfekt werden.

Leider musste das Kind durch die Saugglockengeburt für eine Nacht auf die Neonatolgie zur Beobachtung, das heißt, ich kam in ein separates Zimmer und wurde nur alle paar Stunden geweckt und zum Stillen angekarrt. Doch eigentlich war mir das ganz recht, konnte ich mich so doch ein wenig von den Strapazen erholen. Am nächsten Tag wurden wir jedoch auf die normale Mutter-Kind-Station verlegt und nun ging es los: ich sollte das Kind wickeln, stillen und dabei auch noch die ersten Rückbildungsübungen machen. Das mit dem Stillen klappte überhaupt nicht, zum Wickeln rief ich jedes Mal eine Schwester und Rückbildung konnte mich mal kreuzweise.

Aber (das weiß doch jeder!) Stillen ist ja sooo wichtig für die Entwicklung des Kindes, also machte ich weiter. Ich zitterte jedes Mal, wenn das Kind nur anfing zu piepsen, denn dann ging die Qual für uns beide von vorne los. Ich litt unter allen möglichen Geburtsnachwehen, mir war heiß, ich schwitzte wie ein Affe, doch da meine Zimmernachbarin ein untergewichtiges Kind mit chronischer Niedrigtemperatur hatte, konnten wir das Fenster nicht öffnen. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken, da ich permanent auf jedes Geräusch des Kindes lauschte und wenn dieses mal ruhig war, fing das Nebenkind an zu lamentieren oder die Schwester kam herein und wollte irgendeine Untersuchung machen oder der Arzt kam zur Visite oder oder oder. Nach 2 Tagen war ich fix und fertig und heulte nur noch – ein wenig zu früh für den klassischen "Baby-Blues". Dies merkte allerdings auch mein Mann und – eingedenk meiner Worte – informierte das Krankenhauspersonal darüber. So lernte ich also die sehr nette psychologische Beraterin kennen, welche mir nicht wirklich weiterhelfen konnte, mir jedoch die Adresse einer Eltern-Kind-Therapeutin gab, an die ich mich bei Bedarf wenden könne.

Ich erspare euch nun weitere Krankenhausdetails, nur soviel – wenn ich meinen Mann nicht gehabt hätte, ich hätte nicht gewusst, was ich machen sollte. Er kümmerte sich Tag und Nacht um uns (wir hatten mittlerweile ein Familienzimmer "verordnet" bekommen), wickelte das Kind und – gab ihm die Flasche! Denn nach tagelangem Schreien und anschließendem Abpumpen sah auch die Stillberaterin endlich ein, dass bei mir nicht viel zu holen war. Das Baby hatte Hunger und den konnte – und wollte – ich nicht stillen. Ich war nicht bereit, das Kind 20 Stunden am Tag anzulegen, nur um es halbwegs satt zu kriegen. Und Flaschennahrung war in diesem Moment mein allerbester Freund, denn dem Baby war es egal, wer ihm die Flasche gab. Mein Mann, meine Mutter, meine Schwiegereltern – alle kümmerten sich wirklich rührend um uns.

Und ich – weinte. Ich hatte keinen Appetit mehr (wer mich kennt, weiß, dass das wirklich SEHR ungewöhnlich ist). Draußen war der Frühling in aller Pracht ausgebrochen und ich wollte nur im Bett liegen. Natürlich ging ich raus, denn im Kinderwagen schlief das Baby schließlich. Die Tage waren soweit ganz okay, doch die Nächte nach wie vor mein Horror. Mein Mann hatte sich 2 Monate frei genommen und ich war so sooo dankbar dafür. Ich hörte nach wie vor jedes Geräusch des Kindes, so dass der Mann sich irgendwann mit ihm im Wohnzimmer einquartierte. Unsere Wohnung glich einem Zeltlager und das Baby war der Feldherr – zumindest empfand ich es so.

Doch ich wusste – irgendwann würde ich hauptverantwortlich für das Baby da sein müssen. Nur – wie sollte das gehen? Zum Glück erinnerte ich mich an die Eltern-Kind-Therapeutin und machte dort einen Termin. Mein Mann kam mit. Es war seltsam – das Baby schlief friedlich in seinem Maxi Cosi, ich saß heulend auf meinem Stuhl und mein Mann war sichtlich irritiert. Er konnte ja nichts machen. Also – nicht für mich. Zum Glück wurde das Baby bald wach und er konnte es füttern und bespaßen.

Tja – dies wurde nun zu einem festen Termin für mich, das Baby und – wenn er Zeit hatte – meinen Mann. Einmal wöchentlich zu "Frau Doktor". Doch schon bald stellten wir fest – es tat mir zwar gut zu reden, aber meine Depressionen (ja nun nennen wir es doch endlich mal beim Namen!) wurden dadurch nicht besser. Zum Glück stillte ich ja nicht und so bekam ich letztendlich Antidepressiva verschrieben. Niedrig dosiert und erstmal auf ein Jahr begrenzt. Und was soll ich sagen – die Welt wurde endlich wieder bunt.
Ich war nie ein Kind von Traurigkeit und war auch deshalb mit diesen Erfahrungen völlig überfordert. Klar hatte ich auch mal schlechte Phasen durchlebt, doch diese ließen sich entweder durch eine Tafel Schokolade, eine Flasche Wein oder ein Gespräch mit Freunden wieder hinbiegen. Wenn ich jetzt versuchte, mich mit Freunden zu unterhalten, war es anders als früher. Die, die schon Kinder hatten, konnten meine Situation zwar irgendwie ein bisschen verstehen, aber bei ihnen war das alles natürlich nicht so dramatisch gewesen und letztendlich liebt man sein Kind ja und deshalb macht einem das alles ja nicht soviel aus, nicht wahr?! Ist das so? Ich konnte es nicht bestätigen. Zwar liebte ich mein Kind, doch ich liebte auch mein eigenes Leben und konnte nicht akzeptieren, dass dies nun völlig vorbei sein sollte. Dann gab es noch diejenigen Freunde, die einem immer vorschwärmten, wie toll das alles wäre und dass es nichts schöneres gäbe, als das Kind zu stillen und mit ihm zu kuscheln usw. – ich wusste nicht, wovon sie redeten. Doch – auch ich kuschelte gerne mit dem Kind. Ich hatte mittlerweile auch nicht mehr solche Angst vor seinen Schreianfällen. Aber diese innige Mutterliebe, die fehlte mir.
Die Freunde ohne Kinder nickten verständnisvoll, drückten mir ihr Geschenk in die Hand und hofften vermutlich, mich das nächste Mal erst wieder in alter Form wiederzusehen. Und ich konnte es ihnen nicht mal verübeln, war dies doch selbst mein größter Wunsch.

Doch es wurde besser. Ich konnte endlich etwas besser schlafen und nach ca. 7 Monaten tat dies auch das Kind – also nachts. Die ganze Nacht. Wir gingen weiter zur Therapie, das Kind freute sich jedes Mal, wenn es Frau Doktor sah und wunderte sich vermutlich, warum die Mama da immer weinte. Denn das tat ich nach wie vor. Aber es befreite.

Nach einem Jahr schlich ich die Medikamente aus und es ging mir wieder gut. Ich möchte nicht wissen, was diese Episode langfristig für die Beziehung zu meinem Kind bedeutet. Ich befürchte, dass die Beziehung immer belastet sein wird. Es tut mir unendlich leid, dass es so ist. Doch was soll ich machen? Wie sagte meine Therapeutin: "Das ist wie mit einer Grippe – es kann jeden erwischen!" Damit tröste ich mich, wenn ich mir mal wieder Vorwürfe mache.

Mittlerweile ist die Beziehung zu meinem Kind gut. Es ist immer noch ein sehr großes Papakind, aber ich habe meinen Platz in seinem Leben gefunden. Doch wenn ich unseren Beziehungsstatus benennen müsste, würde ich wohl sagen: es ist kompliziert.

PS: Bei meinem zweiten Kind hatte ich übrigens von Anfang an diese Muttergefühle. Insgeheim nenne ich es Affenliebe. Doch das ist eine andere Geschichte.  

Sonntag, 8. Dezember 2013

Blueberry nights

Kennen Sie das, wenn Sie mitten in der Nacht an Ihrem Rechner sitzen und einfach nicht zur Ruhe kommen können?
Nein? Ich kannte das bis vor einiger Zeit auch nicht. Aber nun sitze ich hier, habe soeben meine Arbeit abgeschlossen und sollte eigentlich ins Bett gehen, aber der Kopf fährt Karussel, die Gedanken wirbeln durcheinander und an Schlaf ist sowieso nicht zu denken.

Ich kann mich erinnern, dass mein Leben mal wesentlich entspannter war. Damals habe ich als Deutschlehrerin gearbeitet. Das war zwar schlecht bezahlt, aber ich hatte um 15 Uhr Feierabend. Jeden Tag. Und nach ein paar Wochen Einarbeitungszeit  hat sich auch die Stundenvorbereitung auf ein Minimum reduziert, ich bin nach Hause gekommen, habe mir den Hund geschnappt und bin in den Park gegangen. Dann habe ich Boule gespielt, oder mit Freunden gegrillt, oder sogar ein Buch gelesen. Und der Job hat Spaß gemacht. Ich kann das gut! Den Clown spielen, Leuten den Dativ erklären oder die deutsche Verbkonjugation in ihre Köpfe hämmern. Und man bekommt ja auch sofort was zurück. Leute, die kein Wort Deutsch sprechen, können nach einem Monat schon so eine Art Smalltalk mit dir halten (mal abgesehen von einem amerikanischen Geschäftsmann, dem ich über zwei Jahre verzweifelt versuchte, Deutsch beizubringen. Nach sechs Monate bin ich in sein Büro spaziert und habe ihn gefragt, wie es ihm geht. Daraufhin kuckte er mich an, wie eines dieser tollen Autos, die er baut und hatte keine Ahnung, wovon ich rede. Ich klebte ihm dann ein gelbes Post-It an den Computerbildschirm auf dem stand:
:) sehr gut
:/ es geht so
:( schlecht
Danach wusste er wenigstens, wo er hinschauen musste, um mir zu antworten.)

Aber mit allen Vorteilen hatte der Job einen riesengroßen Nachteil! Er war schlecht bezahlt, man wusste immer erst drei Tage vor Monatsende, ob man im nächsten Monat auch ein Einkommen hat, Kranksein war keine Option und im Sommer Urlaub machen noch viel weniger.

Also bewarb ich mich neu und bekam tatsächlich eine feste und bald auch unbefristete Stelle. Jackpot, dachte ich damals! Und ehrlich gesagt war es das die ersten Jahre auch wirklich. Ich hatte ein nettes Team, einen tollen Vorgesetzten, flexible Arbeitszeiten und ein vernünftiges Einkommen.
Dann wurde ich schwanger, bekam ein Kind und blieb 14 Monate zu Hause.

Danach kehrte ich in den Job zurück, das Kind ging in den Kindergarten und ich begann relativ entspannt mit einer 30h-Woche. Also nochmal vier Monate Schonfrist.
Zeitgleich mit dem Beginn der Vollzeitarbeit war ich auf einmal auch allein erziehend, das ist jetzt fast ein Jahr her und anfangs funktionierte das nur, weil es eben musste. Mittlerweile haben wir uns ganz gut eingespielt, aber trotz allem gibt es Tage, an denen ich ein schlechtes Gewissen habe, weil mein Kind jeden Tag 9h in der Kita ist. Und genauso habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich nach 8,5h das Büro verlassen muss, egal, was da noch an Arbeit rumliegt.
Andersrum bin ich aber auch sehr froh, dass ich nicht jeden Tag  bis in die Puppen im Büro sitzen kann, um noch irgendwas zu wuppen. Und in dem Moment, wo ich das Gebäude verlasse, mir die Kopfhörer überstülpe, ist die Arbeit aber auch abgehakt (meistens zumindest). Dann habe ich 20 Minuten um runterzukommen und mich gedanklich auf's Mamasein einzustellen. Die nächsten Stunden gehören dann wirklich ausschließlich dem Kind und mir. Und so haben wir alle Zeit der Welt und manchmal sitzen wir auch erst noch eine halbe Stunde in der Kita auf dem Fußboden vor der Garderobe um zu kuscheln, weil das Kind eben auch erst mal runterkommen muss. Zu Hause bauen wir dann Züge aus Stühlen und essen im Speisewagen Abendbrot, oder wir bauen eine Höhle unter dem Schreibtisch und verstecken uns vor dem Alltag.

In einer perfekten Welt würde ich wahrscheinlich gern ein kleines bisschen weniger arbeiten und ein kleines bisschen mehr Zeit für das Kind haben. Aber es lebt ja sowieso keiner in einer perfekten Welt.
Für mich habe ich einfach nur gelernt, Job ist Job, aber was wirklich zählt, ist die Familie. Auch wenn sie so klein ist wie meine. Und im Endeffekt kommt es nur darauf an, was man aus der wenigen Zeit, die man hat, macht. Und zwar immer das Beste!