Samstag, 6. Dezember 2014

Ich liebe euch.

Ich liebe euch, aber manchmal treibt ihr mich zur Verzweiflung.
Ich liebe euch, aber manchmal weiß ich nicht, ob meine Kraft noch ausreicht.
Ich liebe euch, aber manchmal kann ich mir nur noch durch schreien Luft machen.
Ich liebe euch, aber manchmal male ich mir aus, wie das Leben ohne euch verlaufen wäre.
Ich liebe euch, aber manchmal bin ich froh, wenn ihr woanders seid.
Ich liebe euch, denn ihr seid manchmal die zauberhaftesten Wesen der Welt.
Ich liebe euch, denn ihr könnt euch über Dinge freuen, die für uns längst selbstverständlich sind.
Ich liebe euch, denn ihr guckt mich erst böse an und sagt dann, daß ich eure beste Freundin bin.
Ich liebe euch, denn ihr lasst mich manchmal selber wieder Kind sein.
Ich liebe euch.

Samstag, 25. Oktober 2014

Oh wie schön ist Bullerbü

Wie Sie ja sicher alle wissen, bin ich im Besitz zweier Kinder, eines Mannes und eines manchmal recht strapazierten Nervenkostüms. Um diesen vieren ab und zu mal ein wenig Erholung zu gönnen, hat es sich unsere Familie (wie Millionen andere auch) zur Gewohnheit gemacht, einmal im Jahr zu verreisen.

Früher (hach),als wir alle noch jung, ungebunden, frei, 10 Kilo leichter waren - da war die schwierigste Entscheidung bei der Urlaubszielwahl die Nähe zum Strand, Sonnengarantie, genügend Discos und Bars in der näheren Umgebung und eine möglichst günstige Unterkunft. Zu diesem Zwecke bildeten sich manchmal recht zweckmässige Reisegemeinschaften.
Sehr lebhaft in Erinnerung bleibt eine Reise an die französische Atlantikküste. Meine beste Freundin, ich und ein Arbeitskollege von mir entschieden, uns zu dritt ein 32qm-Appartement zu teilen. Da sowohl meine Freundin als auch ich zu dem Zeitpunkt ungebunden waren und dem ein oder anderen Urlaubsflirt gegenüber nicht abgeneigt, ging es stellenweise recht hoch her. Blöd nur, als sich herausstellte, dass mein Kollege in meine Freundin verliebt war. Aber nun ja - er buchte seinen früheren Rückflug und wir hatten noch eine Menge Spaß. Vor allem, als uns ein Streik der Air France eine unfreiwillige Urlaubsverlängerung inklusive 2 Nächte auf dem Campingplatz bescherte. Dort waren ein paar Freunde von uns (unter anderem übrigens der Mann - doch zu diesem Zeitpunkt nur als Kumpel).
Im Jahr darauf bezogen wir ein Häuschen auf einer griechischen Insel - 3 Mädels und der Mann - immer noch rein platonisch - dies sollte sich aber im Laufe des Urlaubs ändern. Am Ende dieses Urlaubs waren wir ein Paar.

Es folgten noch diverse Urlaube (Portugeil - naja. Nochmal Griechenland - Jassas!), doch irgendwann war die Zeit des gemeinsam-mit-Freunden-in-den-Urlaub-Fahrens dann vorbei, in unserem Falle, als das erste Kind da war. Denn seien wir mal ehrlich - Eltern, die mit einem 4 Monate alten Säugling Urlaub am Ballermann oder an der Costa Brava machen, sind doch wohl zum Glück recht spärlich gesät.

Nun habe ich es aber recht schlau angestellt und einen Mann geheiratet, dessen Eltern ein Häuschen (nun gut, sagen wir ruhig ziemlich schickes Haus) in Schweden ihr eigen nennen. Genauer gesagt in Småland (ja, liebe IKEA-Generation, DAS Småland,  aus dem der kleine Kevin von seiner Mami abgeholt werden möchte - nur eben im Ursprungsland). Und nicht genug - das Häuschen befindet sich im direkten Dunstkreis von Pippi Langstrumpf,  Michel aus Lönneberga, Bullerbü und Kalle Blomquist. Also was soll ich sagen - mein Kindheitstraum, gepaart mit einem Babysitterdienst vor Ort - wer würde da nicht schwach?

So begab es sich nun die letzten 5 Jahre, dass wir alljährlich den Dachgepäckträger aufs Auto schnallten, den Kofferraum bis unters Dach vollstopften, die Kühltasche packten und uns in der Hoffnung auf gutes Wetter, fröhliche Kinder und fitte Großeltern auf den Weg Richtung Norden machten. Jedoch - Sie ahnen es - erstens kommt es anders und zweitens auch. Oft gestaltete sich schon die Hinfahrt als nervliche Zerreissprobe, denn was man als Pärchen ohne Kinder und normalem Blasenvolumen in ca. 10 Stunden bewerkstelligen kann, erweist sich mit bewegungsfreudigen, dauerhungrigen und blasenschwachen Kleinkindern als Stop-and-go-Spiel. Jeder, der schonmal mit Kindern verreiste, kann es sich lebhaft vorstellen, denke ich mir. Alle anderen denken bitte an sich selbst vor ca. 20 bis 30 Jahren zurück (Sie sehen-ich schätze meinen durchschnittlichen Leser als relativ jung ein). "Is noch weit?" "Ist DAS schon Schweden?" " Warum müssen wir noch durch Dänemark fahren?" "Ich hab Hunger!" "Ich will spielen!" "Mir ist schlecht!" "Wo sind die Elche" oder einfach nur "Wuääääääähhhhhhhhh!".

Ich könnte Ihnen nun erzählen, dass wir - endlich angekommen - immer einen fantastischen Urlaub mit eitel Sonnenschein, liebreizenden Kindern, gutgelaunten Großeltern und einem ausgefüllten Freizeitprogramm hatten. Aber dafür schätze ich Sie, geneigte Leser, doch als zu intelligent ein, um mir das so einfach abzukaufen. Ich will nicht ungerecht sein - wir hatten wirklich schöne Tage, die Landschaft ist traumhaft, der Weinkeller des Schwiegervaters sehr gut sortiert und das Wetter war auch ab und zu mal fast sommerlich. Doch seien wir ehrlich - damit hält man nicht zwei Kinder drei Wochen lang bei guter Laune. Und die Eltern leider auch nicht.

Die ersten Tage richtet man sich noch ein wenig ein, hört sich den Wetterbericht der letzten Wochen an ("also bis gestern hatten wir jeden Tag Sonne und 20°C") und hofft jeden Morgen, dass das Rauschen draussen von den Blättern und nicht vom Regen kommt. Sobald das Barometer auch nur ansatzweise steigt, wird das Auto für einen Tagesausflug gepackt, man geht auf Elchsafari, in die Astrid-Lindgrens-Värld (fahren Sie dorthin, wenn Sie mal in Schweden sind und Kinder haben. Es ist zauberhaft!) oder einfach an den See. Nur leider halten es die Schweden mit ihrem Wetter ein wenig wie die Iren - vier Jahreszeiten an einem Dienstag sind nunmal absolut üblich im Land der Fleischbällchen und der Lösgodis (Omnomnom).

Doch oft genug musste ich mir vom Mann schon anhören, ich sei nicht geschaffen für Urlaube im Norden, nicht geländegängig, nicht wetterfest. Dies ist so natürlich nicht richtig. Ich liebe Wetter. 25°C und Sonne, ab und zu eine Schäfchenwolke, eine laue Brise - perfekt. Auch mangelnde Geländegängigkeit lasse ich mir ungern nachsagen. Das Gelände sollte halt aus feinem Sandstrand bestehen, welcher in ein türkisblaues Meer übergeht. Gerne darf sich auch ab und an ein Kellner nach meinen Befindlichkeiten erkundigen. Gegen solch ein Gelände habe ich absolut nichts einzuwenden.

Und so begibt es sich nun, nach 5 Jahren Gummistiefeln, Regenjacke, Kamin anfeuern und absoluter Stille (also - wenn die Kinder im Bett waren), dass die Familie van B unter die Pauschalurlauber geht. Ja, lachen Sie ruhig - es geht nach Mallorca. All inclusive. Bähm! Wahrscheinlich wird es grauenvoll, wir werden das Hoteldasein hassen und diese Schnapsidee verfluchen. Wahrscheinlich werden wir nächstes Jahr reumütig die Thermoskleidung einpacken und Buße tun, in der Hoffnung, dass Sverige uns vergibt.
Doch vielleicht - ganz eventuell - mit ein bißchen Glück - werden wir einfach 2 Wochen Sonne, Meer, gutes Essen, einigermaßen entspannte Kinder und ein ganz klein wenig Erholung haben.

Drücken Sie uns die Daumen! 

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Frau Rakete holt das Stöckchen - und wirft es weiter.

So, da bin ich wieder. Vielen Dank an das Frollein für die Nominierung zu diesem lustigen Blogger-Staffellauf.
Der funktioniert so: 

"Beantworte 11 Fragen, nominiere 11 weitere Blogger (Bescheid sagen nicht vergessen), stelle ihnen 11 selbst ausgedachte Fragen und reiche somit das Staffelstöckchen weiter. Wenn nicht, wirst Du Pickel am Po, 11 Jahre schlechten Sex und jeden Morgen "Brother Louie" als Ohrwurm haben. Ach, fast hätte ich die wichtigste Regel vergessen: verlinke die Person, die Dich nominiert hat."


Lesen Sie dazu bitte auch den den Post "Hol das Stöckchen" von unserem Frollein - die hat mir das hier eingebrockt. ;)

Ich mache da gerne mit und freue mich über die Gelegenheit, mal wieder in die Tasten zu hacken. Mein letzter Blogpost ist ja auch schon viel zu lange her.
Also los.

Nein, Stop: Noch ein kurzer Hinweis. Ich habe manche Fragen länger und andere kürzer beantwortet, und es wird tüchtig in die Tiefe gehen. Das ganze ist sehr persönlich. Also nicht erschrecken oder vielleicht lieber doch die Gala lesen. :) 
Ich habe mich trotzdem bemüht, das ganze -wie immer unterhaltsam- zu verpacken. 



1. Bist Du ein Hunde- oder Katzentyp?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich war früher definitiv ein Katzentyp. Bis ich 30 war, habe ich zeitweise immer wieder Katzen gehabt.

Als ich ein Kind war, war ich mal verschwunden. Meine Mama fand mich nach längerer Suche in einer großen Weidenkiste, umringt von 4 Katzenbabies. Ich hatte von innen den Deckel geschlossen und mich muxmäuschenstill zwischen die kleinen Fellknäuel gekuschelt. Wo immer Katzen waren, da war auch ich.

Einmal hatte ich eine Lieblingskatze namens Kiu. Die kam zu mir als kleines, schwarzes Puschelchen, das genau in meine Hand passte. Mit der war ich so verbunden, dass sie von Tag eins an meinem Kopf schlief und mir nachts am Ohrläppchen nuckelte. Sie lief hinter mir her wie ein Hund. Wenn ich sie streichelte, sabberte sie mich komplett voll. Immer. Kiu und ich waren eins. Selbst beim Tierarzt saß sie ohne Käfig auf meinem Schoß, obwohl das Wartezimmer voller Tiere (und auch voller Hunde) war. Als ich von meinem damaligen Freund auszog, wollte er mir die Katze nicht mitgeben. Das war ok (zähneknirschend, aber wirklich ok, weil die Katze bei ihm einen tollen Auslauf hatte und auch das Revier kannte und ich in eine Etagenwohnung zog), aber ich vermisste Kiu wie ein abgetrenntes Körperteil. Irgendwann lief sie dann weg. Ich sah sie nie wieder. Das war und ist manchmal heute noch schlimm.

Als ich mich später mal wieder entschloss, es mit einer Wohnungskatze zu versuchen, geriet ich an ein wildes Biest von einem Bauernhof, das mich bestenfalls als Dosenöffner, mehr aber als Erzfeind und des nachts als Bolzplatz betrachtete.
Der kleine Teufel schiss mir die Bude voll, hackte nachts in meine Füße und -wenn er seine 5 Minuten hatte- drehte er mit Karacho Runden durchs Schlafzimmer, die Wände hoch, über das Bett, mich, und vor allem auch über mein Gesicht.
Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, ich könnte zur Katzenhasserin werden. Wurde ich aber nicht. Ich gab sie meinem Ex (bei dem sie einen tollen Auslauf hatte), und siehe da, sie wurde ruhiger und umgänglicher, was mich sehr freute.

Ich habe in meinem Leben schon sehr sehr oft von Katzen geträumt. Ich habe mit Katzen gesprochen, als wären es Menschen (oder ich eine Katze), und ich habe sogar mal im Traum mit einer Katze Tango getanzt. Jetzt denken Sie "das ist die verrückte Katzenfrau!", und ich kann es Ihnen nicht verübeln.

Nun war ja die Eingangsfrage, ob ich eher ein Katzen- oder Hundetyp bin. Nun, ich habe weder gegen Hunde noch gegen Katzen etwas einzuwenden. Genauso wenig wie gegen Köln oder Düsseldorf, Bremen oder Hamburg.

Dass Katzen hinterhältiger als Hunde sind, glaube ich nicht. 
Ich glaube, jedes Tier hat einen Charakter, mit dem es auf die Welt kommt. 
Da Katzen aber keine Rudeltiere sind, sind sie nicht so abhängig vom Wohlwollen ihrer Besitzer und suchen sich mitunter, wenn ihnen was nicht passt, einfach ein neues Zuhause. Das kann man gut finden oder doof - ich nehme das nicht persönlich. Es ist einfach die Natur.

Genauso, wie ich Katzen mag, mag ich aber auch Hunde; im Grunde liebe ich alle Tiere. Aber auch bei Hunden differenziere ich sehr wohl.
Es gibt welche, die mag ich sofort, andere kann ich gar nicht leiden (oder die mich). Es ist schon oft vorgekommen, dass eher scheue Tiere (sowohl Hunde als auch Katzen) zu mir Vetrauen hatten und sich ordentlich durchschmusen ließen. Und die Besitzer erstaunt darüber waren.

Ich glaube, das liegt daran, dass ich ein "Tiertyp" bin. Ich liebe Tiere per sé, und ich glaube, das merken die auch.
Deswegen: Einigen wir uns auf "Tiertyp".


2. Leben mit Kind oder ohne - was ist besser (bitte keine falsche Political Correctness!)?

Oha, das ist eine schwere Frage. Ich kann das ja auch nur als die kinderlose Person beurteilen, die ich bin.
Ich glaube, dass es schön sein kann, Kinder zu haben. Ich glaube, dass mit einem Kind eine Art von bedingungsloser Liebe vorhanden ist, die einem vielleicht nicht fehlt, wenn man keines hat, die man aber auch nicht missen wollen würde, sobald man Vater oder Mutter geworden ist.

Sicher sind Kinder saumäßig anstrengend, ab dem Zeitpunkt, wo sie geboren werden. Und vorher schon.
Denken wir mal an die kotzende Herzogin Kate oder die vielen Frauen, die während der Schwangerschaft Wasser ansetzen oder denen das Gewebe reißt und nie wieder zusammenwächst. Die nach der Geburt ihre Pfunde nicht mehr loswerden oder leergesaugte Brüste haben wie plattgekloppte Schnitzel.
Die, bis das Kind nicht mehr gestillt werden muss, nicht mehr ausschlafen können und auch nichts trinken dürfen (ich weiss nicht, was schlimmer ist!).
Die, die nicht mehr ausgehen können wann sie wollen, die keinen Bock mehr auf Sex haben, oder die Alleinerziehenden, die noch nicht mal in die Verlegenheit kommen, Sex ablehnen zu müssen!
Die, die nach der Geburt Depressionen kriegen und sich fragen, wo sie ihr Kind ungestraft in Zahlung geben können.
Oder gar die, die kein gesundes Kind zur Welt bringen und neben der eh schon schwierigen Lebensaufgabe, einen tollen, selbstständigen Menschen heranzuziehen, noch damit beschäftigt sind, ihr schwerkrankes Kind zu pflegen, bis sie selbst den Löffel abgeben...Will ich mit denen tauschen?

Ich weiss es nicht.

Ich habe mal gehört, dass man als Frau in der Schwangerschaft "diese Hormone" hat, die das alles möglich machen. Die, die dafür sorgen, dass man die Geburtsschmerzen vergisst, keinen Schlaf mehr braucht und Nerven hat wie Drahtseile.
Ich glaube, dass man sowieso mit seinen Aufgaben wächst, und dank "dieser Hormone" sogar ganz glücklich werden kann mit der neuen Lebenslage.

Ich denke, man kann durchaus glücklich sein mit der Entscheidung, ein Kind zu kriegen. Dass man damit etwas sinnvolles schafft/geschaffen hat (einem Menschen die Möglichkeit zu geben, sich frei zu entfalten und Freude am Leben zu haben), und dass man später im Alter nicht alleine sein wird. Dass man im Kreise seiner Lieben (wenn die einen dann noch mögen) einen schönen, erfüllten Lebensabend haben wird.

Für mich hat sich die Frage nur einmal gestellt.

Ich war schwanger und habe mich dagegen entschieden.
Meine Lebensumstände zu diesem Zeitpunkt waren mehr als ungünstig. Zukunftsängste, Studium nicht beendet, sehr unglücklich in meiner Heimatstadt Bremen, oft krank, viel geweint und irgendwann endlich mal eine Entscheidung getroffen.
Die Entscheidung, etwas zu ändern und mein Leben in die Hand zu nehmen.

Ich hatte einen Praktikumsplatz in Köln ergattert. 300 €pro Monat, genau 50€ weniger, als mein WG-Zimmer kosten würde. Aber ich wollte das, es war eine Chance, mein Leben (ich hoffte positiv) zu verändern. Dann, kurz vor dem Umzug Sex mit dem Ex (hier bitte alle Vorwürfe, erhobenen Zeigefinger und Verwünschungen einfügen) und -zack- schwanger.

Ich muss sagen: Ich fühlte mich eigentlich wohl, sah super aus, strahlte von innen und hatte das 2. Mal im Leben das Gefühl, komplett zu sein. Rund. Harmonisch. Eigentlich machten mir die Menschen in meiner Umgebung schon Komplimente, bevor ich überhaupt wusste, dass ich schwanger bin. Das war irgendwie schön. Ich fühlte mich wie auf Wolken, heilig, unantastbar. Fasste immer an meinen Bauch.
Aber ich war gleichzeitig entsetzt (ja, sowas geht). Wieder glücklich. Wieder entsetzt. Hin und her gerissen. Und immer müde (ich konnte im Stehen einschlafen).

Und dann wurden die Zweifel immer lauter.
Wie sollte ich das machen, so ganz allein, in einer fremden Stadt? Ohne abgeschlossenes Studium? Schwanger ins Praktikum, und danach zum Sozialamt? In Bremen und damit unglücklich bleiben, depressiv werden und das Kind später dafür verantwortlich machen? Es verfluchen, schlagen, mit dem Saufen anfangen?

Das war ein sehr, sehr großes Dilemma, in dem ich da steckte.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zur Beratungsstelle ging, um über einen Abbruch zu sprechen. Die Beraterin war sehr einfühlsam, aber auch sehr realistisch.
"So ein Baby ist nicht nur Freude. In erster Linie braucht es all Ihre Energie. Es wird Sie aussaugen. Es ist selten so romantisch, wie man sich das im Allgemeinen vorstellt, vor allem ohne Partner. Sie sollten sich das gut überlegen."
(Zu meinem Ex nur soviel: Er hatte schon ein Kind von einer anderen Ex und wollte kein zweites. Ich konnte das verstehen. Ich hatte zwar noch kein Kind, aber hätte mich idealerweise über eine Unterstützung für mich und über einen motivierten Vater für das Kind gefreut. Weder das eine noch das andere war zu erwarten).

Später saß ich beim Frauenarzt, der absurderweise erst einmal prüfen musste, ob der Fötus überhaupt 'in Ordnung' war. Als er sagte: "Oh, sehen Sie mal, das Herz schlägt!", und ich erschrocken auf den Monitor und dieses kleine runde etwas mit dem pochenden Herzchen blickte, brach ich in Tränen aus. Danach saß ich heulend und zusammengesunken auf dem Fußboden, der Arzt auf mich einredend...
"Sie können das schaffen, ich habe das auch geschafft, obwohl es nicht einfach war!!"
"Sie hatten ja auch eine Partnerin dazu! Sie haben ja auch nicht mein verkorkstes Leben und Sie sind nicht depressiv, weil Ihr Leben eine Pizza Stagnazione ist! Ich weiss ja noch nicht mal, wohin mit mir- wie soll ich da wissen, wohin mit einem Baby? Wenn ich hierbleibe, nur weil meine Eltern hier wohnen, die mich eventuell irgendwie unterstützen könnten, werde ich für immer unglücklich sein. Ich befürchte, dass ich das auf das Kind projizieren könnte. Und das will ich nicht. Ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht".

Und was man nicht glaubt, schaffen zu können, das schafft man auch nicht.

Ich wusste, dass ich mich trennen musste, und -im übertragenen Sinne- riss ich das Kind aus mir heraus wie man ein kleines Pflänzchen aus der Erde rupft, mit einem Ruck. Und das tat weh. Wahrscheinlich mehr, als die Geburt weh getan hätte. Geburtsschmerzen (habe ich mir von Müttern sagen lassen) vergisst man ja irgendwann. Aber Schmerzen, die so ein Schwangerschaftsabbruch macht, vergisst man nie.
"Eine gerechte Strafe", werden manche vielleicht sagen. Ja, kann sein. Vielleicht war es aber auch die richtige Entscheidung.

Ich hatte danach nur einen Wunsch: Wenn ich noch mal schwanger werden sollte, dann bitte mit einem Partner, der sich genau wie ich auf das Kind freuen würde. Einen solchen Partner habe ich bisher nicht gefunden. Und deswegen wollte ich auch nicht wieder schwanger werden.

Das heißt nicht, dass ich das nicht noch werden könnte (ganz vielleicht). Es ist schon sehr spät, ich bin 40, und ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass das wahrscheinlich nichts mehr wird. Jedenfalls nicht um jeden Preis. Ich bin aber auch nicht (mehr) depressiv deswegen.
Klar tut das manchmal noch weh.
(Heute wäre das Kind 10 Jahre alt. Ich weiß, dass es ein Junge geworden wäre, denn ich hatte knapp ein Jahr nach dem Abbruch einen Traum, indem ein kleiner Junge mit schwarzen glatten Haaren und offenen Armen auf mich zugerannt kam. Dieser Junge sah aus wie mein Exfreund. Kein Beweis, aber ein sehr sicheres Gefühl. Da dieses Kind glücklich war, habe ich mir zurechtgelegt, dass es ihm, wo auch immer er ist, gut geht. Und das ist gut so).

Ich hörte in meinem Leben schon oft "Du kannst so gut mit Kindern umgehen. Hast Du Kinder? Du wärst sicher eine tolle Mutter". Ja, vielleicht wäre ich das, und vielleicht wäre ich heute eine bessere Mutter als ich damals gewesen wäre.
Wer weiß schon, ob das richtig war. Sehr oft denke ich aber: Ja, das war genau richtig so. Sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin, inklusive neuer Heimat, zwei Jahre Gespräche mit dem Klempner, nem wirklich tollen Job und vielen lieben Menschen um mich herum.

Mein Leben ist gut so, wie es ist. 

Und wenn doch noch ein Kind in mein Leben kommt, dann wird auch das gut sein. Da bin ich sicher. Ja, scheiß drauf, dann bin ich halt 60, wenn der kleine Hosenscheisser seine Abifeier hat.

Um die Frage also abschließend zu beantworten: Es hat beides seinen Reiz.


3. Wenn du eine Krankheit heilen könntest - welche wäre das?

Ich würde gerne Depressionen heilen. Da Körper, Geist und Seele eine Einheit bilden, schwächen Depressionen mit Sicherheit das Immunsystem.
Ich glaube, sie können der Nährboden sein für Krankheiten, Viren & Bakterien (Geburtsfehler und Erbkrankheiten ausgenommen).

Ich erhebe da natürlich keinen Anspruch auf Richtigkeit (bitte keine Grundsatzdiskussionen!), aber -mein höchst persönlicher Glaubenssatz ganz allgemein in den Raum gehustet- wer glücklich ist, der hat auch mehr Energie und bessere Widerstandskräfte. Und der erholt sich auch schneller.

Warum Menschen sterben müssen, die glücklich sind oder gestorben sind, die glücklich waren, das vermag ich nicht zu sagen. Das Leben ist halt manchmal einfach beschissen ungerecht.

Aber dennoch: Ich würde gerne Depressionen heilen können. Punkt.


4. Es brennt. Was rettest Du aus Deiner Wohnung (abgesehen von Dir und anderen lebenden Haus- Wohnungsbewohnern)

Vermutlich nur ein Foto von meiner Großmutter, das bei mir an der Küchenwand hängt, und das es nicht in digitaler Form gibt. Auf alles andere könnte ich verzichten.

Ich würde zwar kurzfristig geschockt sein und mich ganz nackt fühlen (wenn ich nicht sogar eh gerade unter der Dusche stand, als das Feuer ausbrach), aber aus meiner Vergangenheit habe ich gelernt: Wer nix hat, kann auch nix verlieren. Und das ist ein sehr schönes und sehr leichtes Gefühl.


5. Auf welche Sache könntest Du in Deinem Leben am wenigsten verzichten?

Auf meine Wärmflasche. Aber sowas kann man ja auch an jeder Straßenecke kaufen.


6. Du hast ein Jahr bezahlten Urlaub - was machst Du?

Ich reise um die Welt, zumindest versuche ich es. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann zu sterben und nicht versucht zu haben, die Welt zu sehen. Dafür ist sie zu schön.

(Ich fliege im November nach Island. Da wäre ich nie freiwillig hingeflogen, aber es gab eine gute Gelegenheit, und ich habe sie am Schopfe gepackt. Wenn ich daran denke, die Polarlichter zu sehen, leibhaftig, mit meinen eigenen Augen, dann könnte ich jetzt schon zu flennen anfangen, so schön finde ich das. Die sieben Weltwunder, die Meere, die Farben, die Gerüche - das muss ich alles sehen, schmecken, riechen, hören und fühlen, bevor der Sensenmann vor der Tür steht.)


7. Was war der ungewöhnlichste Ort, an dem Du Sex hattest?

Ein Hinterhof in Hamburg-Winterhude. War schön gewesen.


8. An welches Jahr erinnerst Du Dich besonders intensiv?

1992. Das Jahr, in dem ich Abi gemacht habe und von zu Hause ausgezogen bin. In dem ich viel gearbeitet und viel Geld verdient habe, viel ausgegangen bin, das erste Mal einen Dienstwagen hatte und so richtig Autofahren (heizen) lernte. Das war das Jahr, als ich das maximale Freiheitsgefühl hatte, und als ich dachte, das Leben sei eine fabelhafte Wundertüte.

Isses ja auch heute noch.

Manchmal.


9. Warum twitterst Du?

Weil es der direkte Weg ist, einen Gedanken in x (hier Anzahl der Follower eintragen) Gehirne einzupflanzen. Oder einen Lacher. Weil es schnell Resonanz gibt.

Twitter ist sowas wie ein See: Du schmeißt einen Stein rein, und er erzeugt ein paar kleine Kreise. Manchmal auch ne richtige Welle. Und ganz Selten nen Tsunami (Shitstorm). Ist mir aber zum Glück noch nicht passiert. Toi Toi Toi.


10. Welche Eigenschaft stört Dich an anderen Menschen am Meisten?

Unehrlichkeit.
Ich hasse Lügner. Lügen bedeutet, sich der Verantwortung zu entziehen. Ich finde, wenn man so richtig Scheiße gebaut hat, sollte man auch dazu stehen.

Lügen, um besser dazustehen, finde ich auch ganz, ganz übel. Sich mit Fremden Federn schmücken zum Beispiel.
Im Weitesten Sinne gehören Schönheits-OPs in diese Kategorie. Eine korrigierte Nase und eine aufgespritzte Lippe: Das ist eine (offensichtliche) Lüge, für die es oftmals trotzdem Applaus gibt.
Ja, jetzt könnte man sagen: Bist ja nur neidisch, kannst ja selber auch lügen.
Ja, stimmt. Vielleicht bin ich neidisch, vielleicht könnte ich selber auch lügen. Mache ich aber nicht. Ich will nämlich im Laufe meines Lebens dazu kommen, dass ich zu mir selber stehen kann, und zwar mit allen Ecken, Dellen und Kanten, die ich habe. Mit allen Fehlern und mit allem Scheiß, den ich fabriziert habe.
Ich will das alles überwinden, das Nicht-Perfekte akzeptieren und glücklich und zerdellt meinen Rucksack für die letzte Reise packen.


11. Du hast noch einen Tag zu Leben - was tust Du?

Ich rufe alle an und sage ihnen, wie lieb ich sie habe.
Dann räume ich meine Wohnung aus und verschenke alles. Ich verteile free Hugs auf der Straße und frage einen sehr hübschen Mann, ob er mich knutschen möchte. Und wenn es am schönsten ist, mach ich die Biege. Mit einem schönen Gefühl im Bauch.



Aber vielleicht probier ich das mit dem hübschen Mann ja schon vorher.
Und vielleicht überleb ich das ja sogar.
Und vielleicht geh ich mit dem dann auf Weltreise.
Und vielleicht kommen wir mit drei Katzen, vier Hunden und einem Baby zurück.



Aber vorher stelle ich noch 11 Fragen. 

1. Barfuß oder Lackschuh?
2. Was war das Peinlichste, was Du je getan hast?
3. Was ist Dein absoluter Traum (egal, ob umsetzbar oder nicht)?
4. Wenn Du sehr sehr viel Geld finden würdest (so ca. 500.000 €) und wüsstest, dass Dich keiner dabei beobachtet hat, würdest Du es behalten, und wenn ja, was würdest Du damit machen?
5. Würdest Du ins Dschungelcamp gehen?
6. Da steht ein Flieger für Dich. Wohin geht die Reise?
7. Wenn Du mit jemandem in die Kiste springen dürftest (freie Auswahl, für diese Frage bist Du Single!), wer wäre das (hier eine bekannte Persönlichkeit o.ä. einfügen)?
8. Wenn Du ein Mann bist: Was ist das faszinierende an Baustellen? Wenn Du eine Frau bist: Was ist das faszinierende an Schuhen?
9. Ganz ehrlich: Wenn es gesellschaftlich nicht so verpönt wäre, würdest Du Dich mit Wonne aushalten lassen?
10. Für 500.000 € - lieber eine (sehr große, lebende) Spinne essen oder lieber mit Deinem übelsten Erzfeind vögeln?
11. Wolle Rose kaufe?

Ich nominiere


Mehr fallen mir nicht ein. So auf die Schnelle. Ich sollte vielleicht mehr Blogs lesen.

In diesem Sinne,
Ihre Erna Rakete.


Montag, 20. Oktober 2014

Hol das Stöckchen!

Nominierungen sind in. Spätestens seit der Ice-Bucket-Challenge wird nun jeder für alles nominiert.
Nenne Deine 5 Lieblingsbücher, Deine 3 Lieblingsfilme, Dein Lieblingsbuch und Deine Lieblingsposition im Bett (also ich liege am liebsten auf der rechten Seite mit meinem Handy in der Hand). Wenn nicht, zahle 100 Euro an den Springer-Verlag oder werde Kai Diekmanns Ghostwriter. Da man das natürlich vermeiden möchte, macht man jeden Scheiß mit.

Nun also "Hol das Stöckchen!":

Beantworte 11 Fragen, nominiere 11 weitere Blogger (Bescheid sagen nicht vergessen), stelle ihnen 11 selbst ausgedachte Fragen und reiche somit das Staffelstöckchen weiter. Wenn nicht, wirst Du Pickel am Po, 11 Jahre schlechten Sex und jeden Morgen "Brother Louie" als Ohrwurm haben. Ach, fast hätte ich die wichtigste Regel vergessen: verlinke die Person, die Dich nominiert hat. In meinem Fall war das die fabelhafte grüne Fee MeggSchicksi. Merci Madame.

Nun also hier meine Antworte auf die äußerst intimen und (mehr oder weniger) geistreichen Fragen:

1. Nimmst du von dir aus Kontakt zu Menschen auf, die du seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen hast und warum (nicht)?

Selten. Manchmal mache ich das bei Leuten, von denen ich etwas wissen oder haben will (also z.B. eine Auskunft oder eine Dienstleistung). Ansonsten habe ich mit vielen Menschen aus meiner Vergangenheit abgeschlossen und nicht unbedingt das Bedürfnis nach Kontakt. 

2. Eigene Kinder haben – ja oder nein? Warum?

Ja. Zwei. Soll ich jetzt die Sache mit den Bienchen und den Blümchen erklären? Oder wollt ihr dazu vielleicht einfach folgende Blogposts von mir lesen: Wunschkind bzw. Affenliebe

3. Verkneifst du dir irgendeine Sache, die du eigentlich sehr gerne hast? Warum?

Zur Zeit verkneife ich mir Chips und Schokolade. Ansonsten verkneife ich mir sehr häufig ein paar bissige Kommentare auf Twitter. Und ich verkneife mir das Ansehen von Trash-TV-Formaten, da der Mann mich dann immer rügt. 

4. Welches Rollenverständnis hast du von Mann / Frau?

Eigentlich wünsche ich mir eine Rolle als Frau wie in einem Doris-Day-Film. Da ich zur Zeit aber leider die Hauptverdienerin in unserer Familie bin und der Mann sich ziemlich viel um die Kinder kümmert, wird das wohl leider nichts. 
Außerdem ist das Auto auf mich zugelassen und ich habe meistens die Macht über die Fernbedienung. Ich warte eigentlich stündlich darauf, dass mir Eier wachsen und ich erklären kann, was Abseits ist.

5. Was verstehst du unter “Erfolg”?

Erfolg ist, wenn ich etwas schaffe, wofür ich mich anstrengen musste. Das hat am wenigstens mit Geld oder Beruf zu tun, sondern eher mit persönlichen Zielen und Hürden. Und wenn ich es schaffe, dass meine Kinder irgendwann ein glückliches Leben führen, wird das mein größter Erfolg sein.

6. Kannst du kochen?

Früher kochte ich oft und gerne und viele leckere und ausgefallene Gerichte. Heute beschränkt sich mein Repertoire auf Nudeln "mit ohne", Spiegeleier und Pfannkuchen. Ich werde mich aber vielleicht mal wieder an etwas Anspruchsvolles heran wagen. Morgen gibt es Milchreis!

7. Bist du eher Messie oder Pingelkopp?

Ich wäre gerne Pingelkopp, aber die Familie arbeitet gegen mich. So beschränke ich mich auf Schadensbegrenzung.


8. Welche Sportart betreibst du (wenn überhaupt)?

Ich würde ja gerne mal wieder, habe aber keine Zeit (ist das eigentlich die älteste Ausrede, seit es Fitnessstudios gibt?)

9. Hast du im Internet ein alter ego in Form einer Kunstfigur (also nicht nur ein ausgedachter Name)?

Nein.

10. Familienfeste – spießig oder doch eher spaßig?

Och - ich mag Familienfeste. Ich bin da nicht so. Und meine Familie ist echt okay. Voll öde, ich weiß.

11. Was ist für dich der Sinn deines Lebens?

42 (gibt es andere gültige Antworten?)

So, damit wäre dieser Teil geschafft. Ich nominiere nunmehr:

@Hauptstadtgoere
@denkfett
@Larenzow
@Betriebsfamilie
@_LotteG
@Mittsommar
Ich würde gerne noch @honigsuess nominieren, aber sie bloggt nicht, soweit ich weiss.

Mit mehr Twitterern möchte ich es mir vorerst nicht verscherzen. Man möge es mir nachsehen.

Und hier nun eure Fragen:

1. Bist Du ein Hunde- oder Katzentyp?
2. Leben mit Kind oder ohne - was ist besser (bitte keine falsche Political Correctness!)?
3. Wenn du eine Krankheit heilen könntest - welche wäre das?
4. Es brennt. Was rettest Du aus Deiner Wohnung (abgesehen von Dir und anderen lebenden Haus- Wohnungsbewohnern)
5. Auf welche Sache könntest Du in Deinem Leben am wenigsten verzichten?
6. Du hast ein Jahr bezahlten Urlaub - was machst Du?
7. Was war der ungewöhnlichste Ort, an dem Du Sex hattest?
8. An welches Jahr erinnerst Du Dich besonders intensiv?
9. Warum twitterst Du?
10. Welche Eigenschaft stört Dich an anderen Menschen am Meisten?
11. Du hast noch einen Tag zu Leben - was tust Du?

So ihr Lieben - viel Spaß damit und haltet das Stöckchen hoch.

Sonntag, 27. Juli 2014

Meine Freundin.

Meine beste Freundin ist 65 Jahre alt und ich 40. Das sind 25 Jahre Unterschied. Aber diese Zahl ist auch das Einzige, was uns trennt. 

Als ich sie das erste mal besuchte, sie ihre Beiss-Schiene trug und nur noch Worte mit "s" aussprach, was so gut wie unmöglich war, lagen wir lachend auf dem Boden. Nach und nach entdeckten wir viele kleine, generationsübergreifende Gemeinsamkeiten. 
Wenn ich sie ansehe, dann betrachte ich nie ihre Hülle, sondern nur ihren Geist. Und der ist wach, schnell, klug und voller Liebe für das Leben. 
Wenn ich einen Scheisstag habe, baut sie mich wieder auf. Wenn sie einen hat, höre ich es heraus, egal, wie sehr sie versucht, es zu vertuschen. 
Wir haben einen gemeinsamen Sprachkodex entwickelt, der viele Menschen denken lässt, dass wir einen kapitalen Knick in der Dachpappe haben. Wahrscheinlich haben diese Leute Recht..! Aber genau das ist eins der schönsten Dinge, die uns verbinden. Der gemeinsame Humor, der Blick aufs Komische im Alltäglichen, das blinde Verstehen.
Natürlich gibt es Momente, da  nervt sie mich höllisch: Wenn sie hektisch autofährt (nie könnte ich etwas trinken, wenn sie fährt, selbst nicht auf gerader Strecke). Auch, wenn sie sich ständig wiederholt und mir alles doppelt und dreifach erzählt. Oder wenn sie mit vollem Mund redet. Dann muss ich immer wegkucken. Und ganz, ganz sicher bringe auch ich sie ab und zu um ihre Geduld. Es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen.
Aber eigentlich ist mir das egal. Dass sie da ist und keine Stunde vergeht, in der wir nicht zusammen albern sind, ist das Größte. Dass wir gemeinsam über Männer jammern und spontan freitags abends im Club landen. Dass wir Ausflüge machen, auf dem Sofa abhängen und  beide shoppen können, bis uns schwindelig wird. Dass ich ihr in Herzensangelegenheiten eine genauso gute Beraterin sein kann wie sie mir. Dass sie da ist. 
Manchmal denke ich daran, wie alt sie eigentlich ist, und dass sie sehr wahrscheinlich eher sterben wird als ich. Dann muss ich aufpassen, dass ich nicht zu weinen anfange. 
Ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie machen sollte. Natürlich wurde ich schon gefragt, ob ich sie als Mutter-Ersatz betrachte, denn Menschen finden es ungewöhnlich bis irritierend, dass es Freundschaften gibt, die so einen Alterunterschied überbrücken. Aber nein, sie ist keine Mutter für mich, wenngleich ich sie, wie viele meiner anderen Freunde, zu meiner geistigen Familie zähle, die für mich auch ein Stück Heimat bedeutet. 
Sie ist, was sie ist: Ein junger, tiefgründiger, sensibler und ein urkomischer Geist in einem langzeitbewohnten Körper. Eine Beraterin, Komplizin, ein Vorbild und manchmal eine Nervensäge. Eine Freundin. Meine Freundin! 

Zu Weihnachten (weil wir uns heilig Abend nicht sehen konnten) hat sie mir eine Karte geschrieben, über die ich mich wahnsinnig gefreut habe. 
Ein Satz darauf: "Der liebe Gott hat Dich geschickt, damit ich immer fröhlich bin." 

Hier ist meine Antwort. Danke, dass Du da bist!


Mit Dir kann ich Unsinn bauen, 
lachen, weinen, Pferde klauen
Feuer, Wasser, Erde, Wind
ist das, was wir zusammen sind.
Wer Dich mobbt, der wird verhauen,
Du und ich ist Urvertrauen
Beim ersten Lacher wusst ich schon:
Du bist meine Herzperson.
Und wenn wir uns auch manchmal nerven,
auf Dich will ich Konfetti werfen.
Schön, dass Du da bist, altes Haus,
denn ohne Dich sähs öde aus. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch so eine Herzperson haben. Egal, wie alt sie ist. Denn Freundschaften kennen keine Unterschiede. 

Herzlichst, 
Ihre Erna Rakete

Dienstag, 20. Mai 2014

Dead and gone

Heute gab es in meiner Familie einen Todesfall. Ein Cousin von mir ist gestorben. Krebs - was sonst in dem Alter (48)?! Ich bin traurig. Natürlich, werden Sie sagen, logisch ist man da traurig. Aber ich frage mich: warum bin ich eigentlich so traurig?

Ich hatte nie viel Kontakt mit ihm, er war 10 Jahre älter als ich, lebte in einem anderen Bundesland, ließ sich selten auf Familienfeiern blicken. Klar - als Kinder haben wir uns noch öfter gesehen, doch irgendwann geht halt jeder seine eigenen Wege.

Vor ein paar Wochen kam dann die Diagnose - Speiseröhrenkrebs, Metastasen, das volle Programm. Da ist man natürlich erstmal geschockt, aber irgendwie glaubt man ja nicht, dass das Ende dann doch so schnell kommt. Er postete weiter auf Facebook, hauptsächlich irgendwelchen Fussballkram, Danksagungen zu seinem Geburtstag. Vor 2 Wochen ein Bild aus dem Krankenhaus. Berichte über die Chemo, eine OP. Der letzte Post nochmal ein Aufreger über ein Fussballspiel. Das sollte sein letztes digitales Lebenszeichen sein. Gestern dann Organversagen, künstliches Koma. Heute Herzstillstand.  

Und nun frage ich mich - warum bin ich so traurig? Es ist nicht die Trauer um die Person, also die Persönlichkeit, denn ich kannte meinen Cousin ja eigentlich kaum. Ich denke, es ist die Angst, die einen so empfinden lässt. Die Angst, dass es einen selber auch jederzeit treffen kann. Dass es den eigenen Mann, die Eltern, die (oh Graus) eigenen Kinder treffen kann. Und dass man nichts dagegen tun kann. 

Heute noch ein Facebook-Post, eine WhatsApp, eine Nachricht auf dem AB, ein Tweet, ein selbst gemaltes Bild. Und dann - nichts mehr. 

Das sind alles keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, theoretisch weiß man das alles, hat sich Gedanken darüber gemacht, vielleicht sogar entsprechend Vorsorge getroffen. Doch wie so oft im Leben gilt: man lernt nur durch eigene Erfahrungen. Nur wenn man selbst unmittelbar betroffen ist, kann man eine Situation wirklich verstehen. 

Niemand weiß, wie es ist, ein Kind zu haben, bis man sein eigenes kleines Wunder im Arm hält. Wenn man Liebeskummer hat, hilft kein gutes Zureden von Freunden oder Familie - man muss diesen Schmerz selber durch- und überleben. Keiner kann ahnen wie es ist, wenn die eigenen Eltern sterben. Und niemand kann einem den Kummer abnehmen. 

Ich zum Beispiel möchte keine Ratschläge oder kluge Sprüche. Ich möchte wissen, dass jemand da ist, der mir zuhört, der mich kurz in den Arm nimmt und mir einfach das Gefühl vermittelt, nicht alleine zu sein mit meiner Angst und meiner Trauer. 

Zum Glück habe ich einen Mann, der das ganz gut hinkriegt, gute Freunde, die plötzlich im genau richtigen Moment da sind. Das ist gut zu wissen. Aber am Ende ist jeder auf sich gestellt. Und das macht mir Angst.

Ich hoffe, meinem Cousin geht es gut, wo immer er jetzt auch ist. 

Dienstag, 29. April 2014

Kann man ein Leben löschen? – Ein Twittererklärungsversuch

Twitter ist nicht Real Life (RL) – das zumindest legt die strikte Trennung zwischen Twitter und RL nahe.
Dann muss Twitter wohl ein Fake Life sein. Warum braucht man denn ein Fake Life? Und was, wenn man keinen Bock mehr drauf hat?

Aber fangen wir von vorne an. Warum twittert man eigentlich? Schaut man sich so die Accounts an, gibt es wohl ziemlich viele Gründe dafür. Die meisten aber beginnen sicher mit einer gewissen Neugier dem Medium gegenüber. Also kreiert man mal einen Twitteraccount. Man denkt sich einen netten @-Namen aus und legt los. Und schreibt ins Leere. Man folgt ein paar „vorgeschlagenen“ Accounts, klickt sich mal hier und mal da rein und hofft, dass einem auch jemand folgt. Das passiert erst mal nicht. Deshalb schreibt man weiterhin ins Leere. Man verfasst sinnvolle oder sinnfreie Tweets, die niemand liest. Da ist also erst mal ein gewisses Durchhaltevermögen gefragt (das, meine Damen und Herren erklärt übrigens auch, warum viele „große“ Accounts Tweets schreiben, die nicht mal eine Handvoll Favs kriegen. Weil die niemand liest. Man braucht nämlich ein bisschen Geduld, um bei Twitter anzukommen. Und wenn man die nicht hat, dann versteht man das Ganze auch nicht und der Account verwaist einfach (Statistik: 135 Tweets; folgt 247; folgen 18; letzter Tweet: vor Wochen, Monaten, Jahren).
Bleibt man allerdings ein bisschen am Ball, schreibt ein paar Replys (aber bloß nicht zu viele, das ist verpönt), retweetet fleißig und haut ein paar kreative #ffs (Followerempfehlungen, und Achtung, die müssen individuell sein, Massen-ffs sind nicht erwünscht, und am Anfang eines Tweets darf auf gar keinen Fall ein @ stehen, denn dann können ihn nur die lesen, die der Person eh schon folgen – und das Konzept der #ff ist dahin), dann folgen einem auch ein paar Leute mit mehr Followern (allerdings ist auch hier Voraussetzung, dass man halbwegs was zu sagen hat). Und dann kommt irgendwann der große Augenblick – man schreibt einen Tweet, der Potenzial hat, man wird zum ersten Mal retweetet und kriegt auf einmal 17(!) Favs, freut sich ein Loch in den Bauch und legt erst richtig los. Dann sammeln sich über die Jahre immer mehr Follower an und man hat einen gutgehenden Twitteraccount (Nie vergessen, es hilft ungemein, wenn man was zu sagen hat)!

Es gibt natürlich auch noch das beliebte Konzept des „Followback“ – das heißt, man folgt einfach jedem zurück, der einem auch folgt. Auch so kann man innerhalb kürzester Zeit mehrere Hundert Follower sammeln, aber meistens lesen die nichts, faven nichts und retweeten auch nichts.

Dann kann man sich natürlich auch noch völlig ungalant ein paar Tausend Follower für 'nen Appel und 'n Ei kaufen. Das sind allerdings erstens wirklich alles verwaiste Accounts (also erwarten Sie keine Retweet-Orgien) und zweitens fällt das halt auch auf, wenn jemand von heute auf morgen 10.000 Follower mehr hat, die zumeist nicht die selbe Sprache sprechen. Das ist die dämlichste aller Varianten auf Twitter „erfolgreich“ zu werden.

Damit hätten wir die Gründerzeit abgeschlossen und schauen uns einmal an, was eigentlich passiert, wenn man dann mal richtig twittert. Auch hier gibt es wieder verschiedene Arten von Accounts – es gibt die, die am laufenden Band lustige Sprüche raushauen. Kann man machen, lesen viele gerne.
Es gibt die, die Emo/Herzschmerz-Tweets ohne Unterlass produzieren – auch dafür gibt es ein breites und dankbares Publikum. Kann man sich ja herrlich mit identifizieren.
Dann sind da noch die Engagierten, die ihre Meinung zu politischen/sozialen/medialen oder sonstwie gearteten Themen äußern – das alles sind Twitterer, die im Laufe der Zeit ein paar Tausend Follower ansammeln werden. (Alternativ können Sie sich auch 'nen supersexy Ava (Profilbild) zulegen. Das funktioniert 'ne Weile lang auch ganz gut.

Aber dann gibt es eben auch noch eine Trilliarde anderer Twitterer. Es gibt die, die einfach aus ihrem Leben schreiben, und zwar mit so viel Liebe und Witz, dass man sie gerne liest. Es gibt die, die nur ab und zu schreiben, aber dann immer so treffgenau und zielsicher, dass man keinen Tweet verpassen möchte. Es gibt die, die ihre eigene Themennische gefunden haben und damit Tausende ansprechen.
Es gibt aber auch die, die einfach gerne interagieren. Die sich Replys schreiben, sich einen guten Morgen oder eine gute Nacht wünschen und damit zufrieden sind, dass das ein paar Leute mögen.
Dann gibt es natürlich noch die, die polarisieren, aufregen und immer eine schöne Plattform für Kommentare, Blogposts oder Shitstorms bieten.

Sie sehen, auf Twitter gibt es nichts, was es nicht gibt.

Was mir anfangs überhaupt nicht klar war, aber treffender als alles andere ist: Twitter ist die größte (und kostenlose) Singleplattform, die das Netz zu bieten hat. Anstatt standardisierter, Null-Aussage-Profile (ich treibe viel Sport, ernähre mich gesund, will gerne viele/keine Kinder, suche die wahre Liebe) kriegt man im besten Falle anhand der Tweets ein ehrlicheres Bild von einer Person (aber lassen Sie sich nicht täuschen, auch auf Twitter gibt es unglaublich viele schwarze Schafe (oder andere Tiere), die mit ihren Worten versuchen, Sie in die Kiste zu kriegen) – man liest sich also in eine Person rein und „verliebt“ sich ein bisschen. Man schreibt ein paar Replies, irgendwann fügt man das beliebte <3 (kleinerdrei = Herz) ein und wird ziemlich schnell vertraut. Und wenn man sich dann auch noch gegenseitig folgt, kann man gemütlich ein paar DMs schreiben und die Lage abchecken. Wenn man Glück hat, steht hinter dem Account tatsächlich eine ehrliche Person, die von sich erzählt und alles so schreibt, wie sie es meint. Und dann kann man sich treffen, verlieben, glücklich werden und braucht Twitter nicht mehr --> man löscht den Account und lebt happily ever after (oder man hat damit zu kämpfen, dass auch noch andere Personen einem der Beteiligten fleißig <3 schicken, streitet sich ein bisschen und dann löschen sich beide). Randnotiz: es gibt auch jede Menge glücklicher Twitterpaare, die sehr erfolgreich weiterhin ihre Accounts betreiben, ihre Zusammengehörigkeit offen kommunizieren und kein Problem mit dem Fake Life haben. Umso besser.

Dann gibt es noch die, die nach dem ganzen oben genannten Gedöns auf einmal merken, MOMENT, ich hab ja da noch einen Partner im echten Leben, den ich eigentlich relativ gut leiden kann (bzw. MOMENT, der andere hat da ja noch einen Partner im echten Leben, den er relativ gut leiden kann – was für ein Arsch), das wird mir zu heiß/schmerzhaft – löschen, jegliche Kontaktmöglichkeit unterbinden und versuchen, sich im RL wieder zurecht zu finden.
Das ist ja auch so schön einfach, man löscht sein Leben. Also das Fake Leben. Weil es eben nur ein Fake war. Weil man das mit einem Klick alles sehr effektiv ausblenden kann (aber glauben Sie nicht, dass es nicht weiterhin in Ihrem Kopf bleibt. Glauben Sie nicht, dass es nicht schon längt Schaden angerichtet hätte. Klären Sie das „Problem“ vor allem im sogenannten RL – denn auch ein Fake Life kann man nicht einfach löschen).

Dann gibt es natürlich auch die, die irgendwann merken, ach Twitter ist eigentlich gar nichts für mich. Und weil sie keine halben Sachen machen, löschen sie sich eben.

Manchmal wird einem aber Twitter auch einfach zu viel. Auf Twitter gibt es viele Idioten, es gibt Leute, die einem ungefragt ihre unqualifizierte Meinung sagen. Man ärgert sich über jemanden ganz schrecklich, wurde blöd angemacht und braucht ein bisschen Abstand.
Vielleicht wollte man auch inkognito bleiben und auf einmal sprechen einen Leute an, die einen gefunden haben und nachgelesen haben, wie man über sie / den Chef / die Familie / ... schlecht geredet hat. Dann muss man sich auch ganz schnell löschen.

Und es gibt noch die, die sich mit schönster Regelmäßigkeit deaktivieren (das ist besser als löschen, man ist zwar erst mal weg, aber kann seinen Account ein paar Monate lang einfach wieder aktivieren. Die meisten Follower werden noch da sein, man wird begrüßt, weil man vermisst wurde und  kann da weitermachen, wo man aufgehört hat). Das bringt ein bisschen Aufmerksamkeit, aber man gewinnt auch mal wieder ein bisschen Abstand.
Das alles hat seine Berechtigung, für manchen ist Twitter das „echte“ Leben, für andere ist es ein Tagebuch und für viele ist es einfach nur ein Wegbegleiter. Man verrennt sich schnell und muss dann auch mal die Konsequenzen ziehen.

Protipp: wenn Ihnen ein Twitterer über den Weg läuft, den Sie wirklich gerne mögen, schreiben Sie ihn an, vielleicht kriegen Sie ja noch einen anderen Kontakt als über Twitter und dann haben Sie ihn im Falle eines Falles nicht verloren. Meine Erfahrung ist allerdings auch, ganz oft deaktivieren Menschen sich einfach für eine Weile. Um den Kopf klar zu kriegen, weil sie gerade andere Prioritäten haben, weil sie was geärgert hat – aber ganz oft kommen sie auch wieder.

Aus meiner TL haben sich in den letzten Tagen ziemlich viele gelöscht/deaktiviert und ich finde das sehr schade und hoffe, dass sie wiederkommen. Das nächste Mal, schicken Sie mir doch vorher Ihre Email-Adresse, dann kann ich Ihnen wenigstens eine gute Reise wünschen ...


Mittwoch, 23. April 2014

Und, wenn Sie so über die letzten 365 Tage nachdenken, welches Gefühl überwiegt?

Für Sie hoffe ich doch, dass Sie die Frage wie einer meiner liebsten Twitterer beantworten können:
„Glück, Freude, Zuversicht!“

Wenn nicht, dann hilft Ihnen vielleicht meine Antwort: „Ungewissheit“! Vielleicht auch nicht, aber Sie können ja trotzdem weiter lesen.

365 Tage sind eine verdammt lange Zeit. In der Zeit hat sich der Nachwuchs vom Baby zum Kleinkind entwickelt,  ich habe gelernt ohne Hund zu leben, in dieser Zeit habe ich meinen Job hassen und wieder halbwegs akzeptieren gelernt. In einem ganzen Jahr habe ich erst 6 Kilo ab- und dann 8 Kilo wieder zugenommen. In 52 Wochen habe ich ein paar Freunde verloren, viele neue Leute kennengelernt. Ein paar von ihnen sind geblieben, ein paar sind weitergezogen. Ich habe die Wohnung umdekoriert, eine Scheidung eingereicht und Häkeln gelernt. Ich habe ein eigenes Business gegründet und alte Hobbies aufgegriffen. Meine Haare sind in 12 Monaten wieder so lang geworden, dass ich sie lässig hochstecken kann und ich hatte sogar gelegentlich Sex.

Aber was sich als die wahre Konstante der vergangenen 365 Tage herauskristallisiert hat, ist die Ungewissheit. Und zwar auf einer ganz persönlichen Ebene. Wie sich das so anfühlt, nie zu wissen, woran man ist? Nie zu wissen, ob es weitergeht? Nie zu wissen, ob sich das Warten wirklich lohnt?
Können Sie sich selber beantworten! Bescheiden. Aber wissen Sie, woran es wirklich hängt? Am Maß der Dinge. Und das setzen Sie sich selber. Und zwar meistens ausgehend von Ihrer Person. Im Fokus hat man das eigene Empfinden und die Art und Weise, wie man diese ausdrückt. Und das wird zur Messlatte erkoren. Sie schreiben selbst gerne Karten, verschicken Nachrichten oder haben auch sonst das dringende Bedürfnis einem Ihnen lieben Menschen zu zeigen, dass Sie ihn mögen? Dann erwarten Sie das auch. Ganz klar. Und sind enttäuscht, wenn nichts dergleichen passiert. Sie machen gerne Pläne, malen sich die Zukunft aus und wollen sich auf etwas freuen? Dann erwarten Sie das auch von der anderen Person. Und werden enttäuscht.
Und wenn Sie dann oft genug enttäuscht worden sind, können Sie sich überlegen, ob Sie die ganze Geschichte abblasen, oder ob Sie vielleicht mal einen Schritt zur Seite treten und versuchen, das Ganze aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dann müssen Sie wahrscheinlich auch damit aufhören, das Ganze erklären zu wollen. Dann müssen Sie sich eingestehen, dass die Menschen verschieden sind. Und, dass jeder sein Päckchen mit sich trägt. Dass es viele Gründe gibt. Für alles Mögliche. Und, dass man die nicht alle versteht. Aber, dass sie trotzdem ihre Berechtigung haben.
Und dann hören Sie auf, den Fehler bei sich zu suchen! Es geht nicht um Fehler. Im schlimmsten Falle geht es um Inkompatibilität. Dann passt es halt nicht. Wenn Sie es wirklich nicht mehr ertragen, weil es zu weh tut, dann ist es Ihr gutes Recht zu gehen. Und dann sollten Sie das auch tun.
Aber wenn es zwar wehtut, vielleicht auch verletzt, Sie es nicht verstehen oder nachvollziehen können, aber irgendwo tief in Ihnen drinnen noch ein Fünkchen Hoffnung ist, dann warten Sie doch einfach noch ein bisschen. Manchmal brauchen die Dinge eben etwas länger.

Und wenn Sie auf der anderen Seite der Geschichte stehen, dann denken Sie auch mal an uns. Wir, die beinahe täglich den Briefkasten öffnen und hoffen, doch mal irgendwas drin zu finden. Wir, die wir trotz allem Pläne machen und vielleicht ein bisschen verrückter sind, als der Rest von Ihnen. Kommen Sie uns einen Schritt entgegen und schreiben Sie uns so 'ne verdammte Postkarte. Oder sagen Sie uns doch einfach mal, wie toll wir sind, und dass alles gut wird. Oder geben Sie uns sonst irgendwie das Gefühl, dass Sie stolz darauf sind, dass wir in Ihrem Leben sind. Und dann kriegen Sie Ihren verdammten Arsch hoch, und machen Sie es möglich. Wenn Sie es wollen. Und wenn nicht, dann lassen Sie uns gehen. Dann lassen Sie uns frei und geben uns die Chance, dass uns jemand findet, der genauso verrückt ist, wie wir.


Montag, 21. April 2014

Großes und kleines Glück

Auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Herrn blogge ich hier und jetzt über das große und das kleine Glück. Weil „sowohl ich, als auch der Blog sowie die Leser sich das verdient haben“.

Für jemanden, der so oft nachdenkliche Zeilen schreibt, sich hinter Emo-Tweets versteckt und auch generell nah am Wasser gebaut hat, gar nicht so eine einfache Aufgabe. Dabei bin ich im Grunde genommen ein wirklich glücklicher Mensch. „Ein Lachen im Gesicht, konkrete Ansagen im Gepäck“! So mein Selbstbild. Und nun die Herausforderung, mal ganz konkret, schwarz auf weiß aufzuschreiben, was mich glücklich macht.

Da ich ein Fan von Statistiken und Zahlen und sowieso einer gewissen Grundordnung bin, bau ich das einfach mal ganz chronologisch auf. Von den ganz kleinen Dingen, die mich glücklich machen, zu den ganz großen.

Kleine Dinge, die mich glücklich machen
Musik. Muss von den „kleinen“ Dingen einfach an allererster Stelle stehen. In jeglicher Form. Das richtige Lied zum richtigen Zeitpunkt. Klitzekleine Momente, an denen ich es schaffe, mich ans Klavier zu setzen und ein paar Töne zu spielen. Die Augen zu schließen und der Erinnerung zu vertrauen. Die Finger wissen schon, was sie tun.
Das Kind, das lautstark, ohne Text und ohne Melodie, fröhlich trällernd durch die Straßen streift. Lieblingsmenschen mit toller Stimme, die dich ganz tief drinnen berührt. Zerkratzte Schallplatten.
Im Club, wenn man spürt, dass ein Lied, durch die Ohren, seinen Weg übers Herz direkt in die Füße findet. Und dir ein fettes Grinsen aufs Gesicht zaubert.

Ein gelungenes Foto. Wenn man früh um 6 im Urlaub aufsteht, weil man weiß, es hat die ganze Nacht geregnet, die Sonne wird aufgehen und die Landschaft in Nebel tauchen. Und man wird sie finden, die ganzen kleinen Regentropfen, die sich auf Blütenblättern sammeln. Manueller Fokus und dann hinterher am Rechner der Aha-Effekt. Der entscheidende Punkt im Bild ist gestochen scharf, die Mühe hat sich gelohnt.

Zeit zum Kochen. Früher habe ich viel gekocht. Jeden Tag. Jetzt ist die Hauptstadtcuisine eher dem Prinzip der Zweckmäßigkeit untergeordnet. Es muss schnell gehen, es muss allen schmecken, es muss preiswert sein. Aber dann gibt es die Wochenenden. Wenn ich samstags zusammen mit dem Kind über den Markt streife und alles, was uns irgendwie inspiriert, in den Korb schmeiße. Und dann die Zeit, wenn das Kind schläft und ich mich in aller Ruhe in der Küche dem Schnippeln, Rühren, Abschmecken widmen kann. Ohne Stress. Und das allerbeste, wenn die Küche nach Familie riecht. Nach gemeinsamen Mahlzeiten in geselliger Runde, nach Austausch und kleinen Scherzen.

Mittelgroße Dinge, die mich glücklich machen
Vertraute Scherze. Das geht nicht mit vielen Menschen. Das geht mit meinem Papa. Mein Papa, der wie ich gerne aufzieht. Mein Papa, der wie ich, einen gepflegten Wortwitz zu schätzen weiß. Es ist eine Spielerei. Immer mit einem Augenzwinkern, immer ein bisschen Wahrheit, nie bösartig.

Freunde. Freunde, die genau den richtigen Zeitpunkt erwischen, um zu sagen „Bist du zu Hause? Ich komm auf einen Wein vorbei!“ Freunde, die die richtigen Worte finden. Freunde, die die richtigen Fragen stellen und auch mal keine Antworten parat haben. Alte Freunde und neue Freunde.

Zeit für mich. Davon hatte man ja früher so viel. Als man sie noch nicht zu schätzen wusste. Zeit für mich ist rar. Das sind vielleicht ein paar Stunden im Monat. Gestern hatte ich Zeit für mich. Bei einem Ausritt. Die unbedingte Notwendigkeit, meinen Kopf frei zu machen. Mich auf das Pferd unter mir zu konzentrieren. Ein empfindsames Tier. Schreckhaft, man muss also immer ein bisschen auf der Hut sein. Nachlässigkeit gilt nicht. Dann landet man ganz schnell mit dem Kopf voran in einer frischgedüngten Wiese (true story). Aber wenn man sich drauf einlässt und vertraut, dann wird man belohnt. Dann kann man genießen, dass sich das Pferd im vollen Galopp einen Wettlauf mit dem Hund liefert. Dann muss man keine Angst haben, weil sich der Fuß im Steigbügel verfangen hat (Sneakers sind keine geeigneten Reitschuhe). Dann weiß man, man wird das Pferd auch wieder anhalten können. Und bis dahin lässt man sich die Waldluft um die Nase wehen.

Große Dinge, die mich glücklich machen
Vertrauen. Vertrauen darauf, dass alles irgendwie gut wird. Es mag nicht so aussehen. Es mag sich auch nicht so anfühlen. Aber es wird irgendwie gut werden. Nicht heute und nicht morgen. Aber irgendwann. Auf die eine oder andere Art. Vertrauen, das einen davor schützt, zu verzweifeln. Vertrauen, das einen davor schützt, im falschen Moment Fragen zu stellen. Vertrauen, das einen davor schützt, sich selbst anzuzweifeln.

Familie. Sowohl die kleine, als auch die große. Mama und Papa, die immer hinter einem stehen. Nicht von Anfang an und auch nicht, ohne den Lebensweg mal anzuzweifeln. Aber im Notfall immer da. Ein Papa, der sagt „Wenn was ist, ruf an, ich hol dich da raus!" Und das Wissen, dass er es genau so meint. Dass er sich im Notfall in ein Flugzeug setzen würde, um 9000 km weit zu fliegen und dich da rauszuholen (er musste es nie, aber er hätte es, ohne mit der Wimper zu zucken gemacht).
Ein Bruder-Cousin, der mit dir am Sterbebett der Cousine gestanden hat und es klar war, dass uns das für immer verbunden hat. Der immer da ist, wenn man ihn braucht. Der mitdenkt und anpackt.
Eine (Groß)cousine, die ihren Weg auf einem anderen Kontinent geht. Die talentierter ist, als man es selbst jemals sein wird, und einen trotzdem anruft, um zu bitten das Screenplay zu lesen und bei der Final Episode zu helfen.

Das Kind. Der glücklichste Moment in meinem Leben war, als das Kind zwei Stunden alt war. Zum ersten Mal hielt ich es in aller Ruhe, fernab von allen Ärzten und Hebammen in meinen Armen. Eine kleine Person, die voll und ganz auf mich angewiesen war. Und zugleich der Gedanke  – irgendwann wirst du 16 sein und mich scheiße finden. Aber jetzt, jetzt bist du mein Baby, und mein einziger Grund auf dieser Welt zu sein, ist der, mich um dich zu kümmern und dafür zu sorgen, dass es dir gut geht. Mittlerweile ist das Kind fast drei. Um weit davon entfernt, von mir abhängig zu sein. Aber noch immer bin ich der Superheld. Und das ist wohl das größte Glück der Welt. Für jemanden der Superheld sein. Die Person zu sein, die für alles eine Lösung hat, die immer da ist und die alles gut machen kann.

Am Ende im Radio das Lied „Divisionary (Do the right thing)“ von Ages and Ages aus Portland, OR. Nicht nur einer der schönsten Orte in meiner Welt, sondern auch die genau richtige Aussage: do the right thing. Das Glück kann man nicht kaufen. Alles auf meiner Liste, ist nicht käuflich, und dennoch unbezahlbar.

Leben Sie, seien Sie glücklich. Horchen Sie in sich hinein, was Sie glücklich macht, und genießen Sie es!

Mittwoch, 16. April 2014

Zum Kinderkriegen gehören immer zwei

Zum Kinderkriegen gehören immer zwei. Das stimmt ja so eigentlich gar nicht. Zum Kindermachen gehören immer zwei (also jedenfalls fast immer). Zum Kinderkriegen gehört eigentlich nur eine. Zum Kinder-ein-Leben-lang-begleiten gehören viele. Aber zwei eigentlich auf jeden Fall. Vor allem, wenn zum Kinderwollen zwei gehörten.
Dass das nicht der Realität entspricht wissen viele. All die Mütter und Väter da draußen, die ihre Kinder alleine großziehen. Und, auch wenn ich hier den Vätern, die das tun, nicht zu nahe treten will, aber meistens sind es eben doch die Mütter. Manchmal erst nach vielen Jahren, in denen man es gemeinsam versucht hat und irgendwann gemerkt hat, dass das nicht zum Wohle der Kinder ist (vom Wohle der Eltern mal ganz zu schweigen). Manchmal nach wenigen Wochen oder Monaten. Und manchmal eben auch von Anfang an.
Und da die Mutter diejenige ist, die das Kind austrägt und meist unter Auferbietung all ihrer Kräfte auf die Welt bringt, sind es meist die Väter, die der Auffassung sind, an einem Punkt in ihrem Leben hätten sie die Wahl: Will ich Vater sein und einen kleinen Menschen dabei begleiten, wie er sein Leben lebt, oder nicht?
Und da läuft die ganze Sache eigentlich auch schon gehörig schief.
Dass Beziehung nicht immer so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, scheint jedem klar zu sein. Dass alle Entscheidungen im Leben Konsequenzen nach sich ziehen auch. Dass man mit bestimmten Entscheidungen eine Verpflichtung einer zweiten und/oder dritten Person gegenüber eingeht, allerdings nicht. Glauben Sie mir, ich hatte mir das Ganze auch nicht so vorgestellt. Aber hab ich mich jemals gefragt, ob ich darauf verzichten will, dieses wunderbare Kind kennenzulernen, für es da zu sein und die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen? (Und nur, um das ganz klar zu machen: Wir reden hier von einem Zeitpunkt, zu dem eine Abtreibung, ganz egal, was man davon halten mag, nicht mehr möglich gewesen wäre – wir reden hier von einem Kind, das gewollt und geplant war.) Natürlich nicht! Niemals wäre mir der Gedanke gekommen, ich hätte überhaupt eine Wahl!
Wie kommt man auf den Gedanken, dass man es sich aussuchen kann, Mutter oder Vater zu sein? Ganz ehrlich, in dem Moment, wo Sie ein Kind gezeugt haben, haben Sie diese Wahl nicht mehr. Dann müssen Sie sich eigentlich nur noch überlegen, was für ein Vater oder eine Mutter Sie sein wollen. Manchmal braucht es eine gewisse Zeit, bis man sich mit der Rolle anfreunden kann. Manchmal braucht es auch eine gewisse Zeit, bis die Beziehung reifen kann. Manchmal braucht es vielleicht auch ein bisschen Zeit, bis man sein Kind als Person wahrnehmen und lieben kann.
Aber, dass man sich sagt, ich hab da keine Lust drauf, das ist mit Verlaub ziemlich feige und egoistisch.
Man sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Den Luxus würde ich mir auch mal gerne gönnen. Sich mit mir selbst beschäftigen.
Stattdessen versuche ich, dem Kind eine gute Mutter UND ein guter Vater zu sein. Und es bricht mir das Herz, wenn ich Gespräche belauschen muss, die mein Kind mit Gleichaltrigen führt:

„Du hast keinen Papa!“
„Ich hab einen Opa!“

Und es erfüllt mich mit Stolz, wenn das Kind zu mir sagt: „Du bist meine Mama. Und mein Papa!“

Aber ich habe auch Angst vor dem Moment, wenn ich es erklären muss. Wenn ich dem Kind sagen muss, dass es natürlich einen Papa hat. Den ich kenne und zu dem ich Kontakt habe. Aber, dass er sein Kind nicht kennenlernen will. Weil es nicht so gelaufen ist, wie er sich das vorgestellt hat. Und bestimmt muss ich mich erklären, warum ich es nicht einfach eingefordert habe. Warum ich es für richtig hielt, keinen Druck auszuüben. Weil ich immer dachte, wenn diese Beziehung irgendwann wachsen soll, dann freiwillig. Und weil der Papa das will. Und nicht, weil ich denke, es sei eigentlich seine Pflicht, sich um sein Kind zu kümmern. Ihm zu zeigen, was ein guter Vater ist.
So bleibt mir nur, dankbar zu sein, für all die männlichen Personen in unserem Leben, die ich liebe, denen ich vertraue und die dem Kind zeigen, dass ein Bart kratzt, dass Männer auch weinen, dass auch andere Menschen einen Pullermann haben und dass man den nicht kaufen kann...

Montag, 14. April 2014

Affenliebe

Heute vor 2 Jahren begann etwas, was ich mit Fug und Recht als die schönste Liebesgeschichte meines Lebens bezeichnen kann. Es hatte schon im Sommer 2011 ganz klein zu keimen begonnen, wurde dann ganz schnell immer größer und trat am 15.4.2012 in Gestalt meines zweiten Kindes in Erscheinung.

"Nanu" mag mancher denken. "Was ist denn mit dem ersten?"
Nun - verstehen Sie mich nicht falsch - auch mit dem ersten Kind verbindet mich eine große Liebe, allerdings mehr eine von der langsam anlaufenden und dann immer intensiver werdenden Sorte. Lesen Sie hierzu gernen meinen Post 'Wunschkind' (http://frauschreiberling.blogspot.de/2013/12/wunschkind.html) - dann wird Ihnen vielleicht einiges klarer.

Beim zweiten Kind und mir - da war es jedoch Liebe auf den ersten Blick. Leider nicht auf den ersten Schrei, denn als das kleine Würmchen zur Welt kam, war es leider etwas bläulich und schwach bei Stimme. Besorgte Blicke der Hebamme und der Ärzte, mein Mann wechselte seine Gesichtsfarbe von blass nach Alpinaweiss. Das Baby lag auf meinem Bauch, röchelte etwas vor sich hin und ich - war glücklich. Ich verstand die ganze Aufregung nicht. Es war doch ein geradezu perfekter Moment. Leider währte er nur ca. 30 Sekunden, dann wurde das Baby schleunigst nach nebenan gebracht, um es mit Sauerstoff zu versorgen. (Erwähnte ich bereits, dass ich kein Freund der Hausgeburt oder des Geburtshauses bin? Jetzt wissen Sie, wieso!)

Ich lag also da, fragte die Hebamme, was denn los wäre und grinste seelig vor mich hin. Die Dame war zum Glück keine von der panischen Sorte, sie wischte ein wenig von der Sauerei fort und beruhigte mich recht überzeugend. Was sollte auch sein? Mein Baby war ein Prachtexemplar, 51cm, 4000g - ein rundes knubbeliges Wunder!

An den Rest der Nacht erinnere ich mich nur schemenhaft. Das Baby kam auf die Neonatolgie,  ich auf mein Einzelzimmer (welches ich wohlweislich "gebucht" hatte -  nichts ist schlimmer als fremdes Babyquaken um einen herum, wenn man einfach nur seine Ruhe haben will) und der Mann ging nach Hause. Das große Kind war gut bei Oma und Opa aufgehoben. Irgendwann schuckelte man mich im Rolli zu meinem Baby. Es war verkabelt, mit einem Schlauch in der Nase und lag in seinem Wärmebettchen. Ich versuchte es ein wenig zu stillen, starrte es an und war glücklich. Es war die denkbar ungeeignetste Umgebung dafür,  ich hatte Schmerzen, überall piepsten Geräte,  aber alles das wurde ausgeblendet. Hier war er nun wirklich - der "perfekte Moment"!

Seit diesem Tag wusste ich nun endlich, was es mit dieser ominösen Mutterliebe auf sich hat, die vom ersten Moment an aus einer kugeligen Verrückten eine debil grinsende Wolkenwandlerin macht. Im Laufe des ersten Tages konnte schon der Sauerstoffschlauch entfernt werden, die Überwachungskabel kamen auch bald ab und nach 3 Tagen kamen wir nach Hause - mit einem gesunden Kind, welches - halleluja!!!- quasi nur schlief. Es schlief, wurde irgendwann friedlich wach, trank ein bisschen, blubberte vor sich hin und schlief wieder. Ich war fassungslos. Ich hatte diese Sorte Kinder bisher immer für einen Elternmythos gehalten. Manchmal gab ich ihm nicht gleich etwas zu trinken, sondern wartete, bis es endlich mal quakte, nur um seine Stimme zu hören. Und ich freute mich (!), wenn es aufwachte, damit ich endlich mit ihm kuscheln konnte.

Beim ersten Kind sagen einem alle, man solle die Zeit geniessen, die geht so schnell vorbei und später würde man es bereuen, etwas verpasst zu haben. Doch erst beim zweiten weiß man, dass das wirklich wahr ist. Erst beim zweiten Kind konnte ich es geniessen, wenn es auf meinem Arm schlief. Ich konnte es geniessen, ungestört mit ihm im Kinderwagen in einem Café zu sitzen und in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken. Ich hatte keine Angst mehr, es falsch anzufassen oder etwas falsch zu machen (was nicht heißen soll, dass ich alles richtig machte - ich machte es eben so gut wie möglich!).

Und auch als es größer wurde und anfing, einen eigenen kleinen (und mittlerweile recht großen) Willen zu entwickeln, war ich einfach stolz und freute mich über dieses perfekte kleine Wesen. Selbst heute noch, wenn es in allerbester Rumpelstilzchenmanier vor mir steht, mit dem Fuss aufstampft und "Nein Mami!!!" brüllt,  wenn es sich wie ein Aal von meinem Arm windet oder seine Nudeln auf den Boden schmeisst - selbst in diesen Situationen kann ich ihm nicht sauer sein. Manchmal betrachte ich mich wie von aussen und wundere mich über mich selbst. Aber warum sollte es mit der Mutterliebe anders sein als mit der "normalen" Liebe - manchmal macht es  "PENG" und man ist verloren, machmal entwickelt sich mit der Zeit eine solch tiefe Zuneigung, die dann irgendwann zur großen Liebe wird.

Ich bin froh und dankbar, beides erlebt zu haben. Ich liebe euch sehr, meine beiden Babys! ("Mama! Ich bin kein Baby mehr!!!")

Sonntag, 16. März 2014

Wo schläfst du heute?

"Wo schläfst du heute?"
"Wieder großes Bett?"
"Okay."

Same procedure as every night. Und mit "großes Bett" ist mein Bett gemeint. Mamas Bett. Das Kind schläft in meinem Bett. Die ganze Nacht. Jeden Abend. Nicht, dass es nicht ein eigenes Bett hätte. Es hat sogar ein sehr schönes Bett. Mit Betthimmel und Spieluhr und einer kleinen Lampe. Dazu eine Armee an Kuscheltieren und ein schönes weiches Kissen. Das alles in einem liebevoll dekorierten Kinderzimmer. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Das Kind in sein eigenes Bett bringen. Und dann in maximal unbequemer Haltung daneben auf dem Fußboden hocken und Händchen halten bis es eingeschlafen ist. Dann wie Catwoman aus dem Zimmer schleichen, um ja nicht auf eine der knarzenden Dielen zu treten und das endlich schlafende Kind zu wecken. Erleichtert auf die Couch sinken und den Abend genießen. Circa eine Stunde lang. Dann wacht das Kind auf, steht weinend in seinem Bettchen und ruft nach Mama. Die ganze Prozedur kann man dann so lange wiederholen, bis man vor Rückenschmerzen nicht mehr hochkommt, oder einfach so entnervt aufgibt und das Kind mit ins eigene Bett nimmt.

Nun müssen Sie wissen, dass Eltern - wie alle Menschen - darauf angewiesen sind, nachts zu schlafen. Die Tage sind anstrengend genug. Und als Alleinerziehende, Vollzeit arbeitende Mama noch viel mehr. Sonst dreht man nämlich irgendwann durch.
Und wenn man dann irgendwann drüber steht, dass Eltern, Großeltern, Verwandte, Bekannte und auch völlig Fremde mäßig bis stark irritiert reagieren, wenn sie hören, dass man ein sogenanntes Familienbett hat, wenn man aufgehört hat, sich dafür zu rechtfertigen, dass man es sich ein bisschen leichter macht, weil man nämlich gerne abends für zwei Stunden seine Ruhe hätte und nachts ungern aller zwei Stunden geweckt werden möchte, dann kann man genießen, dass man ein Kind hat, dass abends gerne ins Bett geht. Und zwar nach dem Sandmann. Man kann genießen, dass man gemütlich im Bett noch ein Buch ankucken kann, man dann einen Gutenachtkuss bekommt, und sich dann ein kleiner Kinderkopf an seine Schulter kuschelt, "schlaf gut, Mama" murmelt, und ziemlich schnell einschläft. Man kann die 20 Minuten, die man in der Stille liegt und darauf wartet, dass die Atemzüge ruhiger werden, dazu nutzen darüber nachzudenken, wie schön das eigentlich ist. Und man fängt an zu verstehen.

Ich für meinen Teil, hasse es, alleine in meinem viel zu großen Bett zu liegen. Ich genieße es, einen anderen warmen Körper neben meinem zu spüren und es beruhigt mich, wenn jemand neben mir leise schnarcht. Warum sollte es einer so kleinen Person anders gehen? Warum sollte ich so unglaublich viel Zeit und Energie darauf verschwenden, einem kleinen Lebewesen einzutrichtern, dass es alleine sein muss? Vielleicht können Sie das erklären, ich kann es nicht.
Und verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt sicher Eltern, die ihr Bett nicht teilen wollen, und es gibt sicher Kinder, die gerne allein in ihrem Kinderzimmerbettchen schlafen. Und das ist wunderbar. Aber es gibt eben auch die anderen. Die, die ein bisschen mehr Nähe brauchen. Eltern wie Kinder.

Und ich bin sicher, dass das Kind irgendwann in seinem eigenen Bett schlafen wird. Spätestens, wenn die erste Freundin oder der erste Freund kommt. Wenn nicht, dann müssen wir dann wohl einfach ein größeres Bett kaufen. Aber bis dahin ist es noch sehr lange hin!

Dienstag, 11. Februar 2014

Ohne Flow ist es ein No

Dinge muss man aufschreiben, wenn sie frisch sind.
Also los: Ich hatte am Wochenende ein "Date". Um ehrlich zu sein- es war nicht dieses Date, bei dem man wahnsinnig aufgeregt ist und sich vorher drölf mal umziehen muss, weil man alles vollgeschwitzt hat.
Es war nicht dieses Date, wo man mit roten Bäckchen ins Café kommt und später mit zwei Händen das Teeglas festhalten muss, damit man nicht linkisch den Inhalt verschüttet. 
Es war nicht dieses Date, wo man beim Anblick des Gegenübers plötzlich alles vergisst, was man sagen wollte, und nur noch schwachsinnig vor sich hinstottern kann. 
Und es war ganz und gar nicht dieses Date, wo man ständig versucht, zufälligen Körperkontakt zu erschleichen oder wo man das Bedürfnis hat, endlich auf nonverbale Kommunikation umzuschalten. 

Für mich zumindest. Aber fangen wir doch von vorne an:

Kennengelernt hatten wir uns (wenn man hier überhaupt von "kennenlernen" sprechen kann) auf einer Party. Ich war blau und erinnere mich dunkel, dass ich ihn recht sympathisch fand. Leider hatte er kurz zuvor mit einer Freundin geknutscht, weshalb ich ihn tüchtig maßregeln musste, als er anfing, an mir rumzubaggern. Mit Von-hinten-anschleichen-und-den-Nacken-massieren-und-so. Ich hatte wirklich einiges im Kahn und befand mich in einem Zustand, in dem ich nicht nur Bock, sondern ausnahmsweise auch den Mut zum Knutschen-in-der-Öffentlichkeit gehabt hätte, aber ein bisschen Reststolz hatte ich auch noch. Also ging da gar nichts. Weil er aber nicht locker liess, dachte ich: Na gut. Biste mal nich so. Gibste ihm mal nüchtern eine zweite Chance. Kann er Dich ja mal anrufen und zeigen, wie ernst es ihm ist. 

Kontaktdaten wurden ausgetauscht und in der folgenden Woche wurde die eine oder andere Nachricht geschrieben. Alles sehr lieb und nett. Telefoniert wurde auch. Auch sehr lieb und nett. Aber auch ein bisschen schleppend. 

Am Ende des ersten höflichen Austausches von Informationen á la "wo fährst Du denn gerne in den Urlaub hin" und "fährst Du immer mit dem Rad zur Arbeit?" sowie einem Kurzabriss unserer Lebensgeschichten sagte er: 
"Du, ich würde mich freuen, wenn wir nochmal miteinander telefonieren". 
Das war ebenfalls lieb und nett und so entwaffnend ehrlich, dass ich ihm allein dafür am liebsten einen Pokal überreicht hätte. Schließlich war ich auch froh und geschmeichelt, dass sich überhaupt mal wieder jemand ernsthaft für mich interessierte. 
"Ja, klar, das machen wir", sagte ich, in der Hoffnung, dass das nächste Telefonat ja ein bisschen besser werden könnte, ein bisschen lustiger vielleicht, und eventuell sogar ein bisschen aufregend. 

Wurde es aber nicht.

"Vielleicht ist er nicht so der Telefonierer" dachte ich nach dem zweiten Gespräch, und beschloss innerlich, dass wir das Telefonieren am besten auf "vorerst nicht mehr" vertagen und uns lieber treffen sollten. Ich malte mir aus, dass wir uns bestimmt total entspannt begegnen würden, weil wir es auch nicht so richtig eilig hatten.

Aber mit dem Ausmalen ist das so eine Sache. 

Mir fehlte bei der ganzen Geschichte zwar irgendwie schon von vorneherein der Flow, aber ich ging logisch an die Sache ran. Ich sagte mir: 
"Triff Dich doch zur Abwechslung mal mit einem netten Mann, der sich wirklich für Dich interessiert, anstatt vergebene Ehemänner oder selbstgefällige Arschlöcher anzuhimmeln". 
Nun ja; solche Sätze sind klug, funktionieren aber meist nur in der Theorie. 

Also passierte es, dass wir uns nach einigem Hin und Her am Sonntag zu Kaffee und Kuchen in Ehrenfeld verabredeten. Ob er mich abholen sollte, wenn er mit dem Auto hinführe, fragte er. Nein, sagte ich, ich komme mit dem Rad, weil ich überall mit dem Rad hinfahre, sagte ich. Gut, dann drei Uhr im Café. Ok. Drei Uhr. 

Um fünf vor drei kam eine Nachricht, er sei schon da. Fünf nach drei war ich auch da. Ich hatte es nicht so eilig und dachte noch: Mach easy, wird bestimmt voll gut, wenn Du so überhaupt nix erwartest. Sie ging aber nicht auf, meine Rechnung.

Realität war, dass wir ab Minute 1 nicht wussten, was wir miteinander reden sollten. 
Dass ich erst direkt neben ihm auf der Bank und dann doch lieber auf dem einzelnen Sessel Platz nahm, weil mir das zu nah war. Dass er da saß und mich wortlos-erwartungsvoll anlächelte. Und nichts sagte. Dass ich deshalb anfing, belanglosen Scheiß zu reden.
"Puh, ich bin ja echt müde jetzt. Ich war joggen". 
Stille. 
Lächeln seinerseits. 
"Seit wann gehst Du denn joggen?" ... 
"Och... so... seit knapp einem halben Jahr...". 
Stille. 
Lächeln. 
Schluck Kaffee. 
Ich spürte von seiner Seite irgendeine komische Erwartung, die nichts mit mir zu tun hatte. So, als ob er sich ausgemalt hätte, dass wir das mit der Nackenmassage und dem Knutschen auf jeden Fall mal direkt nachholen müssten. All das stand da im Raum und fühlte sich zum Wegrennen an. Ich musste ablenken. 
"Öhm...isst Du Kuchen?" 
"Ja, hier beim Kaffee ist ein Stück Kuchen dabei", sagte er, "aber nur ein ganz kleines". 
Oh Gott! Das war ja wie bei Loriot!
"Ja äh nee" sagte ich, "ich wollte nicht wissen, ob Du dieses Ministück isst. Ich wollte wissen, ob Du Dir ein richtiges Stück Kuchen bestellen möchtest".
...
Gut. So ging es dann weiter. So holprig. 
Also aßen wir unseren Kuchen.
"Und? Schmeckt Deiner? - Ja, Deiner auch? - Ja, schmeckt", und ich häufte Schlagsahne in meinen Kaffee, die sich wie ein Pfropfen im Glas festsetzte, sodass ich mir den letzten Schluck Kaffee rechts und links den Hals runter goss, als er den Weg an der Sahne vorbei geschafft hatte. Schön behindert, und seine Chance, an mir rumzuwischen, was ich als ein-bisschen-zu-vertraut empfand. Toll, dachte ich, wahrscheinlich denkt er jetzt noch, dass Du total nervös bist, weil Du mit Deinen aufwallenden Gefühlen nicht zurechtkommst.

Wir landeten nach der Kaffee-besser-aus-der-Schnabeltasse-Aktion dann irgendwie beim Thema Webauftritt. Ich fragte nach seiner Expertise, weil ich wusste, dass er sich damit auskennt. Ich hab da so ein paar kreative Ideen, die ich schon lange vor mir herschiebe und bisher nie die Tat umsetzen konnte. Er gab sich Mühe. Wollte mir helfen und hatte ein paar gute, praktische Ratschläge. Und leider auch das Bedürfnis, mich zu analysieren.
Was denn mein Problem sei, fragte er mich, und warum ich nicht "einfach machen" würde. Na das war ja genau mein Lieblingsthema...Warum ich nicht einfach machen würde... 
JA, WARUM WÜRDE ICH NICHT EINFACH MEINE IDEEN IN DIE TAT UMSETZEN? WARUM GIBT ES LEUTE, DIE NICHT ABNEHMEN KÖNNEN? ODER MIT DEM RAUCHEN AUFHÖREN? ODER EIN BUCH SCHREIBEN? ODER SICH SELBSTSTÄNDIG MACHEN?
Völlig desorientiert, was ich nun auf diese Frage antworten sollte, redete ich irgendeinen Scheiß vor mich hin. Sowas wie: "Wieso, ich frag Dich doch gerade, jetzt fang ich doch an, das ist doch ein Anfang" und so. Solch krudes Zeug gab ich von mir. Weil ich wusste, dass es hier nicht darum ging, ob ich mich selbst verwirklichen kann. Weil nur um des Redens Willen geredet wurde. Und deshalb war ich auf das Gespräch nicht vorbereitet und hatte keine kluge Antwort parat. Und überhaupt - ich wollte auch gar nicht über meine Blockaden reden! 

"Hey, das ist alles nicht so schlimm, Du musst keine Angst haben" sagte er (total aufmunternd), und streichelte mir gestelzt den linken Arm. Das war so unpassend wie die nervige Göre, die auf Socken durch das Café turnte und immer und immer wieder auf den leeren Sessel neben ihm sprang, auf dem ich eigentlich hätte sitzen sollen. 
Dass ich mich zuvor umgesetzt hatte, war vermutlich ganz und gar nicht in seinem Sinne. Als ich ihm etwas auf dem iPhone zeigen wollte, zog er ganz fesch meinen Sessel an sich heran und hätte wohl am liebsten seinen Arm um meine Schulter gelegt, wie ein Tennislehrer, der mal ein bisschen auf Tuchfühlung geht.

Es war alles irgendwie furchtbar. Anstrengend. Nicht locker, nicht natürlich. 

Wir kamen da irgendwie so durch, und irgendwann sagte er, er würde sich nun gerne mal irgendwo die Beine vertreten. Wahrscheinlich spürte auch er, dass der Schwung etwas zwischen den Cordpolstern des familienfreundlichen Szenecafés versackt war. 
Ich sagte, dass ich eine Blase an der Ferse hätte, von meinen neuen Schuhen. Er sagte, dass ich ja auf dem Rad neben ihm herfahren könne und ich sagte, dass das schon ok sei, und ich ein paar Meter laufen könne. Ich dachte -gut, gehste noch mal ne Runde, vielleicht lässt uns die frische Luft in ungeahnte Kommunikationssphären aufsteigen.
Also latschten wir ziellos, halb motiviert (er) und halb unmotiviert (ich) durch Ehrenfeld. Himmel, dachte ich wo soll das hier enden. Wir gingen also geradeaus, dann links, dann an einem Restaurant vorbei. 
"Warst Du da schon mal drin?" fragte er, und ich sagte: "Nein, -ach doch-, ich glaub ja, aber ich kann mich nicht erinnern. Oder- obwohl doch", er fragte: "Und das daneben - gehören die zusammen?", und ich sagte: "Nee, das daneben ist aber auch nicht so gut, obwohl der Platz hier echt schön ist. So schade." 
Ja, wirklich: So schade um die leeren Worte.
Schweigen. 
Schritte. 
Fersen-Aua. 
Und weiter gings. Er gab sich Mühe, erzählte von seinem Veedel, und ich wusste das zu schätzen, denn mir war so ganz und gar nichts mehr eingefallen. Deshalb hätt ich am liebsten in den Himmel gezeigt, "WUAAAAH, EIN UFO" geschrien und wäre wie ein angestochenes Schwein nach Hause gerast. 

Als wir uns nach weiteren mühsamen Metern meiner Haustür näherten, sagte ich: 
"So. Eine Runde geh ich noch um den Block, dann muss ich mich ausruhen". 
"Wir müssen ja nicht mehr laufen, wir können uns ja auf dem Spielplatz auf eine Schaukel setzen."
Ahhhh,Schaukel! 
Gut, das hätte romantisch sein können. Vielleicht. Abends, mit einer Flasche Wein und zwei Wunderkerzen. Zwei Menschen, die sich verbal vom Hocker reißen oder zumindest ergänzen. Die sich was zu erzählen haben. Die aus dem Reden gar nicht mehr rauskommen, oder die auch die Stille gemeinsam genießen können. 
Mit zwei solchen Menschen wäre das sicher schön gewesen, auf einer Schaukel zu sitzen. Meinetwegen auch tagsüber, zwischen krakeelenden Kindern und Müttern, die auf dem Spielplatz ihre Milchtüten rausholen, um ihre Babies zu füttern.
Aber mit uns, das war wirklich nicht  romantisch. Und mit ausruhen meinte ich auch mehr mich. Allein. Auf meinem Sofa. Sagte ich ihm dann auch, und so drehten wir am Spielplatz ab und liefen ganz unromantisch um den Block. 

Dann waren wir da. An der Ecke. Vor meiner Tür. 

Stille. 
Lächeln. 
Unsicherheit. 
Gesichtsdisko. 
Mein Gott, dachte ich, wie bringen wir das jetzt hier unbeschadet zu Ende? Er wird doch wohl kein Resümee einfordern, oder gar ein zweites Date vorschlagen?
...
Stille. 
Drucksen. 
Furchtbare Sekunden. 
 Ich musste handeln.
"Äh, Du musst jetzt da lang" sagte ich, und zeigte Richtung familienfreundliches Szenecafé. 
"Ja, ich weiß", sagte er etwas gequält.
Mein Gott, dachte ich erneut, jetzt mach einfach nen flotten Spruch und geh, oder willst Du mir etwa noch die Gretchenfrage stellen? Bitte nicht!!
...
Stille. 
Drucksen. 
Weitere furchtbare Sekunden. 
MEIN GOTT!!! dachte ich, wie komm ich galant in meine Wohnung, ohne dass wir gleich vor Peinlichkeit sterben?, da sagte er: 
"Ich...habe das Gefühl, Du hast Dich irgendwie gelangweilt."

Nein. Bitte nicht. Das war wie: "Hier ist das Schwert, säbel mir die Rübe ab". Das war der Super-GAU.
Was sollte ich denn bitte bloß auf diese Frage antworten? 
Am besten die Wahrheit, fuhr es mir durchs leere Hirn, um das Elend nicht zu verlängern. Frei nach dem Motto 'ein scharfer Schuss zur rechten Zeit schafft Ruhe und Gemütlichkeit'.
"Öäahhh naja also... so'n richtiger ´Flow´ war da jetzt ja nicht, oder?", entfuhr es mir tonlos.
"Ähm nein", sagte er. 
Ich meinte, ein kleines Entsetzen in seinem Gesicht wahrzunehmen, Entsetzen darüber, dass er es wirklich hatte wissen wollen. 
Wie ein Versicherungsvertreter beim Supertalent, der eigentlich weiss, dass er kein Talent hat, der es aber trotzdem Schwarz auf Weiß braucht, und dann am besten noch vor einem Millionenpublikum. Sehenden Auges in den Untergang.
Ich fühlte Mitleid. Kein herablassendes, sondern echtes, pures Leid. Das Leid, das man selber kennt, weil man es schon erlebt hat. Den unausweichlichen Schlag in die Fresse, die Absage, die Scham. Das Nackt-über-den-Marktplatz-laufen. Ich hatte ähnliches erlebt, als ich mit 30 (!) einen Solo-Steptanzauftritt versaut hatte, nach dem ich mich drei Wochen lang nicht mehr auf die Straße traute. Bei dem sich meine beste Freundin geschämt hatte, das mit ansehen zu müssen. Bei dem ich vier Lieder vertanzte, und, anstatt zu gehen, auch noch das fünfte versaute.
Ich nahm all meine positive Energie zusammen, und sagte: "Macht ja nix", mit einem aufmunternd-dämlichen Lächeln.

Es dauerte weitere, furchtbare Sekunden. Sekunden, in denen mir so sehr bewusst war, dass sich hier zwei Menschen gegenüber stehen, von denen der eine in den anderen eine Menge Zeugs projiziert hatte, welches sich im Laufe der letzten zwei Stunden komplett in Wohlgefallen aufgelöst hatte. 

"Ach, komm mal her", sagte er, und drückte mich. Ich war irritiert, weil ich nicht wusste, ob er einen Drücker verdient hatte oder einfach nur ganz egoistisch etwas körperliche Zuneigung einfordern wollte- wenigstens etwas Harmonie, nach diesem Desaster auf offener Straße. 
Mein Gegenüber zu drücken wäre jedenfalls das Allerletzte gewesen, was ich an seiner Stelle hätte tun wollen. 

"Komm gut nach Hause", sagte ich, und er sagte "Du auch", und ich kam gut nach Hause. Ich hatte es ja nicht weit. 


-


Epilog


Auch, wenn mir als erstes durch den Kopf schoss: "DANN DOCH LIEBER SINGLE", möchte ich an dem verrückten Gedanken festhalten, dass ich man sich auch auf Augenhöhe begegnen kann. Mit anderen Worten: Ich brauche jemanden, der mir das Wasser reichen kann. Ich weiss nette Männer mit gutem Benehmen durchaus zu schätzen, aber es geht nicht, dass ich mich emotional überlegen fühle und das Gefühl habe, ich muss nun lieb sein, damit mein Gesprächspartner nicht zerbricht.

Es geht mir hier gar nicht darum, definieren zu müssen, wer in diesem kleinen Theaterstück die besseren Karten hatte. Ich glaube nämlich, dass wir beide bei diesem Date unser Portiönchen Scheiße löffeln mussten.

Es zeigt doch nur mehr, dass man sich eigentlich getrost auf sein Gefühl verlassen kann: 
1. Wat sich krampfig anlässt, kann nicht geschmeidig werden. 
2. Wenn es von Anfang an gut ist, flutscht es. 
3. Ohne Flow ist es ein No.

Ihm jedenfalls wünsche ich von Herzen alles Gute und ein nettes Gegenüber, das ihn voll und ganz zu schätzen weiß. Er ist ein Guter, aber nicht für mich. 
Das Gleiche wünsche ich mir auch. 

In diesem Sinne: Heiter weiter auf der Datingleiter. 



P.S.:Natürlich ist das alles höchst subjektiv wiedergegeben und erhebt keinerlei Anspruch auf die Wahrheit. Die gibt es sowieso nicht. Aber so, wie ich es empfunden habe, schrieb ich es nieder und möchte mir die Freiheit gönnen, es immer wieder zu tun.