Dienstag, 11. Februar 2014

Ohne Flow ist es ein No

Dinge muss man aufschreiben, wenn sie frisch sind.
Also los: Ich hatte am Wochenende ein "Date". Um ehrlich zu sein- es war nicht dieses Date, bei dem man wahnsinnig aufgeregt ist und sich vorher drölf mal umziehen muss, weil man alles vollgeschwitzt hat.
Es war nicht dieses Date, wo man mit roten Bäckchen ins Café kommt und später mit zwei Händen das Teeglas festhalten muss, damit man nicht linkisch den Inhalt verschüttet. 
Es war nicht dieses Date, wo man beim Anblick des Gegenübers plötzlich alles vergisst, was man sagen wollte, und nur noch schwachsinnig vor sich hinstottern kann. 
Und es war ganz und gar nicht dieses Date, wo man ständig versucht, zufälligen Körperkontakt zu erschleichen oder wo man das Bedürfnis hat, endlich auf nonverbale Kommunikation umzuschalten. 

Für mich zumindest. Aber fangen wir doch von vorne an:

Kennengelernt hatten wir uns (wenn man hier überhaupt von "kennenlernen" sprechen kann) auf einer Party. Ich war blau und erinnere mich dunkel, dass ich ihn recht sympathisch fand. Leider hatte er kurz zuvor mit einer Freundin geknutscht, weshalb ich ihn tüchtig maßregeln musste, als er anfing, an mir rumzubaggern. Mit Von-hinten-anschleichen-und-den-Nacken-massieren-und-so. Ich hatte wirklich einiges im Kahn und befand mich in einem Zustand, in dem ich nicht nur Bock, sondern ausnahmsweise auch den Mut zum Knutschen-in-der-Öffentlichkeit gehabt hätte, aber ein bisschen Reststolz hatte ich auch noch. Also ging da gar nichts. Weil er aber nicht locker liess, dachte ich: Na gut. Biste mal nich so. Gibste ihm mal nüchtern eine zweite Chance. Kann er Dich ja mal anrufen und zeigen, wie ernst es ihm ist. 

Kontaktdaten wurden ausgetauscht und in der folgenden Woche wurde die eine oder andere Nachricht geschrieben. Alles sehr lieb und nett. Telefoniert wurde auch. Auch sehr lieb und nett. Aber auch ein bisschen schleppend. 

Am Ende des ersten höflichen Austausches von Informationen á la "wo fährst Du denn gerne in den Urlaub hin" und "fährst Du immer mit dem Rad zur Arbeit?" sowie einem Kurzabriss unserer Lebensgeschichten sagte er: 
"Du, ich würde mich freuen, wenn wir nochmal miteinander telefonieren". 
Das war ebenfalls lieb und nett und so entwaffnend ehrlich, dass ich ihm allein dafür am liebsten einen Pokal überreicht hätte. Schließlich war ich auch froh und geschmeichelt, dass sich überhaupt mal wieder jemand ernsthaft für mich interessierte. 
"Ja, klar, das machen wir", sagte ich, in der Hoffnung, dass das nächste Telefonat ja ein bisschen besser werden könnte, ein bisschen lustiger vielleicht, und eventuell sogar ein bisschen aufregend. 

Wurde es aber nicht.

"Vielleicht ist er nicht so der Telefonierer" dachte ich nach dem zweiten Gespräch, und beschloss innerlich, dass wir das Telefonieren am besten auf "vorerst nicht mehr" vertagen und uns lieber treffen sollten. Ich malte mir aus, dass wir uns bestimmt total entspannt begegnen würden, weil wir es auch nicht so richtig eilig hatten.

Aber mit dem Ausmalen ist das so eine Sache. 

Mir fehlte bei der ganzen Geschichte zwar irgendwie schon von vorneherein der Flow, aber ich ging logisch an die Sache ran. Ich sagte mir: 
"Triff Dich doch zur Abwechslung mal mit einem netten Mann, der sich wirklich für Dich interessiert, anstatt vergebene Ehemänner oder selbstgefällige Arschlöcher anzuhimmeln". 
Nun ja; solche Sätze sind klug, funktionieren aber meist nur in der Theorie. 

Also passierte es, dass wir uns nach einigem Hin und Her am Sonntag zu Kaffee und Kuchen in Ehrenfeld verabredeten. Ob er mich abholen sollte, wenn er mit dem Auto hinführe, fragte er. Nein, sagte ich, ich komme mit dem Rad, weil ich überall mit dem Rad hinfahre, sagte ich. Gut, dann drei Uhr im Café. Ok. Drei Uhr. 

Um fünf vor drei kam eine Nachricht, er sei schon da. Fünf nach drei war ich auch da. Ich hatte es nicht so eilig und dachte noch: Mach easy, wird bestimmt voll gut, wenn Du so überhaupt nix erwartest. Sie ging aber nicht auf, meine Rechnung.

Realität war, dass wir ab Minute 1 nicht wussten, was wir miteinander reden sollten. 
Dass ich erst direkt neben ihm auf der Bank und dann doch lieber auf dem einzelnen Sessel Platz nahm, weil mir das zu nah war. Dass er da saß und mich wortlos-erwartungsvoll anlächelte. Und nichts sagte. Dass ich deshalb anfing, belanglosen Scheiß zu reden.
"Puh, ich bin ja echt müde jetzt. Ich war joggen". 
Stille. 
Lächeln seinerseits. 
"Seit wann gehst Du denn joggen?" ... 
"Och... so... seit knapp einem halben Jahr...". 
Stille. 
Lächeln. 
Schluck Kaffee. 
Ich spürte von seiner Seite irgendeine komische Erwartung, die nichts mit mir zu tun hatte. So, als ob er sich ausgemalt hätte, dass wir das mit der Nackenmassage und dem Knutschen auf jeden Fall mal direkt nachholen müssten. All das stand da im Raum und fühlte sich zum Wegrennen an. Ich musste ablenken. 
"Öhm...isst Du Kuchen?" 
"Ja, hier beim Kaffee ist ein Stück Kuchen dabei", sagte er, "aber nur ein ganz kleines". 
Oh Gott! Das war ja wie bei Loriot!
"Ja äh nee" sagte ich, "ich wollte nicht wissen, ob Du dieses Ministück isst. Ich wollte wissen, ob Du Dir ein richtiges Stück Kuchen bestellen möchtest".
...
Gut. So ging es dann weiter. So holprig. 
Also aßen wir unseren Kuchen.
"Und? Schmeckt Deiner? - Ja, Deiner auch? - Ja, schmeckt", und ich häufte Schlagsahne in meinen Kaffee, die sich wie ein Pfropfen im Glas festsetzte, sodass ich mir den letzten Schluck Kaffee rechts und links den Hals runter goss, als er den Weg an der Sahne vorbei geschafft hatte. Schön behindert, und seine Chance, an mir rumzuwischen, was ich als ein-bisschen-zu-vertraut empfand. Toll, dachte ich, wahrscheinlich denkt er jetzt noch, dass Du total nervös bist, weil Du mit Deinen aufwallenden Gefühlen nicht zurechtkommst.

Wir landeten nach der Kaffee-besser-aus-der-Schnabeltasse-Aktion dann irgendwie beim Thema Webauftritt. Ich fragte nach seiner Expertise, weil ich wusste, dass er sich damit auskennt. Ich hab da so ein paar kreative Ideen, die ich schon lange vor mir herschiebe und bisher nie die Tat umsetzen konnte. Er gab sich Mühe. Wollte mir helfen und hatte ein paar gute, praktische Ratschläge. Und leider auch das Bedürfnis, mich zu analysieren.
Was denn mein Problem sei, fragte er mich, und warum ich nicht "einfach machen" würde. Na das war ja genau mein Lieblingsthema...Warum ich nicht einfach machen würde... 
JA, WARUM WÜRDE ICH NICHT EINFACH MEINE IDEEN IN DIE TAT UMSETZEN? WARUM GIBT ES LEUTE, DIE NICHT ABNEHMEN KÖNNEN? ODER MIT DEM RAUCHEN AUFHÖREN? ODER EIN BUCH SCHREIBEN? ODER SICH SELBSTSTÄNDIG MACHEN?
Völlig desorientiert, was ich nun auf diese Frage antworten sollte, redete ich irgendeinen Scheiß vor mich hin. Sowas wie: "Wieso, ich frag Dich doch gerade, jetzt fang ich doch an, das ist doch ein Anfang" und so. Solch krudes Zeug gab ich von mir. Weil ich wusste, dass es hier nicht darum ging, ob ich mich selbst verwirklichen kann. Weil nur um des Redens Willen geredet wurde. Und deshalb war ich auf das Gespräch nicht vorbereitet und hatte keine kluge Antwort parat. Und überhaupt - ich wollte auch gar nicht über meine Blockaden reden! 

"Hey, das ist alles nicht so schlimm, Du musst keine Angst haben" sagte er (total aufmunternd), und streichelte mir gestelzt den linken Arm. Das war so unpassend wie die nervige Göre, die auf Socken durch das Café turnte und immer und immer wieder auf den leeren Sessel neben ihm sprang, auf dem ich eigentlich hätte sitzen sollen. 
Dass ich mich zuvor umgesetzt hatte, war vermutlich ganz und gar nicht in seinem Sinne. Als ich ihm etwas auf dem iPhone zeigen wollte, zog er ganz fesch meinen Sessel an sich heran und hätte wohl am liebsten seinen Arm um meine Schulter gelegt, wie ein Tennislehrer, der mal ein bisschen auf Tuchfühlung geht.

Es war alles irgendwie furchtbar. Anstrengend. Nicht locker, nicht natürlich. 

Wir kamen da irgendwie so durch, und irgendwann sagte er, er würde sich nun gerne mal irgendwo die Beine vertreten. Wahrscheinlich spürte auch er, dass der Schwung etwas zwischen den Cordpolstern des familienfreundlichen Szenecafés versackt war. 
Ich sagte, dass ich eine Blase an der Ferse hätte, von meinen neuen Schuhen. Er sagte, dass ich ja auf dem Rad neben ihm herfahren könne und ich sagte, dass das schon ok sei, und ich ein paar Meter laufen könne. Ich dachte -gut, gehste noch mal ne Runde, vielleicht lässt uns die frische Luft in ungeahnte Kommunikationssphären aufsteigen.
Also latschten wir ziellos, halb motiviert (er) und halb unmotiviert (ich) durch Ehrenfeld. Himmel, dachte ich wo soll das hier enden. Wir gingen also geradeaus, dann links, dann an einem Restaurant vorbei. 
"Warst Du da schon mal drin?" fragte er, und ich sagte: "Nein, -ach doch-, ich glaub ja, aber ich kann mich nicht erinnern. Oder- obwohl doch", er fragte: "Und das daneben - gehören die zusammen?", und ich sagte: "Nee, das daneben ist aber auch nicht so gut, obwohl der Platz hier echt schön ist. So schade." 
Ja, wirklich: So schade um die leeren Worte.
Schweigen. 
Schritte. 
Fersen-Aua. 
Und weiter gings. Er gab sich Mühe, erzählte von seinem Veedel, und ich wusste das zu schätzen, denn mir war so ganz und gar nichts mehr eingefallen. Deshalb hätt ich am liebsten in den Himmel gezeigt, "WUAAAAH, EIN UFO" geschrien und wäre wie ein angestochenes Schwein nach Hause gerast. 

Als wir uns nach weiteren mühsamen Metern meiner Haustür näherten, sagte ich: 
"So. Eine Runde geh ich noch um den Block, dann muss ich mich ausruhen". 
"Wir müssen ja nicht mehr laufen, wir können uns ja auf dem Spielplatz auf eine Schaukel setzen."
Ahhhh,Schaukel! 
Gut, das hätte romantisch sein können. Vielleicht. Abends, mit einer Flasche Wein und zwei Wunderkerzen. Zwei Menschen, die sich verbal vom Hocker reißen oder zumindest ergänzen. Die sich was zu erzählen haben. Die aus dem Reden gar nicht mehr rauskommen, oder die auch die Stille gemeinsam genießen können. 
Mit zwei solchen Menschen wäre das sicher schön gewesen, auf einer Schaukel zu sitzen. Meinetwegen auch tagsüber, zwischen krakeelenden Kindern und Müttern, die auf dem Spielplatz ihre Milchtüten rausholen, um ihre Babies zu füttern.
Aber mit uns, das war wirklich nicht  romantisch. Und mit ausruhen meinte ich auch mehr mich. Allein. Auf meinem Sofa. Sagte ich ihm dann auch, und so drehten wir am Spielplatz ab und liefen ganz unromantisch um den Block. 

Dann waren wir da. An der Ecke. Vor meiner Tür. 

Stille. 
Lächeln. 
Unsicherheit. 
Gesichtsdisko. 
Mein Gott, dachte ich, wie bringen wir das jetzt hier unbeschadet zu Ende? Er wird doch wohl kein Resümee einfordern, oder gar ein zweites Date vorschlagen?
...
Stille. 
Drucksen. 
Furchtbare Sekunden. 
 Ich musste handeln.
"Äh, Du musst jetzt da lang" sagte ich, und zeigte Richtung familienfreundliches Szenecafé. 
"Ja, ich weiß", sagte er etwas gequält.
Mein Gott, dachte ich erneut, jetzt mach einfach nen flotten Spruch und geh, oder willst Du mir etwa noch die Gretchenfrage stellen? Bitte nicht!!
...
Stille. 
Drucksen. 
Weitere furchtbare Sekunden. 
MEIN GOTT!!! dachte ich, wie komm ich galant in meine Wohnung, ohne dass wir gleich vor Peinlichkeit sterben?, da sagte er: 
"Ich...habe das Gefühl, Du hast Dich irgendwie gelangweilt."

Nein. Bitte nicht. Das war wie: "Hier ist das Schwert, säbel mir die Rübe ab". Das war der Super-GAU.
Was sollte ich denn bitte bloß auf diese Frage antworten? 
Am besten die Wahrheit, fuhr es mir durchs leere Hirn, um das Elend nicht zu verlängern. Frei nach dem Motto 'ein scharfer Schuss zur rechten Zeit schafft Ruhe und Gemütlichkeit'.
"Öäahhh naja also... so'n richtiger ´Flow´ war da jetzt ja nicht, oder?", entfuhr es mir tonlos.
"Ähm nein", sagte er. 
Ich meinte, ein kleines Entsetzen in seinem Gesicht wahrzunehmen, Entsetzen darüber, dass er es wirklich hatte wissen wollen. 
Wie ein Versicherungsvertreter beim Supertalent, der eigentlich weiss, dass er kein Talent hat, der es aber trotzdem Schwarz auf Weiß braucht, und dann am besten noch vor einem Millionenpublikum. Sehenden Auges in den Untergang.
Ich fühlte Mitleid. Kein herablassendes, sondern echtes, pures Leid. Das Leid, das man selber kennt, weil man es schon erlebt hat. Den unausweichlichen Schlag in die Fresse, die Absage, die Scham. Das Nackt-über-den-Marktplatz-laufen. Ich hatte ähnliches erlebt, als ich mit 30 (!) einen Solo-Steptanzauftritt versaut hatte, nach dem ich mich drei Wochen lang nicht mehr auf die Straße traute. Bei dem sich meine beste Freundin geschämt hatte, das mit ansehen zu müssen. Bei dem ich vier Lieder vertanzte, und, anstatt zu gehen, auch noch das fünfte versaute.
Ich nahm all meine positive Energie zusammen, und sagte: "Macht ja nix", mit einem aufmunternd-dämlichen Lächeln.

Es dauerte weitere, furchtbare Sekunden. Sekunden, in denen mir so sehr bewusst war, dass sich hier zwei Menschen gegenüber stehen, von denen der eine in den anderen eine Menge Zeugs projiziert hatte, welches sich im Laufe der letzten zwei Stunden komplett in Wohlgefallen aufgelöst hatte. 

"Ach, komm mal her", sagte er, und drückte mich. Ich war irritiert, weil ich nicht wusste, ob er einen Drücker verdient hatte oder einfach nur ganz egoistisch etwas körperliche Zuneigung einfordern wollte- wenigstens etwas Harmonie, nach diesem Desaster auf offener Straße. 
Mein Gegenüber zu drücken wäre jedenfalls das Allerletzte gewesen, was ich an seiner Stelle hätte tun wollen. 

"Komm gut nach Hause", sagte ich, und er sagte "Du auch", und ich kam gut nach Hause. Ich hatte es ja nicht weit. 


-


Epilog


Auch, wenn mir als erstes durch den Kopf schoss: "DANN DOCH LIEBER SINGLE", möchte ich an dem verrückten Gedanken festhalten, dass ich man sich auch auf Augenhöhe begegnen kann. Mit anderen Worten: Ich brauche jemanden, der mir das Wasser reichen kann. Ich weiss nette Männer mit gutem Benehmen durchaus zu schätzen, aber es geht nicht, dass ich mich emotional überlegen fühle und das Gefühl habe, ich muss nun lieb sein, damit mein Gesprächspartner nicht zerbricht.

Es geht mir hier gar nicht darum, definieren zu müssen, wer in diesem kleinen Theaterstück die besseren Karten hatte. Ich glaube nämlich, dass wir beide bei diesem Date unser Portiönchen Scheiße löffeln mussten.

Es zeigt doch nur mehr, dass man sich eigentlich getrost auf sein Gefühl verlassen kann: 
1. Wat sich krampfig anlässt, kann nicht geschmeidig werden. 
2. Wenn es von Anfang an gut ist, flutscht es. 
3. Ohne Flow ist es ein No.

Ihm jedenfalls wünsche ich von Herzen alles Gute und ein nettes Gegenüber, das ihn voll und ganz zu schätzen weiß. Er ist ein Guter, aber nicht für mich. 
Das Gleiche wünsche ich mir auch. 

In diesem Sinne: Heiter weiter auf der Datingleiter. 



P.S.:Natürlich ist das alles höchst subjektiv wiedergegeben und erhebt keinerlei Anspruch auf die Wahrheit. Die gibt es sowieso nicht. Aber so, wie ich es empfunden habe, schrieb ich es nieder und möchte mir die Freiheit gönnen, es immer wieder zu tun. 



Sonntag, 2. Februar 2014

Sex and the City Part I

Neue Reihe: Frau Schreiberling hat Gäste. Heute schreibt für Sie Renate Rukowski.
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Meine Freunde schütteln in letzter Zeit verwundert den Kopf über mich und mein (Liebes)Leben. Ausnahmslos alle eigentlich, aber dennoch spalten sie sich in zwei Gruppen:
1)     Die Verpartnerten mit Kind und Kegel, die gerade erneut schwanger sind, hauptsächlich als „Wir“ existieren, im Sommer rauschende Hochzeitsfeste gefeiert haben und jetzt Häuser auf dem Land beziehen auf der einen Seite. Sie verfolgen mein (wildes) Single-Leben mit einer Mischung aus sehnsüchtigem Voyeurismus und besorgtem Stirnrunzeln.
2)     Die Singles, die mein Leben wild, aber vielleicht nicht immer ganz so wunderbar finden, auf der anderen Seite.

Da auch ich den Eindruck habe, wöchentlich mehr und mehr in der Hauptrolle einer Soap Opera zu brillieren, und das alles ja auch irgendwann mal verarbeitet werden muss, habe ich beschlossen, einige Anekdoten niederzuschreiben. Begreifendes Schreiben sozusagen. Das Hirn von Ballaststoffen befreien.

Auslöser für den Ist-Zustand muss rückblickend ein halbes Jahr kompletter Enthaltsamkeit gewesen sein. Das war nach einer alle-Hoffnungen-in-die-große-Liebe-und-das-happily-ever-after-zerstörenden Trennung wohl fällig. Und ein Besuch bei einem Facharzt. Einer Koryphäe seines Gebiets, wie man mir sagte.
Der Mann war so gefragt, dass das Telefon auch während des Anamnesegesprächs nie stillstand. Ständig kam jemand ins Behandlungszimmer, Botschafter wollten am Telefon eine Ferndiagnose erhalten, Ergebnisse mussten sofort besprochen werden. Der Mann konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn einen Satz ohne Unterbrechung zu Ende sprechen.
Die Situation war so absurd, dass mir nur die Flucht in die Ironie blieb. Ich grinste also kokett und fragte empathisch-ironisch, wie er denn in diesem Chaos überhaupt arbeiten könne. Erleichtert kam er sofort von seinem Sockel (auf den ich ihn vorher gehoben hatte) herunter und meinte, es sei schlichtweg unerträglich. Seine Erleichterung darüber, dass jemand seine völlig irrwitzige Lage erkannte und thematisierte, sprach Bände. Der Mann war froh, im Wahnsinn erkannt worden zu sein.

Es folgte der nächste Behandlungsschritt: Blutabnahme. Nun muss man wissen, dass ich von Kleinauf eine panische Angst vor Spritzen regelrecht hege und pflege. Ich klärte die Schwester also über meine Befindlichkeiten auf – woraufhin sie mich nur in breitem Berlinerisch anwies, doch einfach die Augen zu schließen. Frei nach dem Motto „Heul nich rum, wat kommst’n ooch hier her?“ Ich saß also mit fest zugekniffenen Augen auf einem abgeranzten Stuhl aus Lederimitat, die Fingerknöchel weiß vom Fäusteballen, die Stirn gerunzelt.

Auftritt: Professor Doktor Doktor. Der Mann betritt den Raum und ist hörbar amüsiert von dem Schauspiel, das sich ihm bietet. Auf seine Nachfrage, was denn hier vor sich ginge, erläutert Schwester Wir-sind-hier-nicht-bei-wünsch-dir-wat trocken, dass ich eine Mimose sei und sie mir deshalb geraten hätte, die Augen zu schließen.
Prof. Dr. Dr. lässt es sich daraufhin nicht nehmen, sich breit grinsend (wie ich hinter geschlossenen Augen hervorblinzelnd erkannte) und süffisant zu erkundigen, wie es denn sein könne, dass die Frau mit der großen Klappe von vorher sich jetzt so klein mit Hut an den Stuhl klammere. Und ehe ich es mich versehe, höre ich, wie ein Rolldrehstuhl zu meiner Linken heranrast und eine warme, trockene Hand meine hält. Die Hand von Prof. Dr. Dr. Eine schöne Hand. Angenehm warm. Trocken. Fest. Vertraut. Mit minimalem und deshalb kaum wahrnehmbarem Streicheln.

Vor lauter Verwirrung und drohendem Egoverlust reiße ich die Augen lieber schnell wieder auf, nur um von seinen stahlblauem Blick gefangengenommen zu werden. Ich versichere stammelnd, dass es so schlimm ja nun auch nicht sei. Herr Prof. Dr. Dr. schmunzelt, verlässt den Raum und kommt mit einem Privatrezept in der Hand zurück. Auf dem Rezept stehen nur seine Kontaktdaten. Gedruckt. Keine Notiz. Kein Hinweis. Und erst recht keine Verschreibung. Eine überdimensionale Visitenkarte also. Die wird mir en passant mit den Worten überreicht, dass ich mich jederzeit mit Fragen an ihn wenden könne.

Spätestens jetzt bin ich völlig gefangen in meinem Ärzteroman und schwebe, hauptrollengleich, aus meiner eigenen Soap Opera. In meinem Kopf ertönt just als sich die Aufzugtür hinter mir schließt der Jingle „Es wird viel passieren“.

Nach einem Tag mit wirren Gedanken im Kopf, einem debilen Grinsen im Gesicht und dringenden Ermahnungen meiner besten Freunde im Ohr, mich um Himmelswillen nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, um später tief und schmerzhaft zu fallen, beschließe ich nach fünf Stunden Schlaf (als Pseudorechtfertigung für die Vernunft – über wichtige Entscheidungen soll man ja bekanntlich eine Nacht schlafen) eine Mail an Herrn Prof. Dr. Dr. zu schicken. Ich bedanke mich witzig charmant für die gute Betreuung und biete an, dass wir uns gerne außerhalb des Praxisirrsinns treffen könnten, so er denn Lust und Zeit hätte. Und siehe da, wenige Stunden später weiß ich, er hat nicht nur Lust sondern auch Zeit. Und reges Interesse. Eigentlich kann es ihm gar nicht schnell genug gehen. Wir verabreden uns für ein Abendessen zwei Tage später. Der Termin wird vorverlegt, da Prof. Dr. Dr. vor Ungeduld nicht mehr länger warten kann. Geschmeichelt und leichtsinnig lasse ich mich an meiner Haustür abholen und es funkt, sobald ich auf den Beifahrersitz geglitten bin. Die trockenen warmen Hände finden meine sofort, seine Augen haben meine im Grip-Lock. Wir gehen nobel essen, er redet und lacht, unterhält und himmelt mich an. Der Wein fließt und beim Dessert finde ich mich halbnackt auf der Bank des Nobelrestaurants wieder. Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht nur Bekanntschaft mit seiner Zunge und seinen Händen gemacht, nein, ich kenne auch sein Gemächt und er sowie das halbe Restaurant die Farbe meiner Unterwäsche. Ich ermahne zu Contenance und erinnere daran, dass es nun wahrlich bessere Orte gäbe, als unseren Tischnachbarn weiter mit unserem Softporno das teure Essen zu versauen. Er zahlt, und kaum auf dem Gehweg angekommen bin ich abermals halbnackt.

Bleibt zu erwähnen, dass auch während des Essens das Telefon selten still stand.
Am bzw. im Auto nimmt das Ganze neue Züge an: Er entschuldigt sich für sein Missverhalten im Restaurant und möchte dafür bestraft werden. Naiv wie die Unschuld vom Lande verstehe ich plötzlich die mir neue Spielart. Da ich überraschenden Wendungen beim ersten Date grundsätzlich offen gegenüberstehe, bin ich fasziniert und nervös gleichzeitig. Doch während ich noch das Freak- und Gefahrenpotenzial abwäge, klingelt erneut sein Handy und er hechtet mit halboffener Hose aus dem Auto. Es folgt hektisches Auf- und Ablaufen auf dem Gehweg und eine angestrengte Diskussion. Mit (s)einer Frau. Als er wieder auf dem Fahrersitz Platz nimmt, platzt mir der Kragen und ich lasse mich mit der Aufforderung erstmal zu klären, was er da sonst noch am Laufen hat nach Hause fahren.
Zum krönenden Abschluss darf der böse Prof. Dr. Dr. mir noch einmal in den Schritt fassen um danach völlig verzückt an seiner Hand zu riechen. Ich schlage filmreif die Autotür zu und erklimme die Stufen zu meiner Altbauwohnung. Ich habe noch nicht mal die Wohnungstür aufgeschlossen, als mein Handy klingelt. Er will mich unbedingt wiedersehen.

Mein neuer Masterplan beläuft sich auf ein Hotelzimmer mit einem Freund geparkt im Foyer und Ersatzklamotten in der Handtasche, falls Prof. Dr. Dr. sich doch als gestörter Freak herausstellen sollte.
Über die nächsten Wochen schreiben wir eifrig pornöse Nachrichten hin und her, arbeiten erregt, schicken uns Beweisfotos als wäre die Erregung nicht schon spürbar genug und teilen unsere Fantasien in groschenromanähnlichen Mails.

Zum Treffen im Hotel kam es übrigens nie, da ihm die Orga zu kompliziert und mir die Sache zu heiß wurde. Bei den folgenden Behandlungen nahm die Spannung aber sofort den ganzen Raum, und uns ganz und gar, ein. Also erfand ich einen Fake-Freund, den ich ihm beim nächsten Treffen in der Praxis präsentierte. Ich versprach, mich zu melden, sobald ich entweder den Freund losgeworden oder meine Moral über Bord geworfen hätte.