Dienstag, 29. April 2014

Kann man ein Leben löschen? – Ein Twittererklärungsversuch

Twitter ist nicht Real Life (RL) – das zumindest legt die strikte Trennung zwischen Twitter und RL nahe.
Dann muss Twitter wohl ein Fake Life sein. Warum braucht man denn ein Fake Life? Und was, wenn man keinen Bock mehr drauf hat?

Aber fangen wir von vorne an. Warum twittert man eigentlich? Schaut man sich so die Accounts an, gibt es wohl ziemlich viele Gründe dafür. Die meisten aber beginnen sicher mit einer gewissen Neugier dem Medium gegenüber. Also kreiert man mal einen Twitteraccount. Man denkt sich einen netten @-Namen aus und legt los. Und schreibt ins Leere. Man folgt ein paar „vorgeschlagenen“ Accounts, klickt sich mal hier und mal da rein und hofft, dass einem auch jemand folgt. Das passiert erst mal nicht. Deshalb schreibt man weiterhin ins Leere. Man verfasst sinnvolle oder sinnfreie Tweets, die niemand liest. Da ist also erst mal ein gewisses Durchhaltevermögen gefragt (das, meine Damen und Herren erklärt übrigens auch, warum viele „große“ Accounts Tweets schreiben, die nicht mal eine Handvoll Favs kriegen. Weil die niemand liest. Man braucht nämlich ein bisschen Geduld, um bei Twitter anzukommen. Und wenn man die nicht hat, dann versteht man das Ganze auch nicht und der Account verwaist einfach (Statistik: 135 Tweets; folgt 247; folgen 18; letzter Tweet: vor Wochen, Monaten, Jahren).
Bleibt man allerdings ein bisschen am Ball, schreibt ein paar Replys (aber bloß nicht zu viele, das ist verpönt), retweetet fleißig und haut ein paar kreative #ffs (Followerempfehlungen, und Achtung, die müssen individuell sein, Massen-ffs sind nicht erwünscht, und am Anfang eines Tweets darf auf gar keinen Fall ein @ stehen, denn dann können ihn nur die lesen, die der Person eh schon folgen – und das Konzept der #ff ist dahin), dann folgen einem auch ein paar Leute mit mehr Followern (allerdings ist auch hier Voraussetzung, dass man halbwegs was zu sagen hat). Und dann kommt irgendwann der große Augenblick – man schreibt einen Tweet, der Potenzial hat, man wird zum ersten Mal retweetet und kriegt auf einmal 17(!) Favs, freut sich ein Loch in den Bauch und legt erst richtig los. Dann sammeln sich über die Jahre immer mehr Follower an und man hat einen gutgehenden Twitteraccount (Nie vergessen, es hilft ungemein, wenn man was zu sagen hat)!

Es gibt natürlich auch noch das beliebte Konzept des „Followback“ – das heißt, man folgt einfach jedem zurück, der einem auch folgt. Auch so kann man innerhalb kürzester Zeit mehrere Hundert Follower sammeln, aber meistens lesen die nichts, faven nichts und retweeten auch nichts.

Dann kann man sich natürlich auch noch völlig ungalant ein paar Tausend Follower für 'nen Appel und 'n Ei kaufen. Das sind allerdings erstens wirklich alles verwaiste Accounts (also erwarten Sie keine Retweet-Orgien) und zweitens fällt das halt auch auf, wenn jemand von heute auf morgen 10.000 Follower mehr hat, die zumeist nicht die selbe Sprache sprechen. Das ist die dämlichste aller Varianten auf Twitter „erfolgreich“ zu werden.

Damit hätten wir die Gründerzeit abgeschlossen und schauen uns einmal an, was eigentlich passiert, wenn man dann mal richtig twittert. Auch hier gibt es wieder verschiedene Arten von Accounts – es gibt die, die am laufenden Band lustige Sprüche raushauen. Kann man machen, lesen viele gerne.
Es gibt die, die Emo/Herzschmerz-Tweets ohne Unterlass produzieren – auch dafür gibt es ein breites und dankbares Publikum. Kann man sich ja herrlich mit identifizieren.
Dann sind da noch die Engagierten, die ihre Meinung zu politischen/sozialen/medialen oder sonstwie gearteten Themen äußern – das alles sind Twitterer, die im Laufe der Zeit ein paar Tausend Follower ansammeln werden. (Alternativ können Sie sich auch 'nen supersexy Ava (Profilbild) zulegen. Das funktioniert 'ne Weile lang auch ganz gut.

Aber dann gibt es eben auch noch eine Trilliarde anderer Twitterer. Es gibt die, die einfach aus ihrem Leben schreiben, und zwar mit so viel Liebe und Witz, dass man sie gerne liest. Es gibt die, die nur ab und zu schreiben, aber dann immer so treffgenau und zielsicher, dass man keinen Tweet verpassen möchte. Es gibt die, die ihre eigene Themennische gefunden haben und damit Tausende ansprechen.
Es gibt aber auch die, die einfach gerne interagieren. Die sich Replys schreiben, sich einen guten Morgen oder eine gute Nacht wünschen und damit zufrieden sind, dass das ein paar Leute mögen.
Dann gibt es natürlich noch die, die polarisieren, aufregen und immer eine schöne Plattform für Kommentare, Blogposts oder Shitstorms bieten.

Sie sehen, auf Twitter gibt es nichts, was es nicht gibt.

Was mir anfangs überhaupt nicht klar war, aber treffender als alles andere ist: Twitter ist die größte (und kostenlose) Singleplattform, die das Netz zu bieten hat. Anstatt standardisierter, Null-Aussage-Profile (ich treibe viel Sport, ernähre mich gesund, will gerne viele/keine Kinder, suche die wahre Liebe) kriegt man im besten Falle anhand der Tweets ein ehrlicheres Bild von einer Person (aber lassen Sie sich nicht täuschen, auch auf Twitter gibt es unglaublich viele schwarze Schafe (oder andere Tiere), die mit ihren Worten versuchen, Sie in die Kiste zu kriegen) – man liest sich also in eine Person rein und „verliebt“ sich ein bisschen. Man schreibt ein paar Replies, irgendwann fügt man das beliebte <3 (kleinerdrei = Herz) ein und wird ziemlich schnell vertraut. Und wenn man sich dann auch noch gegenseitig folgt, kann man gemütlich ein paar DMs schreiben und die Lage abchecken. Wenn man Glück hat, steht hinter dem Account tatsächlich eine ehrliche Person, die von sich erzählt und alles so schreibt, wie sie es meint. Und dann kann man sich treffen, verlieben, glücklich werden und braucht Twitter nicht mehr --> man löscht den Account und lebt happily ever after (oder man hat damit zu kämpfen, dass auch noch andere Personen einem der Beteiligten fleißig <3 schicken, streitet sich ein bisschen und dann löschen sich beide). Randnotiz: es gibt auch jede Menge glücklicher Twitterpaare, die sehr erfolgreich weiterhin ihre Accounts betreiben, ihre Zusammengehörigkeit offen kommunizieren und kein Problem mit dem Fake Life haben. Umso besser.

Dann gibt es noch die, die nach dem ganzen oben genannten Gedöns auf einmal merken, MOMENT, ich hab ja da noch einen Partner im echten Leben, den ich eigentlich relativ gut leiden kann (bzw. MOMENT, der andere hat da ja noch einen Partner im echten Leben, den er relativ gut leiden kann – was für ein Arsch), das wird mir zu heiß/schmerzhaft – löschen, jegliche Kontaktmöglichkeit unterbinden und versuchen, sich im RL wieder zurecht zu finden.
Das ist ja auch so schön einfach, man löscht sein Leben. Also das Fake Leben. Weil es eben nur ein Fake war. Weil man das mit einem Klick alles sehr effektiv ausblenden kann (aber glauben Sie nicht, dass es nicht weiterhin in Ihrem Kopf bleibt. Glauben Sie nicht, dass es nicht schon längt Schaden angerichtet hätte. Klären Sie das „Problem“ vor allem im sogenannten RL – denn auch ein Fake Life kann man nicht einfach löschen).

Dann gibt es natürlich auch die, die irgendwann merken, ach Twitter ist eigentlich gar nichts für mich. Und weil sie keine halben Sachen machen, löschen sie sich eben.

Manchmal wird einem aber Twitter auch einfach zu viel. Auf Twitter gibt es viele Idioten, es gibt Leute, die einem ungefragt ihre unqualifizierte Meinung sagen. Man ärgert sich über jemanden ganz schrecklich, wurde blöd angemacht und braucht ein bisschen Abstand.
Vielleicht wollte man auch inkognito bleiben und auf einmal sprechen einen Leute an, die einen gefunden haben und nachgelesen haben, wie man über sie / den Chef / die Familie / ... schlecht geredet hat. Dann muss man sich auch ganz schnell löschen.

Und es gibt noch die, die sich mit schönster Regelmäßigkeit deaktivieren (das ist besser als löschen, man ist zwar erst mal weg, aber kann seinen Account ein paar Monate lang einfach wieder aktivieren. Die meisten Follower werden noch da sein, man wird begrüßt, weil man vermisst wurde und  kann da weitermachen, wo man aufgehört hat). Das bringt ein bisschen Aufmerksamkeit, aber man gewinnt auch mal wieder ein bisschen Abstand.
Das alles hat seine Berechtigung, für manchen ist Twitter das „echte“ Leben, für andere ist es ein Tagebuch und für viele ist es einfach nur ein Wegbegleiter. Man verrennt sich schnell und muss dann auch mal die Konsequenzen ziehen.

Protipp: wenn Ihnen ein Twitterer über den Weg läuft, den Sie wirklich gerne mögen, schreiben Sie ihn an, vielleicht kriegen Sie ja noch einen anderen Kontakt als über Twitter und dann haben Sie ihn im Falle eines Falles nicht verloren. Meine Erfahrung ist allerdings auch, ganz oft deaktivieren Menschen sich einfach für eine Weile. Um den Kopf klar zu kriegen, weil sie gerade andere Prioritäten haben, weil sie was geärgert hat – aber ganz oft kommen sie auch wieder.

Aus meiner TL haben sich in den letzten Tagen ziemlich viele gelöscht/deaktiviert und ich finde das sehr schade und hoffe, dass sie wiederkommen. Das nächste Mal, schicken Sie mir doch vorher Ihre Email-Adresse, dann kann ich Ihnen wenigstens eine gute Reise wünschen ...


Mittwoch, 23. April 2014

Und, wenn Sie so über die letzten 365 Tage nachdenken, welches Gefühl überwiegt?

Für Sie hoffe ich doch, dass Sie die Frage wie einer meiner liebsten Twitterer beantworten können:
„Glück, Freude, Zuversicht!“

Wenn nicht, dann hilft Ihnen vielleicht meine Antwort: „Ungewissheit“! Vielleicht auch nicht, aber Sie können ja trotzdem weiter lesen.

365 Tage sind eine verdammt lange Zeit. In der Zeit hat sich der Nachwuchs vom Baby zum Kleinkind entwickelt,  ich habe gelernt ohne Hund zu leben, in dieser Zeit habe ich meinen Job hassen und wieder halbwegs akzeptieren gelernt. In einem ganzen Jahr habe ich erst 6 Kilo ab- und dann 8 Kilo wieder zugenommen. In 52 Wochen habe ich ein paar Freunde verloren, viele neue Leute kennengelernt. Ein paar von ihnen sind geblieben, ein paar sind weitergezogen. Ich habe die Wohnung umdekoriert, eine Scheidung eingereicht und Häkeln gelernt. Ich habe ein eigenes Business gegründet und alte Hobbies aufgegriffen. Meine Haare sind in 12 Monaten wieder so lang geworden, dass ich sie lässig hochstecken kann und ich hatte sogar gelegentlich Sex.

Aber was sich als die wahre Konstante der vergangenen 365 Tage herauskristallisiert hat, ist die Ungewissheit. Und zwar auf einer ganz persönlichen Ebene. Wie sich das so anfühlt, nie zu wissen, woran man ist? Nie zu wissen, ob es weitergeht? Nie zu wissen, ob sich das Warten wirklich lohnt?
Können Sie sich selber beantworten! Bescheiden. Aber wissen Sie, woran es wirklich hängt? Am Maß der Dinge. Und das setzen Sie sich selber. Und zwar meistens ausgehend von Ihrer Person. Im Fokus hat man das eigene Empfinden und die Art und Weise, wie man diese ausdrückt. Und das wird zur Messlatte erkoren. Sie schreiben selbst gerne Karten, verschicken Nachrichten oder haben auch sonst das dringende Bedürfnis einem Ihnen lieben Menschen zu zeigen, dass Sie ihn mögen? Dann erwarten Sie das auch. Ganz klar. Und sind enttäuscht, wenn nichts dergleichen passiert. Sie machen gerne Pläne, malen sich die Zukunft aus und wollen sich auf etwas freuen? Dann erwarten Sie das auch von der anderen Person. Und werden enttäuscht.
Und wenn Sie dann oft genug enttäuscht worden sind, können Sie sich überlegen, ob Sie die ganze Geschichte abblasen, oder ob Sie vielleicht mal einen Schritt zur Seite treten und versuchen, das Ganze aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dann müssen Sie wahrscheinlich auch damit aufhören, das Ganze erklären zu wollen. Dann müssen Sie sich eingestehen, dass die Menschen verschieden sind. Und, dass jeder sein Päckchen mit sich trägt. Dass es viele Gründe gibt. Für alles Mögliche. Und, dass man die nicht alle versteht. Aber, dass sie trotzdem ihre Berechtigung haben.
Und dann hören Sie auf, den Fehler bei sich zu suchen! Es geht nicht um Fehler. Im schlimmsten Falle geht es um Inkompatibilität. Dann passt es halt nicht. Wenn Sie es wirklich nicht mehr ertragen, weil es zu weh tut, dann ist es Ihr gutes Recht zu gehen. Und dann sollten Sie das auch tun.
Aber wenn es zwar wehtut, vielleicht auch verletzt, Sie es nicht verstehen oder nachvollziehen können, aber irgendwo tief in Ihnen drinnen noch ein Fünkchen Hoffnung ist, dann warten Sie doch einfach noch ein bisschen. Manchmal brauchen die Dinge eben etwas länger.

Und wenn Sie auf der anderen Seite der Geschichte stehen, dann denken Sie auch mal an uns. Wir, die beinahe täglich den Briefkasten öffnen und hoffen, doch mal irgendwas drin zu finden. Wir, die wir trotz allem Pläne machen und vielleicht ein bisschen verrückter sind, als der Rest von Ihnen. Kommen Sie uns einen Schritt entgegen und schreiben Sie uns so 'ne verdammte Postkarte. Oder sagen Sie uns doch einfach mal, wie toll wir sind, und dass alles gut wird. Oder geben Sie uns sonst irgendwie das Gefühl, dass Sie stolz darauf sind, dass wir in Ihrem Leben sind. Und dann kriegen Sie Ihren verdammten Arsch hoch, und machen Sie es möglich. Wenn Sie es wollen. Und wenn nicht, dann lassen Sie uns gehen. Dann lassen Sie uns frei und geben uns die Chance, dass uns jemand findet, der genauso verrückt ist, wie wir.


Montag, 21. April 2014

Großes und kleines Glück

Auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Herrn blogge ich hier und jetzt über das große und das kleine Glück. Weil „sowohl ich, als auch der Blog sowie die Leser sich das verdient haben“.

Für jemanden, der so oft nachdenkliche Zeilen schreibt, sich hinter Emo-Tweets versteckt und auch generell nah am Wasser gebaut hat, gar nicht so eine einfache Aufgabe. Dabei bin ich im Grunde genommen ein wirklich glücklicher Mensch. „Ein Lachen im Gesicht, konkrete Ansagen im Gepäck“! So mein Selbstbild. Und nun die Herausforderung, mal ganz konkret, schwarz auf weiß aufzuschreiben, was mich glücklich macht.

Da ich ein Fan von Statistiken und Zahlen und sowieso einer gewissen Grundordnung bin, bau ich das einfach mal ganz chronologisch auf. Von den ganz kleinen Dingen, die mich glücklich machen, zu den ganz großen.

Kleine Dinge, die mich glücklich machen
Musik. Muss von den „kleinen“ Dingen einfach an allererster Stelle stehen. In jeglicher Form. Das richtige Lied zum richtigen Zeitpunkt. Klitzekleine Momente, an denen ich es schaffe, mich ans Klavier zu setzen und ein paar Töne zu spielen. Die Augen zu schließen und der Erinnerung zu vertrauen. Die Finger wissen schon, was sie tun.
Das Kind, das lautstark, ohne Text und ohne Melodie, fröhlich trällernd durch die Straßen streift. Lieblingsmenschen mit toller Stimme, die dich ganz tief drinnen berührt. Zerkratzte Schallplatten.
Im Club, wenn man spürt, dass ein Lied, durch die Ohren, seinen Weg übers Herz direkt in die Füße findet. Und dir ein fettes Grinsen aufs Gesicht zaubert.

Ein gelungenes Foto. Wenn man früh um 6 im Urlaub aufsteht, weil man weiß, es hat die ganze Nacht geregnet, die Sonne wird aufgehen und die Landschaft in Nebel tauchen. Und man wird sie finden, die ganzen kleinen Regentropfen, die sich auf Blütenblättern sammeln. Manueller Fokus und dann hinterher am Rechner der Aha-Effekt. Der entscheidende Punkt im Bild ist gestochen scharf, die Mühe hat sich gelohnt.

Zeit zum Kochen. Früher habe ich viel gekocht. Jeden Tag. Jetzt ist die Hauptstadtcuisine eher dem Prinzip der Zweckmäßigkeit untergeordnet. Es muss schnell gehen, es muss allen schmecken, es muss preiswert sein. Aber dann gibt es die Wochenenden. Wenn ich samstags zusammen mit dem Kind über den Markt streife und alles, was uns irgendwie inspiriert, in den Korb schmeiße. Und dann die Zeit, wenn das Kind schläft und ich mich in aller Ruhe in der Küche dem Schnippeln, Rühren, Abschmecken widmen kann. Ohne Stress. Und das allerbeste, wenn die Küche nach Familie riecht. Nach gemeinsamen Mahlzeiten in geselliger Runde, nach Austausch und kleinen Scherzen.

Mittelgroße Dinge, die mich glücklich machen
Vertraute Scherze. Das geht nicht mit vielen Menschen. Das geht mit meinem Papa. Mein Papa, der wie ich gerne aufzieht. Mein Papa, der wie ich, einen gepflegten Wortwitz zu schätzen weiß. Es ist eine Spielerei. Immer mit einem Augenzwinkern, immer ein bisschen Wahrheit, nie bösartig.

Freunde. Freunde, die genau den richtigen Zeitpunkt erwischen, um zu sagen „Bist du zu Hause? Ich komm auf einen Wein vorbei!“ Freunde, die die richtigen Worte finden. Freunde, die die richtigen Fragen stellen und auch mal keine Antworten parat haben. Alte Freunde und neue Freunde.

Zeit für mich. Davon hatte man ja früher so viel. Als man sie noch nicht zu schätzen wusste. Zeit für mich ist rar. Das sind vielleicht ein paar Stunden im Monat. Gestern hatte ich Zeit für mich. Bei einem Ausritt. Die unbedingte Notwendigkeit, meinen Kopf frei zu machen. Mich auf das Pferd unter mir zu konzentrieren. Ein empfindsames Tier. Schreckhaft, man muss also immer ein bisschen auf der Hut sein. Nachlässigkeit gilt nicht. Dann landet man ganz schnell mit dem Kopf voran in einer frischgedüngten Wiese (true story). Aber wenn man sich drauf einlässt und vertraut, dann wird man belohnt. Dann kann man genießen, dass sich das Pferd im vollen Galopp einen Wettlauf mit dem Hund liefert. Dann muss man keine Angst haben, weil sich der Fuß im Steigbügel verfangen hat (Sneakers sind keine geeigneten Reitschuhe). Dann weiß man, man wird das Pferd auch wieder anhalten können. Und bis dahin lässt man sich die Waldluft um die Nase wehen.

Große Dinge, die mich glücklich machen
Vertrauen. Vertrauen darauf, dass alles irgendwie gut wird. Es mag nicht so aussehen. Es mag sich auch nicht so anfühlen. Aber es wird irgendwie gut werden. Nicht heute und nicht morgen. Aber irgendwann. Auf die eine oder andere Art. Vertrauen, das einen davor schützt, zu verzweifeln. Vertrauen, das einen davor schützt, im falschen Moment Fragen zu stellen. Vertrauen, das einen davor schützt, sich selbst anzuzweifeln.

Familie. Sowohl die kleine, als auch die große. Mama und Papa, die immer hinter einem stehen. Nicht von Anfang an und auch nicht, ohne den Lebensweg mal anzuzweifeln. Aber im Notfall immer da. Ein Papa, der sagt „Wenn was ist, ruf an, ich hol dich da raus!" Und das Wissen, dass er es genau so meint. Dass er sich im Notfall in ein Flugzeug setzen würde, um 9000 km weit zu fliegen und dich da rauszuholen (er musste es nie, aber er hätte es, ohne mit der Wimper zu zucken gemacht).
Ein Bruder-Cousin, der mit dir am Sterbebett der Cousine gestanden hat und es klar war, dass uns das für immer verbunden hat. Der immer da ist, wenn man ihn braucht. Der mitdenkt und anpackt.
Eine (Groß)cousine, die ihren Weg auf einem anderen Kontinent geht. Die talentierter ist, als man es selbst jemals sein wird, und einen trotzdem anruft, um zu bitten das Screenplay zu lesen und bei der Final Episode zu helfen.

Das Kind. Der glücklichste Moment in meinem Leben war, als das Kind zwei Stunden alt war. Zum ersten Mal hielt ich es in aller Ruhe, fernab von allen Ärzten und Hebammen in meinen Armen. Eine kleine Person, die voll und ganz auf mich angewiesen war. Und zugleich der Gedanke  – irgendwann wirst du 16 sein und mich scheiße finden. Aber jetzt, jetzt bist du mein Baby, und mein einziger Grund auf dieser Welt zu sein, ist der, mich um dich zu kümmern und dafür zu sorgen, dass es dir gut geht. Mittlerweile ist das Kind fast drei. Um weit davon entfernt, von mir abhängig zu sein. Aber noch immer bin ich der Superheld. Und das ist wohl das größte Glück der Welt. Für jemanden der Superheld sein. Die Person zu sein, die für alles eine Lösung hat, die immer da ist und die alles gut machen kann.

Am Ende im Radio das Lied „Divisionary (Do the right thing)“ von Ages and Ages aus Portland, OR. Nicht nur einer der schönsten Orte in meiner Welt, sondern auch die genau richtige Aussage: do the right thing. Das Glück kann man nicht kaufen. Alles auf meiner Liste, ist nicht käuflich, und dennoch unbezahlbar.

Leben Sie, seien Sie glücklich. Horchen Sie in sich hinein, was Sie glücklich macht, und genießen Sie es!

Mittwoch, 16. April 2014

Zum Kinderkriegen gehören immer zwei

Zum Kinderkriegen gehören immer zwei. Das stimmt ja so eigentlich gar nicht. Zum Kindermachen gehören immer zwei (also jedenfalls fast immer). Zum Kinderkriegen gehört eigentlich nur eine. Zum Kinder-ein-Leben-lang-begleiten gehören viele. Aber zwei eigentlich auf jeden Fall. Vor allem, wenn zum Kinderwollen zwei gehörten.
Dass das nicht der Realität entspricht wissen viele. All die Mütter und Väter da draußen, die ihre Kinder alleine großziehen. Und, auch wenn ich hier den Vätern, die das tun, nicht zu nahe treten will, aber meistens sind es eben doch die Mütter. Manchmal erst nach vielen Jahren, in denen man es gemeinsam versucht hat und irgendwann gemerkt hat, dass das nicht zum Wohle der Kinder ist (vom Wohle der Eltern mal ganz zu schweigen). Manchmal nach wenigen Wochen oder Monaten. Und manchmal eben auch von Anfang an.
Und da die Mutter diejenige ist, die das Kind austrägt und meist unter Auferbietung all ihrer Kräfte auf die Welt bringt, sind es meist die Väter, die der Auffassung sind, an einem Punkt in ihrem Leben hätten sie die Wahl: Will ich Vater sein und einen kleinen Menschen dabei begleiten, wie er sein Leben lebt, oder nicht?
Und da läuft die ganze Sache eigentlich auch schon gehörig schief.
Dass Beziehung nicht immer so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, scheint jedem klar zu sein. Dass alle Entscheidungen im Leben Konsequenzen nach sich ziehen auch. Dass man mit bestimmten Entscheidungen eine Verpflichtung einer zweiten und/oder dritten Person gegenüber eingeht, allerdings nicht. Glauben Sie mir, ich hatte mir das Ganze auch nicht so vorgestellt. Aber hab ich mich jemals gefragt, ob ich darauf verzichten will, dieses wunderbare Kind kennenzulernen, für es da zu sein und die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen? (Und nur, um das ganz klar zu machen: Wir reden hier von einem Zeitpunkt, zu dem eine Abtreibung, ganz egal, was man davon halten mag, nicht mehr möglich gewesen wäre – wir reden hier von einem Kind, das gewollt und geplant war.) Natürlich nicht! Niemals wäre mir der Gedanke gekommen, ich hätte überhaupt eine Wahl!
Wie kommt man auf den Gedanken, dass man es sich aussuchen kann, Mutter oder Vater zu sein? Ganz ehrlich, in dem Moment, wo Sie ein Kind gezeugt haben, haben Sie diese Wahl nicht mehr. Dann müssen Sie sich eigentlich nur noch überlegen, was für ein Vater oder eine Mutter Sie sein wollen. Manchmal braucht es eine gewisse Zeit, bis man sich mit der Rolle anfreunden kann. Manchmal braucht es auch eine gewisse Zeit, bis die Beziehung reifen kann. Manchmal braucht es vielleicht auch ein bisschen Zeit, bis man sein Kind als Person wahrnehmen und lieben kann.
Aber, dass man sich sagt, ich hab da keine Lust drauf, das ist mit Verlaub ziemlich feige und egoistisch.
Man sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Den Luxus würde ich mir auch mal gerne gönnen. Sich mit mir selbst beschäftigen.
Stattdessen versuche ich, dem Kind eine gute Mutter UND ein guter Vater zu sein. Und es bricht mir das Herz, wenn ich Gespräche belauschen muss, die mein Kind mit Gleichaltrigen führt:

„Du hast keinen Papa!“
„Ich hab einen Opa!“

Und es erfüllt mich mit Stolz, wenn das Kind zu mir sagt: „Du bist meine Mama. Und mein Papa!“

Aber ich habe auch Angst vor dem Moment, wenn ich es erklären muss. Wenn ich dem Kind sagen muss, dass es natürlich einen Papa hat. Den ich kenne und zu dem ich Kontakt habe. Aber, dass er sein Kind nicht kennenlernen will. Weil es nicht so gelaufen ist, wie er sich das vorgestellt hat. Und bestimmt muss ich mich erklären, warum ich es nicht einfach eingefordert habe. Warum ich es für richtig hielt, keinen Druck auszuüben. Weil ich immer dachte, wenn diese Beziehung irgendwann wachsen soll, dann freiwillig. Und weil der Papa das will. Und nicht, weil ich denke, es sei eigentlich seine Pflicht, sich um sein Kind zu kümmern. Ihm zu zeigen, was ein guter Vater ist.
So bleibt mir nur, dankbar zu sein, für all die männlichen Personen in unserem Leben, die ich liebe, denen ich vertraue und die dem Kind zeigen, dass ein Bart kratzt, dass Männer auch weinen, dass auch andere Menschen einen Pullermann haben und dass man den nicht kaufen kann...

Montag, 14. April 2014

Affenliebe

Heute vor 2 Jahren begann etwas, was ich mit Fug und Recht als die schönste Liebesgeschichte meines Lebens bezeichnen kann. Es hatte schon im Sommer 2011 ganz klein zu keimen begonnen, wurde dann ganz schnell immer größer und trat am 15.4.2012 in Gestalt meines zweiten Kindes in Erscheinung.

"Nanu" mag mancher denken. "Was ist denn mit dem ersten?"
Nun - verstehen Sie mich nicht falsch - auch mit dem ersten Kind verbindet mich eine große Liebe, allerdings mehr eine von der langsam anlaufenden und dann immer intensiver werdenden Sorte. Lesen Sie hierzu gernen meinen Post 'Wunschkind' (http://frauschreiberling.blogspot.de/2013/12/wunschkind.html) - dann wird Ihnen vielleicht einiges klarer.

Beim zweiten Kind und mir - da war es jedoch Liebe auf den ersten Blick. Leider nicht auf den ersten Schrei, denn als das kleine Würmchen zur Welt kam, war es leider etwas bläulich und schwach bei Stimme. Besorgte Blicke der Hebamme und der Ärzte, mein Mann wechselte seine Gesichtsfarbe von blass nach Alpinaweiss. Das Baby lag auf meinem Bauch, röchelte etwas vor sich hin und ich - war glücklich. Ich verstand die ganze Aufregung nicht. Es war doch ein geradezu perfekter Moment. Leider währte er nur ca. 30 Sekunden, dann wurde das Baby schleunigst nach nebenan gebracht, um es mit Sauerstoff zu versorgen. (Erwähnte ich bereits, dass ich kein Freund der Hausgeburt oder des Geburtshauses bin? Jetzt wissen Sie, wieso!)

Ich lag also da, fragte die Hebamme, was denn los wäre und grinste seelig vor mich hin. Die Dame war zum Glück keine von der panischen Sorte, sie wischte ein wenig von der Sauerei fort und beruhigte mich recht überzeugend. Was sollte auch sein? Mein Baby war ein Prachtexemplar, 51cm, 4000g - ein rundes knubbeliges Wunder!

An den Rest der Nacht erinnere ich mich nur schemenhaft. Das Baby kam auf die Neonatolgie,  ich auf mein Einzelzimmer (welches ich wohlweislich "gebucht" hatte -  nichts ist schlimmer als fremdes Babyquaken um einen herum, wenn man einfach nur seine Ruhe haben will) und der Mann ging nach Hause. Das große Kind war gut bei Oma und Opa aufgehoben. Irgendwann schuckelte man mich im Rolli zu meinem Baby. Es war verkabelt, mit einem Schlauch in der Nase und lag in seinem Wärmebettchen. Ich versuchte es ein wenig zu stillen, starrte es an und war glücklich. Es war die denkbar ungeeignetste Umgebung dafür,  ich hatte Schmerzen, überall piepsten Geräte,  aber alles das wurde ausgeblendet. Hier war er nun wirklich - der "perfekte Moment"!

Seit diesem Tag wusste ich nun endlich, was es mit dieser ominösen Mutterliebe auf sich hat, die vom ersten Moment an aus einer kugeligen Verrückten eine debil grinsende Wolkenwandlerin macht. Im Laufe des ersten Tages konnte schon der Sauerstoffschlauch entfernt werden, die Überwachungskabel kamen auch bald ab und nach 3 Tagen kamen wir nach Hause - mit einem gesunden Kind, welches - halleluja!!!- quasi nur schlief. Es schlief, wurde irgendwann friedlich wach, trank ein bisschen, blubberte vor sich hin und schlief wieder. Ich war fassungslos. Ich hatte diese Sorte Kinder bisher immer für einen Elternmythos gehalten. Manchmal gab ich ihm nicht gleich etwas zu trinken, sondern wartete, bis es endlich mal quakte, nur um seine Stimme zu hören. Und ich freute mich (!), wenn es aufwachte, damit ich endlich mit ihm kuscheln konnte.

Beim ersten Kind sagen einem alle, man solle die Zeit geniessen, die geht so schnell vorbei und später würde man es bereuen, etwas verpasst zu haben. Doch erst beim zweiten weiß man, dass das wirklich wahr ist. Erst beim zweiten Kind konnte ich es geniessen, wenn es auf meinem Arm schlief. Ich konnte es geniessen, ungestört mit ihm im Kinderwagen in einem Café zu sitzen und in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken. Ich hatte keine Angst mehr, es falsch anzufassen oder etwas falsch zu machen (was nicht heißen soll, dass ich alles richtig machte - ich machte es eben so gut wie möglich!).

Und auch als es größer wurde und anfing, einen eigenen kleinen (und mittlerweile recht großen) Willen zu entwickeln, war ich einfach stolz und freute mich über dieses perfekte kleine Wesen. Selbst heute noch, wenn es in allerbester Rumpelstilzchenmanier vor mir steht, mit dem Fuss aufstampft und "Nein Mami!!!" brüllt,  wenn es sich wie ein Aal von meinem Arm windet oder seine Nudeln auf den Boden schmeisst - selbst in diesen Situationen kann ich ihm nicht sauer sein. Manchmal betrachte ich mich wie von aussen und wundere mich über mich selbst. Aber warum sollte es mit der Mutterliebe anders sein als mit der "normalen" Liebe - manchmal macht es  "PENG" und man ist verloren, machmal entwickelt sich mit der Zeit eine solch tiefe Zuneigung, die dann irgendwann zur großen Liebe wird.

Ich bin froh und dankbar, beides erlebt zu haben. Ich liebe euch sehr, meine beiden Babys! ("Mama! Ich bin kein Baby mehr!!!")