Sonntag, 27. Juli 2014

Meine Freundin.

Meine beste Freundin ist 65 Jahre alt und ich 40. Das sind 25 Jahre Unterschied. Aber diese Zahl ist auch das Einzige, was uns trennt. 

Als ich sie das erste mal besuchte, sie ihre Beiss-Schiene trug und nur noch Worte mit "s" aussprach, was so gut wie unmöglich war, lagen wir lachend auf dem Boden. Nach und nach entdeckten wir viele kleine, generationsübergreifende Gemeinsamkeiten. 
Wenn ich sie ansehe, dann betrachte ich nie ihre Hülle, sondern nur ihren Geist. Und der ist wach, schnell, klug und voller Liebe für das Leben. 
Wenn ich einen Scheisstag habe, baut sie mich wieder auf. Wenn sie einen hat, höre ich es heraus, egal, wie sehr sie versucht, es zu vertuschen. 
Wir haben einen gemeinsamen Sprachkodex entwickelt, der viele Menschen denken lässt, dass wir einen kapitalen Knick in der Dachpappe haben. Wahrscheinlich haben diese Leute Recht..! Aber genau das ist eins der schönsten Dinge, die uns verbinden. Der gemeinsame Humor, der Blick aufs Komische im Alltäglichen, das blinde Verstehen.
Natürlich gibt es Momente, da  nervt sie mich höllisch: Wenn sie hektisch autofährt (nie könnte ich etwas trinken, wenn sie fährt, selbst nicht auf gerader Strecke). Auch, wenn sie sich ständig wiederholt und mir alles doppelt und dreifach erzählt. Oder wenn sie mit vollem Mund redet. Dann muss ich immer wegkucken. Und ganz, ganz sicher bringe auch ich sie ab und zu um ihre Geduld. Es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen.
Aber eigentlich ist mir das egal. Dass sie da ist und keine Stunde vergeht, in der wir nicht zusammen albern sind, ist das Größte. Dass wir gemeinsam über Männer jammern und spontan freitags abends im Club landen. Dass wir Ausflüge machen, auf dem Sofa abhängen und  beide shoppen können, bis uns schwindelig wird. Dass ich ihr in Herzensangelegenheiten eine genauso gute Beraterin sein kann wie sie mir. Dass sie da ist. 
Manchmal denke ich daran, wie alt sie eigentlich ist, und dass sie sehr wahrscheinlich eher sterben wird als ich. Dann muss ich aufpassen, dass ich nicht zu weinen anfange. 
Ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie machen sollte. Natürlich wurde ich schon gefragt, ob ich sie als Mutter-Ersatz betrachte, denn Menschen finden es ungewöhnlich bis irritierend, dass es Freundschaften gibt, die so einen Alterunterschied überbrücken. Aber nein, sie ist keine Mutter für mich, wenngleich ich sie, wie viele meiner anderen Freunde, zu meiner geistigen Familie zähle, die für mich auch ein Stück Heimat bedeutet. 
Sie ist, was sie ist: Ein junger, tiefgründiger, sensibler und ein urkomischer Geist in einem langzeitbewohnten Körper. Eine Beraterin, Komplizin, ein Vorbild und manchmal eine Nervensäge. Eine Freundin. Meine Freundin! 

Zu Weihnachten (weil wir uns heilig Abend nicht sehen konnten) hat sie mir eine Karte geschrieben, über die ich mich wahnsinnig gefreut habe. 
Ein Satz darauf: "Der liebe Gott hat Dich geschickt, damit ich immer fröhlich bin." 

Hier ist meine Antwort. Danke, dass Du da bist!


Mit Dir kann ich Unsinn bauen, 
lachen, weinen, Pferde klauen
Feuer, Wasser, Erde, Wind
ist das, was wir zusammen sind.
Wer Dich mobbt, der wird verhauen,
Du und ich ist Urvertrauen
Beim ersten Lacher wusst ich schon:
Du bist meine Herzperson.
Und wenn wir uns auch manchmal nerven,
auf Dich will ich Konfetti werfen.
Schön, dass Du da bist, altes Haus,
denn ohne Dich sähs öde aus. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch so eine Herzperson haben. Egal, wie alt sie ist. Denn Freundschaften kennen keine Unterschiede. 

Herzlichst, 
Ihre Erna Rakete