Donnerstag, 16. April 2015

Regretting motherhood? Never!


Edith Piaf war eine sehr kluge Frau. Kluge Frauen sagen kluge Dinge.

„Non, je ne regrette rien!“ – Nein, ich bereue nichts!
 

Das gilt auch für mich. Eigentlich immer, ganz besonders aber auf das Thema Muttersein bezogen. Der Hashtag #regrettingmotherhood, der seit einigen Tagen durchs Netz wandert, musste bei mir erst einmal sacken. Ich las ein paar Tweets dazu und auch den wunderbaren Post meiner Bloggerkollegin, den ihr hier findet. Und ich machte mir ein paar Tage Gedanken, ob ich in den vier Jahren meines Mutterseins schon einmal bereut habe, ein Kind bekommen zu haben. Und ich kann mich ganz ehrlich an keinen einzigen Moment erinnern!

Natürlich gab es schlaflose Nächte, blutig gekaute Nippel, vollgekotzte Betten, brüllendes Kleinkind auf Fußweg, vollgeschmierte Wände und vieles mehr. Genauso natürlich hab auch ich mal die Nerven verloren, mich nach einer Mütze voll Schlaf gesehnt oder mir jemanden gewünscht, der das Kind mal ein paar Stunden mitnimmt.

Dann habe ich Nippelcreme aufgetragen und die Zähne zusammengebissen, mitten in der Nacht Wäsche gewaschen und dem armen Würmlein, das kotzend über dem Klo hing, den Rücken gekrault und Tee gekocht. Ich hab mich neben mein Kleinkind auf die Straße gesetzt und gewartet bis der Anfall vorüber war. Um das Geschmiere an der Wand habe ich einen Rahmen gemalt und es zur Kunst deklariert, und manchmal habe ich das Kind einfach mal jemandem ein paar Stunden mitgegeben. Aber niemals habe ich mir gedacht „Hätte ich doch bloß nicht dieses Kind bekommen, wie schön wäre mein Leben dann!“

Nun habe ich vielleicht Glück gehabt, weil mein Kind ein recht unproblematisches Kind ist, das meistens macht, was ich ihm sage, mich abgöttisch liebt, kaum Wutanfälle kriegt und ein überaus lustiger Zeitgenosse ist. Aber ganz so einfach ist die Rechnung dann doch nicht. Wie die meisten hier wissen, bin ich (zumindest bisher) alleinerziehend. Und arbeite Vollzeit. Das heißt, es gibt eigentlich niemanden, der mir im Alltag unter die Arme greift, mal mit anpackt, das Kind mal zur Kita bringt oder abholt oder es abends ins Bett bringt und wartet bis es eingeschlafen ist. Es gibt auch niemanden, der vermittelnd interveniert, wenn wir uns doch mal streiten. Mein Leben besteht also wirklich ziemlich ausschließlich aus Arbeiten, Schlafen und ums-Kind-Kümmern. Jeden Tag. Da bleibt nicht viel Zeit für mich, meine Hobbys oder Freunde. Und das unterscheidet sich ziemlich von dem Leben, das ich noch vor vier Jahren geführt habe. Aber ehrlich gesagt mag ich mein Leben jetzt trotzdem viel mehr. Warum? Weil das Kind in meinem Leben ist.

Nun bin ich auch wirklich mit Leib und Seele Mutter. Ich liebe Kinder. Alle Kinder. Ich liebe es, die ganz kleinen im Arm zu halten und sie zu schuckeln, wenn sie weinen. Ich liebe es, den mittelgroßen beim Entdecken der Welt zuzusehen und mit ihnen absurde Gespräche zu führen. Und ich liebe auch die Großen, mit ihren ernstzunehmenden Gedanken und Sorgen. Ich kann mich gut in Kinder hineinversetzen und ich habe Verständnis dafür, warum manche Dinge einfach so sein müssen, wie sie es sich vorstellen.

Ich gehöre sogar zu den unmöglichen Eltern, die nicht glauben, dass sie irgendwas in der Erziehung ihrer Kinder falsch gemacht haben. Auch wenn meine Eltern, meine kinderlose Schwester oder wildfremde Leute manchmal meinen, ich sei zu nachgiebig. Ich hör da primär auf mein Bauchgefühl, weil ich nämlich mein Kind und mich ziemlich gut kenne, und weiß, was uns guttut. Und für alle, die Kinder haben wollen, oder gerade dabei sind, welche zu bekommen, und sich einen Kopf machen, wie das alles gehen soll, habe ich eigentlich nur drei Ratschläge:
 

1.      Alles ist nur eine Phase. Und geht vorüber.

2.      Pick your fights wisely!

3.      Nimm deine Kinder ernst.
 

Nummer 1 ist eigentlich ganz einfach. Egal wie viele schlaflose, durchweinte Nächte aufeinanderfolgen, die gehen vorbei! Egal, wie lange das Kind jede Nacht angedackelt kommt, oder gleich im Bett schlafen will, das geht vorbei! Egal wie trotzig oder missmutig das Kind mal ist, das geht vorbei. Egal, wie lange das Kind vielleicht noch einen Schnuller oder eine Windel oder sonstwas braucht – auch das geht vorbei. Da muss man sich gar nicht so einen Stress machen. Immer mal wieder versuchen, dranbleiben, auch mal aussitzen, aber nicht verrückt machen lassen.

Zweitens ist eigentlich genauso einfach. Natürlich brauchen Kinder Regeln und Grenzen. Da sind sie wie kleine Hunde. Aber man muss wirklich nicht jeden Scheiß ausdiskutieren, oder alles verbieten, oder zu strikte Regeln haben. Sachen, die wichtig sind, müssen ausgefochten werden. Aber den 2. Schokoriegel oder das lila T-Shirt zur grünen Hose oder andere Kleinigkeiten, sind eigentlich piepegal und da kann man auch mal alle fünfe grade sein lassen. Und wenn man es irgendwann nicht mehr schafft, jede Nacht viermal aufzustehen und ein brüllendes Kind im Nachbarzimmer zu beruhigen und wieder einzuschläfern, dann ist es völlig ok, wenn es im gleichen Zimmer, oder gleichen Bett schläft. Wichtig ist, dass alles ihren Schlaf kriegen, um auch die Herausforderungen des nächsten Tages meistern zu können.

Und das wohl wichtigste ist das Ernstnehmen der kleinen Nervbacken. Das sind nämlich weder kleine Idioten, die nichts wissen und nichts können, noch kleine Erwachsene, die alles können und verstehen müssen. Das sind Kinder. Und die brauchen Erwachsene, die sie lieben und die froh sind, dass sie da sind. Sie brauchen Eltern, die Ihnen zeigen können, wie schön es ist zu leben und wie wichtig es ist füreinander da zu sein. In guten wie in schlechten Zeiten.

Und genau deshalb bereue ich keine einzige Minute lang, dass ich Mutter geworden bin. Ganz im Gegenteil, ich hätte gern noch ein Kind. Das ist dann nämlich noch lustiger und schöner.

Mittwoch, 8. April 2015

Regretting Motherhood?

Da ich über Ostern nicht  wirklich zum twittern und lesen im Internet gekommen bin, habe ich heute erst den Hashtag #regrettingmotherhood mitbekommen. Ich habe ein paar Tweets gelesen und mich durch diverse Blogbeiträge geklickt. Und ich habe viele Gedanken gefunden, die so oder so ähnlich  auch durchaus von mir hätten stammen können.

Ich habe ja vor einiger Zeit schonmal über meine postpartalen Depressionen geschrieben: Wunschkind http://frauschreiberling.blogspot.com/2013/12/wunschkind.html. Aber das hat ja im Grunde nichts mit dem Bereuen der Mutterschaft zu tun, da es sich dabei ja tatsächlich um eine "Krankheit" handelt, die relativ gut behandelbar ist, so man sich denn Hilfe sucht.

Bei dem Thema "Bereuen der Mutterschaft " geht es ja eher um eine Grundeinstellung, eine Ernüchterung, eine Überforderung durch die gesellschaftlichen Konventionen. Es geht nicht darum, dass man die Frucht seiner Lenden an machen Tagen ungespitzt in den Boden rammen möchte, weil die lieben Kleinen gerade mit dem sauteuren Eyeliner von Lancome die Laura Ashley-Tapete verschönert haben. Oder weil man um 16.30h zum Ballettkurs muss, das Kind aber lieber den "Ich will nicht  und ich schmeiss mich jetzt hier auf den Boden"-Tanz vollführt.

Es geht darum, dass das gesamte Leben mit Kind(ern) nie wieder so sein wird wie vorher. Dass jemand, der bis zur Befruchtung ein freies, erfolgreiches, unkonventionelles Leben geführt hat, sich plötzlich wiederfindet in einem verdammten Alptraum aus Schlaf-, Hilf- und Ahnungslosigkeit. Mittlerweile glaube ich keiner Mutter mehr, die behauptet, mit ihrem Baby/Kleinkind gäbe es eigentlich nie Probleme, ab und zu quengelt es mal ein bisschen, ganz normal, aber mit Liebe und Konsequenz kriegt man das alles hin. MY ASS!!! Wer noch nie heulend neben seinem rumbrüllenden zweijährigen gehockt und sich gewünscht  hat, die Uhr ein paar Jahre zurückzudrehen, werfe die erste volle Windel. Wer noch nie einen Tobsuchtsanfall eines sechsjährigen Kindes erlebt hat, weil der Fernseher ausgemacht wurde und sich daraufhin schwor "die Scheisskiste eben aus dem Fenster zu werfen", reiche mir die Fernbedienung.

Kinder bringen einen an seine Grenzen. Körperlich und geistig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Oder wie oft schleppen Sie ein brüllendes Kind, 2 schwere Einkaufstüten, den Rucksack des großen Kindes und eine Handtasche mit der allernötigsten Grundausstattung  (Pflaster, Kaugummis, Schokobons, Wasser, Zaubersalbe, Brezeln, Papier und Stifte, 10 Pixiebücher und ein Notkuscheltier) in den 4. Stock eines Berliner Altbaus? Und wie gut verkraften Sie das, nach einem 8stündigen Arbeitstag, an dem der Chef "umgehend die Zahlen für das 1. Quartal haben wollte und sind die Schreiben an die XY AG schon rausgegangen warum haben Sie die Mail an Dr. Kleinert noch nicht versandt und was ist eigentlich aus der Anbahnung des 2 Millionen -Geschäfts geworden?"
Und dann haben Sie vielleicht noch vergessen, den Kindern eine Süßigkeit mitzubringen und sind "die blöde Mama!!!". Wer würde in so einem Moment die Mutterschaft nicht bereuen?

Nun habe ich aber viel über die gesellschaftlichen Zwänge gelesen, dass andere Mütter einen mit ihren Dinkelvollkornkeks-5KurseproWoche-Designerklamotten-Vorstellungen unter Druck setzen würden. Immer wieder liest man ja von diesen ominösen Hubschrauermüttern. Aber - ganz ehrlich - ich habe noch nie im wirklichen Leben eine solche Mutter kennengelernt. (Umkehrschluss - bin ICH vielleicht diese Mutter???)

Seit nunmehr 6 Jahren unterhalte ich mich mit anderen Eltern. Erst in der Krabbelgruppe, dann beim Kinderturnen, auf dem Spielplatz, beim Schwimmkurs etc. Und fast alle Eltern - männlich wie weiblich - lassen ihrem Unmut über ihre Kinder früher oder später freien Lauf.

(Fast) All diese Eltern trinken gern mal einen, viele rauchen, einige gehen oft zusammen, andere eher getrennt aus und treffen sich mit Freunden. Natürlich verändert sich das Ausgeh-, Arbeits- und Partyverhalten. Man kann nicht mehr so spontan sein und langfristig geplante Events werden von Fieberattacken, Unfällen oder Heulkrämpfen torpediert. Und ja - in diesen Momenten bereut man die Mutterschaft. Und - ich finde, dieses Thema sollte nicht so einseitig beleuchtet werden - vielen Vätern geht es sicher ähnlich. Ich kann und will dieses Bild nicht bestätigen, dass der Mann im Prinzip nur als Erzeuger und Geldverdiener in einer Familie fungiert. In meinem Umfeld kenne ich eigentlich keine Partnerschaft, in der es so "einfach" wäre. Fast alle Frauen arbeiten, die Männer sind alle an der Kindererziehung,- betreung und -versorgung beteiligt und jeder übernimmt mal, wenn der oder die andere nicht (mehr) kann.
Meiner Meinung nach würde man dem Thema noch gerechter werden, hieße  es #regrettingparenthood. Denn letztendlich müssen heutzutage auch die Väter einer Menge Erwartungen standhalten. Geld verdienen, immer für die Kinder da sein, die Frau unterstützen, wenn sie ihre Freiräume genauso ausleben möchte wie der Mann. Und das habe ich jetzt nicht von irgendeinem Feministinnen-Blog abgeschrieben -  die meisten Männer aus meiner Bekanntschaft machen das ganz selbstverständlich so.

Doch worauf wollte ich eigentlich hinaus? Bereue ich meine Mutterschaft? Nein. Wünsche ich mir manchmal mein Leben ohne Kinder zurück? Ja. Verdammt nochmal JA! Würde ich meine Kinder abgeben, wenn ich die Möglichkeit hätte? (Hier zögere ich tatsächlich unangemessen lang, bevor ich ein enpörtes "NEIN-Natürlich nicht!" schreibe.)

Vor ein paar Jahren habe ich eventuell meine kinderlosen Freunde oder Verwandten noch mitleidig belächelt, weil sie diese großartige Erfahrung versäumen. Heute beneide ich sie vielleicht ein bißchen. Und vielleicht gehe ich jetzt gleich nochmal zu meinen Kindern, streiche ihnen über den Kopf, rieche an ihren schlafwarmen Hälsen und hole mir die Antwort bei ihnen.

Regretting Parenthood - "? oder !" ?