Mittwoch, 8. April 2015

Regretting Motherhood?

Da ich über Ostern nicht  wirklich zum twittern und lesen im Internet gekommen bin, habe ich heute erst den Hashtag #regrettingmotherhood mitbekommen. Ich habe ein paar Tweets gelesen und mich durch diverse Blogbeiträge geklickt. Und ich habe viele Gedanken gefunden, die so oder so ähnlich  auch durchaus von mir hätten stammen können.

Ich habe ja vor einiger Zeit schonmal über meine postpartalen Depressionen geschrieben: Wunschkind http://frauschreiberling.blogspot.com/2013/12/wunschkind.html. Aber das hat ja im Grunde nichts mit dem Bereuen der Mutterschaft zu tun, da es sich dabei ja tatsächlich um eine "Krankheit" handelt, die relativ gut behandelbar ist, so man sich denn Hilfe sucht.

Bei dem Thema "Bereuen der Mutterschaft " geht es ja eher um eine Grundeinstellung, eine Ernüchterung, eine Überforderung durch die gesellschaftlichen Konventionen. Es geht nicht darum, dass man die Frucht seiner Lenden an machen Tagen ungespitzt in den Boden rammen möchte, weil die lieben Kleinen gerade mit dem sauteuren Eyeliner von Lancome die Laura Ashley-Tapete verschönert haben. Oder weil man um 16.30h zum Ballettkurs muss, das Kind aber lieber den "Ich will nicht  und ich schmeiss mich jetzt hier auf den Boden"-Tanz vollführt.

Es geht darum, dass das gesamte Leben mit Kind(ern) nie wieder so sein wird wie vorher. Dass jemand, der bis zur Befruchtung ein freies, erfolgreiches, unkonventionelles Leben geführt hat, sich plötzlich wiederfindet in einem verdammten Alptraum aus Schlaf-, Hilf- und Ahnungslosigkeit. Mittlerweile glaube ich keiner Mutter mehr, die behauptet, mit ihrem Baby/Kleinkind gäbe es eigentlich nie Probleme, ab und zu quengelt es mal ein bisschen, ganz normal, aber mit Liebe und Konsequenz kriegt man das alles hin. MY ASS!!! Wer noch nie heulend neben seinem rumbrüllenden zweijährigen gehockt und sich gewünscht  hat, die Uhr ein paar Jahre zurückzudrehen, werfe die erste volle Windel. Wer noch nie einen Tobsuchtsanfall eines sechsjährigen Kindes erlebt hat, weil der Fernseher ausgemacht wurde und sich daraufhin schwor "die Scheisskiste eben aus dem Fenster zu werfen", reiche mir die Fernbedienung.

Kinder bringen einen an seine Grenzen. Körperlich und geistig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Oder wie oft schleppen Sie ein brüllendes Kind, 2 schwere Einkaufstüten, den Rucksack des großen Kindes und eine Handtasche mit der allernötigsten Grundausstattung  (Pflaster, Kaugummis, Schokobons, Wasser, Zaubersalbe, Brezeln, Papier und Stifte, 10 Pixiebücher und ein Notkuscheltier) in den 4. Stock eines Berliner Altbaus? Und wie gut verkraften Sie das, nach einem 8stündigen Arbeitstag, an dem der Chef "umgehend die Zahlen für das 1. Quartal haben wollte und sind die Schreiben an die XY AG schon rausgegangen warum haben Sie die Mail an Dr. Kleinert noch nicht versandt und was ist eigentlich aus der Anbahnung des 2 Millionen -Geschäfts geworden?"
Und dann haben Sie vielleicht noch vergessen, den Kindern eine Süßigkeit mitzubringen und sind "die blöde Mama!!!". Wer würde in so einem Moment die Mutterschaft nicht bereuen?

Nun habe ich aber viel über die gesellschaftlichen Zwänge gelesen, dass andere Mütter einen mit ihren Dinkelvollkornkeks-5KurseproWoche-Designerklamotten-Vorstellungen unter Druck setzen würden. Immer wieder liest man ja von diesen ominösen Hubschrauermüttern. Aber - ganz ehrlich - ich habe noch nie im wirklichen Leben eine solche Mutter kennengelernt. (Umkehrschluss - bin ICH vielleicht diese Mutter???)

Seit nunmehr 6 Jahren unterhalte ich mich mit anderen Eltern. Erst in der Krabbelgruppe, dann beim Kinderturnen, auf dem Spielplatz, beim Schwimmkurs etc. Und fast alle Eltern - männlich wie weiblich - lassen ihrem Unmut über ihre Kinder früher oder später freien Lauf.

(Fast) All diese Eltern trinken gern mal einen, viele rauchen, einige gehen oft zusammen, andere eher getrennt aus und treffen sich mit Freunden. Natürlich verändert sich das Ausgeh-, Arbeits- und Partyverhalten. Man kann nicht mehr so spontan sein und langfristig geplante Events werden von Fieberattacken, Unfällen oder Heulkrämpfen torpediert. Und ja - in diesen Momenten bereut man die Mutterschaft. Und - ich finde, dieses Thema sollte nicht so einseitig beleuchtet werden - vielen Vätern geht es sicher ähnlich. Ich kann und will dieses Bild nicht bestätigen, dass der Mann im Prinzip nur als Erzeuger und Geldverdiener in einer Familie fungiert. In meinem Umfeld kenne ich eigentlich keine Partnerschaft, in der es so "einfach" wäre. Fast alle Frauen arbeiten, die Männer sind alle an der Kindererziehung,- betreung und -versorgung beteiligt und jeder übernimmt mal, wenn der oder die andere nicht (mehr) kann.
Meiner Meinung nach würde man dem Thema noch gerechter werden, hieße  es #regrettingparenthood. Denn letztendlich müssen heutzutage auch die Väter einer Menge Erwartungen standhalten. Geld verdienen, immer für die Kinder da sein, die Frau unterstützen, wenn sie ihre Freiräume genauso ausleben möchte wie der Mann. Und das habe ich jetzt nicht von irgendeinem Feministinnen-Blog abgeschrieben -  die meisten Männer aus meiner Bekanntschaft machen das ganz selbstverständlich so.

Doch worauf wollte ich eigentlich hinaus? Bereue ich meine Mutterschaft? Nein. Wünsche ich mir manchmal mein Leben ohne Kinder zurück? Ja. Verdammt nochmal JA! Würde ich meine Kinder abgeben, wenn ich die Möglichkeit hätte? (Hier zögere ich tatsächlich unangemessen lang, bevor ich ein enpörtes "NEIN-Natürlich nicht!" schreibe.)

Vor ein paar Jahren habe ich eventuell meine kinderlosen Freunde oder Verwandten noch mitleidig belächelt, weil sie diese großartige Erfahrung versäumen. Heute beneide ich sie vielleicht ein bißchen. Und vielleicht gehe ich jetzt gleich nochmal zu meinen Kindern, streiche ihnen über den Kopf, rieche an ihren schlafwarmen Hälsen und hole mir die Antwort bei ihnen.

Regretting Parenthood - "? oder !" ?

1 Kommentar:

  1. Kein einziger Kommentar???
    Sehr guter Artikel! Wobei ich den Hashtag für komplett überflüssig erachte.
    Eltern sein bereut man etwa genau so oft, wie man bereut, selbst geboren zu sein:
    eigentlich nie, doch immer mal wieder.

    Unter den Tisch fällt bei dem Hashtag, dass einige Eltern tatsächlich bereuen, Kinder zu haben, ein Tabuthema. Aber dann können wir auch mit Hashtags beginnen, #warum ich mein Leben vermassle und das meiner Kinder gleich mit.
    Grüße, Crooklynpippo

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